02.06.2014

KarrierenKatja, die Grobe

Katja Kipping hat sich zur mächtigsten Frau in der Linken hochgearbeitet. Konkurrenten werden dafür gegeneinander ausgespielt oder abgeräumt - mit zweifelhaften Methoden.
Oben auf der Bühne im Berliner Velodrom singt eine Liedermacherin "Imagine". John Lennons Hymne aller Gutmenschen lässt auch die Parteivorsitzende Katja Kipping in der ersten Reihe mitwippen. Das Lied ist der Auftakt zum Bundesparteitag der Linken Anfang Mai. Kipping singt mit, beseelt und entspannt.
Es wird Kippings Parteitag werden. Sie steht vor dem nächsten großen Schritt ihrer Karriere, der Wiederwahl zur Vorsitzenden. Sie geht gut vorbereitet in dieses Treffen. Wie gut, erfahren die Genossen erst, als alles vorbei ist - und sie entsetzt auf die politischen Leichen blicken, die Kipping zurückgelassen hat. Wieder einmal.
Die junge Frau aus Sachsen mit den leuchtend roten Haaren hat einen rasanten Aufstieg zur mächtigsten Frau der Linken hingelegt. Kipping hat dabei ein klares Ziel vor Augen: Sie will Gregor Gysi, den 66-jährigen Fraktionsvorsitzenden als einst unumstrittenes Machtzentrum der Partei beerben.
Nach außen ist sie das fröhliche, frische Gesicht einer Partei, der noch immer das Image einer Versammlung übellauniger älterer Herren anhaftet. Intern haben viele Genossen schmerzhaft lernen müssen, dass die nette Kipping mit allen Wassern der klassischen Machtpolitik gewaschen ist. Geschickt spielt sie Konkurrenten gegeneinander aus, sie beherrscht das Prinzip "Teile und herrsche" genauso wie die klassische Intrige oder Günstlingswirtschaft: Katja, die Grobe.
Auf ihrem Weg nach ganz oben geht Kipping ebenso zielstrebig wie skrupellos zu Werke. Auf dem Parteitag führte sie einen wohlkalkulierten Schlag gegen den Reformerflügel der Partei, indem sie Schatzmeister Raju Sharma und den Europaexperten Dominic Heilig ausbremste - mit zweifelhaften Methoden.
Laut einer internen Vorlage hatte die Parteiführung schon im Vorfeld ein Szenario entwickeln lassen, um die Wiederwahl Sharmas zum Schatzmeister "im Falle einer konfliktorischen Auseinandersetzung" zu verhindern.
Das Papier dokumentiert eine Art Fahrplan, wie Kippings Wunschkandidat Thomas Nord durchgesetzt werden sollte, obwohl Sharmas Ruf in der Partei relativ gut sei, wie es darin heißt, und Nord eigentlich fachlich gar nicht qualifiziert sei. So sollten zum Beispiel "unverdächtige Landesschatzmeister" dazu gebracht werden, gegen Sharmas Kandidatur Widerspruch zu erzeugen.
Tatsächlich kam es auf dem Parteitag in Redebeiträgen zu mehreren rufschädigenden Andeutungen über Sharma. Nord thematisierte in seiner Vorstellungsrede ausführlich einen Konflikt im Vorstand, der frühere stellvertretende Vorsitzende Jan van Aken, wie Nord ein Kipping-Getreuer, sprach in Bezug auf Sharma sogar von "schmutziger Politik".
Diese Andeutungen reichten aus. Alarmierte Delegierte fragten sich: Hatte Sharma in die Kasse gegriffen? Das hatte zwar niemand direkt so behauptet, aber in der Politik reicht oft ein Gerücht.
Nach seiner Abwahl warf Sharma Kipping tief verletzt "Stil- und Kulturlosigkeit politischen Handelns" vor. "Ist das dein Verständnis einer solidarischen Debattenkultur?", fragte er in einem Brief. "Wolltest du nicht ,fragend voranschreiten' und die ,Kunst des Zuhörens' praktizieren?"
Das sind die zwei Gesichter der Katja Kipping, die inzwischen viele Genossen staunen und schaudern lassen: Sie bedient sich genau jener Methoden, die sie gleichzeitig im hohen moralischen Ton verurteilt. Genossen werfen Kipping Verlogenheit vor, beschreiben die Diskrepanz zwischen dem selbst formulierten Anspruch einer innerparteilichen Kultur des Miteinanders und der harten Machtpolitik.
Die Methode, nach der sie vorgeht, hat Kipping 2012 unfreiwillig in einer Podiumsdiskussion mit Oskar Lafontaine offenbart. Als junge Mutter lese sie ja jetzt öfter Märchen vor, sagte sie. Besonders gefalle ihr das Märchen vom tapferen Schneiderlein.
Als tapferes Schneiderlein kam Kipping vor zwei Jahren auf dem Parteitag in Göttingen an die Macht. Die beiden Riesen Oskar Lafontaine und Dietmar Bartsch lieferten sich damals im Vorfeld einen heftigen Kampf um den Vorsitz. Die Schlacht gipfelte in der legendären Rede Gysis über den Hass in der Fraktion. Der Partei drohte die Spaltung und damit ihr Ende. Doch die Krise der Linken war Kippings Chance: Sie präsentierte sich als "dritten Weg" im ewigen Kampf der Fundis und Realos, der beiden Riesen: Die zierliche Frau Kipping als versöhnende, friedliche Alternative. Sie gewann.
Seit diesem kleinen Meisterstück im Machiavellismus vergleichen einige Genossen Kipping mit der Kanzlerin. Die saß auch jahrelang unscheinbar mit den Mächtigen ihrer Partei an einem Tisch und sah zu, wie die sich gegenseitig bekämpften. In der tiefsten Krise wendete sie deren Methoden gegen die Männer - und übernahm den Laden. Die Parteifürsten in der CDU glaubten, das sei eine Übergangslösung. Bei Kipping glaubt das keiner mehr. Emsig arbeitet sie daran, das Machtzentrum der Linken von der ewig zerstrittenen Fraktion zu sich in die Parteizentrale zu verlagern.
Wenn die Fundis Revolution schreien und die Realos von Reformpolitik reden, steht Kipping dazwischen, paktiert mal mit den einen und mal mit den anderen und nennt das "Transformation". Ihr Fernziel ist eine neue, moderne Linke, sie will einen "neuen Sound", weg von der ewigen Besserwisserei, genährt aus Ostalgie und Hartz-IV-Interessenvertretung. Sie will eine Wohlfühlpartei. Ihr Lieblingsprojekt ist das "bedingungslose Grundeinkommen", das die Menschen vom Stress befreit und Zeit lässt für Lektüre, Rotwein und Tanz. Sozialismus mit menschlichem Antlitz. "Prager Frühling" heißt die Zeitschrift, in der sie diese Politik propagiert.
In Kontrast zu diesem menschlichen Antlitz steht allerdings der interne Umgangston im Karl-Liebknecht-Haus. So wurde beispielsweise vor der Bundestagswahl - jedenfalls von Mitarbeitern des Vorstandsbüros der LINKEN, Kipping selbst bestreitet jede Beteiligung und Kenntnis - schriftlich ein umstrittenes Konzept entwickelt. Unter der Überschrift "Führungspersonal, Prämissen, personelle No-Gos und zu schützende Personen" wird detalliert aufgelistet, wo Sympathisanten installiert und Widersacher entgültig entsorgt werden könnten. So heißt es unter "personelle No-Gos": "Die Fraktion darf nicht zur Reste-Rampe der Abgewählten oder Rausgeschmissenen werden." Sollten zum Beispiel die beiden Abgeordneten aus dem Realo-Lager Steffen Bockhahn und Halina Wawzyniak nicht wieder ins Parlament einziehen, so dürften diese "Versorgungsfälle" nicht etwa als Fraktionsmitarbeiter wieder irgendwo auftauchen. Auch der dritte Sprecher der Fraktionspressestelle sei "überflüssig".
Selbiges galt auch für den Mitarbeiter der Parteizentrale Mark Seibert, der den äußerst erfolgreichen Internetwahlkampf der Linken managte, aber nach der Wahl gehen musste. In einem Personalgespräch wurde ihm ein Dossier präsentiert, aus dem er schließen musste, dass er schon längere Zeit regelrecht von Kollegen beobachtet wurde, so wird es im Betriebsrat des Hauses erzählt. Seibert äußert sich dazu nicht. Über die Gründe und die Bedingungen des Auflösungsvertrags wurde Stillschweigen vereinbart. Kipping bestreitet, dass es in der Parteizentrale Dossiers über Mitarbeiter gebe.
Seibert, Wawzyniak, Bockhahn und andere stehen bei Kipping im Verdacht, als Anhänger von Dietmar Bartsch gegen ihren dritten Weg zu arbeiten. Bartsch und Sahra Wagenknecht sind auf Kippings Weg ihre härtesten Konkurrenten. Vorerst hat sich Kipping mit Wagenknecht verbündet. Sie benutzt die stellvertretende Fraktionsvorsitzende, um Schritt für Schritt die Demontage des letzten Alphatiers zu betreiben: Fraktionschef Gregor Gysi. Vor Vertrauten bezeichnet der Kipping als "eine politische Ich-AG".
Noch braucht Kipping Gysis Popularität für die Wahlkämpfe, gleichzeitig arbeitet sie schon systematisch gegen ihn. Einen ersten Stich versetzte sie ihm im vergangenen Jahr vor der Bundestagswahl. Gysi wollte gern alleiniger Spitzenkandidat werden. Kipping bastelte trotzdem ein sogenanntes achtköpfiges Kompetenzteam, streng nach Proporz von Ost und West, Mann und Frau und allen wichtigen Strömungen. Das Team wurde innerparteilich als "Gysi und die sieben Zwerge" verspottet. Tatsächlich aber machte es Gysi kleiner. Es war ein erstes Zupfen an der Mähne des Leitwolfs.
Seitdem befindet sich der Oberlinke in einem permanenten Abwehrkampf gegen Ansprüche von Sahra Wagenknecht, die dabei auf Kippings Unterstützung setzen kann. Kaum stand am Wahlabend fest, dass die krisengeschüttelte Linke es mit einem ordentlichen Ergebnis wieder in den Bundestag geschafft hatte, meldeten Wagenknechts Fans in der Fraktion stellvertretend für sie den Anspruch auf die Fraktionsführung an. Nur mit indirekten Rücktrittsdrohungen konnte Gysi ihre Wahl an seine Seite verhindern. Das Thema aber wird er nicht mehr los.
Den nächsten Stich setzte Kipping auf dem Parteitag Anfang Mai. Der forderte von der Bundestagsfraktion, bis zum Jahresende eine Doppelspitze zu installieren. Der erwünschte Effekt trat sofort ein: Gysi wird seitdem permanent danach gefragt, wann er denn nun endlich Wagenknecht an seine Seite aufsteigen lasse. Oder ganz aufhöre. Die stete Forderung untergräbt seine Autorität. "Im Kern", sagt ein Spitzengenosse, "hat Kipping Gysi ein Verfallsdatum auf die Stirn geklebt."
Die Arbeitsteilung zwischen Kipping und Wagenknecht funktioniert. Vorläufig. Kipping übernimmt die Partei, Wagenknecht will die Fraktion. Die Taktik dafür hat Kipping schon vor Jahren in ihrem Buch "Ausverkauf der Politik" beschrieben: Frauen sollten sich verbünden "und ihrerseits untereinander klären, wer um welchen Posten kämpft". Da dieses Streben nach oben "nicht ganz ohne Machtkämpfe und Auseinandersetzungen vonstattengeht", so schreibt die freundliche Frau Kipping, "kann etwas Machiavelli für Frauen nicht schaden".
Dieser Artikel wurde aus rechtlichen Gründen nachträglich bearbeitet.
Von Markus Deggerich

DER SPIEGEL 23/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 23/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Karrieren:
Katja, die Grobe

  • Umweltschützer in Wales: "Ich gebe auf - und vielleicht solltet ihr das auch"
  • Angriff auf saudi-arabische Raffinerie: "Es kann die gesamte Region anzünden"
  • Riskantes Projekt in Russland: Erstes schwimmendes AKW am Ziel
  • Zwischenfall in der NFL: Pyromaschine fängt Feuer