26.05.2014

NigeriaIn den Fängen des Teufels

Seit Wochen beschäftigt das Schicksal von 276 entführten Schülerinnen die Welt. Ein Bauernjunge, einst selbst Opfer der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram, fand nun zwei der Mädchen. Beide wurden schwer misshandelt.
Die beiden Mädchen lagen gefesselt auf einer Lichtung im Busch, ihre Gesichter waren zerkratzt und blutig, die Schuluniformen zerrissen. "Sie waren kaum noch bei Bewusstsein", sagt Baba Goni. "Sie weinten und erzählten, dass sie von den Entführern vergewaltigt worden waren."
Baba Goni, ein schmächtiger Bauernjunge von 15 Jahren, war an diesem Tag mit einer Selbstschutztruppe in der Region von Baale unterwegs, im Nordosten Nigerias. Sie suchten nach den Schülerinnen, die am 14. April von der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram aus einem Internat der Stadt Chibok verschleppt worden waren.
Von den 276 entführten Mädchen konnten inzwischen einige entkommen, 223 werden weiterhin vermisst. Die wenigen, denen die Flucht gelang, erheben schwere Vorwürfe: Man habe sie den Entführern ausgeliefert, die Lehrer seien einfach gegangen, hätten ihnen nicht geholfen. Das nigerianische Militär und die Polizei suchen seit Wochen nach den Mädchen, konfus und hilflos wirken sie dabei. Verlässliche Hinweise auf den Aufenthaltsort der Entführten gibt es bis heute nicht.
Baba Goni kennt das Umland von Chibok und die Täter besser als die staatlichen Fahnder, er war selbst zwei Jahre lang in der Gewalt von Boko Haram. Die Terroristen fielen eines Nachts in sein Dorf Kachalla Burari ein, erschossen seinen Onkel, der neben ihm im Bett lag, und verschleppten den Jungen in den Wald von Sambisa. Dort musste er in einem Camp hausen und für die Mörderbande arbeiten, Wasser holen, Brennholz sammeln, Waffen reinigen.
Als ihn die Dschihadisten zwingen wollten, seinen eigenen Vater zu töten, konnte er im letzten Moment fliehen. Seither liefert er den nigerianischen Sicherheitskräften wertvolle Informationen und begleitet als Scout eine bewaffnete Bürgerwehr. Boko Haram hat drei Millionen Naira Kopfgeld auf ihn ausgesetzt, 13 500 Euro.
Baba Goni trägt einen grauen Kapuzenpulli und ausgelatschte Schuhe, eine traditionelle Schmucknarbe überzieht seine linke Wange. Er wirkt wie ein normaler Jugendlicher, nur seine Augen sind die eines alten Mannes. Baba kann weder lesen noch schreiben, er wurde als Muslim erzogen und hat eine Madrassa besucht, eine Koranschule, dort hat man ihm nur Suren eingebläut.
Sein Suchtrupp hatte die beiden geschändeten Mädchen eine Woche nach der Entführung gefunden. Sie lagen halb tot in der Gluthitze, mit den Händen an einen Baum gebunden. Ein Milizionär durchtrennte mit Babas Messer ihre Fesseln. Die Dorfbewohner waren so verängstigt, dass sie sich nicht aus ihren Lehmhütten wagten. Die Terroristen hätten mit ihren Opfern drei Tage lang Halt im Ort gemacht und vier widerspenstige Mädchen umgebracht, berichtet Baba Goni. "Ihre Leichen wurden irgendwo verscharrt, die Leute wollten uns die Gräber nicht zeigen."
Die Gewaltexzesse im Norden des Landes haben laut Präsident Goodluck Jonathan schon mehr als 12 000 Menschen das Leben gekostet. Der Präsident hat Boko Haram den Krieg erklärt; man werde alles tun, um die Mädchen zu befreien, versicherte er den Angehörigen.
An der "Unity Fountain" in der Hauptstadt Abuja gibt man nicht viel auf die Ankündigungen des Staatschefs. Vor dem ausgetrockneten Brunnen versammeln sich jeden Tag zwischen 50 und 100 Demonstranten, überwiegend Frauen, sowohl muslimischen wie christlichen Glaubens. Sie beten gemeinsam und skandieren im Chor: "Bringt unsere Mädchen zurück, sofort und lebend."
Mittendrin steht eine stämmige Frau in grüngelbem Kostüm, auf dem Kopf eine knallrote Baskenmütze, in der Hand ein Megafon: Obiageli Ezekwesili, die ehemalige Erziehungsministerin. "Wir sind hier, weil die Regierung nicht entschlossen genug handelt", ruft sie. "Unsere Soldaten sind nicht vorbereitet auf einen asymmetrischen Krieg gegen Terroristen, sie brauchen dringend eine neue Strategie."
Die Kritik der Protestführerin ist noch milde. Oppositionspolitiker wie Nuhu Ribadu werfen der Regierung und den Streitkräften totales Versagen vor. Deren Ausrüstung sei verwahrlost, die Disziplin schwach, die Kommunikation chaotisch. Hinzu komme die schlechte Moral der Soldaten, die oft wochenlang auf ihren dürftigen Sold warten müssen. "Sie sind unfähig, diese Verbrecher auszuschalten. Im Gegenteil, bestechliche Offiziere kollaborieren sogar mit ihnen."
Zurzeit wird gegen neun Generäle ermittelt, die Waffen an Boko Haram verkauft haben sollen. Am 13. Mai, bei einem Überfall auf einen Stoßtrupp der 7. Infanteriedivision, die in der Region Chibok im Einsatz ist, starben sechs Soldaten. Die Angreifer von Boko Haram waren bestens informiert über die Bewegungen der Einheit, sie können sich auf korrupte "Mitarbeiter" in der Armee verlassen. Beim anschließenden Truppenbesuch des Kommandeurs wurde dessen Fahrzeug von seinen eigenen Soldaten beschossen - weil sie ihn verdächtigten, mit Boko Haram zusammenzuarbeiten.
"So fing es auch in Mali an", warnt Ribadu. "Die Islamisten überrannten die Armee, jüngere Offiziere wollten die Demütigungen nicht hinnehmen und putschten." Mali sei ein Menetekel für Nigeria: "Unser Militär spiegelt den verrotteten Zustand des gesamten Landes wider."
Nigeria ist nach eigenen Angaben inzwischen die größte Volkswirtschaft Afrikas. Aber die zerrissene Nation mit ihren über 170 Millionen Einwohnern bleibt ein Riese auf tönernen Füßen. Das Land ist zwar der sechstgrößte Erdölexporteur der Welt, trotzdem gibt es an den Tankstellen oft kein Benzin. Der Staat leistet sich 95 Universitäten, doch knapp 40 Prozent der Bevölkerung sind Analphabeten. Die Regierung entsendet Friedensmissionen in andere krisengeplagte Staaten - und kann die Feinde auf dem eigenen Hoheitsgebiet nicht besiegen.
Amnesty International wirft den Militärs schwere Menschenrechtsverletzungen vor. Die Soldaten töteten oftmals unschuldige Muslime, jeder Bartträger sei in ihren Augen verdächtig. Baba Goni, der Junge aus Chibok, musste mitansehen, wie Soldaten einen Mann namens Alaji erschossen, den er als einen seiner Entführer identifiziert hatte. Über 950 Tote in Militärgewahrsam, so Amnesty, habe es allein im ersten Halbjahr 2013 gegeben. Ersticken oder Verhungern seien in den überfüllten Internierungslagern die häufigsten Todesursachen, viele Häftlinge würden an den Folgen von Folter sterben oder an Schusswunden verbluten. Eines der Militärgefängnisse heißt im Volksmund "Guantanamo".
Angesichts der aktuellen Krise wurde vergangene Woche der vor einem Jahr über die drei Bundesstaaten Adamawa, Borno und Yobe verhängte Ausnahmezustand verlängert. Doch die Menschen fühlen sich deswegen keineswegs sicherer - im Gegenteil, sie fürchten die Sicherheitskräfte genauso wie die Terroristen. Und die Brutalität der Regierungssoldaten treibt Boko Haram immer mehr Anhänger und Rekruten zu, vor allem junge arbeitslose Männer.
Im überwiegend muslimischen Norden zeigen sich die Probleme Nigerias besonders: das Staatsversagen, die Korruption, die alle Institutionen zerfrisst, die Massenarmut und der Kampf um knappe Ressourcen, der die ethnischen und religiösen Konflikte zwischen Christen und Muslimen verschärft. Es ist der ideale Nährboden für die Fundamentalisten von Boko Haram, dieser Terrorgruppe, die als Sekte begann und heute großen Zulauf hat, weil sie die moralische Verkommenheit der politischen Elite und der doppelzüngigen Imame verdammt.
Präsident Goodluck Jonathan wirkt in der Krise hoffnungslos überfordert. Nun sucht er Hilfe im Ausland, bei einem Sicherheitsgipfel vorvergangene Woche in Paris eröffnete Jonathan eine "neue Front im globalen Kampf gegen den Terror". Der Gastgeber, Frankreichs Präsident François Hollande, und die Staatschefs von Nigerias Nachbarn Tschad, Niger, Kamerun und Benin versprachen, Boko Haram mit vereinten Kräften zu bekämpfen.
Auch die USA, Großbritannien, Israel und China kündigten militärischen Beistand an. Washington will 80 Soldaten in den Tschad schicken. Es sind Angehörige der U. S. Air Force, Spezialisten, die die unbewaffneten "Predator"-Aufklärungsdrohnen steuern können. Mit ihnen soll in Nordnigeria nach den Mädchen gesucht werden.
Derweil attackieren die Terroristen Kirchen, Schulen, Polizeistationen und Kasernen. Sie fallen in bis zu 500 Mann starken Kampftruppen über Dörfer her und machen sie dem Erdboden gleich. Die Mehrzahl ihrer Opfer sind Muslime. Bei einem Überfall auf die Kleinstadt Gamboru Anfang Mai sollen 375 Menschen getötet worden sein. Als der zuständige Gouverneur den zerstörten Ort besuchte, schlug ihm Wut entgegen. Die ganze Welt sei um die entführten Mädchen besorgt, "unser Schicksal aber interessiert niemanden", schimpften die Überlebenden. In einer weltweiten Online-Kampagne hatten Politiker und Prominente, Michelle Obama wie Papst Franziskus, ihre Solidarität mit den Schülerinnen bekundet.
Im verarmten Norden Nigerias vergeht seit Langem keine Woche ohne Bomben, zuletzt zerfetzten sie in Jos mindestens 118 Menschen. Mitte April flog am Stadtrand von Abuja ein Busbahnhof in die Luft, 75 Menschen starben. "Leichen, überall Leichen", berichtet ein Augenzeuge, der sich als Mitarbeiter des Geheimdienstes ausweist. Er steht neben dem mit Regenwasser gefüllten Bombentrichter, vom Busbahnhof ist nur noch ein Stahlskelett übrig geblieben. Boko Haram trage den Terror ins Zentrum der Macht, sagt der Mann, deswegen wachse auch in Abuja die Angst.
Polizei und Militär sind in der Hauptstadt allgegenwärtig; Schulen, die es sich leisten können, sichern ihr Gelände mit Stacheldraht und stellen bewaffnete Wächter vors Tor. Auch die Zufahrt zur katholischen Dreifaltigkeitskirche im Stadtteil Maitama ist abgeriegelt, auf dem Parkplatz patrouillieren Soldaten. Jeder Gläubige wird mit einem Metalldetektor abgetastet.
"Lasst uns für die Mädchen von Chibok beten", predigt der Pfarrer am vorvergangenen Sonntag, ein Mann in schneeweißem Messgewand. "Boko Haram ist eine Ausgeburt der Hölle, und ihr Anführer Abubakar Shekau ist ein Teufel", sagt er nach dem Gottesdienst.
Nigerianische Psychologen, die die Videoauftritte Shekaus analysiert haben, halten ihn für einen größenwahnsinnigen Wirrkopf. Auch der muslimische Gelehrte Scheich Ahmed Gumi verurteilt seine Verbrechen. "Wer unschuldige Kinder entführt und zwangsbekehrt, kann sich nicht auf unseren Glauben berufen. Shekau ist kein islamischer Führer."
Am vorigen Donnerstag marschierten die Aktivisten der #BringBackOurGirls-Kampagne zur Präsidentenvilla in Abuja, um gegen den Staatschef zu protestieren. Auch Yanga Gapani, 40, ist an diesem Tag unter den Demonstranten. Der bullige Mann trägt eines der knallroten T-Shirts, die die Organisatoren verteilt haben. Er stammt aus Chibok, neun Mädchen aus seiner Familie sind in der Gewalt von Boko Haram. Er nennt sie beim Namen: Haratu, Ishaku, Esther ... Alle sind zwischen 16 und 18 Jahre alt.
Gapani unterstützte sie finanziell und zahlte das Schulgeld, als Buchhalter hat er in der Hauptstadt ein geregeltes Einkommen. Einige Wochen vor der Entführung sprach er zum letzten Mal mit einer seiner Nichten. "Onkel, ich brauche wieder Süßes", bettelte sie am Telefon.
"Unsere Herzen bluten, und unsere Augen sind voller Tränen", sagt Gapani, "aber wir geben die Hoffnung niemals auf." Vor Kurzem sah er das Video, in dem die Terroristen über hundert angeblich zum Islam bekehrte Mädchen in grauen Hidschabs vorführten. Er studierte ihre Gesichter, und er erkannte seine Nichte - Tabitha, die früher so fröhlich war.
Von Bartholomäus Grill und Toby Selander

DER SPIEGEL 22/2014
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