26.05.2014

PolenMr. Perfect aus Warschau

In der Ukraine-Krise hat Außenminister Sikorski zu seiner Rolle gefunden. Er kritisiert die Zögerlichkeit des Westens und fordert mehr Druck auf Moskau.
Der Außenminister klopft auf die Karteikarten, die vor ihm auf dem Tisch liegen, und beginnt zu sprechen. Er ist nervös, das englische "th" gerät ihm zum D, die R rollen ein wenig zu sehr. Von Freundschaft spricht Andrij Deschtschyzja, der Außenminister der ukrainischen Übergangsregierung. Davon, dass es gut sei, einen Nachbarn zu haben, der "uns versteht". Es sind höfliche Worte.
Ihm gegenüber sitzt sein polnischer Kollege Radoslaw Sikorski. Er wartet geduldig, bis der Ukrainer fertig ist. "In der Armut erkennst du, wer wirklich dein Freund ist", zitiert er dann ein altes polnisches Sprichwort. Und, ja, die Polen seien Freunde der Ukraine, mehr noch: "Wir sind strategische Partner."
Sikorski ist das Gegenteil seines Gesprächspartners: Er spricht perfekt Englisch, schließlich hat er in Oxford studiert. Und er weiß genau, was er will. Er fordert Reformen, Kiew müsse die Korruption bekämpfen, die Grenzkontrollen verbessern und alles tun, damit es in der Ostukraine kein Blutvergießen gibt. Und, setzt er dann noch nach, die Regierung solle doch bitte die Einfuhrbeschränkungen für polnische Produkte aufheben.
Radoslaw Sikorski, 51 Jahre alt, Außenminister seit 2007, Ehemann der US-amerikanischen Historikerin und Publizistin Anne Applebaum, spielt spätestens seit Beginn der Ukraine-Krise eine neue Rolle in der EU-Ostpolitik. Früher als alle anderen hat er gewarnt, in der Ukraine werde sich die Zukunft Europas entscheiden. Gehört haben sie nicht auf ihn, nicht die Franzosen, die sich mehr für das Mittelmeer interessierten; und auch nicht die Deutschen, die gefangen waren in ihrem Bemühen, gute Beziehungen zu Russland aufrechtzuerhalten.
Aber Sikorski hat recht behalten. Und dieser Mann, der einst nicht in seine Heimat zurückkehren konnte, weil die Kommunisten das Kriegsrecht verhängt hatten, will nun verhindern, dass sich der Schatten eines neosowjetischen Reichs über Osteuropa legt. Deshalb ist die Ukraine nun Sikorskis wichtigste Mission. Seit Wochen ist er Dauergast in Kiew. Mal allein, mal mit seinen Kollegen Frank-Walter Steinmeier und Laurent Fabius jettet er zwischen Brüssel, Berlin, Warschau und Kiew hin und her. Im Februar hat er mit ihnen zwischen den alten Machthabern und den Bürgern auf dem Maidan vermittelt, er hat sich im Maßanzug in verrauchte Zelte gewagt, ist mit seiner Limousine durch Kiew gefahren, auf der Suche nach Präsident Wiktor Janukowytsch. Er handelte damals einen Kompromiss aus, der das Chaos in Kiew beenden sollte - und musste zusehen, wie diese Einigung binnen 24 Stunden hinfällig wurde.
Jetzt hofft Sikorski, dass sich ein Bürgerkrieg noch abwenden lässt. Vor allem aber hofft er, dass Nato und EU den russischen Präsidenten Wladimir Putin endlich nicht mehr so zaghaft und zögerlich behandeln wie bisher. Sondern ihn in seine Schranken weisen, notfalls auch, indem sie militärisch drohen.
Vielen Polen gefällt das entschiedene Auftreten ihres Außenministers in dieser Krise. Das Warschauer Magazin Newsweek Polska lobte, mit Sikorski betreibe Polen endlich Realpolitik in Europa. Seine Vorgänger dagegen hätten die Interessen des Landes immer in der Rolle des Opfers vertreten, das an die Moral und das schlechte Gewissen der Nachbarn appelliert. Vielleicht hatte Sikorski es aber auch leichter als sie, denn er trat sein Amt an, als die Folgen der europäischen Teilung bereits überwunden waren: 1999 trat Polen der Nato bei, 2004 der EU.
Schon als Schüler engagierte Sikorski sich im antikommunistischen Widerstand. Als die Kommunisten 1981 die Solidarnoś ć-Bewegung niederschlugen, das Kriegsrecht verhängten und Tausende polnische Oppositionelle internierten, war er gerade in Großbritannien. Er blieb dort, studierte in Oxford Philosophie, Politik und Wirtschaftswissenschaften.
Danach arbeitete er als Journalist, berichtete für britische Magazine und Zeitungen aus Afghanistan, begleitete die Mudschahidin monatelang beim Kampf gegen die Sowjetarmee. Er fotografierte auch; für eines seiner Fotos wurde er mit dem World Press Photo Award ausgezeichnet.
Doch nur zu beschreiben, das reichte Sikorski bald nicht mehr. Er wollte mitentscheiden, Dinge verändern. In den Neunzigerjahren ging er in die Politik und wurde stellvertretender Verteidigungsminister. Er setzte sich dafür ein, dass Polen kein Mitglied zweiter Klasse in der Nato wurde. Was Sikorski vor allem stört: Die Nato unterhält keine Militärbasen auf dem polnischen Territorium; jedoch gibt es für Polen Verpflichtungen bei Auslandseinsätzen, wie etwa in Jugoslawien.
Dieses Problem beschäftigt ihn bis heute. Die Nato habe "die Ostflanke sträflich vernachlässigt", sagte er unlängst. Weil das Bündnis russische Empfindlichkeiten nicht verletzen wollte, habe es darauf verzichtet, etwa im Baltikum oder in Polen Militärstützpunkte zu errichten.
Russland, so glaubt Sikorski, verstehe diese Rücksichtnahme als Zeichen der Schwäche. In der Ukraine habe Moskau nun getestet, wie weit man gehen könne. Sikorski misstraut Russland zutiefst, wie so viele, die während des Kommunismus aufwuchsen. Die Haltung Berlins hält er für zu nachgiebig, seit Langem ist sie ein Streitpunkt zwischen Berlin und Warschau.
"Die Rote Armee wurde durch eine große Zahl amerikanischer Soldaten, Waffen, Panzer und Nuklearwaffen abgeschreckt. Mit Diplomatie hatte das nichts zu tun." Dieser Satz stammt nicht von ihm, sondern von seiner Frau Anne Applebaum. Sie, so sagen Vertraute, inspiriere seine außenpolitischen Konzepte und Strategien.
Die Historikerin ist eine ausgezeichnete Kennerin der sowjetischen Geschichte. Für ihr Buch "Der Gulag" erhielt sie den Pulitzer-Preis. Unter dem Titel "Der Eiserne Vorhang" beschreibt sie in ihrem jüngsten Buch die Frühzeit des Ostblocks und die Methoden totalitärer Systeme.
Der Eiserne Vorhang sei nur gefallen, so glaubt sie, weil sich der Westen militärisch stärker als der Osten erwiesen habe - und weniger, weil die deutsche Ostpolitik so erfolgreich gewesen wäre. Diese Einschätzung teilen beide, der Außenminister und die Historikerin. Deshalb sei es auch heute falsch, sagt Sikorski, wenn Berlin zögere, Putins Russland mit harten Sanktionen zu treffen.
Das polnisch-amerikanische Paar lernte sich 1989 kennen. Radoslaw Sikorski war gerade nach Polen zurückgekehrt, und an diesem 10. November sollte Helmut Kohl in Warschau vor der Presse sprechen. Doch nachdem die DDR am Abend zuvor die Mauer geöffnet hatte, war der Bundeskanzler sofort zurückgereist. Die Journalisten Sikorski und Applebaum warteten vergebens im Pressezentrum auf ihn, dann beschlossen sie, nach Berlin zu fahren. "Neun Stunden auf schlechten Straßen in meinem unglaublich kleinen Daihatsu", erinnert sich Applebaum.
Inzwischen sind die beiden das Glamourpaar der polnischen Politik. Sie haben zwei Kinder und leben auf einem Gut bei Bydgoszcz, einem der wichtigsten polnischen Industriezentren. Das weiße Herrenhaus hat Säulen vor dem Eingang und ist von einem Park umgeben.
In Polen ist Anne Applebaum indes weniger bekannt für ihre politischen Werke, eher durch ein Kochbuch, das sie verfasste - mit polnischen Gerichten.
Als Sikorski vor einem Jahr seinen 50. Geburtstag feierte, war unter den Gästen auch die Schauspielerin Olivia Williams, eine Exfreundin von Sikorski, die unter anderem in "Ghostwriter" mitgespielt hat, unter der Regie von Roman Polanski. Ihr habe damals der ehrgeizige Student gut gefallen, sagte Williams einem polnischen Frauenmagazin.
Doch Sikorskis Weltläufigkeit, sein geschliffenes Englisch und die intellektuelle Ehefrau lassen ihn für viele Polen abgehoben erscheinen.
Vor drei Jahren bewarb er sich für das Präsidentenamt. In einer Kampfabstimmung wählte seine Partei, die konservativ-liberale Bürgerplattform, dann aber mit großer Mehrheit Bronislaw Komorowski zu ihrem Kandidaten. Einen Mann, bei dem "man zu Hause immer mit einem Teller warme Suppe" rechnen könne, schrieb eine Warschauer Zeitung. Da kann Sikorski, eher britisch kühl, nicht mithalten.
Seine Zukunft sieht er daher in einem internationalen Spitzenamt: Der Posten des Nato-Generalsekretärs würde ihm zusagen. Die Aussichten sind nicht schlecht, ein Osteuropäer wäre mal dran, 15 Jahre nachdem Polen, Tschechen und Ungarn dem Nordatlantik-Pakt beigetreten sind. Für die Amerikaner wäre Sikorski wohl ein akzeptabler Bewerber. Von 2002 bis 2005 war er einer der Direktoren des American Enterprise Institute in Washington, eines der wichtigsten Thinktanks der Konservativen.
Trotz aller beruflichen und privaten Nähe ist Sikorski jedoch kein blinder Bewunderer der USA. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit erklärte der Minister, Polen habe von Washington zu wenig Gegenleistungen für sein Engagement im Irak erhalten. Dort hat das Land eine eigene Besatzungszone verwaltet. Und er kritisierte, dass Präsident Barack Obama die Pläne für ein Raketenabwehrsystem in Osteuropa zurückgezogen hat.
Sehr früh erkannte er, dass Europa für die USA, im Vergleich zum pazifischen Raum oder zum Nahen Osten, immer unwichtiger wird. Deshalb forderte er vor drei Jahren, Berlin müsse mehr Führung zeigen. Die größte Bedrohung Polens gehe heute "nicht von deutschen Panzern" aus, sondern vom drohenden "Kollaps der Eurozone". Das waren revolutionäre Sätze, aus dem Mund eines Polen.
In Kiew gilt es nun, eine andere Gefahr abzuwenden, wieder einmal muss Sikorski vermitteln. Seine Wagenkolonne rast am Maidan vorbei. Der nahe Präsidentenpalast wird von schwer bewaffneten Polizisten bewacht. Vor dem Gebäude demonstrieren ein paar Hundert Menschen. Sie schwenken ukrainische Flaggen, in Sprechchören fordern sie, der Westen dürfe ihr Land nicht im Stich lassen.
Sikorski steigt aus, winkt und schreitet die Treppe hoch. Polen, das ist jetzt der Westen.
Von Jan Puhl

DER SPIEGEL 22/2014
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