12.05.2014

KunstWenn Maler schießen lernen

Auf dem Maidan in Kiew engagierten sich viele Künstler. Sie hofften auf einen heiteren und kreativen Protest und kämpften für eine moderne Zivilgesellschaft. Inzwischen bereiten sie sich auf einen Krieg vor. Von Georg Diez
Olexa Mann ist nicht der ideale Soldat. Er hat Finger, dünn wie Pinselstängel, und Augen, die so wässrig sind wie der Dnipro. Und dann noch dieses bunt karierte Hemd und dazu eine Art Kopftuch, lilarotrosé. "Ich werde kämpfen", sagt er. "Es wird hässlich werden, grausam und hart. Aber wir wollen ein neues Land aufbauen. Wir haben keine Wahl."
Olexa Mann ist Maler. Seine Bilder zeigen Clowns im Blutrausch, gierig grinsend, mit spitzen Zähnen, Engelsflügeln und Maschinengewehren; sie zeigen Schlägerhorden mit groben Fressen, die auf einen Mann einprügeln, der dünn ist wie Olexa und die gleiche rote Hose trägt. Es sind Bilder, die vorführen, was passiert, wenn eine Gesellschaft ihr Innerstes nach außen kehrt, wenn der Hass sich entlädt, ohne jede Kontrolle, angetrieben vom Drang zu überleben. Es sind die Bilder, die wir heute aus der Ukraine sehen, wenn wir das Fernsehen anstellen.
Olexa Mann, 36, hat seine Bilder 2012 gemalt. Sie erzählen von einer Gewalt, die in der ukrainischen Gesellschaft war, schon vor dem Maidan, vor dem Kampf, der Euphorie, der Ratlosigkeit im Angesicht eines Bürgerkriegs, der das Land zu zerreißen droht - eine Gewalt, die die Jahrhunderte und die Ukraine durchdringt.
Jetzt sind diese Bilder in Wien zu sehen in der Ausstellung "I Am A Drop In The Ocean", die die Kunst der ukrainischen Revolution zeigt - und die Gewalt des Maidan ist längst schon wieder überholt worden von der Gewalt des Moments in Slowjansk und Odessa. Der Maidan scheint ewig her zu sein. Er ist jetzt im Museum.
Gasmasken, Hämmer, eine Axt, Kopfhörer, Schlagstöcke mit Nägeln, daneben eine Ballerina im Tutu mit einem Maschinengewehr und Schilde aus Holz, die zwei Künstler gebaut hatten für den Kampf, die Schilde sind real im Museum samt Schlagspuren, sie sind noch realer auf den Fotos, wo sie an Sandsäcken lehnen.
Barrikaden aus Kunst waren das. Reifen, Autos, heute noch wirkt der Maidan wie eine Skulptur, wenn man den Platz überquert. Die Künstler in Kiew waren damals sehr präsent, aber sie wollten einen anderen, heiteren, schönen und kreativen Protest. Davon erzählt auch Olexa Mann.
Er stieg am zweiten Tag des Maidan auf ein bunt bemaltes Auto und hielt eine Rede, im November 2013, als noch niemand dachte, dass aus all dem mehr werden würde als ein Happening. Er erfand Slogans, schuf Buttons. Die Kunst war von Anfang an Teil des Maidan; manche sagen, der Maidan selbst war das schönste Kunstwerk, das die Ukraine schaffen konnte.
Aber jetzt? Hier im Museum? In Wien? Die Hoffnung, die Wut, der Schmerz, all das ist wieder da, die Kälte jener Tage, die Feuer, die Toten, die rußverschmierten Gesichter der Kämpfer, müde, eine Mischung aus Mittelalter und Mad Max - es sind Heldenporträts, die der Fotograf Alexander Tscheknienjew gemacht hat, und nicht alle, die auf den Bildern zu sehen sind, haben überlebt.
Und trotz der Schlachtszenen aus Donezk oder Slowjansk und der Gerüchte über antisemitische Umtriebe und der Brandopfer von Odessa: Der Maidan war das Beispiel für eine bessere Ukraine.
Denn sie haben um Selbstbestimmung und Selbstachtung gekämpft damals, die alten Frauen etwa, die auf einem Video zu sehen sind, wie sie lächeln und die Munition weiterreichen, die gleich verschossen werden wird. Sie haben sich im Kampf gefunden. "Es war ein Gefühl von Ruhe und von Sicherheit auf dem Maidan, selbst in den Momenten der Gewalt", sagt Olexa Mann. "Angst hatte ich nur, wenn ich auf Facebook schaute."
Sie bauten sich ein kleines Fort im Dezember, er und seine Freunde, sie machten Ausstellungen, Lesungen, es war "Krieg und Kunst und Erziehung", sagt Olexa Mann. Eine Art Akademie war der Maidan, für eine Generation, die nie vergessen wird, was dieser Platz bedeutet. Selbst wenn alles am Ende zerstört wird. Eigentlich wollten sie eine Zivilgesellschaft aufbauen - nun lernen sie schießen.
"Ich war bereit zu sterben", sagt Olexa Mann. Das war am 19. Januar, als die Sonderpolizei von Janukowytsch Ernst machte und die Gewalt eskalierte und ein paar Tage später das Töten begann; es war Olexa Manns Geburtstag.
"Und ich bin auch jetzt bereit zu sterben", sagt er. Fast jeder, der im Januar und Februar auf den Platz kam, sagt Olexa Mann, war bereit zu sterben.
Serhij Nichojan etwa, der aus Armenien stammende Student. Er war jung, die Frauen mochten ihn, mit seinem wilden Bart und den melancholischen Augen, er wollte Schauspieler werden und berühmt, das war sein Ziel.
Er war einer der ersten Toten des Maidan. Sein Foto wurde eine Ikone, als Graffiti, auf Wänden, an Trauerdenkmälern auf dem Maidan. "Er hat alles bekommen, was er wollte, und er hat alles verloren", sagt Maxim Beloussow, der das Bild von Nichojan aufgenommen hat.
"Ich kam damals auf den Platz, weil ich Fotos machen wollte für die Menschen, die Angst hatten vor dem, was auf dem Maidan passierte. Die Bilder sollten zeigen, dass hier keine Kriminellen und keine Banden herrschten, dass es freundliche, normale Leute waren, die protestierten."
Auch das Bild von Serhij Nichojan ist in der Wiener Ausstellung zu sehen. Man verpasst es fast, es hängt in einem Winkel neben der Tür, gleich neben der Treppe. Nichojan war der Erste der "himmlischen hundert", so nennen sie auf dem Maidan ihre Märtyrer.
"Als ich das erste Mal auf den Maidan kam", sagt Beloussow, 32, "haben alle gelächelt. Heute lächelt niemand mehr." Er steht an diesem Tag im Mai an der großen Säule, dem Unabhängigkeitsdenkmal, mitten auf dem Platz, der immer noch voll ist von militärgrünen Zelten. Es riecht nach Brennholz. Männer mit groben Schädeln spalten Holzscheite, Jungs mit kurzen Haaren und Camouflage-Hosen laufen herum.
Sie warten auf etwas. Gibt es ein Leben nach dem Maidan? "Das hier ist für mich heiliger Boden", sagt der Fotograf Beloussow. "Es ist ein Ort der Toten und der Trauer. Es ist aber auch das Beispiel, wie wir die Gesellschaft, das ganze Land verändern können. Aus dem Geist des Maidan könnte eine neue Ukraine entstehen."
Der Maidan ist ein Ort, gefangen in einer Zwischenzeit, so wie das ganze Land. Viele Menschen sind erschöpft, sie haben Tote zu beklagen, tragen ein Trauma mit sich, von dem sie noch gar nicht wissen. Viele von ihnen haben aber immer noch die Hoffnung, dass ihre Formen der bürgerlichen Selbstorganisation, der Solidarität und auch der Selbstverteidigung ein Modell sein könnten für eine bessere Zukunft.
"Jedes Land ist wie ein lebender Organismus", sagt Maxim Beloussow. "Jedes Land muss atmen. Einatmen und ausatmen. Gerade ist die Ukraine dabei auszuatmen. Aber wir wissen, dass unser Kampf noch nicht vorbei ist. Und wir haben keine Entschuldigung dafür, wieder zu dem Leben und zu dem Land zurückzukehren, was vor dem Maidan war."
Der Platz ist ihr Ground Zero. Mahnmal, Wachturm, Erinnerungsort. Maxim Beloussow arbeitet schon an seinem nächsten Projekt, es geht um Jesus, Prometheus und die Frage, was das Opfer, das Selbstopfer, für eine Gesellschaft bedeutet.
Im Nationalmuseum, ein paar Schritte nur vom Maidan entfernt, zeigen sie derzeit eine Ausstellung, die sich genau mit dem Gegenteil beschäftigt, mit dem Gauner, dem Gierschlund, dem Politiker und Egomanen Janukowytsch, der diese Gesellschaft beraubt hat.
Der Dieb Janukowytsch tritt einem in dieser Ausstellung entgegen - und die Bürger von Kiew warten in langen Schlangen wie sonst bei Picasso oder Goya, um das zu sehen, was der Präsident, den sie vertrieben haben, gehortet hatte in seinem Landsitz Meschyhirja vor den Toren der Stadt.
Goldene Leuchter, Uhren, groß wie Särge, Kaviarlöffel aus Kasachstan, Bibeln, Ikonen, ein frommer Mann, der korrupte Präsident. Ein Buch aus dem Jahr 1574, eine kleine Kapelle aus Gold und Swarovski-Steinchen, ein Gemälde, das Jesus mit der Ehebrecherin zeigt und viel Geld wert ist, ein Bild der ukrainischen Fußballnationalmannschaft, das Diego Maradona schwungvoll signiert hat und nicht so viel Geld wert ist, ein Gefäß aus dem dritten Jahrtausend vor Christus und eine Vase, an der noch das Etikett eines internationalen Auktionshauses klebt.
562 Exponate insgesamt. "Schlechter Geschmack und schlechte Politik gehören in diesem Fall zusammen", sagt Julija Lytwynez, 37, die Chefkuratorin des Museums, die eigentlich nichts Politisches sagen will, es aber nicht vermeiden kann.
Es waren Leute vom sogenannten Rechten Sektor, der auch auf dem Maidan aktiv war, die die Werke in Janukowytschs Villa sicherten, sie waren fertig verpackt in Kisten und bereit zum Abtransport: die Säbel, die Gewehre mit Bajonett, das Porzellan von Hermès, das Gemälde einer Schlacht von 1812 mit Janukowytsch als stolzer Soldat, und dann hängt da noch ein Krokodil an der Wand, 221 Zentimeter ist es lang - als Zeichen für was?
Fahles Licht fällt in die Räume. Die Fenster wurden schon während der Maidan-Proteste zum Schutz gegen Rauch und Räuber mit Brettern verrammelt. "Geht es vielleicht wieder los?", sagt Julija Lytwynez. "Gibt es Krieg? Wir wissen es nicht."
Die Besucher, 3500 waren es am ersten Wochenende, sind vor allem von dem Raum mit den Bildnissen Janukowytschs fasziniert, dem "Raum des Ruhms", wie ihn die Kuratoren nennen. Die Besucher fotografieren sich vor den Pokalen mit dem Gesicht des Präsidenten, vor dem Porträt des Präsidenten aus Körnern, vor der lebensgroßen Figur im weißen Dress, ein wenig erinnert Janukowytsch da an Elvis.
Zur Eröffnung Ende April kam niemand aus der gegenwärtigen politischen Riege. "Wie auch", sagt Julija Lytwynez, "die Hälfte dieser Leute, die heute an der Macht sind, hat Janukowytsch ja selbst Geschenke gemacht."
So markiert diese Ausstellung auch ein Dilemma: Janukowytsch ist weg, und er ist immer noch da.
Die Leute in Kiew reden in diesen Tagen von Depression und Schuld, vom Verlust der Krim, von den Gedanken an die Toten und der Frage, ob man selbst mehr hätte tun können damals, und von der Passivität, zu der sie jetzt verdammt sind angesichts der Eskalation im Osten. Es ist die Ernüchterung nach der Euphorie, ein notwendiger Realismus für diese Generation, die die neue Ukraine bauen muss, wenn sie eine Zukunft haben soll.
Die Revolution des Maidan richtete sich nicht gegen Russland, sondern gegen die Sowjetunion, die noch nicht tot war, obwohl sie nicht mehr lebte, ein Zombie der Geschichte, der dieses Land immer noch heimsuchte. Russland aber wird nicht mehr einfach das Land sein, mit dem die Ukraine viel verbindet. Und Europa wird nicht die Macht sein, der man vertraut.
Das Land muss sich selbst finden, zwischen den Mächten und ihren Interessen, und der Maidan war der erste Schritt dorthin. Roman Sintschenko erzählt davon, er betreibt eine NGO für "grüne Energie". "Es wird nicht leicht, dieser gesellschaftliche Reifeprozess, der Kampf gegen die Korruption, die Veränderungen im Energiesektor, im Gesundheitsbereich, eigentlich überall", sagt Sintschenko, 37. "Aber ich sehe da gerade eine bewundernswerte Generation heranwachsen."
Auch Bjorn Geldhof sieht das so, der künstlerische Leiter des Pinchuk Art Centre des Milliardärs Victor Pinchuk in der Nähe des Maidan, das vor allem junge Besucher anzieht. Am 17. Mai eröffnet dort die Ausstellung "Fear and Hope" mit drei Künstlern, die sich mit dem Maidan-Protest auseinandersetzen. "Die Kunst kann versöhnen", sagt der Belgier Geldhof, 34, "aber an diesem Punkt sind wir noch nicht. Der Konflikt ist ja nicht vorüber."
Eine verbrannte Wand in den Umrissen der Ukraine wird zu sehen sein, Museumsvitrinen, gefüllt mit Asche, und Bilder von Explosionen, groß und grell, kombiniert mit alten Arbeiten, die auf teurem Porzellan die Foltertechniken der ukrainischen Polizei zeigen. Gleichzeitig wird Alewtina Kachidse, 40, eine Performance präsentieren, bei der sie sich als Nachrichtensprecherin dieser Propagandaschlacht inszeniert. "Ich glaube an die Kunst als eine Strategie der Verständigung."
"Die Künstler waren von Anfang an bei den Protesten dabei", sagt Geldhof, "als Künstler, vor allem aber als Bürger. Diese Stimme ist in den vergangenen Wochen verloren gegangen. Wir wollen die Stimme der Kunst wieder zurückbringen."
2006 eröffnete das Pinchuk Art Centre, zwei Millionen Besucher kamen seither, der Eintritt ist frei. Geldhof erzählt vom Hunger der Jugend hier nach Wissen, von den 700 Zuhörern, die geduldig auch komplizierten Vorträgen folgen, von der Unbefangenheit des Publikums und der Direktheit der Reaktionen.
Schräg gegenüber vom Pinchuk Art Centre steht ein leerer Sockel, auf dem bis zur Maidan-Revolution Lenin wachte. "Aber geht es darum, die Vergangenheit zu vernichten", fragt Geldhof, "oder geht es darum, die Zukunft zu bauen?"
Olexa Mann, der Maler, will sich, wenn es ernst wird, einem Regiment von Freiwilligen anschließen. Bis dahin wird er lernen, wie man eine Straße überquert, die unter Beschuss ist, wie man eine Stadt verlässt, die belagert wird. Es ist Mai in Kiew, und beim Sushi erzählen die Menschen dort vom Schießen.
Von Georg Diez

DER SPIEGEL 20/2014
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