26.05.2014

IdolePeter Pan spricht mit Gott

Pelé ist die größte Legende des Fußballs. In seiner Heimat wird der einstige Wunderstürmer aber kaum mehr ernst genommen. Er redet zu oft Politikern nach dem Mund und ist sich für keine Werbekampagne zu schade.
Ein Fernsehinterview mit Pelé soll 50 000 Dollar kosten. Bereits für 2500 Dollar kann sich der Fragesteller filmen und später mit Pelé zusammenschneiden lassen. Für schreibende Journalisten gibt es die Möglichkeit, fünf Fragen an eine PR-Firma zu schicken und auf eine Datei mit Pelés Antworten zu warten. Dieses Angebot gibt es schon ab 250 Dollar. Ein Schnäppchen.
Das sind die Fragen:
Findet in Brasilien die letzte klassische Fußballweltmeisterschaft statt?
Werden die Bürger seines Landes die Weltbühne für große Proteste nutzen?
Ist Pelé inzwischen mehr Amerikaner als Brasilianer?
Er schreibt ja auch Lieder. Was ist das beste Lied, das er jemals komponiert hat?
Werden die im Bau befindlichen Stadien und Pelé-Museen bis zur WM fertig?
Nach einer Woche kommen die Antworten als Videodatei. Pelé, 73, sitzt in dem Video vor einer blauen Wand, er sieht müde aus und hat ein Buch in der Hand. Dann beginnt er zu sprechen. Er sagt: Die WM ist nicht nur für Brasilien wichtig, sondern für die ganze Welt. Fußball ist Fußball. Politik ist Politik. Fußball ist eine Weltfamilie, alle spielen Fußball. Russland ist erfahren und weiß, was es tut. Ich zähle nicht die Tage. Ich reise viel, ich lebe praktisch im Flugzeug. Ich danke Gott für das Geschenk, Fußball spielen zu können. Musik ist Freizeit. Manchmal sage ich aber auch, scherzhaft, es ist andersrum. Wenn Gott mich lässt, werde ich es erleben. Pelé wird eines Tages gehen, die Erinnerung bleibt.
Am Ende lacht er kurz, dann geht das Licht aus.
Das Interessante ist: Man kann Fragen und Antworten wahllos mischen, ohne einen Unterschied zu bemerken. Vielleicht ist es ein Prinzip der Unverbindlichkeit. Vielleicht ist es aber auch das, was übrig geblieben ist. Fußball ist Fußball. Die Quintessenz seiner Lebenserzählung. Das Leben ist schön. Pelé ist vor 37 Jahren zurückgetreten, möchte aber immer weiterspielen. Seine kindliche Begeisterung ist ungebrochen. Er hat seit 58 Jahren denselben Friseur. Er will sich von Problemen nicht den Spaß verderben lassen. Pelé ist der Peter Pan des Weltfußballs.
Gerade hat er ein neues Buch veröffentlicht, es heißt: "Warum Fußball wichtig ist." Auf dem Buchumschlag sieht er aus wie Ende dreißig.
Die Buchpräsentation findet in New York statt, bei Barnes & Noble auf der Fifth Avenue. Auf der Straße warten Fans und Reporter, aber Pelé kommt durch die Tiefgarage. Es ist seit Jahren sein Weg in die Öffentlichkeit. Irgendwo auf der Welt öffnen sich Fahrstuhltüren, und Pelé knipst sein Lächeln an.
Die Türen öffnen sich im zweiten Stock des Buchkaufhauses, links und rechts neben Pelé stehen zwei Manager der Agentur Legends 10. Die Agentur sitzt in einer großen, gläsernen Suite am Times Square, hat Dependancen in Europa und Südamerika, aber nur einen Klienten. Pelé. An den Schreibtischen des New Yorker Hauptquartiers sitzen junge, schöne Menschen verschiedener Hautfarben, die aussehen, als wären sie für ein Broadway-Musical gecastet worden, an den Wänden hängen große Schwarz-Weiß-Porträts von Pelé. Die 10 in Legends 10 steht für Pelés Rückennummer. Seine beiden Begleiter könnten Pelés Enkel sein, verhalten sich aber wie seine Eltern. Sie steuern ihn zwischen den Bücherregalen hindurch.
Kurz vor dem Signiertisch, hinter einer Trennwand, warten Überraschungsgäste, Pelés Tochter Kelly, ein Fußballer namens Wilson, der mal in Belo Horizonte spielte und heute ein Sportgeschäft auf der Upper East Side hat, Wilsons Frau und Kinder, eine befreundete Reporterin und deren Kinder. Pelé ist eine Stunde zu spät. Die Frauen sehen müde aus, die Kinder quengeln. Es erinnert an den Warteraum einer Notaufnahme. Pelé steuert auf die Menschen zu wie ein Verdurstender. Er streichelt die Frauen und küsst die Kinder. Seine Agenten schauen die fremden Leute an wie exotische Tiere.
In diesen Momenten der Verwirrung hat man die Gelegenheit, Pelé eine kostenlose Frage zu stellen. Was sagt er zum Spiel des FC Barcelona, das an diesem Nachmittag stattgefunden hat? Pelé schaut erstaunt.
"Keine Zeit für Fernsehen", sagt er.
Neymar, der einst für den FC Santos spielte wie er, hat ein Tor geschossen.
"Gut", sagt Pelé. Eine Frau hält ihm ihr Kind hin, als sollte er es segnen. Pelé küsst dem Baby auf die Stirn.
Dann zerren sie ihn weg an den Signiertisch. Pelé sitzt da für zwei Stunden und schreibt mit dickem Filzstift seinen Namenskringel in die Bücher. Es sieht eher aus wie das Logo eines Produkts als wie eine Unterschrift, was kein Zufall ist. Pelé ist zu einer Marke geworden. Sie steht für Brasilien, für Aufstieg, Lebensfreude, Leichtigkeit. Damit kann man alles bewerben. Politik und Produkte. Sein Land hat ihn zum Sonderbotschafter der Fußballweltmeisterschaft gemacht, seine Agentur zum Markenbotschafter für Coca-Cola. Für Santander. Für Emirates. Für Carrefour, Vivo, Volkswagen und Procter & Gamble.
Vor einigen Wochen war er in Rio de Janeiro, um ein Geschäft der Schweizer Uhrenfirma Hublot zu eröffnen. Er kam direkt aus New York, wo er gerade einen Auftritt für die Fast-Food-Kette Subway hatte. Pelé macht ja alles, Luxusuhren und Drei-Dollar-Sandwiches.
Die Firma Hublot will Südamerika erobern. Ihr erster Laden liegt in einer Shoppingmall in São Conrado, am Rande der Stadt, genau neben einer der größten Favelas. Die heißt Rocinha und klebt am Berg wie ein Wespennest. Über 80 000 Menschen sollen hier leben. Die Mall ist vor ihnen gesichert wie die Bank von England.
Eine knappe Stunde später als angekündigt hinkt Pelé auf den roten Teppich. Er hatte eine Hüftoperation und setzt jeden Schritt so vorsichtig, als beträte er dünnes Eis.
Würde er denn den Anstoß zur Weltmeisterschaft schaffen?
Pelé sagt: "Wenn ich mit rechts nicht schießen kann, schieße ich mit links. Und wenn beide Beine nicht mehr wollen, köpfe ich die WM an."
Von hinten nähert sich ein dicker Mann, mit schütterem, etwas zu langem Haar. Der Hublot-Chef. Er hat die Pelé-Uhr dabei. Sie hat einen kleinen Fußball auf dem Ziffernblatt und kostet etwa 20 000 Dollar. Hublot ist auch der offizielle Zeitnehmer der WM. Pelé verschwindet kurz im Geschäft, sein lachender Kopf im Schaufenster. Er hält die Uhr wie ein Lehrling.
Nur Fragen zur Uhr, sagt das Management von Legends 10.
Die Journalisten nicken, vielleicht sind es gar keine richtigen Journalisten.
Einer fragt: "Ist denn Hublot mit dieser Uhr schon Weltmeister?"
Pelé lächelt und sagt: "Ich hoffe." Der Hublot-Chef schaut ihn an wie ein Kind, das sein Weihnachtsgedicht aufsagt. Pelés Lider senken sich, sie hängen schwer über den Augen. Er knickt die Hüfte ein, das Stehen fällt schwer. Er lächelt, als habe er Schmerzen. Er dankt Gott dafür, dass er hier sein kann. "Bei meiner Mannschaft."
Dann schieben ihn die Manager in Richtung Tiefgarage. Ein Kamerateam verfolgt ihn, die Reporterin hat lange blonde Haare. "Pelé!", ruft sie. "Pelé!" Das Management schubst, aber Pelé bleibt stehen. Er ist ein höflicher Mann. Die Reporterin fragt nicht nach der Uhr. Pelé sagt, dass ihn der Zustand der Stadien beunruhige. Aber man solle Politik und Fußball voneinander trennen. "Brasilien hat zwei wichtige Ereignisse vor sich. Die WM und Olympia. Bitte macht diese Momente nicht kaputt."
Einer der Legends-10-Leute sagt zum anderen: We gotta move him. So als wäre Pelé ein Möbelstück. Pelé sagt noch: "Lasst den Fußball Fußball sein." Dann bewegen sie ihn weiter. In den nächsten Tagen wird er im Auftrag von Coca-Cola nach Kairo fliegen.
Am Ende steht nur noch ein großer schlanker Mann auf dem Teppich. Das ist Gustavo Kuerten, der berühmteste brasilianische Tennisspieler. Er hat dreimal die French Open gewonnen. Er ist ebenfalls Markenbotschafter von Hublot, aber er hat keine Lust, nur über Uhren zu reden.
"Pelé ist ein Held. Er hat seine Meinung, die ich respektiere. Ich habe meine", sagt Gustavo Kuerten.
"Die Zeit, in der man Brasilianer mit Fußball beruhigen konnte, ist vorbei. Unserer Regierung kann und darf man nicht vertrauen. Sie ist korrupt, selbstsüchtig, unzuverlässig. Brasiliens Wirtschaft hat in den letzten Jahren viel Geld verdient, aber der öffentliche Transport, das Gesundheitswesen und die Bildung liegen am Boden. Die Menschen haben den Confed Cup genutzt, um auf unsere Probleme aufmerksam zu machen. Sie werden das bei der WM fortsetzen. Und ich begrüße das. Als Brasilianer kann man nicht stolz sein auf sein Land."
Wenn Pelé über Fußball und Brasilien spricht, spricht er über schöne Erinnerungen. Es ist Abend in Rio de Janeiro. Er sitzt in einem Hotelzimmer in Ipanema. Er trägt einen schwarzen Rollkragenpullover unter einem schwarzen Anzug, auf der Brust eine goldene Kette mit Kruzifix. Pelé sieht aus wie ein Wanderprediger, und er klingt auch so. Er spricht von seinen drei Weltmeistertiteln und dem 1000. Tor. Hunderttausend Leute im Maracanã in Rio. Ausgerechnet ein Elfmeter. Er dachte zunächst, dass ein Elfmeter kein gutes 1000. Tor wäre.
Aber inzwischen weiß er: "Gott hat das Spiel angehalten. Damit die Welt zuschauen kann."
Zehn Zuhörer sitzen vor ihm wie seine Messdiener. Man sitzt dabei und unterbricht ihn nicht, weil man das Gefühl hat, es gehöre sich nicht. Er habe gestern Nacht mit Gott gesprochen, sagt Pelé. Sie hätten über die anstehende WM geredet. Die Spanier sind gut, die Deutschen auch, man muss immer mit den Argentiniern rechnen. Aber natürlich hofft Pelé auf Brasilien. Er hat eine Wohnung in Manhattan, ein Haus in den Hamptons, aber seine Herzen sind in Brasilien. Alle. Er hat drei.
"Meine Geburtsstadt ist Três Corações, das heißt drei Herzen. Und ich habe drei Herzen in meiner Brust", sagt Pelé. "Meinen Heimatort, den FC Santos und das Maracanã."
Wer die Orte besucht, die er im Herzen trägt, fühlt, dass Pelé bereits eine historische Figur ist, zu Stein erstarrt. Der Mann hinter dem Namen lebt zwar noch, kann aber nichts mehr ändern.
Sein Name steht auf dem Ortseingangsschild seiner Heimatstadt. Mitten im Zentrum gibt es ein Denkmal. Ein Junge reckt den Weltpokal in die Höhe. An den Seiten: Plaketten mit den Namen der drei Weltmeistermannschaften. 1958, 1962, 1970. Ein paar Ecken weiter steht sein Geburtshaus. Die Straße heißt heute Rua Edson Arantes do Nascimento. So wie Pelé. Es gibt sein Babybett, seine erste Strickjacke, die Küche, den Esstisch, Familienfotos, ein Bild der Fußballmannschaft seines Vaters. Im Garten steht ein Denkmal: Pelés Mutter Dona Celeste sitzt im Schatten eines Baumes. Sie ist schwanger. Mit Pelé. Ihr Bauch hat die Form eines Fußballs.
Beim FC Santos gibt es Führungen bis in die Umkleidekabine. Pelés Spind ist nach seinem letzten Spiel versiegelt worden. Leute in Pelé-Trikot stehen vor der schmalen Holztür wie vor der Himmelspforte. Oben unterm Dach gibt es eine Ehrenloge für Pelé, sein Platz bleibt immer frei. Aber Pelé ist kaum da. Im Bauch des Maracanã-Stadions in Rio steht ein Teil des Tores, in das Pelé sein 1000. Tor schoss. Zwei Holzlatten und ein Stück Netz. Aber
bei den Führungen durch das Stadion, in dem das Finale der Fußball-WM ausgetragen wird, reden sie mehr über Garrincha als über Pelé. Garrincha, der krummbeinige Flügelstürmer, der sich tottrank, bevor er 50 war. Sie nennen ihn Freude des Volkes.
"Die Brasilianer verehren Pelé. Garrincha aber lieben sie", sagt Juca Kfouri, der berühmteste brasilianische Fußballreporter. Kfouri, 64, wohnt in einem Penthouse über São Paulo und erklärt der Welt den brasilianischen Fußball. Er hat immer noch volle, dunkle Locken, raucht aber nur noch eine Zigarre pro Tag. Höchstens zwei.
Er hat Pelé das erste Mal spielen sehen, als er zehn war. Es war ein Länderspiel gegen die verdammten Argentinier, und Brasilien gewann 5:1. Es wurde Kfouris Erweckungserlebnis. Er wurde Sportreporter, Chefredakteur, Experte, eine Berühmtheit. Irgendwann lernte er Pelé kennen. Sie wurden Freunde. Pelé schenkte ihm eine Uhr.
"Hol mal die Uhr, Rita", ruft Juca Kfouri seiner Assistentin zu.
Rita bringt die Uhr.
"Für meinen Bruder mit großem Dank, Dein Bruder Edson-Pelé", steht auf der Uhr. Sie ist ein Unikat. Kfouri streicht mit dem Daumen über die Gravur. Als der Staatspräsident Fernando Henrique Cardoso einen Sportminister suchte, riet ihm Kfouri: Nimm Pelé. Pelé war kein schlechter Minister, er wollte die Korruption im brasilianischen Fußball bekämpfen, aber irgendwann um die Jahrtausendwende, so sagt Kfouri, machte er einen Deal mit dem Fußballverband und Nike. Das verzeiht er ihm nie. Als Pelé ihn fragte, ob er seine Autobiografie schreiben wolle, sagte Kfouri Nein.
Seitdem haben sie kaum noch Kontakt. Vor ein paar Jahren hat Pelé ihm einen Brief geschrieben, den Rita bringt. Er ist in Plastikfolie geschweißt. Brüder streiten sich manchmal, schreibt Pelé, aus Eifersucht. Und aus Liebe. Einige vergeben sich, andere nicht. Dann beschwert er sich noch, dass Kfouri nie was zu den Liedern gesagt hat, die er ihm schickte. Lieder, die Pelé selbst geschrieben hatte.
"Er sieht sich in einer Reihe mit Beethoven und Picasso", sagt Kfouri. "Und er redet ständig mit Gott. Er hat den Kontakt zum wirklichen Leben verloren."
Kfouri ist umgeben von Dingen, die ihn an Pelé erinnern. Er fühlt sich keinem Fußballer so nah wie ihm. Aber seit ihrem Streit ist ihm aufgefallen, dass Pelé sich immer schon mit den Mächtigen arrangiert hat.
"Er war Teil des politischen Systems", sagt Kfouri. "Auch in den Zeiten der Diktatur. Sie haben ihn benutzt. Die Generäle haben ihn mehr oder weniger verpflichtet, zur Weltmeisterschaft nach Mexiko zu fahren. Pelé hatte eigentlich bereits aufgehört. Und dann hat ihn die Präsidentin zum WM-Botschafter gemacht, damit sie nicht mit dem Organisationschef reden musste, der ein Kollaborateur der Diktatoren war. Pelé ist ein Werkzeug. Das spüren die Leute. Er wird in der Welt mehr verehrt als in Brasilien."
Ein paar Wochen bevor die Weltmeisterschaft beginnt, wird Pelé auf Long Island zum Doktor gemacht. Er hat bereits die Ehrendoktorwürde der Universität von Edinburgh, jetzt kommt die der Hofstra University hinzu.
Im Theatersaal der Universität warten Leute in Abendgarderobe auf den Ehrengast. Ein Streichquartett spielt, die Klimaanlage bläst. Nach einer Dreiviertelstunde sagt jemand: "Pelé verspätet sich. Wir zeigen seine schönsten Tore."
Auf der Leinwand laufen alte Filmaufnahmen in Schwarz-Weiß. Einige sehen aus, als würden sie bald zerfallen. Wie Bilder von Fußballspielen auf dem Mond, auch was das Tempo angeht. Man sieht einen Jungen durch Abwehrreihen tanzen wie einen jungen Hund. Alle neben ihm wirken hüftsteif, atemlos und alt. In einer Szene tunnelt er Franz Beckenbauer, in einer anderen spielt er einen Doppelpass mit seinem Gegenspieler, er schießt ihn an wie eine Wand. Der Ball klebt ihm am Fuß, er läuft mit ihm in eine Traube von Abwehrspielern und hat ihn auf der anderen Seite der Mauer immer noch. Sie haben ihn mit einem Gott verglichen, und wenn man die Bilder sieht, ahnt man, warum.
Die Menschen im Saal warten anderthalb Stunden auf dieses Wunderkind, ohne zu murren. Als Pelé hereingeführt wird, stehen sie auf und klatschen. Er trägt ein violettes Gewand. Stuart Rabinowitz, Präsident der Universität, spricht die Laudatio. Er würdigt die sozialen, kulturellen und ökonomischen Verdienste Pelés.
Dann bittet er "Doktor Pelé" ans Podium. Es wird an diesem Abend noch oft von "Doktor Pelé" die Rede sein. Es klingt immer ein wenig belustigt, so als bestaunte man einen sprechenden Hund.
Pelé humpelt ans Mikrofon. Er entschuldigt sich für sein Englisch. Er bedankt sich bei Gott. Er erwähnt seine Familie und seine drei WM-Titel. Er sagt: "Pelé ist ein guter Freund. Ich könnte euch den ganzen Abend Geschichten von meinem Freund Pelé erzählen."
Das klingt rätselhaft und ein bisschen unheimlich, macht aber nichts. Die Menschen im Saal jubeln. Pelé könnte dazu aufrufen, die Sklaverei wieder einzuführen. Sie würden klatschen. Es ist der Preis einer Legende. Sie wird nicht mehr ernst genommen. Man kann heute das sagen und morgen das. Pelé wird oft eingeladen, um irgendetwas einzuweihen, auszulosen oder entgegenzunehmen, und manchmal wird er etwas gefragt. Zuletzt sollte er sich zu den weltweiten Solidaritätsbekundungen für den Fußballer Dani Alves äußern, der bei einem Spiel von einem rassistischen Fan mit einer Banane beworfen wurde. Pelé fand, dass darum viel zu viel Wind gemacht werde.
"Zu meiner Zeit haben sie mit ganz anderen Sachen geworfen. Unter anderem mit Stachelannonen", sagte er.
In Deutschland wurde das pflichtgemäß vermeldet, mit der Ergänzung, dass die Stachelannone eine südamerikanische Pflanze mit stacheligen Früchten ist, die bei uns auch Sauersack genannt wird.
Am Abend, nach zwei Stunden Ruhe, muss Pelé noch mal bei einem Galadiner erscheinen. Er sitzt am Tisch Nummer 10. Neben ihm der Chef seiner Agentur Legends 10, ein dicker weißer Mann. Pelé hatte zwei weiße Frauen, er hat ein Haus in den Hamptons und einen weißen Manager. Jetzt ist er Doktor an einer weißen Universität auf Long Island.
Arnold Ramirez, der drei Tische weiter Platz genommen hat, sagt, Pelé gehöre dem Mann, der neben ihm sitzt.
"Er hat ihn gekauft", sagt er.
Ramirez hat in den Achtzigerjahren zusammen mit Pelé Nachwuchscamps für Pepsi-Cola durchgeführt. Er ist einer der Tausenden entfernten Bekannten, die ein Star wie Pelé in seinem Leben ansammelt. Beim Stehempfang hat Arnold Ramirez bereits ein paar Gläser Wein getrunken, sein Gesicht glüht, jetzt versucht er, Blickkontakt zu Pelé herzustellen. Er würde ihm gern zuwinken. Aber Pelé schaut zur Bühne, wo die Reden begonnen haben.
Ein Professor gesteht, dass er als Kind eine Pelé-Stullentasche hatte, die er nie weggeworfen hat, ein Vertreter des brasilianischen Konsulats von New York deutet die Schwierigkeiten seines Landes an, die mit Fußball nicht zu kaschieren sind, ein ehemaliger Mitspieler von Cosmos erinnert sich, wie Pelé zum Abschluss seiner Zeit in New York dem ausverkauften Stadion nur drei Worte zurief: Love. Love. Love.
Als Höhepunkt erscheint Pelé am Pult, entschuldigt sich für sein schlechtes Englisch, bedankt sich bei Gott und erzählt von seinen drei Weltmeistertiteln und den drei Herzen.
Dann verabschiedet er sich und hinkt, eskortiert von seinem Management, auf den Fahrstuhl zur Tiefgarage der Universität zu. Der Saal erhebt sich und applaudiert. Arnold Ramirez springt auf und rennt zum Ausgang. Er erreicht die Gruppe kurz vorm Aufzug. Das Management drängt ihn ab, aber er schafft es, Pelé an der Schulter zu berühren. Pelé dreht sich um. Sein Blick ist müde und leer. Ramirez drängt sich für ein Foto neben ihn. Pelé lächelt, vielleicht weil er den kleinen, aufgeregten Mann erkennt, vielleicht weil es erwartet wird. Dann schieben ihn die Manager in den Aufzug.
"Wir wussten nie, ob wir am nächsten Tag etwas zu essen haben würden. Und die Angst habe ich manchmal heute noch", schreibt Pelé im neuen Buch über seine Kindheit in Brasilien.
Als er das Haus verlässt, wird das Abendessen serviert. ■
Von Alexander Osang

DER SPIEGEL 22/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 22/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Idole:
Peter Pan spricht mit Gott

  • Medienberichte: Aufregung um rätselhaften "Blob" im Zoo von Paris
  • Lage in Nordsyrien: "Manchmal muss man sie ein bisschen kämpfen lassen"
  • Videoanalyse aus Brüssel: "Der Gipfel droht zum Frustgipfel zu werden"
  • Weltall-Tourismus: Virgin Galactic stellt Raumanzüge vor