12.05.2014

NordirlandAufschrei einer Tochter

Die IRA tötete in 29 Jahren Bürgerkrieg über tausend Menschen - wie Jean McConville, eine Mutter von zehn Kindern. War Sinn-Féin-Parteichef Gerry Adams am Mord beteiligt?
Die vergangenen Tage waren die beste Zeit seit Langem für Helen McKendry - der Mann, der ihr Leben zerstört hatte, war festgenommen worden. Er saß im Polizeihauptquartier Antrim, einer Festung gut 20 Kilometer nordwestlich von Belfast. Und Helen McKendry hatte gehofft, der Mann würde noch viele Tage und Nächte eingesperrt bleiben, am liebsten für immer.
Aber nein, inzwischen ist er wieder frei. Er gab eine Pressekonferenz im Balmoral Hotel, er trug einen dunklen Anzug, weißes Hemd, rote Krawatte, kalt und lächelnd beteuerte er seine Unschuld. Helen McKendry sah die Bilder im Fernsehen, sie hätte schreien können. Einer seiner Anhänger sagte: Wir lassen nicht zu, dass man den Ruf unseres Anführers zerstört!
Abwarten, dachte Helen McKendry.
Der Mann, den sie zur Strecke bringen will, ist ein Herr von 65 Jahren, schlank, elegant, grauer Vollbart, Brille. Er könnte Lehrer sein oder Bankier, doch er ist der umstrittenste Politiker des Landes: Gerry Adams, Parteichef der irisch-nationalistischen Sinn Féin, des politischen Arms der IRA, der zweitstärksten Partei in Nordirland. Adams ist auch Abgeordneter des Unterhauses der Republik Irland, er gilt als Architekt des Friedensprozesses zwischen Katholiken und Protestanten. Nach seiner Freilassung stürzte sich Adams wieder in den Wahlkampf, er wirkte keine Sekunde lang wie jemand, der um seine Freiheit fürchtet.
Das sollte er aber tun. Der Police Service of Northern Ireland macht sich gerade daran, einige der schrecklichsten Verbrechen des Bürgerkriegs zur Anklage zu bringen. Und die Spuren scheinen zu Gerry Adams zu führen, der allerdings bestreitet die Vorwürfe und wittert dahinter eine politische Kampagne.
Adams' Warnung, die Ermittlungen könnten den Friedensprozess gefährden, ist nicht aus der Luft gegriffen: Noch ist der gesellschaftliche Konsens prekär. In Irland ist die Vergangenheit immer noch gegenwärtig - 29 Jahre lang tobte der Identitäts- und Machtkampf, es gibt viele alte Wunden.
Killyleagh ist ein adrettes Dorf im County Down, eine halbe Autostunde von Belfast entfernt. Grüne Hügel, Farmhäuser. Im Wohnzimmer ihres Häuschens in der Jericho Road 27 sitzt Helen McKendry auf dem alten Sofa und telefoniert mit Bogotá, Kolumbien, sie gibt ein Radiointerview.
Draußen regnet es. Maggie, der kleine weiße Hund, hat sich in seine Hütte verzogen. Helens Ehemann Seamus bringt ihr einen Becher Tee, streichelt ihre Schulter, sie scheint es nicht zu merken. Sie zündet sich eine Zigarette an, bläst Rauch durch die Nase und erzählt die Geschichte ihres Lebens, es ist die Geschichte einer Dezembernacht und des Mordes an einer Unschuldigen, an Helen McKendrys Mutter. "Und dieser Mord", sagt sie gerade ins Telefon, "geschah auf Befehl von Gerry Adams, damals Brigadekommandeur der IRA."
Die Geschichte trägt sich zu im Dezember 1972. Damals heißt Helen McKendry noch Helen McConville. Sie ist 15 Jahre alt, viertes Kind von Jean McConville, deren Mann kurz zuvor gestorben ist. Jean McConville, eine knochige, selbstbewusste Frau, muss die zehn Kinder allein durchbringen. "Meine Mutter war aber nicht der Typ, der klagte", sagt Helen McKendry.
Sie leben in einer Siedlung namens Divis Flats, im Westen Belfasts. Graue Häuserblocks, Sozialwohnungen. Wer hier wohnt, ist erstens katholisch, zweitens arm, drittens wütend. Fast täglich gibt es Schießereien, der Strom fällt aus, Wohnungen werden gestürmt. Die Gegend ist IRA-Terrain.
Das Jahr 1972 ist eines der blutigsten Jahre, es ist eine paranoide Zeit, da jeder jedem misstraut. Besonders gefährlich wird es, wenn es heißt, jemand sei ein Spitzel.
Die McConvilles leben in den Divis Flats, aber sie gehören nicht wirklich dazu. Helens Mutter Jean kommt aus einer protestantischen Familie, sie konvertierte zum Katholizismus, als sie ihren Mann heiratete. Kann man ihr trauen? Spioniert sie für die Briten?
Ein Abend im Herbst. Sie sitzen in der Wohnung, bei Kerzenschein. Der Strom ist ausgefallen. Draußen wird geschossen, mal wieder. Plötzlich, vor der Haustür, ein Schrei, jemand weint, wimmert. Jean McConville geht nachsehen - sie findet auf den Türstufen einen britischen Soldaten mit einer Schusswunde. Sie kniet neben ihm nieder, sie hält seinen Kopf, bis die Sanitäter kommen. Helen kann die Szene vom Fenster aus beobachten.
Aber die Nachbarn sehen es auch.
Als Jean McConville wieder in der Wohnung ist, macht ihr Sohn Archie ihr Vorwürfe: Wie kann sie einem Engländer helfen? Helen erzählt: "Meine Mutter ohrfeigte Archie. Sofort. Sie hat uns sonst fast nie geschlagen. Archie stand da, hielt sich die Wange. Sie nahm ihn in die Arme, wischte ihm die Tränen ab und sagte: Dieser verletzte Mann hat eine Mutter, die sich um ihn zu Tode sorgt. Ich habe nicht mehr getan, als mich an ihrer Stelle um ihn zu kümmern, das war wenig genug."
Anderntags weiß jeder in den Divis Flats, dass Jean McConville einem Engländer beigestanden hat.
Am Abend des 7. Dezember verschafft sich ein knappes Dutzend Männer und Frauen Zutritt zur Wohnung, manche von ihnen sind maskiert. Sie schüchtern die Kinder ein, mit gezückter Waffe, zerren Jean McConville davon. Sie wird in ein "Safe House" gebracht, in ein IRA-Versteck, wo man sie aller Wahrscheinlichkeit nach foltert, später tötet man sie durch einen Schuss in den Hinterkopf. Ihre Leiche wird an einem Strand verscharrt. Erst 31 Jahre später wird man die Knochen finden und identifizieren können. Jahrzehnte später wird eine Untersuchung ergeben, dass Jean McConville nie ein Spitzel war.
Warum tötete man sie? Aus Paranoia? Um eine Warnung zu senden?
Helen kümmert sich um die jüngeren Geschwister, bis sich die Sozialhilfe einschaltet. Die Kinder werden getrennt und in Heimen untergebracht. "Wir haben heute keinen Kontakt, leider. Meine Brüder sind fast alle auf die schiefe Bahn geraten." McKendry wirkt viel älter, müder als 57, als sie das sagt, in ihrem Wohnzimmer sitzend. Sie ist eine zutiefst traurige Frau. Aber sie hält durch.
"Der Kampf geht jetzt in die letzte Runde. Die Polizei knüpft das Netz um Adams immer dichter." Sie selbst wolle, sagt sie, parallel zur strafrechtlichen Ermittlung, Sinn Féin auf Wiedergutmachung verklagen, auf drei Millionen Pfund.
Ein wichtiges Glied in der Indizienkette - womöglich das entscheidende - könnten Zeugenaussagen sein, Erinnerungen von 26 IRA-Veteranen, die zwischen 2001 und 2006 aufgenommen wurden, ursprünglich nur Material für Historiker. Doch die Polizei hat inzwischen juristisch einen Teil dieses Materials erstritten und bekommen.
Ein irischer Historiker hatte die Idee zu dem "Oral History Project" gehabt, das angesehene Boston College in den USA schien ein guter Partner zu sein. Dort wurden die brisanten Dokumente gelagert.
Die Interviews machte ein Ex-IRA-Mann namens Anthony McIntyre. Der hatte sich 1998 von der IRA losgesagt, doch er galt als vertrauenswürdig und kannte noch viele Weggefährten, Bombenleger, Killer, Kidnapper. Und so überzeugte McIntyre fünf Jahre lang seine Exkameraden, ihm ihre Geschichten zu erzählen; unter der strikten Voraussetzung, dass die Aufzeichnungen nur nach ihrem Tod veröffentlicht werden würden. Umso wütender ist er nun: "Ich habe mein Ehrenwort gegeben, und übrigens sind das auch nicht die Leute, die man zum Feind haben will."
Vergangenes Jahr kamen die ersten Aufzeichnungen in die Hände der Ermittler. Im März dieses Jahres dann die erste Verhaftung eines ehemaligen IRA-Kommandeurs; Gerry Adams meldet sich danach freiwillig zur Vernehmung. Ende April wird er für vier Tage festgenommen.
Adams hat stets abgestritten, Mitglied der IRA gewesen zu sein, sich immer als Architekt des Friedens präsentiert. Allerdings konnte wohl nur jemand, dessen Autorität innerhalb der IRA anerkannt war, Anfang der Neunzigerjahre die nötigen Kompromisse durchsetzen - das ist vielleicht die Tragik in Adams' Leben, dass es zunächst Krieg geben musste, um später den Frieden vorzubereiten. Doch der Krieg holt ihn wieder ein.
Und ihn belasten neue Aussagen von Männern, die bisher geschwiegen haben. Von Peter Rogers zum Beispiel. Rogers lebt in einem kleinen Haus in einem Dorf an der Atlantikküste, nur mit seinem Cockerspaniel Tilly, er ist wütend auf seine Kommandeure von früher - und redet.
"Ja, ich war mein halbes Leben lang IRA-Mann aus Überzeugung. Nie habe ich jemanden verraten. Doch jetzt - jetzt bin ich zornig über die Art, wie Sinn Féin agiert, das Andenken der Opfer missachtet, und die Sache mit Jean McConville gefällt mir gar nicht."
Im Oktober 1980, erzählt Rogers, wurde ihm befohlen, eine Ladung Nitroglyzerin, etwa 50 Kilo, aus Irland nach England zu transportieren; offenbar für Anschläge in London.
"Ich fuhr damals Kartoffeln aus, hatte einen blauen Ford Transit, meine Tarnung. Als ich den Sprengstoff bekam, in armdicken Stangen, merkte ich, dass er instabil war, kein gutes Material - ich kannte mich damit aus. Also habe ich Meldung gemacht. Ich wurde zu einem Treffen nach Dublin einbestellt. Zwei Kommandeure waren da: Martin McGuinness, der jetzt der stellvertretende Erste Minister für Nordirland ist. Und Gerry Adams." Die beiden Männer, sagt Rogers, hätten aufmerksam zugehört, sich beraten und ihm dann den Befehl gegeben, den Transport dennoch zu wagen.
"Bei einer Kontrolle geriet ich in ein Feuergefecht und tötete einen Mann. Was mir heute noch auf der Seele liegt. Ich kam ins Gefängnis. Mein Sohn war damals sieben Monate alt."
Sind Sie sich sicher, Mr. Rogers, dass die Männer Adams und McGuinness waren?
"Natürlich. Warum sollte ich lügen? Ich bin 69 Jahre alt und habe nichts zu verlieren. Ich finde nur, wir brauchen Aufrichtigkeit."
Das ist es, was auch Helen McKendry will, Wahrheit - damit ihre Mutter Ruhe findet, und sie selbst vielleicht auch.
* Um 1960.
Von Ralf Hoppe

DER SPIEGEL 20/2014
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