12.05.2014

TheaterAnne hatte ADHS

In Amsterdam sind die Tagebücher von Anne Frank für die Bühne inszeniert worden - im Stil eines Musicals.
Der Tod ist eine Nebellandschaft in Deutschland. Ganz am Ende der Aufführung, nachdem die Zuschauer zweieinhalb Stunden lang der jungen Heldin und den Mitbewohnern ihrer Zwangs-WG beim tödlich ernsten Versteckspiel in einem verwinkelten Haus zugesehen haben, weitet sich die Bühne plötzlich auf Cinemascope-Breite. Vor kahlen Bäumen und Wiesen sieht man zwei Dutzend Menschen in abgerissener Kleidung herumstehen, jeder für sich, fast alle tragen einen Judenstern auf der Brust. Auf den Schwellen eines Bahngleises balanciert in der Mitte der Bühne die Hauptdarstellerin, trägt eine schwarz umhüllte Buchkladde nach vorn an die Rampe und verschwindet in die Ferne, bevor das Licht erlischt. Ihr letzter Satz lautet: "Ich wollte immer nur träumen."
Mit diesem Sehnsuchtsbild, das den Tod der 15-jährigen Jüdin Anne Frank im KZ Bergen-Belsen im März 1945 beschwört, endete am Donnerstagabend in Amsterdam die Uraufführung des Stücks "Anne", in einem neu gebauten 1100-Plätze-Theater. Jessica Durlacher und Leon de Winter, das berühmte Schriftsteller-Ehepaar aus den Niederlanden, haben das Stück "Anne" verfasst. Leon de Winter nennt es die "Feier eines Wunders". Sogar der niederländische König Willem-Alexander war dabei. Huldvoll schritt er zu Beginn der Vorstellung und nach der Pause jeweils als Letzter in den Saal und nahm mit betont nachdenklichem Gesichtsausdruck den Applaus des Publikums entgegen.
"Anne" ist der Versuch, das Schicksal eines ermordeten jüdischen Mädchens "in einer Sprache von heute auf die Bühne zu bringen", sagt Yves Kugelmann. Er vertritt den Basler Anne Frank Fonds, der die Rechte an einem Buch besitzt, das bis heute mehr als 30 Millionen Mal verkauft worden ist.
"Das Tagebuch der Anne Frank" schildert die Einsamkeit, die Angst und das erste Verliebtsein der Autorin, die sich mit ihrer eigenen Familie und vier weiteren Juden in einem Hinterhaus in Amsterdam mehr als zwei Jahre lang vor den Deutschen und deren Häschern versteckte, bis sie im August 1944 verraten, verhaftet und deportiert wurde und im Holocaust umkam. Die erste Fassung erschien 1947 auf Niederländisch, 1950 auf Deutsch und 1952 auf Englisch. Der Weltruhm des Mädchens Anne Frank aber begann erst auf einer Theaterbühne.
Es war die Premiere einer Bühnenversion auf dem New Yorker Broadway am 5. Oktober 1955, die dafür sorgte, dass Anne Franks Bericht aus dem Hinterhaus in der Amsterdamer Prinsengracht 263 in vielen Ländern zu einem Lieblingsbuch junger Menschen wurde. Vorher hatten viele Verleger die Texte aus dem Versteck eher zurückhaltend beurteilt, als "zu eng begrenzt, zu familiär, zu jüdisch, zu langweilig", so schreibt die amerikanische Schriftstellerin und Literaturdozentin Francine Prose über die Rezeptionsgeschichte des Werks. Man könne nur mutmaßen, "wie viele Menschen nie zu dem Buch gegriffen hätten, wäre es nicht durch die Bühne zu größerer Bekanntheit gekommen". Und durch die auf den Broadway-Erfolg logisch bald folgende Verfilmung im Jahr 1959.
Jessica Durlacher und Leon de Winter haben nun, fast 60 Jahre nach der ersten Broadway-Version, eine neue Drama-Fassung des Tagebuchs erarbeitet, de Winter nennt es "das berühmteste Buch, das je in niederländischer Sprache geschrieben wurde".
Die erste Szene des Stücks "Anne" spielt in einem Pariser Café. Sie zeigt die erwachsene Anne Frank an einem Ort, an dem sie nie war. Dort kommt sie mit einem niederländischen Verleger ins Gespräch,
dem sie von ihrem Buch berichtet; und
weil sie es ihn nicht lesen lassen will, bittet der Verleger, die Geschichte doch einfach an Ort und Stelle aus dem Mund der Verfasserin erzählt zu bekommen.
Die "Anne"-Hauptdarstellerin Rosa da Silva sieht ein wenig der französischen Schauspielerin Audrey Tautou ähnlich und wird nun als eine Art Conférencier ihrer eigenen Geschichte hin- und herhüpfen zwischen der Pariser Rahmenhandlung und der Welt ihres Tagebuchs.
Da Silva zeigt Anne Frank als aufmüpfiges, manchmal albernes, oft ungeduldiges Mädchen, als schwer zu bändigenden Derwisch, als pubertierendes Gör, das seine Mitmenschen oft überfordert. "Sie wäre heute ein ADHS-Mädchen", glaubt de Winter, man würde ihr Pillen geben gegen ihre Zappeligkeit, ihre jähen Temperamentsausbrüche und ihre Aggressionsschübe. Während an die Seitenwände des Theaters immer neue Handschriften von Anne Frank projiziert werden, lässt "Anne"-Regisseur Theu Boermans die Heldin durch den weitgehend exakten Nachbau des dreistöckigen Hinterhauses turnen, über Leitern klettern und an der Rampe mit den Beinen schlenkern. Sie tauscht Küsse mit Peter, dem 17-jährigen Sohn der Familie van Pels, die zur Zwangsgemeinschaft im Versteck gehört. Sie muss sich deshalb vom sonst so geliebten Vater strenge Vorwürfe anhören, über ihre Mutter sagt sie: "Ich kann sie nicht ausstehen."
"Anne" funktioniert als Zeitzeugenbericht verblüffend gut: Man hört Frontnachrichten vom Vormarsch der Alliierten aus dem Radio, man erfährt von der Unterstützung jener Helfer, die den jüdischen Versteckten Nahrung brachten. Man sieht kurz vor Schluss auch die fast einherstampfenden Polizisten, die ins Hinterhaus eindringen und sämtliche Juden verhaften. Die anrührendste Szene aber ist zu bestaunen, als Anne ihre Mutter im Nebenzimmer weinen hört, weil sie sich ungeliebt fühlt von ihrer Tochter. "Ich dachte immer, sie ist aus Stein", seufzt das Mädchen.
Natürlich kann man die dezent arrangierte und dennoch hemmungslos sentimentale Geigen- und Klaviermusik des Komponisten Paul van Brugge, die fast ununterbrochen jubelt und maunzt, leicht nervtötend finden. Man kann Kritik daran üben, dass die Werbung der "Anne"-Produzenten die Show anpreist, als handelte es sich um einen Musical-Hit wie "Der König der Löwen", samt Dinner Packages und sogenannter Corporate Events, und dennoch sagt Yves Kugelmann vom Anne Frank Fonds: "Wir lassen keinerlei Merchandising-Artikel anbieten, wir haben sehr dezent in der Stadt plakatiert. Wir wollen, dass man sich im Theater freundlich begegnet. Wenn die Calvinisten eine moralinverseuchte Diskussion führen wollen, dann ist das deren Sache, nicht unsere."
Durlacher und de Winter, die Verwandte im Holocaust verloren haben, zeigen nur in einer kurzen Gebetsszene, dass es jüdische Familien sind, die da auf engstem Raum zusammenleben. Ihr Interesse gilt Anne Franks erwachendem schriftstellerischem Ehrgeiz. So hört man in "Anne" jene Rundfunkansprache des niederländischen Exil-Ministers Gerrit Bolkestein, in der dieser seine Landsleute im März 1944 bittet, ihre Aufzeichnungen aufzubewahren, damit das Leid des niederländischen Volkes dokumentiert werden könnte.
Tatsächlich begann Anne Frank nach dieser Rede, ihr Tagebuch zu überarbeiten, und fertigte eine neue Abschrift an, als sie am 4. August 1944 verhaftet wurde, hatte sie schon über ein Jahr durch.
Manchmal wirkt da Silvas Anne Frank ein bisschen zu fabelhaft und nett. Manche der Szenen aus dem Hinterhausleben sind komische Kabinettstücke, manche sind nur matte Illustrationen des schrecklichen Drucks, der auf der Gemeinschaft lastete. Im Ganzen aber fügt sich diese Show-Version zu einem Stück, das den Ruhm der Heldin ziemlich elegant für ein vornehmlich junges Zielpublikum aufleben lässt. Wahrscheinlich behält Leon de Winter recht: "Man braucht eigentlich nicht viel Theater, um die große Tragödie dieses Lebens zu erzählen."
* Im Theater Amsterdam.
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 20/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 20/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Theater:
Anne hatte ADHS

  • Japanisches Geisterdorf mitten im Wald: Die traurige Geschichte von Nagatani
  • Das Geheimnis der V2: Hitlers Angriff aus dem All
  • Amateurvideo: Der Marsch der blauen Raupen
  • Stromausfall in Venezuela: Regierung spricht von "elektromagnetischem Angriff"