19.05.2014

Tod einer Fotografin

Ich verbrachte acht Tage mit Camille Lepage. Jetzt ist sie tot, und es ist schwer, das zu verstehen. Sie wurde erschossen im Westen der Zentralafrikanischen Republik, mit 26 Jahren. Französische Soldaten fanden ihre Leiche vergangenen Dienstag auf einem Lastwagen bei Bouar im Westen des Landes. Vor ihrem Tod war sie allein auf einem Motorrad unterwegs, um den Bürgerkrieg zu dokumentieren. Wir waren zusammen auf einer Recherche, wir waren keine Freunde. Es gibt vieles über sie, was ich nicht weiß, weil ich nicht gefragt habe. Ich hätte sie jetzt gern gefragt. Sie sagte einmal, dass es frustrierend sei, diesen Bürgerkrieg zu fotografieren, dessen Bilder kaum jemanden interessieren. Die Vergessenen interessierten sie. In Zentralafrika sind eine Million Menschen auf der Flucht, Ärzte sprechen von einem zweiten Ruanda. Die meisten Journalisten reisten nach ein paar Tagen wieder ab. Sie blieb da, über Monate. An einem Abend kamen wir aus dem Ort Boali zurück. Wir sahen die zerstörte Moschee, tausend Muslime hatten sich aus der Stadt geflüchtet. Der Fahrer stoppte auf dem Rückweg, um nach Diesel zu fragen. Wir stiegen aus und kamen an einen großen Wasserfall, der über die Felsen rauschte. Der Urwald öffnete sich unter uns, Camille kletterte an den Rand des Beckens, sie stand in der Gischt und betrachtete den Regenbogen. Es war das einzige Mal, dass ich sie nicht arbeitend gesehen habe. Später erfuhr ich, dass Camille seit Jahren keine Pause gemacht hatte. Sie war im französischen Angers geboren, studierte Journalismus. Danach reiste sie in den zerfallenden Südsudan, dort lebte sie fast anderthalb Jahre mit Einheimischen in einem Haus ohne Strom. Im Herbst zog sie in die Zentralafrikanische Republik, in ein heruntergekommenes Hotel, in dem das Wasser ausfiel. Einen Flug nach Hause konnte sie sich kaum leisten. Alle großen Magazine kürzen ihre Fotobudgets, es ist schwer für Fotografen, von ihrer Arbeit zu leben. Es klingt merkwürdig, aber manche Kriegsjournalisten pflegen als Erstes ihren Garten, wenn sie nach Hause kommen, andere gehen zur Maniküre oder kochen große Menüs. Sie suchen etwas, das sie unter Kontrolle haben und das ihnen Frieden bringt. Ich glaube, Camille hatte diesen Ruhepol nicht, vielleicht konnte sie keinen haben. Auf einer Fahrt durch den einst belebten Ort Mbaki fanden wir die Straßen leer vor. Ein Mann lag auf der Kreuzung, er war mit einem Pfeil erschossen worden. Camille ließ ihre Kamera hängen. "Ich habe schon so viele Leichen fotografiert", sagte sie. Sie schlug vor weiterzufahren, vielleicht könne man näher an das Feuergefecht herankommen. Ich begriff in diesem Moment, dass sie eine Grenze überschritten hatte, die kein Mensch überschreiten sollte.
Von Jonathan Stock

DER SPIEGEL 21/2014
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