02.06.2014

11. SeptemberDas Wissen der Wildbirne

Nach langem Streit ist die Gedenkstätte am Ground Zero eröffnet. Jeder Baum dort erzählt davon, wie schwer sich New York mit den Anschlägen weiterhin tut. Der Mann, der die Plaza bepflanzt hat, wünscht sich Manhattan als Wald. Von Alexander Osang
Als der letzte Baum gepflanzt ist, läuft Tom Cox ins Millennium Hotel zurück, das wie ein schwarzer Glassarg am Ground Zero steht. Es ist sechs Uhr morgens, frühe Touristen und Geschäftsleute streifen durch die Lobby, Cox sieht zwischen den frisch rasierten Männern aus, als hätte er eine komplizierte Geschichte zu erzählen. Er trägt fleckige Jeans, schwere Stiefel und einen grauen Bart. Er hat drei Nächte durchgearbeitet, aber er weiß, dass er noch nicht schlafen kann. Zu viel Adrenalin. Er fährt mit dem Aufzug in den 52. Stock des Hotels zu seiner Suite. Er bucht immer das höchste Zimmer, das er kriegen kann. Er zieht die Vorhänge auf. Milchiges Morgenlicht füllt den Platz, der höchste Turm Amerikas, nebenan, ist in weißen Dunst gehüllt. Cox' Bäume sind von hier oben winzige grüne Punkte. 396 Punkte. Weißeichen.
In ein paar Tagen werden ihre Blätter den Platz grün färben, in 5 Jahren wird man Ende Mai auf eine dichte Blätterdecke schauen, in 50 Jahren wird es eher ein Park als ein Mahnmal sein, glaubt Tom Cox, in 300 Jahren ein Wald. So denkt er. Die Bäume werden den Platz erobern, sie werden ihn eines Tages übernehmen, und sie werden noch da sein, wenn keiner der Wolkenkratzer mehr steht. Am Ende, da ist sich Cox sicher, gewinnt der Baum.
Die Amerikanische Weißeiche ist besonders frosthart, verträgt Salz, ihr Holz wird für Whiskeyfässer verwendet. Sie ist der Staatsbaum von Connecticut, Maryland, Illinois und West Virginia. Sie wird 25 bis 30 Meter hoch. Die Indianer nutzen ihre Rinde als Medizin. Der Baum wurde für seine Aufgabe hier in New York ausgewählt, weil sein geriffelter Stamm an die Fassade des zerstörten World Trade Center erinnert, vor allem aber, weil er an der Spitze dieser lauten, lichtlosen Steinstadt die besten Chancen hat, in die Zukunft zu reisen.
Cox zieht die Vorhänge zu und schaut im öffentlichen Fernsehen eine Dokumentation über Willy Messerschmitt, den deutschen Flugzeugbauer. Er geht schlafen, mit vielen Fragen im Kopf. Was bleibt übrig von all der Trauer, der Wut, der Ohnmacht, wann schließt sich die größte Wunde in der amerikanischen Geschichte? Wie lange kann eine Stadt wie New York weinen?
52 Stockwerke unter Tom Cox' Bett haben sich am Vormittag Angehörige von Opfern des 11. September 2001 versammelt. Männer und Frauen mit Gesichtern, denen man das jahrelange Trauern ansieht. Sie tragen Bilder ihrer ermordeten Angehörigen. Sie stehen vor dem großen Bronzerelief, das an der Feuerwache der Ladder 10 hängt, die direkt am Ground Zero liegt. Das Relief zeigt die brennenden Türme, die kämpfenden Feuerwehrleute und wirkt so aufrichtig und ungelenk, als wäre es 200 Jahre alt. Man würde sich nicht wundern, wenn irgendwo, hinter einem der rauchenden Schuttberge, Lincoln herumstehen würde. Oder Washington.
"Unsere Söhne sind amerikanische Helden", sagt die Mutter eines Feuerwehrmannes. "Die Verantwortlichen schaffen die menschlichen Überreste unserer Kinder in ein Museum, für das man 20 Dollar Eintritt bezahlen muss. Wir wollen, dass die Helden endlich Ruhe finden."
Die Mütter und Schwestern und Väter anderer Opfer nicken. Sie protestieren dagegen, dass die unidentifizierten menschlichen Überreste, die an der Unglücksstelle gefunden wurden, in einem Raum unter der Gedenkstätte gelagert werden. Die DNA-Proben werden dort in Kühlkammern aufbewahrt, um eine zukünftige Identifizierung möglich zu machen.
"Osama Bin Laden ist mit mehr Würde beerdigt worden als unsere Söhne", ruft die Mutter eines Feuerwehrmanns, der am 11. September umkam. Ein Opferanwalt hält eine Petition in Fernsehkameras, die sie an Präsident Obama gesandt haben. Seine Hände zittern, er weint. Im Hintergrund laufen Touristen mit dicken Einkaufstüten aus dem Warenhaus Century 21 vorbei. Sie schauen zerstreut zu den älteren Menschen vorm Bronzerelief, die in all dem Trubel unbeweglich und aus der Zeit gefallen wirken. Wie Querulanten.
Der Tag im September vor 13 Jahren hat Kriege ausgelöst, die Zehntausende Menschen töteten und Chaos brachten, aber keine Erlösung. Seit 13 Jahren kämpfen Politiker, Architekten und Immobilienmakler darum, das gefräßige, schwarze Loch an der Spitze Manhattans zu füllen. Es hat Milliarden Dollar geschluckt und viel Zeit.
Der Turm, der aus der Mitte des Platzes wuchs, sollte einmal Freedom Tower heißen, er sollte die Form der Freiheitsstatue spiegeln und sich mit elegantem Schwung symbolische 1776 Fuß hoch in den New Yorker Himmel winden. Im Jahr 1776 ist die amerikanische Unabhängigkeitserklärung unterzeichnet worden, nun sollte der Turm eine gläserne Spitze tragen und in den obersten Etagen mit Gartenlandschaften gefüllt sein, das höchste Gewächshaus der Welt. Die Zeit und die Streitereien haben die großen Ideen und Gefühle zerrieben. Das Haus heißt jetzt Tower Number One und sieht aus wie eine gläserne Wurst.
Eine 1776 Fuß hohe gläserne Wurst.
Fragt man drei verschiedene Verantwortliche, wann der Tower Number One nun endlich eröffnet, der höchste Turm Amerikas, bekommt man drei verschiedene Antworten.
Der Direktor des Hilton Millennium sagt: nächstes Jahr im Sommer.
Daniel Libeskind, Autor des Masterplans zur Bebauung von Ground Zero, sagt: spätestens im Frühjahr.
Und Janno Lieber, Chef der Immobilienfirma, die den Turm vermietet, sagt: noch Ende dieses Jahres.
Man kann die Geschichte von Ground Zero an diesem Haus erzählen, es geht aber auch mit den Amerikanischen Weißeichen. Sie sind so unscheinbar wie der Turm, aber aufgeladen mit Symbolik, Erwartungen und Angst. Jeder Baum ein 100 000-Dollar-Investment, jahrelang gehegt, aufwendig umgepflanzt, in Spezialerde gezogen.
Nach zweieinhalb Stunden Schlaf kommt Tom Cox in den Frühstücksraum des Hilton Millennium. Er bestellt ein Müsli mit Früchten wie jeden Morgen. Die Kellner kennen ihn. Cox hat ausgerechnet, dass er in den vergangenen sieben Jahren etwa 500-mal im Millennium übernachtet hat. Die Nacht kostete durchschnittlich 400 Dollar. Das macht 200 000 Dollar Hotelkosten. Nur für ihn.
Cox ist der Geschäftsführer von Environmental Design, einer texanischen Firma, die in der ganzen Welt Bäume unter extremen Bedingungen pflanzt, aufzieht und bewegt. Er hat am 18. Loch des berühmten Golfkurses von Pebble Beach eine 200 Jahre alte Zypresse versetzt und in Jaffa, Israel, einen 1000 Jahre alten Feigenbaum, weil er einer Autobahn im Weg stand. Er hat Bäume in einem tibetischen Kloster in 4000 Meter Höhe gepflanzt und in der Eingangshalle des Apple-Hauptquartiers. Er versetzt für amerikanische Milliardäre fünfzig Meter hohe und Hunderte Jahre alte Eichen, eine Dienstleistung für alte, reiche Männer, die das als Gartenarbeit verstehen. Cox hat Fotos auf seinem Handy, auf denen riesige Bäume durch die Luft schweben wie Monster aus Märchenfilmen, zum Vergleich steht immer einer seiner Arbeiter neben dem Stamm, ameisengroß.
Aber das dort unten, Ground Zero, ist sein Opus magnum, sagt Tom Cox. Das bleibt.
"Es gibt eigentlich keine schlimmeren Bedingungen, unter denen ein Baum in der Stadt wachsen kann, als in Downtown Manhattan", sagt Cox. "Es gibt nur wenig Erde, es gibt kaum Licht, es gibt sehr viele Abgase, es ist heiß und kalt und windig. Und unter jedem Baum befinden sich acht, neun unterirdische Stockwerke."
Vor dem Fenster nieselt Mairegen auf das Gerippe des Bahnterminals, das einst direkt unter den Türmen des World Trade Center lag. Sein Neubau wurde vom spanischen Stararchitekten Santiago Calatrava entworfen und wird der teuerste U-Bahnhof in der Geschichte der Menschheit. Er soll an einen startenden Vogel erinnern, sieht aber zurzeit aus wie der Rücken eines plumpen, pflanzenfressenden Dinosauriers. Daneben steht der Stumpf von World Trade Center drei, dessen Bauarbeiten erst fortgesetzt werden, wenn die Finanzierung stimmt. Ob World Trade Center zwei jemals gebaut wird, weiß niemand.
Cox' Augen sind winzig und rot. Zum Zeitpunkt der Begegnung sind es noch drei Tage bis zur Eröffnung der Plaza, der Präsident hat sich angekündigt, Obama soll es schön haben. Cox und seine Männer setzen Bäume die ganze Nacht. Er lächelt schief. Eigentlich hätte seine Arbeit schon vor fünf Jahren erledigt sein sollen. Jetzt sind es insgesamt acht geworden, die plötzliche Eile kurz vor der Eröffnung findet er lächerlich. Vor allem, wenn er sie mit der Mentalität der Bäume vergleicht. "Europäer pflanzen einen Baum für ihre Enkel und sehen ihm beim Wachsen zu", sagt Cox. "Amerikaner wollen ihn sofort groß haben."
Die ersten Bäume tauchten vor zwölf Jahren auf, in dem Entwurf von Daniel Libeskind, den er der Weltöffentlichkeit gut ein Jahr nach dem Fall der Türme präsentierte. Libeskind gab den New Yorkern die Hoffnung zurück. Ein kleiner Mann, von Kopf bis Fuß in Schwarz gekleidet, der lachte, während er redete. Er begann seine Rede damit, wie er als Junge nach New York kam und die Freiheitsstatue sah, von da an füllte er den Raum mit seinen Träumen, Wasserfällen, unterirdischen und überirdischen Gärten, einer sich aufschwingenden Häusergruppe, die gekrönt wurde vom stolzen, 1776 Fuß hohen Turm.
New York würde wiederauferstehen, schöner und größer als je zuvor. Als er das letzte Wort gesprochen hatte, war klar, dass sein Entwurf gewinnen würde.
Von da an ging es mit Libeskind bergab. Er wurde von Politikern zu symbolischen Grundsteinlegungen und Einweihungsfeiern geschleift, die verschleiern sollten, dass alles stillstand. Er war der Partyclown von Ground Zero. Libeskind lächelte, während sein Plan zerfiel. Die falschen Grundsteine wurden im Schutz der Dunkelheit nach Staten Island geschafft. Es gab neue Architekten, die seinen Masterplan interpretierten, vereinfachten, versachlichten.
Libeskind blieb immer ein Fremder zwischen den Politikern, Maklern und pragmatischen Architekten. Ein Träumer eher, manche sagen auch, ein Propagandist. Er ist kein guter Networker, sagt er. Er habe Angst vor Konferenztischen und Leuten im Anzug. Einmal, als gar nichts mehr übrig zu bleiben schien von ihm, rief er verzweifelt: "Ich bin der Architekt des Volkes!"
Libeskind sagt heute, dass der Geist seines Masterplans überlebt habe. Er ist immer noch enthusiastisch. Er sprudelt. Er hat immer mehr Worte im Mund, als er aussprechen kann. Er sagt, die Gegend habe sich belebt. Downtown war tot, es lag im Schatten der Türme, heute ist es eine Wohngegend. Die Zahl der Anwohner habe sich mehr als verdoppelt, er selbst wohnt auch hier. Fremde kämen auf der Straße auf ihn zu und bedankten sich, sagt er. Er hat seinen Frieden damit gemacht, dass er der Meisterplaner war, der eine Linie vorgab. Für die anderen. Stolz ist er darauf, dass nur die Hälfte der sechseinhalb Hektar Land für kommerzielle Zwecke genutzt werden darf. Das war sein Vorschlag.
"Und natürlich wollte ich Bäume. Viele Bäume", sagt Daniel Libeskind. "Ich wollte den Platz in einen Park verwandeln, ihn freundlicher, lebenswerter machen für die Menschen, die dort leben und arbeiten."
Was für Bäume wollte er denn?
"Einfach Bäume", sagt Daniel Libeskind.
Auf dem Entwurf von Arad gab es ein paar Bäume, nicht viele. Michael Arad war ein junger israelischer Architekt, der überraschend den Wettbewerb für die Gedenk-Plaza gewann. Er sollte die drei Hektar füllen, die nicht für kommerzielle Zwecke genutzt werden. Arad hatte ein Modell von zwei großen Wasserbecken gebaut, die das Verschwinden, die Leere symbolisieren sollten. Neben die großen, schwarzen Becken hatte er ein paar Bäume gemalt, nicht viele. Die Bäume waren ihm nicht wichtig. Wichtig war das ewige Wasser, das in die Tiefe stürzte, endlos.
Die Jury mochte die Pools, deren Ränder sich deckten mit den Grundrissen der eingestürzten Türme. Ein Nordpool und ein Südpool. Sie fand es berührend, aber zu dunkel für einen Platz in der Mitte der Stadt. Deswegen teilte sie Arad, der Mitte dreißig war, den erfahrenen kalifornischen Landschaftsarchitekten Peter Walker zu, der schon Mitte siebzig war. Walker hatte Ende der Fünfzigerjahre den "Alice in Wonderland"-Garten im Central Park angelegt. Zehn Jahre bevor Arad geboren wurde. Er zog durch amerikanische Wälder und Universitäten, um den perfekten Baum zu finden.
"Bäume in New York wachsen durchschnittlich zehn Jahre lang", sagt Walker. "Dann stoppen sie, oder sie sterben. Die Umweltbelastung ist riesig, nicht so schlimm wie in Peking, aber schlimm genug. Sie nehmen die Gifte über Wurzeln, aber auch Blätter auf, deswegen wollte ich keine immergrünen Bäume." Er zitiert eine Studie der Cornell-Universität, die die besten Bäume empfiehlt. Roteichen, Ahorn, Platanen wären infrage gekommen.
Walker entwickelte ein urbanes Recyclingsystem für die Bewässerung, wahrscheinlich das größte der Welt, und eine perfekte Erdmischung. Er schuf eine Baumordnung, in der die Bäume aus bestimmten Perspektiven in einer Art militärischen Ordnung stehen, aus anderen Blickwinkeln aber im kompletten Durcheinander. Er gab jeder Weißeiche eine Nummer und wies ihr einen Platz zu. "Die Symbolik ist natürlich gewaltig. Es ist kein normaler Parkjob", sagt Walker.
Es gab mit den Weißeichen keine Probleme, es war die kleine Gruppe Amberbäume, mit der Walker einen Akzent setzen wollte. Die Amerikaner nennen den Amberbaum Sweet Gum Tree, weil sein zäher, süßer Saft früher auch als Kaugummi verwendet wurde, ein Baum des Südens. Michael Arad, der Architekt, störte sich daran, dass sich seine Blätter im Herbst feuerrot färben. Er dachte, dass die Bäume, gerade im September, wenn die Zeit der Erinnerung kommt, zu sehr von den Namen der Opfer ablenken könnten, die er in die Umrandung seiner Todespools hatte gravieren lassen. Arad beschwerte sich bei Bürgermeister Bloomberg über den Amberbaum.
Unglücklicherweise waren die 50 Amberbäume aber ein Geschenk des Staates Maryland an die Gedenkstätte. Sie wurden 2008 in einer großen Veranstaltung entge-
gengenommen und in eine Baumschule nach New Jersey gebracht, wo sie zusammen mit den 450 Weißeichen auf ihren historischen Einsatz am Ground Zero warteten. 2010 beschloss man, die Bäume weiterzuspenden. Sie schickten sie nach Shanksville, Pennsylvania, wo gerade eine Gedenkstätte für die Opfer des Flugs UA 93 entstand, der dort über Feldern am 11. September endete.
Deshalb stehen jetzt 40 Amberbäume auf einem struppigen Stück Grasland in Pennsylvania. Sie wurden vom dortigen Landschaftsarchitekten in sein Konzept eingebaut. 40 Bäume für 40 Opfer. Die Bäume stehen hinter einer Wand aus weißen Marmorplatten, in die die Namen der Opfer eingraviert sind, deren Maschine vermutlich das Kapitol oder das Weiße Haus in Washington treffen sollte, aber vorher abstürzte.
Alles ist so mit Symbolen aufgeladen, dass es knistert.
"Wissen Sie", sagt ein Wächter der Gedenkstätte von Shanksville, "wir und die Angehörigen möchten das Wort Opfer im Zusammenhang mit den Toten eigentlich nicht benutzen. Es wirkt so passiv, und die Menschen an Bord haben sich ja gewehrt."
Die Gedenkstätte von Shanksville ist beeindruckend, schlicht und gewaltig. Bis Mitte der Neunzigerjahre war hier ein Tagebau, der zugefüllt und mit Wildgras besät wurde. Hier und da standen ein Kran und eine Baracke herum. An den Rändern hatten ein paar Bäume überlebt. Eichen, Hickorys, Ahorn. Man fährt kilometerweit durch diese trostlose Landschaft, man kann sich vorstellen, wie das gekaperte Flugzeug über die Hügelketten taumelte. Diese Landschaft war das, was die Menschen an Bord als Letztes sahen. Die Maschine schlug im Nirgendwo auf. Alles, was sie am Boden zerstörte, waren ein paar Bäume, zumeist Kanadische Hemlocktannen.
Die überschüssigen Amberbäume, zehn Stück, die es nicht auf den Ground Zero und auch nicht nach Shanksville schafften, wurden verkauft. Ein Hedgefonds-Manager von der Firma Cantor Fitzgerald, die im Nordturm arbeitete, kaufte sie für seinen Garten. Stückpreis 100 000 Dollar.
Tom Cox mochte die Amberbäume. Er hat jeden einzelnen persönlich ausgesucht, genau wie alle Weißeichen, die er und seine Leute aus den sieben Bundesstaaten, die an New York grenzen, zusammentrugen und auf das Feld einer Baumschule in New Jersey brachten, die sie vor acht Jahren angemietet hatten. Jeder Baum bekam einen handgezimmerten Kasten, in dem sein Wurzelsystem überleben konnte, ohne zu groß zu werden. Die Bäume standen dort wie ein Garderegiment. Acht Jahre lang. Ein Mitarbeiter von Cox' Firma betreute sie rund um die Uhr wie ein Krankenpfleger. Er lebte in einem Wohnwagen auf dem Acker. Ab und zu kamen wechselnde Kommissionen aus der Stadt angereist, begutachteten die Bäume und empfahlen, hier und da einen Ast abzuschneiden.
Zwei Tage vor dem Präsidenten sind die vorläufig letzten Bäume aus New Jersey nach Staten Island gereist, wo sie, aufgrund irgendwelcher Gewerkschaftsrechte, zwischengelagert werden mussten, um dann von New Yorker Lastwagenfahrern an den Ground Zero transportiert zu werden. Sie trafen kurz vor 20 Uhr am West Side Highway ein, wo Tom Cox wartete. Um 23 Uhr schwebte der erste Baum durch die dunkle, feuchte Luft. Cox winkte ihn hinein wie ein Dirigent.
Seinen ersten Baum pflanzte er vor drei Jahren auf die Plaza. Er trägt die Nummer 107. Cox findet ihn im Schlaf. Beim zehnjährigen Jahrestag des 11. September durfte er die Namen der Opfer verlesen, zusammen mit der Tochter eines Toten, Pam Tamayo. Bloombergs Büro hatte ihm vorher eine CD geschickt, auf der er sich anhören sollte, wie die Namen ausgesprochen werden. Einen Moment lang dachte er, er breche zusammen. Aber das Mädchen schaffte es ja auch.
Über New York geht ein Gewitter nieder, Cox sieht zu den Türmen hinauf, die wie sanfte Riesen aus der Nacht leuchten. Einige sind bereits eröffnet worden, stehen aber leer. Sie finden keine Mieter. Cox glaubt nicht, dass diese Bürotürme noch unseren Bedürfnissen entsprechen.
"Das digitale Zeitalter verändert unser Konzept vom Zusammenarbeiten", sagt Cox. Er steht im Regen, müde, schwermütig, und wird ein wenig philosophisch. Der Baummann sagt: New York ist Kampf. Hier muss man um alles kämpfen. Parkplätze, Restauranttische. Die Stadt ist gnadenlos mit dem Langsamen, dem Faulen. Auch die Bäume kämpfen um Licht.
Zur Eröffnung der Gedenkstätte durch den amerikanischen Präsidenten kommen Daniel Libeskind und Michael Arad. Peter Walker, der Landschaftsarchitekt, hat einen Job in Cleveland. Dafür sind Robert De Niro da und die tapfer lächelnde Jill Abramson, die gerade von der New York Times entlassen wurde. Die Bürgermeister Giuliani, Bloomberg und de Blasio kommen, die Gouverneure Pataki, Cuomo und Christie. Die Clintons sitzen in der ersten Reihe wie ein Königspaar. Cox ist nicht da, er ist auf dem Weg nach Bahrain, wo er einen großen Platz mit 19 indischen Mandelbäumen bepflanzt.
Obama hält eine kurze Rede, in der es um einen Retter mit einem roten Staubtuch vorm Gesicht geht. Sie ist ergreifend, wenn auch bereits etwas märchenhaft. Es wird eine traurige, perfekt durchchoreografierte Veranstaltung. Der Präsident verlässt das Museum nach zehn Minuten während eines Einspielfilms.
Obama achtet nicht auf die Bäume, zwischen denen er zu seiner Limousine eilt, auch nicht auf den einzigen Baum der ursprünglichen World Trade Center Plaza, der den Anschlag überlebt hat. Er steht heute in der Mitte des Platzes zwischen den Weißeichen, krumm und schief, mit Bändern gestützt, ein Weiser unter den Jungen, ein Baum, der alles gesehen hat. Sein lateinischer Name ist Pyrus calleryana, benannt nach einem französischen Sinologen, der ihn aus China nach Europa brachte. In Deutschland nennt man ihn Chinesische Wildbirne. Es ist ein typischer New Yorker Stadtbaum. Er widersteht Frost und Abgasen, fällt aber bei Wind schnell um. Er lebt in der Regel 20 Jahre, dann wird er durch einen neuen Baum ersetzt. Nicht dieser Baum. Tom Cox nennt ihn den umsorgtesten Baum der Welt. Die Chinesische Wildbirne hat eine Mission zu erfüllen.
Sie fanden sie im Geröll auf der Church Street. Eine Frau, die für die Stadt arbeitete, sah ein grünes Blatt in der Asche. Rebecca Clouth, Becky. Der Baum war kaum noch am Leben, er hatte die meisten seiner Äste eingebüßt, eine Hälfte war komplett verbrannt. Sie gruben ihn aus und transportierten ihn in der Dunkelheit. Sie schafften die Wildbirne an den äußersten Stadtrand, eine Baumschule in der Bronx, ganz im Norden. Van Cortland Park. Sie wussten damals noch nicht, wie symbolisch der räudige Straßenbaum einmal werden könnte. Bei einem Sturm fiel er um, lehnte tagelang an einem Maschendrahtzaun, Cox erfuhr, dass sein Baum stirbt, er flog nach New York und pflegte die Wildbirne gesund. Im Frühling ist sie der erste Baum, der blüht. ■
* Luftaufnahme vom 23. September 2001.
Von Alexander Osang

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11. September:
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