19.05.2014

ArchäologieSchlamassel im Sand

Ein US-Taucher behauptet, das Flaggschiff von Christoph Kolumbus entdeckt zu haben. Doch seine Theorie weckt einige Zweifel.
Fast scheint es, als habe der Allmächtige die Verbrechen der Konquistadoren im Ansatz verhindern wollen, als er den Seefahrer Christoph Kolumbus am Heiligabend des Jahres 1492 sorglos in die Koje steigen ließ.
In einem ungeheuren Törn hatte sich der Kapitän zuvor mit zwei Karavellen und einem etwas größeren Schiff quer über den Atlantik gewagt. Laut Bordbuch durchsegelte er Schwärme von "Goldbrassen" und Wellen, "dicht von grünen Pflanzen und Kräutern bedeckt". Dann endlich, am 12. Oktober, hörten die Matrosen den erlösenden Kanonenschuss. Die Fahne mit dem "grünen Kreuz im roten Felde" wurde gehisst - das Zeichen für "Land!"
Am 24. Dezember befand man sich vor Haiti. Die "Santa María", das große Flaggschiff der winzigen Flotte, schaukelte leicht in der Dünung. Bald schliefen auch der Wachhabende und dessen Stellvertreter. Ein unbedarfter Schiffsjunge übernahm das Ruder. Kurz danach lief der Kahn knirschend auf Grund.
Eine Katastrophe: Das größte Schiff war verloren. Immerhin gelang es den Spaniern, das über hundert Tonnen schwere Schiff auszuschlachten und mit dem Holz nahe der Küste das Fort "Navidad" (Weihnachten) zu errichten.
Gut 500 Jahre nach der Havarie glaubt nun der amerikanische Meeresforscher Barry Clifford, die Reste des Flaggschiffs gefunden zu haben. Am Mittwoch vergangener Woche trat er im "Explorers Club" in New York vor die Weltpresse und verkündete die Entdeckung des "Mount Everest unter den Wracks".
Als Mann, der gern Schätze sucht und am liebsten vor laufender Kamera tauchen geht, hat sich Clifford in den USA längst einen Namen gemacht. Er spürte die "Adventure Galley" des Freibeuters William Kidd auf. Vor Cape Cod hob er aus einem Piratenschiff Gold, Silber und Juwelen.
Diesmal hat er weniger zu bieten. Eigentlich sind es nur Wackersteine, die er im seichten Grund nahe Cap-Haïtien sichtete. Die Ballastklumpen würden sehr genau die Umrisse der rund 25 Meter langen "Santa María" nachzeichnen, erklärt der Taucher. "Die Unterwassertopografie und auch die archäologischen Hinweise sprechen dafür, dass es Kolumbus' berühmtes Flaggschiff ist."
Die Lage des Wracks soll ebenfalls passen. Es liegt 4,77 Meilen von der Weihnachtsfestung entfernt. Bereits in den Achtzigerjahren hatten Archäologen die mögliche Position dieser Urkolonie in der Neuen Welt bestimmt. Sie stießen in den Ruinen eines Indianerdorfs auf einen alten Brunnen, in dem der Zahn eines Schweins sowie der Kiefer einer Ratte aus der Gegend von Sevilla lagen.
Doch die Mehrheit der Experten zweifelt. Miguel Aragón, ein ehemaliger Mitarbeiter der spanischen Marine, verweist auf geologische Studien. Demnach hat sich Haitis Küstenlinie im letzten halben Jahrtausend so verschoben, dass die Stelle, an der Kolumbus verunglückte, jetzt Festland ist.
Cliffords Geisterschiff liegt etwa vier Meter tief auf einem Korallenriff. Auch das fügt sich schlecht. Kolumbus erwähnt, dass die "Santa María" auf eine "Sandbank" lief.
"Schreckensbleich", so der Eintrag im Logbuch, sei die Mannschaft an Deck gestürmt. Und nur weil ein Eingeborenen-Häuptling aus lauter Liebenswürdigkeit "mehr als 100 Indianer" schickte, gelang es, die gesamte Ladung zu retten. Fünf Tage später zersägte man den Havaristen.
Eine einzige Planke des Eichenrumpfs könnte reichen, die um 1480 in Nordspanien gebaute "Santa María" mittels der sogenannten Dendrochronologie zu identifizieren. Leider gibt es nicht mal ein Splitterchen.
Ein weiteres Beweisstück wurde angeblich gestohlen. Das kam so: Bereits 2003 hatte Clifford den Meeresgrund vor Cap-Haïtien erkundet. Damals lag auf den Ballaststeinen noch eine verkrustete Kanone. Der US-Taucher dokumentierte alles und zeigte die Fotos Jahre später dem Unterwasserarchäologen Charles Beeker. Der brachte ihn dann auf die Kolumbus-Idee.
Als das Team vor Kurzem in die Karibik zurückkehrte, war die Kanone verschwunden. Plünderer sollen sie geklaut haben. Manche spotten, Clifford (der beim Fernsehsender "History" unter Vertrag steht) habe sie womöglich selbst beiseitegeschafft, um den Anschein des Sensationsfunds aufrechtzuerhalten.
Artillerierohre lassen sich nämlich vergleichsweise leicht datieren. Und die Bewaffnung der "Santa María" ist bekannt; sie besaß eine Bombarde, Kaliber 9 Zentimeter.
Doch es kommt noch verworrener. Eigentlich dürfte überhaupt keine Kanone an der Unfallstelle liegen. Denn die leckgeschlagene "Santa María" war komplett ausgeräumt worden: "Auch das Geschütz konnte an Land gebracht werden", heißt es im Logbuch.
Clifford gibt sich dennoch frohgemut. Eng verbandelt mit den Behörden Haitis, will er in Kürze mit wissenschaftlichen Untersuchungen vor Ort beginnen. Solange nichts Neues vorliegt, darf man die Geschichte jedoch getrost ins Vergessen befördern. So haben es die Indianer mit der Siedlung Navidad gemacht: Nach dem Unglück ließ Kolumbus 39 seiner Leute in dem Planken-Fort zurück. Im Jahr darauf kehrte er zurück. Alle waren tot.
In den Leichen steckten Giftpfeile. Auf den Körpern wuchs Gras.
Von Matthias Schulz

DER SPIEGEL 21/2014
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