12.05.2014

UkraineDie Päpstin

Julija Tymoschenko spaltet die Nation: Die einen sehen sie als Märtyrerin, die anderen als Teil des korrupten Systems. Jetzt will sie Präsidentin werden. Kann sie es immer noch nach ganz oben schaffen - und wäre das gut?
Ein Treffen mit Julija Tymoschenko ist wie ein Termin im Vatikan. Man glaubt, Weihrauch zu schnuppern, es liegt etwas Heiliges in der Luft, ein eigenwilliges Gemisch aus Politik und Glauben. So wie an diesem Abend in Kiew: Die Päpstin lässt bitten.
Sie trägt, trotz ihrer Bandscheibenbehandlung in der Berliner Charité, Stilettos. Nur nicht klein erscheinen. Aber auf ihren geliebten Minirock hat sie verzichtet, auch auf den kostbaren Schmuck. Jetzt, da es um die Existenz ihres Volkes geht, zumindest aber um das Überleben der Ukraine in den bisherigen Grenzen, bevorzugt sie Schlichtes. Ein hochgeschlossenes, graues Kostüm, dezentes Make-up. Das betont ihr madonnenhaftes Gesicht, in das weder der Gefängnisaufenthalt noch andere Rückschläge erkennbare Furchen gezeichnet haben. Jedes Wort, jede Geste zeigt: Aus der mondänen, manchmal arroganten Mutter der Nation ist eine zu allem entschlossene Möchtegern-Retterin der Nation geworden.
Das Treffen mit ausgewählten Journalisten im Kiewer Hauptquartier ihrer "Vaterland"-Partei ist durchgeplant bis ins Detail. Sie hat immer im Blick, wie die Fernsehkameras ihr Gesicht am vorteilhaftesten erfassen. Der Zeigefinger weist nach oben, als erwartete sie himmlischen Beistand, wenn sie die wichtigsten Botschaften unterstreicht. Dann bekommt ihre sonst so sanfte Stimme etwas Stählernes: "Wir fordern den Westen auf, uns moderne Waffen zu liefern. Man muss den russischen Aggressor in seine Schranken weisen!"
Wie soll das gehen?
"Wir dürfen die Krim nicht verloren geben, nicht einen Quadratmeter unseres Landes preisgeben. Wir sollten uns entschieden verweigern, in den Geschichtsbüchern der Zukunft die Rolle des Opfers zu spielen!" Sie sei zu jedem persönlichen Verzicht im Dienst der großen Sache bereit, die Stunde der Entscheidung sei nah. Und dann stolziert Julija Tymoschenko, 53, auf High Heels davon.
Sie spaltet die Nation, so abgrundtief geliebt und gehasst wie kaum eine andere politische Persönlichkeit. Für die einen ist sie die "ukrainische Jeanne d'Arc", eine Märtyrerin, die für ihr Volk im Gefängnis gelitten hat. Für die anderen ist sie die "Gas-Prinzessin", eine skrupellose Oligarchin, die ein Milliardenvermögen erwirtschaftet und der Ukraine als Ministerpräsidentin schwer geschadet hat.
Das US-Magazin "Forbes" kürte sie 2005 zur "drittmächtigsten Frau der Welt", 2011 folgte ihr tiefer Sturz mit einer Haftstrafe wegen angeblichen Amtsmissbrauchs. Ende 2013 scheiterte dann das EU-Assoziierungsabkommen auch daran, dass Brüssel die sofortige Freilassung der Inhaftierten zur Bedingung machte.
Julija Tymoschenko und Wladimir Putin verband Anfangs politischer Respekt. Sie bezeichnete ihn noch 2005 als einen "wunderbaren, würdigen Führer", auf den Russland stolz sein könne: "Er zieht seine Linie durch, und alle anderen sollen sich anpassen. Ich will, dass die Welt eines Tages mein Land genauso respektiert."
Jetzt, nachdem die Opposition auf dem Maidan gesiegt hat und prorussische Separatisten die Städte im Osten besetzen, klingt sie ganz anders. Da sagte sie im März in einem vermutlich vom russischen Geheimdienst mitgeschnittenen Gespräch über Putin: "Ich bin bereit, eine Kalaschnikow in die Hand zu nehmen und dem Dreckskerl in den Kopf zu schießen!"
Der ungeheuerliche Satz könnte einen Meinungsumschwung um 180 Grad nach der Krim-Annexion ausdrücken oder - wahrscheinlicher - ein taktisches Manöver sein, mit dem sie sich neu positioniert. Dass ihr alles zuzutrauen ist, gehört zu den wenigen Dingen, bei denen sich alle in der Ukraine einig sind.
Wer ist diese Julija Wolodymyriwna Tymoschenko, was hat sie geprägt, was sind ihre Grundüberzeugungen?
Nach den letzten Meinungsumfragen zur Präsidentenwahl am 25. Mai liegt sie zwar deutlich hinter dem "Schokoladenkönig" Petro Poroschenko, 48, der mit seinem Fernsehsender den Maidan-Aufstand unterstützt hat, auf Platz zwei. Doch eine wichtige Rolle in der Politik wird sie in jedem Fall spielen. Sie mag Poroschenko nicht, würde aber bei einem entsprechenden Angebot wohl doch mit ihm zusammenarbeiten. Und macht trotz der chaotischen Situation im Land unverdrossen Wahlwerbung für sich - wie in Odessa vor einigen Tagen, wo sie den Kreml beschuldigte, die Ukraine in ein blutiges "Jugoslawien-Szenario" zu treiben. Kann die Frau mit der Achterbahnkarriere es nach ganz oben schaffen?
Ihre Heimatstadt ist so widersprüchlich wie das ganze Land. Gelegen am Schnittpunkt der Welten, hier in der südöstlichen Ukraine, etwas weiter von Kiew als von der russischen Grenze entfernt. Der Weg vom Flughafen Dnipropetrowsk führt über Drittweltstraßen, aber auch vorbei an einer Porsche- und einer Lexus-Vertretung. Das Zentrum mit dem Karl-Marx-Boulevard, der McDonald's-Filiale, den russisch-klassizistischen Prunkbauten und einem Kaufhaus namens "Europe" wirkt wie ein zusammengewürfeltes Allerweltsensemble, dessen Architekten sich nicht entscheiden konnten, in welche Richtung es gehen soll.
Dnipropetrowsk, das ist für Tymoschenko alles in einem: das Haus, in dem sie geboren wurde; die Umgebung, in der sie sich mit unbändigem Fleiß nach oben arbeitete; die Gemeinschaft, in der sie heiratete, ihre erste Million machte und politischen Ehrgeiz entwickelte. Hier hat sie ihrer Mutter ein Haus gekauft, hier zeigt sie sich immer noch gern. Ein Lebensmittelpunkt. Und ein Schicksalsort für das ganze Land. Denn an dieser Biegung des Dnipro-Flusses liefen und laufen die Fäden der ukrainischen Geschichte zusammen.
Ein Handelsplatz von frühesten Zeiten an. Katharina die Große zerstörte 1775 skrupellos den autonomen Staat der Kosaken und machte die Region zu "Neurussland". Sie wollte ihrem Reich eine neue südliche Hauptstadt schenken, im Zentrum sollte nach den Plänen ihres Vertrauten Fürst Potjomkin eine Kathedrale entstehen, mächtiger als der Petersdom. Doch die großspurigen Träume zerplatzten. Katharina hatte bald andere Sorgen.
Dnipropetrowsk litt besonders schlimm unter Stalin und unter Hitlers Truppen, mit Hungersnöten und Massenerschießungen terrorisierten die Diktatoren die Bevölkerung. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt zu einem wichtigen Zentrum für die Rüstungsindustrie, zu einer für Ausländer geschlossenen Stadt; und offensichtlich zu einem Biotop für politische Führer. Leonid Breschnew stammte von hier, von 1964 bis 1982 Führer der Sowjetunion. Auch Leonid Kutschma, ab 1992 Premier und zwei Jahre später Präsident der unabhängigen Ukraine. Und darüber hinaus noch eine ganze Führungsriege, die das Land prägte, im Volksmund "Dnipropetrowsker Mafia" genannt.
Die Jugend der Julija Tymoschenko heißt Plattenbau, vier Stockwerke, verwahrloste Treppenhäuser, kaum zweieinhalb Meter hohe Decken. In der Kirow-Straße 50 scheint die Zeit bis heute stillzustehen. "Hier sieht es noch genauso aus wie in ihrer Kindheit", sagt Nachbarin Ljudmila Gregorjanska und schließt ihre winzige Dreizimmerwohnung auf. Julija, erzählt die alte Dame, sei ein wildes Mädchen gewesen, "immer unten auf dem Hof, beim Fußballspielen und Raufen mit den Jungs". Den Vater kennt das Mädchen kaum, er verlässt die Familie, da ist sie drei Jahre alt. Die Mutter schlägt sich durch mit dem Job in einer Taxizentrale.
Julija Tymoschenko fällt schon früh auf: Siegerin beim Debattierwettbewerb, Vorturnerin beim Abitur, Vortänzerin in der Theatergruppe, Bach- und Beatles-Fan, umschwärmt von ihren Mitschülern. Sie will raus aus der Armut, aus der Enge, aus dem tristen Vorstadtgrau. Mit 17 lernt sie den Sohn eines örtlichen Parteifunktionärs kennen - die baldige Heirat bedeutet vor allem eins: sozialen Aufstieg. Eine eigene kleine Wohnung. Dass ein Jahr darauf ihre Tochter Jewhenija geboren wird, kann Tymoschenko nicht bremsen.
Sie studiert Wirtschaftswissenschaften, schließt mit Auszeichnung ab. 1984 beginnt sie als Ingenieurin in einer Maschinenfabrik, die Funkmessgeräte fürs Militär herstellt. Wenige Monate später wird Michail Gorbatschow in Moskau KP-Generalsekretär, marktwirtschaftliche Experimente sind nun erlaubt. Tymoschenko begreift schnell, was mit Fantasie und Verbindungen zu machen ist. Früher war verboten, was nicht ausdrücklich erlaubt war - jetzt probiert man es andersherum.
Sie leiht sich von Freunden Geld, beschafft mithilfe des Schwiegervaters, innerhalb der Partei für Filmverleih zuständig, bisher verbotene Filme aus dem Ausland. Und gründet eine Videothek. Am besten laufen Erotikfilme. Der Andrang ist groß, und wenn die Einnahmen auch gering sind: Es summiert sich.
1989 gründet Tymoschenko mit ihrem Mann eine neue Firma, jetzt geht es um wertvollere Stoffe. Um das schwarze Gold. Um Röhren, durch die Erdöl und Erdgas fließen. Tymoschenko, wie so oft schneller und skrupelloser als andere, hat erkannt, dass nichts so wichtig für die Zukunft ist wie Energiesicherheit - und nichts so lukrativ.
Der Zerfall der Sowjetunion und die Unabhängigkeit der Ukraine Ende 1991 schaffen die Voraussetzungen für den Goldrausch. Plötzlich zerschneidet eine Staatsgrenze die eng verflochtenen Wirtschaftsgebiete. Städte wie Kiew, Donezk und Dnipropetrowsk stellen fest, dass sie fast zu hundert Prozent von Russland abhängig sind. Auf beiden Seiten der Grenze bringen sich clevere und geldgierige Energie-"Zwischenhändler" in Stellung.
Julija Tymoschenko rafft in dieser Zeit zusammen, was sie kann. Eine unersättliche Aufsteigerin, besessen von Geld und Macht. Sie hat sich auch später nie zu den Schattenseiten ihrer Karriere geäußert: "Ich habe in meiner Kindheit gelernt, was es bedeutet, jede Kopeke zweimal umdrehen zu müssen. In die Wirtschaft bin ich eher zufällig geraten. Aber dass ich Politikerin werde, war mir von Anfang an vorbestimmt."
Davon kann zu Beginn der Neunzigerjahre noch keine Rede sein. Ob aufkeimende politische Interessen oder Privatleben - alles unterwirft sie ihren Geschäftsinteressen. Die Tochter wird 13-jährig in eine britische Privatschule abgeschoben, der Ehemann auf eine Rolle als Geschäftspartner reduziert, ohne dass es bis heute zu einer formalen Scheidung gekommen wäre. 1995 wird Julija Tymoschenko Chefin des Konzerns "Vereinigte Energiesysteme der Ukraine" und dealt in Moskau mit Rem Wjachirew, dem Vorsitzenden des russischen Monopolisten Gazprom. Der erzählt später, er habe sich sehr gewundert, als da eine junge Dame in Minirock und hochhackigen Stiefeln zu ihm ins Büro kam. Aber bald lernte er sie als knallharte Verhandlerin kennen.
Nicht nur die Ukraine, auch Westeuropa hängt am Moskauer Tropf - und die wichtigste Gaspipeline-Strecke führt über Kiew. Das Erpressungs- und Belohnungs-potenzial hat der Kreml natürlich erkannt. Für Tymoschenko heißt das: Günstige Bedingungen und Preisnachlässe sind nur möglich bei Wohlverhalten. Es gelingt ihr, immer mehr Unternehmen hinzuzukaufen, Metallhütten, aber auch zwei Banken. Das Mädchen aus dem Plattenbau kontrolliert Anfang 1997 ein Firmenimperium, das schätzungsweise ein Achtel des Bruttoinlandsprodukts erwirtschaftet.
Sie ist die einzige Frau im ukrainischen Milliardärsklub, Super-Oligarchin unter Oligarchen. Aber Julija Tymoschenko weiß: Sie ist nicht unantastbar. 1995 war sie, vermutlich von einem Konkurrenten verpfiffen, mit einem hohen Geldbetrag auf dem Flughafen Saporischja erwischt worden, sie musste Tage in einer Gefängniszelle verbringen. Als 1997 ihr Mentor, Premier Pawlo Lasarenko, sein Amt verliert und der Staat ihr Firmenkonglomerat vom lukrativen Gasmarkt verdrängt, geht es mit ihren Unternehmungen bergab. Einen Großteil ihres Privatvermögens kann sie 1998 noch ins westliche Ausland transferieren. Wohin, ist bis heute unbekannt.
Sie sei in die Politik gegangen, um ihren Reichtum abzusichern, sagen ihre Feinde. Ihre Freunde sagen, sie habe nach all ihren wirtschaftlichen Erfolgen nun ihrem Land dienen wollen. Imageberater machen sie zur Landesmutter, Designergarderobe ist beim Wahlkampf um das Abgeordnetenmandat tabu. Sie schafft es als Unabhängige mit Rekordergebnis in die Oberste Rada und tritt im Unterhaus einer Fraktion bei, die den Präsidenten Kutschma unterstützt - eine taktische Maßnahme. Sie hasst alles, wofür der grobschlächtige Politiker steht. Aber sie kann warten.
Sie gibt sich als Mäzenin, fördert Musiker, spendet für Kirchen und Soziales. Sie liebt die Macht, aber sie will auch geliebt werden. Zu Hause hat sie immer Russisch gesprochen, mit eiserner Disziplin bringt sie sich Ukrainisch bei.
Aus der Oligarchin wird die Kämpferin für marktwirtschaftliche Reformen. Tymoschenko gründet ihre eigene Partei. Zur Jahrtausendwende übernimmt sie als Vize-Premierministerin die Verantwortung für Energiefragen. Und sie legt sich mit den Clans an, die immer noch die Wirtschaft beherrschen. Aber die Justiz verfolgt Tymoschenko wegen Gasschmuggels und Steuerhinterziehung, sie wird 2001 aus dem Amt entlassen, sogar für 42 Tage inhaftiert. 2004 schlägt dann ihre Stunde. Auf dem Maidan wird sie an der Seite von Wiktor Juschtschenko zur Anführerin der Proteste gegen das alte Regime. Dessen Präsidentschaftskandidat, Wiktor Janukowytsch, soll mit einer gefälschten Wahl und Moskaus Hilfe ins Amt gehievt werden. Getragen von stürmischen "Julija, Julija"-Rufen siegt Tymoschenko und mit ihr die orange Revolution.
Sie hätten ein großartiges Team sein können: Juschtschenko, der Sanfte, der Nachdenkliche, den ein Giftattentat fast das Leben gekostet hätte; Tymoschenko, die Robuste, die Entschlusskräftige, die Ikone. Er wurde Präsident, sie Premierministerin. Doch so schnell, wie sie zusammengefunden haben, so gründlich arbeiten sie bald gegeneinander - er ist marktliberal, sie eher sozialdemokratisch. Ihr Hass aufeinander ist stärker als die Abscheu vor dem Gegner.
2010 verliert Tymoschenko die Präsidentenwahl gegen den Autokraten Wiktor Janukowytsch knapp. 2011 wird ihr wegen Amtsmissbrauchs der Prozess gemacht, sie soll zwei Jahre zuvor als Premierministerin - Russland hatte den Gashahn abgedreht - einen für die Ukraine ungünstigen Gasvertrag ohne Zustimmung des Kabinetts mit Putin abgeschlossen haben. Die sieben Jahre Haft sind offensichtlich ein politisches Urteil. Im Gefängnis von Charkiw verschlimmert sich ihr Rückenleiden. Von der Zelle aus versucht sie ihre Partei zusammenzuhalten. Tritt zeitweise in den Hungerstreik. Dann siegt endlich die neue Revolution auf dem Maidan, bringt ihr die Freiheit, Janukowytsch flieht.
Neunundneunzig weiße Rosen überreicht ihr im Auftrag ihrer Parteifreunde die Tochter, die sie im Rollstuhl aus der Haftanstalt schiebt. Ein Privatflugzeug bringt Julija Tymoschenko in die Hauptstadt. Sie lässt sich mit einer Limousine auf den Platz der Unabhängigkeit chauffieren. Sie erwartet wohl Ovationen - doch sie täuscht sich. Die Anfahrt mit dem protzigen Wagen war ein Fehler, in den Beifall mischen sich Buhrufe.
Sie reagiert blitzschnell. Zeigt, dass ihre Instinkte sie nicht verlassen haben. "Ich verstehe, dass ihr den Politikern nicht mehr traut", ruft sie, "ich bereue, ich bitte euch um Vergebung: Ich will zurück an die Arbeit!" Die Pfiffe verstummen.
Wie lernfähig und skrupellos Tymoschenko ist, zeigt sich auch in den Tagen und Wochen danach. Interimspräsident Alexander Turtschynow und Übergangspremier Arsenij Jazenjuk stammen beide aus ihrer Partei. Sie wehren sich vehement gegen einen Vorschlag des Ex-Innenministers Jurij Luzenko, in den ostukrainischen Städten vorübergehend einflussreiche Unternehmer als Gouverneure einzusetzen. "Julija hörte 15 Minuten lang zu, sie verstand, sie akzeptierte", erzählt Luzenko. Sie überzeugt ihre Parteigenossen, es kommt zum Pakt der Ex-Oligarchin mit den amtierenden Oligarchen.
In Dnipropetrowsk regiert heute der Milliardär und Bankier Ihor Kolomoisky, auch er ein Sohn der Stadt und ein Freund. Die Metropole wird straff geführt, hier toben keine Unruhen prorussischer Separatisten wie im nur 200 Kilometer entfernten Donbass. Kolomoisky hat gerade fünf Millionen Dollar aus eigener Tasche bezahlt, um die ukrainische Luftwaffe funktionsfähig zu halten - ihr war der Treibstoff ausgegangen. Und er hat ein Kopfgeld von 10 000 US-Dollar für jeden gefangengenommenen "russischen Spion" ausgelobt, ein Dutzend Moskauer Agenten sind bei der dubiosen Aktion angeblich schon gefasst worden. Vermutlich aus Rache stürmten daraufhin Separatisten in Donezk und Luhansk Kolomoiskys Bank.
Gerüchte sagen, wenn es denn zur Wahl käme, würde auch Rinat Achmetow, reichster Mann der Ukraine und Gouverneur von Donezk, für Tymoschenko seine Schatullen öffnen. Sie ist als eine von wenigen Mächtigen aus der Hauptstadt jetzt in die umkämpfte Ostukraine gereist. In Donezk wurde sie mit Respekt empfangen. Aber auch mit Plakaten, die sie als Nazibraut zeigten: "Steckt Julija wieder in den Knast, und alles wird gut!"
In Kiew beschwört ihr ehemaliger Mitstreiter Juschtschenko seit Langem die Gefahren einer Tymoschenko-Herrschaft. Er fand das Gerichtsverfahren von 2011 "in Ordnung", sie habe mit dem Gas-Deal ihrem Land erheblich geschadet. Im Gespräch sagte er: "Machterhalt wurde für sie zum Selbstzweck. Delegierte meiner Partei wurden gekauft, damit sie sich ihren Posten sichern konnte." Juschtschenkos Abstieg ist beispiellos: Bei der letzten Präsidentenwahl erhielt er nicht einmal sechs Prozent. Zurückgezogen und verbittert kümmert er sich heute um eine Stiftung.
Auch Tymoschenko muss kämpfen, selbst um den uneingeschränkten Rückhalt in ihrer Partei. Ihre Zöglinge Turtschynow und Jazenjuk haben Gefallen an der Macht gefunden und rücken von ihr ab. Die "Tscharywniza", die Zauberin, werde es dennoch richten, sagen sie in Tymoschenkos Wahlkampfteam. Selbst aus aussichtslosen Situationen finde sie immer einen Ausweg. "Viele Menschen denken, dass sie es einfach irgendwie schaffen wird", sagt einer ihrer Vertrauten.
Der Historiker Serhij Soboljew, Fraktionschef der "Vaterland"-Partei, meint: "Es gibt niemanden außer ihr, der die Härte und Entschlusskraft hat, um unser Heimatland aus dieser existenziellen Krise zu führen." Fast täglich tritt sie jetzt mit Erklärungen, Vorschlägen und Vorwürfen an die Öffentlichkeit. Ihr Ton wird zunehmend schriller. Sie rät ihrem Volk zur Gründung von Bürgerwehren. Oder greift auf ihrer Website den russischen Präsidenten an: "Ich wende mich direkt an Sie. Unser Kampf richtet sich nicht gegen das russische Volk, sondern gegen Ihre imperialen Ambitionen. Der Krieg, den Sie der Ukraine aufgezwungen haben, wird das Ende Ihres Regimes bedeuten.
Glaubt sie wirklich, sich nach diesen Beschimpfungen mit dem Mann, der ihr in Skrupellosigkeit und Egozentrik so ähnelt, wieder an einen Tisch setzen zu können?
In Moskau beobachtet man genau, wer sich derzeit in Kiew auf welche Weise in den Vordergrund spielt. Und reagiert darauf mit allen Mitteln. In der Ostukraine versuchen prorussische Separatisten, wenn nicht angeleitet, dann doch aktiv unterstützt vom Kreml, die Wahl am 25. Mai unmöglich zu machen: Es soll keine neue, demokratisch legitimierte Regierung geben, die mit starker Stimme für das ganze Land sprechen könnte. Im Propagandakrieg gegen die prowestlichen Kandidaten haben russische Behörden schon lange den Schokoladenimport aus Poroschenkos Produktion gestoppt. Gegen Tymoschenko bereiten Kreml-Freunde einen Film vor. "Die Wahrheit über Julija" soll er heißen und Kompromittierendes enthalten.
Wahrscheinlich geht es dabei auch um den Fall Pawlo Lasarenko. Tymoschenko kennt den zwielichtigen Politiker aus ihrer Heimatstadt Dnipropetrowsk, damals deckte er die großen Deals der aufstrebenden Oligarchen und schöpfte riesige Geldzahlungen für sich ab. 1996 wurde Lasarenko in Kiew Premier, floh aber bald zu seinen Millionen in die Schweiz. In den USA wegen Geldwäsche verhaftet, wurde er 2006 zu neun Jahren Haft verurteilt.
In der Anklageschrift heißt es: "Lasarenko und seinen Partnern gelang es, Hunderte Millionen Dollar durch Betrug, Erpressung, Bestechung und Unterschlagung ... für die Verteilung von Gasimporten zu erhalten. Zu den Partnern gehörte Julija Tymoschenko." Sie habe mit anderen mehrere Firmen kontrolliert, darunter ein 1992 auf Zypern gegründetes Unternehmen, um in den Jahren 1996 und 1997 "Zahlungen von mindestens 162 Millionen Dollar an Lasarenko zu leisten".
Sie ist und bleibt Symbol der Ukraine, Architektin ihrer verrotteten Politik wie ihr Opfer. Heldin und Hassobjekt zugleich. Eine Comeback-Künstlerin, die sich nicht eingestehen will, eher Teil der Probleme des Landes zu sein als deren Lösung. Mitte vergangener Woche gab ihr Büro bekannt, es lägen konkrete Hinweise auf ein Mordkomplott gegen sie vor.
Es gibt nicht viele Frauen in der Politik, die eine ganze Nation nur mit dem Vornamen nennt: Evita in Argentinien, Maggie in Großbritannien, und sie, Julija. Mit Evita Péron verbindet sie der Aufstieg von ganz unten, der Glamour; mit Margaret Thatcher das Eiserne, Kaltblütige, die Überzeugung, von der Geschichte für eine große Rolle bestimmt zu sein. Die Ukrainer beten Julija Tymoschenko an oder verdammen sie. Kalt lässt sie keinen.
Von Erich Follath und Matthias Schepp

DER SPIEGEL 20/2014
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