02.06.2014

OrtsterminPappappap

In Stuttgart verhandelt das Verwaltungsgericht darüber, ob es ein Bürgerrecht auf Taubenfüttern gibt.
Die Stadt verändert sich, wenn man sie mit den Augen von Tauben sieht. Oder mit den Augen von Taubenverstehern.
Stuttgart ist eine enge Stadt. Eine Stadt voller Pommes-Reste, die von den Tauben gepickt werden; das bekommt ihnen nicht. Eine Stadt mit wenigen betreuten Taubenschlägen, 6 sind es zurzeit, die Taubenversteher hätten gern 15 oder 20 oder mehr.
Therese D., Taubenversteherin, steht mit ihrer Mutter, ihrem Anwalt und einer Frau vom Tierschutzverein, die sich speziell um Tauben kümmert, im Flur vor Saal 4 im Stuttgarter Verwaltungsgericht und diskutiert sich warm.
Therese D. betrachtet sich als Tierfreundin.
Die Frau im Hosenanzug, die auf einer Bank sitzt und schmallippig allem zuhört, tut das auch.
Es ist der letzte Dienstag im Mai, die fünfköpfige 5. Kammer des Gerichts verhandelt den Fall der Klägerin Therese D. gegen die Stadt Stuttgart, "wg. Taubenfütterungsverbot und Zwangsgeldandrohung".
Es geht um Columba livia, die Stadt- und Felsentaube, und um die Frage der Verantwortung, die der Mensch ihr gegenüber trägt.
Der Mensch hat Häuserschluchten gebaut und Felsentauben zu Haustauben gezähmt, von denen viele wieder verwildert sind; die fühlen sich in den Häuserschluchten besonders wohl. Erst waren es wenige. Dann, nach dem Zweiten Weltkrieg vor allem, waren die Städte Ruinen, perfekt für Columba livia, sie kam, vermehrte sich und blieb. Und der Mensch, der früher an Schnäbeln, Liebe und Frieden dachte, wenn er eine Taube sah, denkt heutzutage: Parasit.
Schätzungsweise 20 000 bis 30 000 Stadttauben leben in Stuttgart, von denen jede jährlich etwa zwölf Kilogramm Nasskot produziert. Nasskot ist das offizielle Wort. Auch wegen des Nasskots gibt es eine Polizeiverordnung vom März 1997, die das Taubenfüttern verbietet und gegen die Therese D. verstieß.
Die alte Frau und die Tauben, man kennt das, aber Therese D. ist nicht alt. Therese D., 35, Sprachwissenschaftlerin, eloquent, findet, dass es eine gute Sache ist, Tauben mit Körnern zu füttern. Sie wurde beobachtet, wie sie es tat. Sie gibt es zu, sagt aber, sie habe an den Tat-Tagen nur verletzte Tauben einfangen und ihrer Mutter bringen wollen, damit sie die Tiere pflegt.
Links von Therese D. und ihrem Anwalt sitzt die Frau im Hosenanzug, es ist Dr. Heike Roloff, Amtstierärztin bei der Stadt. Sie findet nicht, dass dieses Füttern eine gute Sache ist. Sie verweist auf die Werke des Stadttaubenforschers Daniel Haag-Wackernagel und dessen Votum: Vertreiben hilft nicht. Töten auch nicht. Auch die Taubenpille nicht. Was hilft, ist das Fütterungsverbot, kombiniert mit überwachten Brutstätten, wo man die echten Taubeneier gegen künstliche tauscht.
Der Eieraustausch ist gut, da sind Dr. Roloff und Therese D. sich einig. In allem anderen nicht.
Dr. Roloff hat Bilder dabei, sie bringt sie nach vorn an den Richtertisch, Richter, Tierärztin und Anwalt beugen sich darüber. Zu sehen ist eine Taube, die im Kot zu brüten versucht.
Dr. Roloff spricht von "Biomathematik", anders als andere Leute argumentiere sie nicht nach dem "Bauchgefühl", sie habe Tiermedizin studiert und auch ein paar Semester Biologie. Sie rechnet Überlebenszahlen vor. Wenn zu viel Futter da sei, werde zu viel gebrütet, die Tauben streiten sich und müssen an üblen Orten ihre Jungen aufziehen. Therese D. widerspricht. Der vorsitzende Richter fragt, ob sie sich verpflichten könne, künftig nicht mehr zu füttern. Sie sagt Nein. Der Richter, seufzend, verspricht eine Entscheidung für den nächsten Tag.
Draußen eilt Dr. Roloff kommentarlos zum Treppenhaus, aber Mutter und Tochter D. haben noch Zeit. Sie wollen den Bahnhof zeigen und wie es den Tauben dort geht. Zwei dunkelhaarige Frauen, beide gehbehindert, Gertraude D. erzählt, dass sie Kriegskind sei und Hunger kenne. Sie erinnere sich noch, wie es ihr schlecht ging, vor ein paar Jahren, und wie sie hungrige Tauben sah, und sie gab ihnen was, und dann ging es ihr besser. Sie erzählt, wie sie anfing, verletzte Vögel zu pflegen, und dabei den Hass von Nachbarn ertrug.
Die beiden führen zum Hauptbahnhof, von Tauben umflattert. Zwei Polizisten schauen hinter ihnen her. Gertraude D. spricht von Zora, ihrem Liebling, sie wurde 14 Jahre alt. Sie spricht davon, wie es ist, wenn zehn zufriedene Pfleglinge einen zu Hause angurren, sie macht es vor: "Pappappap".
Das Bauprojekt Stuttgart 21, das wollen Mutter und Tochter klarmachen, ist nicht gut für die Tauben. Sie zeigen, wo bis vor Kurzem noch ein Taubenhaus stand, einer der betreuten Schläge, auf einer Mauer bei Gleis 1. Jetzt ist er weg.
Ein paar Tauben sitzen und flattern und picken jetzt auf halb vergammelten Gepäckschließfächern, heimatlos vielleicht. Therese D. sagt, sie sehe eine große Verantwortung des Menschen. Er habe das Leben der Tiere verändert, nun müsse er eigentlich alle füttern, mit dem Futter, das ihnen bekommt.
Am nächsten Tag dann die Nachricht: Die Klage ist abgewiesen. Gertraude D. sagt am Telefon, sie wollten Hilfe suchen bei Tierschützern, man müsse weitermachen, wenn möglich in der nächsten Instanz.
Von Barbara Supp

DER SPIEGEL 23/2014
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