02.06.2014

BERAbgeschmiert

Der wegen Korruptionsvorwürfen suspendierte Technikchef des Flughafens konnte offenbar nahezu unkontrolliert lukrative Aufträge vergeben.
Für die Ingenieure der Dresdner Gicon begann der Mai als rechter Wonnemonat. Beim Firmenlauf durch die Innenstadt der Sachsenmetropole gehörten ihre Mitarbeiter zu den schnellsten. Und für den Bau einer schwimmenden Windradanlage durfte sich das Management über 5,25 Millionen Euro Fördermittel freuen.
In der letzten Maiwoche riss die Erfolgsserie jedoch jäh ab: Am vergangenen Dienstagmorgen rückten Fahnder in der Gicon-Zentrale ein - und schleppten große Aktenbestände aus der Gründerzeitvilla. Sie blieben bis in den späten Abend.
Dem Durchsuchungsbeschluss konnten die Mitarbeiter entnehmen, dass ihr Chef Jochen Großmann in einen handfesten Korruptionsskandal verwickelt sein soll. Und zwar ausgerechnet bei jenem Projekt, das dem Unternehmen weiteren Ruhm verschaffen sollte: dem Umbau der untauglichen Entrauchungsanlage am Hauptstadtflughafen BER.
Die Korruptionsspezialisten der Staatsanwaltschaft Neuruppin legen Großmann zur Last, als Berater der Flughafengesellschaft von einer Planungsfirma eine halbe Million Euro Schmiergeld gefordert zu haben. Sollte sich der Verdacht der Ermittler bestätigen, droht dem Unternehmer eine Geld- oder Freiheitsstrafe. Und BER-Chef Hartmut Mehdorn bekäme ein weiteres gravierendes Problem in dem vermurksten Flughafenneubau. Denn im Zuge der Korruptionsermittlungen gegen Großmann kann nun erstmals eine Strafverfolgungsbehörde Licht in die mitunter intransparente Vergabepraxis von Millionenaufträgen beim BER bringen.
Dass Flughafenberater Großmann nahezu unkontrolliert lukrative Planungsaufträge verteilen konnte, legen interne Dokumente nahe. Demnach wiesen auch andere Vergaben Ungereimtheiten auf, die Mehdorn bereits seit Herbst vorigen Jahres bekannt waren.
Alarmiert sind inzwischen auch die Eigentümer der Flughafengesellschaft, die Länder Berlin und Brandenburg sowie der Bund. Bereits am Montag wird sich der Aufsichtsrat auf einer Sondersitzung mit der Causa Großmann befassen. Schließlich war der Berater aus Dresden erst vor wenigen Wochen von Mehdorn zum Technikchef berufen worden, der vor allem das Brandschutzproblem des Pannen-Airports lösen sollte.
Großmanns Engagement für den BER begann im Frühsommer 2013 mit einem kleinen, auf wenige Monate befristeten Sachverständigenauftrag. Er sollte das Brandschutzkonzept auf seine Genehmigungsfähigkeit überprüfen, der Job war mit mehreren zehntausend Euro dotiert. Das war für Großmann keine bedeutende Summe - aber sehr wohl ein bedeutender Schritt, um seine Gicon-Gruppe ins Geschäft beim BER zu bringen.
Der promovierte Maschinenbauingenieur ist einer von jenen in der DDR ausgebildeten Wissenschaftlern, die nach dem Zusammenbruch des Sozialismus schnell die Vorzüge der Marktwirtschaft für sich entdeckten. Gleich nach der Einheit gründete er sein erstes Ingenieurbüro in Dresden. Inzwischen sind es mehr als ein Dutzend Unternehmen im In- und Ausland, die Großmann gehören oder an denen er wesentliche Anteile hält.
Die Gicon-Gruppe entwickelt Konzepte zur Reinigung von Abwässern, plant Windenergieanlagen und Biogaskraftwerke - allesamt Geschäftsfelder, in denen staatliche Subventionen fließen. Schon deshalb legte Großmann stets viel Aufmerksamkeit auf ein tragfähiges politisches Netzwerk. Der Ingenieur engagierte sich in der Denkfabrik des Dresdner Ministerpräsidenten Stanislaw Tillich und der sächsischen CDU.
Im Herbst vorigen Jahres gelang Großmann dann sein Meisterstück: Flughafenchef Mehdorn übertrug dem freien Mitarbeiter die Verantwortung für den Umbau der zentralen Entrauchungsanlage des Terminals. Zwar hatte Großmanns Gicon in der Vergangenheit für andere Unternehmen 50 Brandschutzkonzepte erstellt, eine Anlage in BER-Dimension aber noch nie konzipiert.
So schloss die Flughafengesellschaft im Jahr 2013 insgesamt drei Verträge mit der Gicon. Ende vorigen Jahres waren bis zu 20 Gicon-Mitarbeiter für den Airport tätig. Bis April sollen die Kosten für die Dienstleistungen der Gicon nahezu eine Million Euro betragen haben, schätzen Insider. Ein Sprecher der Flughafengesellschaft lehnt unter Verweis auf das Betriebsgeheimnis eine Stellungnahme dazu ab.
Um solche Honorare zu rechtfertigen, konnte die zu bewältigende Aufgabe gar nicht groß genug sein. Und so haben inzwischen auch BER-Mitarbeiter das Gefühl, dass Großmann das Problem mit der Entrauchungsanlage, die er ein "Monster" nannte, ein wenig hochfrisiert hat. Im Dezember hatte Alfredo Di Mauro, der ursprüngliche Schöpfer der Brandschutztechnik, Großmann Änderungen vorgeschlagen. Die Kosten für die Umplanungen bezifferte Di Mauro wenig später auf 200 000 Euro. Großmann lehnte ab, womöglich nicht nur aus technischen Gründen.
Denn bereits Wochen zuvor hatte der Unternehmer jenen Auftrag eingefädelt, der nun die Staatsanwaltschaft beschäftigt. Ende November soll er nach Erkenntnissen der Ermittler mit einem Berliner Vertreter des niederländischen Planungs- und Projektkonzerns Arcadis über einen Auftrag zur Umplanung der Entrauchungsanlage verhandelt haben. Der Arcadis-Mann nannte Kosten in Höhe von 1,4 Millionen Euro. Großmann soll vorgeschlagen haben, Arcadis möge das Angebot um 500 000 Euro erhöhen, dann werde das Unternehmen den Zuschlag bekommen. Allerdings habe, so jedenfalls die bisherigen Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft, Großmann den Differenzbetrag für sich gefordert.
Im Februar schließlich hätten sich der Arcadis-Mitarbeiter und Großmann darauf verständigt, wie das Kickback funktionieren könnte. Arcadis sollte einen "Dienstleistungsvertrag" mit Großmanns Firma Gicon Ingenieur Consult über rund 500 000 Euro abschließen. Kurz darauf erhielt Arcadis den Zuschlag für den Auftrag.
Dass das vermeintliche Schmiergeld nicht gezahlt wurde, lag offenbar an der Compliance-Abteilung der Arcadis-Zentrale in Amsterdam. Den Sittenwächtern kam der Vertrag wohl merkwürdig vor. Anfang Mai informierte Arcadis die Flughafengesellschaft.
Mehdorns Kontrolleure ermittelten daraufhin unternehmensintern - und übergaben am 21. Mai ihre Erkenntnisse der Staatsanwaltschaft Neuruppin. Noch in derselben Woche leitete die ein Korruptionsermittlungsverfahren gegen Großmann und den Berliner Arcadis-Mitarbeiter ein.
Jochen Großmann will sich unter Verweis auf die laufenden Ermittlungen nicht äußern, seine Firma werde aber "vollumfänglich mit der Staatsanwaltschaft zusammenarbeiten, um die Vorwürfe schnellstmöglich zu entkräften", sagt ein Gicon-Sprecher. Die Amsterdamer Arcadis-Zentrale bestätigt den "Korruptionsversuch", erklärt aber, der Berliner Mitarbeiter habe davon "umgehend seinen Vorgesetzten berichtet".
Die Berliner Flughafengesellschaft will nun alle Auftragsvergaben, an denen Großmann beteiligt war, überprüfen. Auffällig ist aber schon jetzt, dass die Aufträge an Unternehmen gingen, mit denen die Gicon langjährige Geschäftsbeziehungen pflegt. "Es gilt null Toleranz für Korruption", kündigt Mehdorn an.
Eine recht späte Erkenntnis. Denn bereits seit vergangenem Jahr bekommt der Topmanager hausintern Informationen über rechtlich zumindest bedenkliche Praktiken bei der Auftragsvergabe. Sie sind zusammengefasst in den Quartalsberichten der "Arbeitsgemeinschaft Transparenz", mit der auch die Anti-KorruptionsOrganisation Transparency International zusammenarbeitet.
Der vertrauliche Bericht zum vierten Quartal 2013 etwa listet eine Reihe von Verstößen auf. So wurden Aufträge in Höhe von 2,7 Millionen Euro freihändig vergeben, obwohl sie europaweit hätten ausgeschrieben werden müssen. Mehrere Vergaben seien unzureichend dokumentiert, Anschlussaufträge als Nachträge deklariert. Der Arbeitsgemeinschaft hätten für die Bewertung "maßgebliche Unterlagen nicht vorgelegen", erklärt dazu ein Flughafensprecher.
Auch dass ein externer Berater wie Großmann über die Auftragsvergaben der Flughafengesellschaft mitentscheiden konnte, war im Management umstritten. In einem 21-seitigen Brandbrief vom 27. März hatte Harald Siegle, der damalige Immobilienverantwortliche des BER, seinem Vorgesetzten Mehdorn unter anderem vorgeworfen, zu sehr auf externe Berater zu vertrauen und dabei auch auf Großmanns "Mehrfachfunktion als Auftraggeber, Auftragnehmer und Planer" hingewiesen.
Für den Berater hatte das damals keine Konsequenzen. Für Siegle schon. Er wurde fristlos gefeuert.
Von Andreas Wassermann

DER SPIEGEL 23/2014
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