26.05.2014

OrtsterminAmpelweibchen

In Berlin-Mitte berät das Bezirksparlament über geschlechtergerechte Verkehrssignale.
Am Abend wird das Bezirksparlament über den Antrag entscheiden. Am Nachmittag sitzt Martina Matischok-Yesilcimen in einem Straßencafé, zündet sich eine Zigarette an und sagt: "Es gibt natürlich wichtigere Themen."
Andererseits, sagt Martina Matischok-Yesilcimen, "möchte ich auch ein Zeichen setzen, wie der öffentliche Stadtraum geschlechtergerecht gestaltet werden kann".
Im Moment sei der Stadtraum in Berlin männlich dominiert, sagt sie. Auch durch Verkehrszeichen. Sie zeigt auf den Radweg, der am Café vorbeiführt. "Das Radfahrer-Symbol zum Beispiel. Oder der Motorradfahrer - alles Verkehrszeichen mit männlicher Figur. Die Frau geht hier total unter."
Martina Matischok-Yesilcimen ist 48 Jahre alt und Fraktionsvorsitzende der SPD im Bezirksparlament. Um die Geschlechtergerechtigkeit voranzubringen, stellte Matischok-Yesilcimen einen Antrag - den Tagesordnungspunkt "12.12 - Ampelzeichen im Bezirk Mitte".
Das klingt erst mal schlicht. Aber dahinter versteckt sich genderpolitischer Sprengstoff. "Seit einer Woche gebe ich Interviews. Russische Medien, amerikanische, die BBC. Alle haben angerufen." Die Berliner Presse natürlich auch. "Dabei ist mein Vorschlag doch logisch und naheliegend."
Tja, das ist die Frage. Matischok-Yesilcimen möchte in Berlin-Mitte die Ampelfrau einführen. Oder das Ampelweibchen. An diesem Donnerstagabend im Mai geht es im Bezirksparlament um einen ersten politischen Schritt in eine gerechtere Zukunft.
Bislang gibt es in Berlin nur das Ampelmännchen. Man erkennt es an seinem Herrenhut oder an der maskulinen Schnittform. Das Ampelmännchen ist sehr beliebt, es gibt in Berlin sogar Ampelmännchen-Läden mit Ampelmännchen-Souvenirs.
Immer wieder gerät das Ampelmännchen auch in große politische Zusammenhänge. Nach der Wende waren es erst die Ostdeutschen, die für die Erhaltung des ostdeutschen Ampelmännchens kämpften. Des Ampelmännchens mit Hut. Es ging, so hieß es, um die Bewahrung ostdeutscher Identität.
Jetzt geht es anscheinend um die weibliche Identität. Um Gendergerechtigkeit. Es ist erstaunlich, wie politisch so ein kleines deutsches Ampelmännchen doch ist.
Bevor der Antrag gestellt wurde, haben sie in der SPD-Fraktion diskutiert, erzählt Martina Matischok-Yesilcimen. Geschlechterpolitisch und auch sonst gab es einiges zu bedenken.
Zunächst dachte man an ein neues, geschlechtsneutrales Symbol für die Ampel. "Weil es ja mehr als zwei Geschlechter gibt", sagt Matischok-Yesilcimen. "Die Transgender sollen sich nicht ausgeschlossen fühlen." Eine Hand könnte ein neutrales Ampelzeichen sein, dachte man. So wie in New York City.
"Aber was für eine Hand?", fragt Martina Matischok-Yesilcimen. "Eine männliche Hand, eine weibliche Hand, eine Kinderhand? Es gibt auch behinderte Hände und Leute mit amputierten Händen." Das machte die Sache knifflig.
Ein Ampelsymbol aus Wörtern war eine weitere Möglichkeit. "Stop" und "Go". "Aber da darf man die Analphabeten nicht vergessen", sagt Matischok-Yesilcimen. Am Ende entschied man sich für die Ampelfrau in Ergänzung zum Ampelmännchen.
Andere Städte wie Bremen oder Sonthofen haben bereits die Ampelfrau. Es gibt also Erfahrungswerte, verkehrstechnisch.
Für die Berliner Ampelfrau hat Matischok-Yesilcimen allerdings ein paar optische Wünsche. "Eine moderne, selbstbewusste Frau sollte dargestellt werden. Sie trägt nicht unbedingt Zöpfe oder weite Röcke. Aber auch keinen Minirock oder High Heels. Das wäre kontraproduktiv."
Aber woran erkennt man die moderne, selbstbewusste Ampelfrau?
"An der Schrittlänge zum Beispiel."
Wer immer der Designer der Berliner Ampelfrau werden sollte, es wird sicher kein einfacher Job.
Auch über den passenden Namen hat man nachgedacht. Ampelfrau? Ampelfräulein? Ampelweibchen? Ampelin?
"Es gibt eine dominante männliche Sprache, aber man muss jetzt keine neuen Sachen erfinden. Ampelfrau ist okay."
Martina Matischok-Yesilcimen ist eine sehr freundliche Frau, und man möchte sie gern fragen, ob sie glaubt, dass ausgerechnet die Ampelfrau die Geschlechtergerechtigkeit nach vorn bringt. Oder ob am Ende nicht wieder alle die Köpfe schütteln und sagen: Leute, habt ihr keine echten Probleme?
Aber Matischok-Yesilcimen muss jetzt schnell los. Die Sitzung des Bezirksparlaments beginnt.
Man sieht ihr hinterher und denkt daran, dass die Bezirksparlamente von Mitte und Friedrichshain-Kreuzberg vor Kurzem die Einführung von Unisex-Toiletten in öffentlichen Gebäuden beschlossen haben. Auch dort ging es um Gendergerechtigkeit. In diesem Fall für Inter- und Transsexuelle. Es war sicher gut gemeint, aber am Ende wurde viel über die Toilettensache gelacht. Es war eher ein Gag als eine politische Botschaft.
Das ist leider das Problem mit einigen genderpolitischen Neuerungen. Sie wirken nicht wie ein Schritt nach vorn. Sondern wie ein Schritt ins Nichts.
Später, in der Sitzung des Bezirksparlaments, wird der Tagesordnungspunkt "Ampelzeichen im Bezirk Mitte" in den Ausschuss für "Gesundheit und Gleichstellung" überwiesen.
Zur weiteren Diskussion.
Von Jochen-Martin Gutsch

DER SPIEGEL 22/2014
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