02.06.2014

Integration„Besser als Einheimische“

Demografieexperte Reiner Klingholz, 60, schwärmt von einer neuen Generation Einwanderer. Ohne sie seien Firmen nicht überlebensfähig.
SPIEGEL: Herr Klingholz, Sie weisen in Ihrer Studie "Neue Potenziale" auf ein Paradox hin: Deutschland entwickelt sich zum Einwanderungsland(*). Gleichzeitig bleiben die Probleme der Integration ungelöst.
Klingholz: Deutsche Unternehmen ziehen inzwischen Migranten an, die im Schnitt besser qualifiziert sind als die einheimische Bevölkerung. Im Jahr 2010 waren mehr als ein Drittel der Zuwanderer aus Südeuropa Akademiker. Sie tragen erheblich zur guten Wirtschaftslage bei. Wer in früheren Jahrzehnten als Gastarbeiter nach Deutschland gekommen ist, war im Allgemeinen kaum qualifiziert. Das bedeutet für diese Leute bis heute oftmals schlecht bezahlte Jobs, gar keine Arbeit und geringe Renten. Zudem bleiben ihre Nachkommen häufig in der Bildungsferne gefangen. Nur jedes vierte Kind türkischer Migranten erreicht die Hochschulreife. Unter den Kindern einheimischer Eltern sind es 43 Prozent.
SPIEGEL: Warum tun sich Kinder und Enkel türkischer Migranten in der Schule und am Arbeitsmarkt besonders schwer?
Klingholz: Quer durch die gesamte Bevölkerung in Deutschland hat der Bildungsstand der Eltern einen großen Einfluss auf den Schulerfolg der Kinder. Insofern ist es kein Wunder, dass es Jugendliche aus türkischen Gastarbeiterfamilien mit am schwersten haben. Hinzu kommt, dass diese Haushalte oft schlechte Erfahrungen bei der Integration gesammelt haben. Sie werden aufgrund ihrer Herkunft bei der Jobsuche trotz entsprechender Qualifikation benachteiligt. Daraus resultiert manchmal die Einstellung: Auch mit mehr Bildung werden wir den sozialen Aufstieg nicht schaffen.
SPIEGEL: Gerade erst haben Tausende Deutschtürken in Köln den türkischen Premier Erdogan gefeiert. Ist das ein Zeichen für ein anhaltendes Fremdeln dieser Menschen mit Deutschland?
Klingholz: Für den Jubel gibt es unterschiedliche Gründe. Es haben Türkeistämmige aller Schichten gejubelt. Aber wer hierzulande geringe Chancen hat und sich nicht aufgenommen fühlt, sehnt sich gewiss nach Stärke und Heimat. Erdogan steht in den Augen dieser Menschen für eine wirtschaftlich erfolgreiche und starke Türkei, auch wenn es dort in Wirklichkeit erhebliche Probleme gibt.
SPIEGEL: Wie kann die Integration gerade von Migranten aus niedrigen sozialen Schichten besser gelingen?
Klingholz: Die Kinder gehören früh in eine Kita, in der Deutsch gesprochen wird. Alles, was Elternhäuser nicht bieten können, muss in der öffentlichen frühkindlichen Bildung nachgeholt werden. Und es braucht Vorbilder. Junge Migranten müssen sehen, dass es aus ihrer Gruppe Aufsteiger gibt, dass dafür aber eigenes Engagement nötig ist. Auch so gut wie ein Mesut Özil wird man nicht ohne Anstrengungen.
SPIEGEL: Die Große Koalition ist mächtig stolz auf den neuen Doppelpass. Zu Recht?
Klingholz: Der Gesetzesentwurf ist sinnvoll, weil er in Deutschland geborenen Kindern ausländischer Eltern nach ein paar Jahren erlaubt, beide Staatsbürgerschaften zu tragen. Für Zuwanderer aber ist der Erwerb eines Doppelpasses nur für bestimmte Länder, etwa EU-Staaten, zulässig - das ist nicht nachvollziehbar.
SPIEGEL: Ist das Thema Integration im Innenministerium grundsätzlich falsch aufgehoben?
Klingholz: Beim Innenministerium spielen Fragen der inneren Sicherheit eine große Rolle. Bei der Zuwanderung geht es aber heutzutage vor allem darum, wo die Unternehmen ihre Fachkräfte herbekommen. Insofern gehört dieses Thema eher in das Wirtschaftsministerium.
SPIEGEL: In Deutschland ist die Angst vor Armutsmigranten aus Osteuropa groß.
Klingholz: Dabei kommen aus Osteuropa überproportional viele Hochqualifizierte, etwa Ärzte oder Ingenieure. 2010 zum Beispiel waren mehr als 40 Prozent der rumänischen und bulgarischen Migranten zwischen 30 und 64 Jahren Akademiker. Unter den gering Qualifizierten aus diesen Ländern sind viele Saisonarbeiter. Beide Gruppen sind auf dem Arbeitsmarkt gefragt. Es gibt daneben natürlich immer auch eine Zuwanderung in die Sozialsysteme. Die Arbeitslosenquote unter Rumänen und Bulgaren lag in der Bundesrepublik 2010 bei zehn Prozent.
SPIEGEL: Ihrer Studie zufolge ist Deutschland auf Einwanderer angewiesen.
Klingholz: Die Babyboomer, also die geburtenstarken Jahrgänge, stehen vor dem Eintritt ins Rentenalter. Um das Jahr 2030 werden jährlich doppelt so viele Menschen verrentet, wie Junge ins Erwerbsalter hineinwachsen. Weder können die Unternehmen ohne Zuwanderer überleben, noch lassen sich die Sozialsysteme finanzieren.
SPIEGEL: Kann Einwanderung den demografischen Wandel stoppen?
Klingholz: Nein, aber abfedern. Migranten kommen zwar meist im Alter zwischen 20 und 30 Jahren ins Land, haben im Schnitt etwas mehr Kinder als die Einheimischen und verjüngen damit die Bevölkerung. Aber auch sie werden alt, und nach etwa einer Generation sind die Kinderzahlen auf das hiesige niedrige Niveau abgesunken.
Interview: Maximilian Popp
* Das Berlin-Institut stellt seine Studie "Zur Lage der Integration in Deutschland" am Dienstag dieser Woche vor.
Von Maximilian Popp

DER SPIEGEL 23/2014
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