19.05.2014

KommentarSeefisch essen! Oder doch nicht?

Wird Rotwein uns nicht das Leben retten? Der darin enthaltene Stoff Resveratrol galt als Wundermittel, das schädliche Moleküle (die freien Radikale) in den Zellen bekämpft und diese somit vor oxidativem Stress schützt. Das Resveratrol hemme Entzündungen, stärke das Herz, beuge Krebs vor und verlängere das Leben - darauf jeden Tag ein Gläschen! Nur schade, dass das alles gar nicht stimmt: Forscher untersuchten knapp 800 Frauen und Männer in der toskanischen Weinregion Chianti über einen Zeitraum von neun Jahren, und es zeigte sich, dass das mit dem Rebensaft geschluckte Resveratrol ihnen weder schadete noch nützte. Forscher der McGill University im kanadischen Montreal wird das freilich nicht wundern. Sie haben jüngst mit der Annahme aufgeräumt, freie Radikale ließen den Körper schneller altern. Das Gegenteil könnte zutreffen, wie Experimente mit Fadenwürmern zeigen, jenen Tierchen, die modellhaft zeigen, wie Altern funktioniert: Freie Radikale stärken die Abwehrkraft der Zelle und dehnen auf diese Weise die Lebensdauer. Als fragwürdig erwies sich unterdessen auch die Unterscheidung von "schlechten" und "guten" Fetten. Ein Drittel bis die Hälfte der aufgenommenen Fette sollten "einfach ungesättigt" sein, ein Drittel "mehrfach ungesättigt", weniger als ein Drittel "gesättigt". Also Seefisch essen! Oder? Die Beweislage ist mager, wie Daten aus Studien mit mehr als 530 000 Teilnehmern nahelegen: Der Anteil der gesättigten und der ungesättigten Fettsäuren in der Nahrung hat keinen Einfluss darauf, ob die Herzkranzgefäße verkalken oder nicht. Fischölkapseln helfen auch nicht. Die vielen voreiligen Ernährungstipps nerven, aber sie sollten niemandem den Appetit verderben. Einfach zu genießen, was einem schmeckt, das ist vielleicht gar nicht so gefährlich. Auch das sagt die Wissenschaft: Menschen mit leichtem Übergewicht leben länger als schlanke Leute. Die Speckröllchen bringen einen offenbar nicht schneller ins Grab, sondern dienen als Reserve im Krankheitsfall. Darauf dann doch einen Rotwein - schnell, schnell, noch erlaubt es die Studienlage!
Von Jörg Blech

DER SPIEGEL 21/2014
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