02.06.2014

KriminalitätDie Schickeria und der Kommissar

In Kempten wurde der Chef des Rauschgiftdezernats mit 1,6 Kilogramm Kokain erwischt. Der Fall bringt eine verdächtige Zurückhaltung bei der Drogenbekämpfung ans Licht.
Auf diesen Wert war der Herr Kommissar besonders stolz: minus 54 Prozent. Von 2006 bis 2012 hatten sich die polizeilich registrierten Drogendelikte in seinem Beritt um mehr als die Hälfte reduziert. Armin N., Leiter des Rauschgiftdezernats in Kempten, feierte das als persönlichen Erfolg.
Es war eine unverfrorene Interpretation. Denn Drogenhandel ist ein sogenanntes Kontrolldelikt. Das bedeutet: Straftaten werden nur bekannt, wenn die Polizei von sich aus aktiv wird. Während nach einem Einbruch fast immer Anzeige erstattet wird, haben weder Dealer noch Konsument ein Interesse, die Polizei zu rufen.
Wie es in Wahrheit um die Drogenkriminalität im Herzen des Allgäus bestellt ist, davon bekam die Öffentlichkeit im vergangenen Februar eine Ahnung. Eine Polizeistreife war des Nachts zu einem Einsatz wegen häuslicher Gewalt geschickt worden. Die Beamten fanden einen Mann vor, der offenbar nach übermäßigem Kokainkonsum die Selbstkontrolle verloren hatte: Kriminalhauptkommissar Armin N., 52. Bei der anschließenden Durchsuchung seines Büros fanden die Ermittler rund 1,6 Kilogramm Kokain.
Dass es in dem malerischen Voralpenort keine Rauschgiftszene gebe, haben Experten sowieso nie geglaubt. Im Gegenteil: Die grenznahe Stadt liegt auf der Drogenroute von den Häfen Hamburg, Rotterdam und Antwerpen Richtung Italien. Clans der Cosa Nostra und der 'Ndrangheta sind im Allgäu seit Jahrzehnten verwurzelt. Immer wieder wurden dort hochrangige Mafiosi verhaftet. Ein Papier des Polizeipräsidiums Kempten sieht die Region "als Rückzugs- und Investitionsraum für Personen, die der Mafia zugerechnet werden".
Italienisches Flair ist in Kempten allgegenwärtig, seit in den Fünfzigerjahren die Textilmaschinenfabrik Allma Arbeitskräfte im sizilianischen Adrano suchte. Die Fabrik stellt heute Hightechmaschinen zur Produktion von Industriefasern her. Die herausgeputzte Innenstadt wird von Pizzerien und Trattorien dominiert. Auch Kommissare des örtlichen Rauschgiftdezernats genossen regelmäßig den Espresso im Caffè Roma.
Im Jahr 2009 geriet das Idyll jedoch in Unruhe. Die Kriminalpolizeiinspektion mit Zentralaufgaben (KPIZ) nahm den Restaurantbesitzer Giuseppe C. ins Visier. Die Sondereinheit ist im gesamten Allgäu für die Bekämpfung organisierter Kriminalität zuständig. Sie operiert von Neu-Ulm aus, und aus 90 Kilometer Distanz scheint so manches klarer erkennbar.
Die KPIZ schickte in der Causa Giuseppe C. ihre besten Fahnder nach Kempten, unbekannte Gesichter, in Zivil. Und was sie vor Ort entdeckten, schockierte sie. Man habe eine "offene Drogenszene" vorgefunden, sagt einer der Ermittler, in der "hemmungslos gedealt" worden sei. Die Konsumenten seien keine verelendeten Junkies gewesen, sondern eine Schickeria, die in den Küchen angesagter Restaurants kokste - und damit quasi unter den Augen von Armin N.
Der Kripokommissar ist ein eindrucksvoller Mann, groß, kahl rasiert, dandyhaft. Er sei dominant, aber kein Macho, so beschreiben ihn Bekannte. Für einen Beamten des gehobenen Dienstes hat er als Erster Kriminalhauptkommissar das Maximum erreicht. Seit 2000 leitete er das Rauschgiftdezernat in Kempten.
Während es für ihn beruflich steil nach oben ging, gab es in seinem Privatleben Brüche. Eine Ehe scheiterte, einige Jahre wohnte er zusammen mit seiner neuen Frau in einem Einfamilienhaus nahe Kempten.
2009 schien die Karriere des Kommissars in Gefahr. Armin N. stritt sich mit seiner Partnerin, er schlug zu, angeblich so hart, dass Schäden blieben. Die Polizei ermittelte zwar, einer Anklage entging er aber - angeblich, weil die Frau keine Strafanzeige erstattete und die Aussage verweigerte.
Karl Heinz Alber, der das Sachgebiet Verbrechensbekämpfung im Polizeipräsidium Kempten leitet, kennt die Umstände. Doch ohne eine Anzeige, erklärt er, habe er gegen seinen Kommissar "disziplinarisch nicht vorgehen können".
Bedrohlich wurden für Armin N. offenbar auch die fortwährenden Ermittlungen der KPIZ in Kempten. Je weiter die Spezialisten aus Neu-Ulm in die örtliche Drogenszene vordrangen, umso mehr geriet der Dezernatschef in Erklärungsnot. So hatten die KPIZ-Beamten zwei Fälle an die Kemptener Kollegen abgegeben, von denen sie sicher waren, dass sie zu einer Anklage führen müssten. Doch angeblich konnten die einheimischen Polizisten nichts finden.
Bei einer Telefonüberwachung tauchten sogar Hinweise auf, dass Informationen über die Ermittlungen zu Verdächtigen durchgesickert seien. Angeblich hatte ein Kemptener Drogenfahnder seinem Tenniskumpel davon erzählt, der gut im Italienermilieu vernetzt ist. Haupttäter Giuseppe C. habe daraufhin nach der Telefonnummer des Tennisspielers gefragt, um sich bei dem Polizisten nach dem Ermittlungsstand zu erkundigen.
Die Fahnder der KPIZ waren entsetzt. Sie schrieben einen Vermerk an das Polizeipräsidium Kempten. Doch nichts geschah. Erst jetzt, so heißt es unter Ermittlern, nach der Festnahme von Armin N., werde den Hinweisen nachgegangen. Kriminaldirektor Alber will sich dazu nicht äußern: "Es wird noch ermittelt."
Trotz aller Hemmnisse führten die Neu-Ulmer Fahnder ihren Fall zu Ende. Im Mai 2012 ließen sie 20 Restaurants, Büros und Wohnungen durchsuchen. Der Kemptener Gastronom Giuseppe C. wurde im Februar 2013 wegen Kokainhandels zu viereinhalb Jahren Freiheitsstrafe verurteilt.
Die Suche nach den Lieferanten des Kokains erfuhr jedoch im April 2013 einen empfindlichen Rückschlag. Ein Ermittler der KPIZ, der maßgeblich am Erfolg des Verfahrens gegen Giuseppe C. beteiligt war, wurde vom Dienst suspendiert. Er hatte mit der Exfreundin des verurteilten Restaurantbesitzers angebandelt und dies seinem Chef gesagt.
Dass der Vorgesetzte dieses Wissen für sich behielt, wurde auch ihm zum Verhängnis. Er wurde seines Postens enthoben und von einem Beamten aus dem Kemptener Präsidium ersetzt.
Seit der Festnahme von Armin N. wird gerätselt, ob die beiden KPIZ-Ermittler in Wahrheit aus einem anderen Grund gehen mussten: weil sie zu viel von der Kemptener Drogenszene wussten - und so früher oder später Armin N. auf die Schliche gekommen wären.
Diese These bestreitet das Polizeipräsidium Kempten vehement. Es gebe keinen inhaltlichen Zusammenhang, heißt es. Polizeipräsident Hans-Jürgen Memel hatte keine Zeit, um sich gegenüber dem SPIEGEL zu dem Fall zu äußern. Er wird in zwei Monaten in den Ruhestand verabschiedet.
Abwegig erscheint der Gedanke dennoch nicht. "Gerüchte, dass der Chef der Drogenfahndung selbst Konsument war, gab es hier schon lange", sagt der Kemptener Linkenpolitiker Stefan Albanesi. Der Polizist sei häufig zu Technopartys in die Schweiz gefahren und in der Szene bekannt gewesen. Er habe öffentlich keinen Hehl daraus gemacht, so Albanesi, dass ihm mitunter Leute, die er beruflich verfolgen müsse, sympathischer seien als manche Kollegen.
Wer Armin N. wirklich gewesen ist, das versuchen Ermittler des bayerischen Landeskriminalamts seit Wochen herauszufinden. Dafür, dass der langjährige Chef des Rauschgiftdezernats nicht nur selbst kokste, sondern mit Kokain dealte, sprechen die enorme Menge und die Qualität des Stoffs. Das Rauschgift in seinem Büro habe aus einem Kiloblock mit über 90 Prozent Reinheitsgehalt bestanden, so, wie es in Südamerika verschickt wird.
Die restlichen 600 Gramm seien bereits verschnitten und in kleineren Einheiten verpackt gewesen, heißt es in Polizeikreisen - quasi fertig für den Verkauf. Insgesamt hat das bei Armin N. sichergestellte Kokain einen Straßenverkaufswert von 250 000 Euro.
Der Kommissar sitzt an einem geheimen Ort in Untersuchungshaft. Er besteht darauf, den Stoff nur für "dienstliche Schulungszwecke" besessen zu haben. Sein Anwalt Wilhelm Seitz bestreitet jeglichen Handel und auch Kontakte seines Mandanten zur Mafia. Der Strafverteidiger ist Experte auf dem Gebiet. Er hatte bereits den verurteilten Drogenhändler Giuseppe C. vertreten.
Die Statistik, die ihm früher so wichtig war, spricht jedenfalls kaum für Armin N. Seit er nicht mehr das Drogendezernat leitet, sagt Kripochef Alber, werde in Kempten wieder mehr Rauschgift sichergestellt.
Von Conny Neumann und Andreas Ulrich

DER SPIEGEL 23/2014
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