02.06.2014

FußballZahltag im Maracanã

Ein Berliner Forscherteam hat mit wissenschaftlichen Methoden die Endspielpaarung der bevorstehenden WM ermittelt: Spanien gegen Deutschland.
Nein, dieses Mal kein Schlenzer mit dem linken Innenrist ins lange Eck wie im Halbfinale der Fußball-WM 2006 gegen Italien, der den Traum vom Gewinn der Weltmeisterschaft im eigenen Land zerstörte. Und auch kein wuchtiger Kopfstoß vom Elfmeterpunkt wie 2010 in Südafrika, mit dem die Spanier mitten ins deutsche Fußballherz trafen.
Stattdessen kann am 13. Juli im Stadion Maracanã in Rio de Janeiro alles anders werden. Die Chancen stehen nicht schlecht, dass Deutschland im Finale um den WM-Titel gegen Spanien gewinnen könnte - jedenfalls wenn Jürgen Gerhards, Michael Mutz und Gert Wagner recht behalten. Die drei sind zwar fußballbegeistert, aber weder Kartenleger, noch verfügen sie über die seherischen Fähigkeiten des mittlerweile verblichenen Orakel-Kraken Paul, der bei der WM 2010 den Ausgang aller Spiele der deutschen Nationalmannschaft richtig vorhersagte.
Gerhards, Mutz und Wagner sind Wissenschaftler, renommierte Professoren für Soziologie, für Sportsoziologie und für Empirische Wirtschaftsforschung. Seit 2006 sagen die Forscher vor jeder Europa- und Weltmeisterschaft den künftigen Sieger voraus, und die Prognose wird in diesem Jahr als "Wochenbericht" des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) veröffentlicht.
Diesmal liegen die Favoriten Spanien, Deutschland, Brasilien, Argentinien und Frankreich zwar "ziemlich nah beieinander", sagt Jürgen Gerhards, Direktor des Instituts für Soziologie an der FU Berlin. Doch wenn das Modell der Forscher stimmt, werden im Endspiel Spanien und Deutschland aufeinandertreffen. "Zwar wären die Spanier leichter Favorit, aber die Chancen der deutschen Nationalmannschaft waren lange nicht besser als bei dieser WM", sagt Ökonom Wagner, Vorstandsmitglied des DIW.
Grundlage der Prognose ist die profane Fußballweisheit: "Geld schießt Tore", die die Wissenschaftler zur sogenannten Marktwert-Methode weiterentwickelt haben. Dahinter steht die Annahme, dass sich nicht in jedem Spiel, aber in der Regel im Fußball die Mannschaft mit den teuersten Spielern durchsetzt. Und die stellt dieses Mal mit einem Marktwert des vorläufigen Kaders von rund 650 Millionen Euro Spanien, gefolgt von Deutschland mit 575 Millionen Euro und Brasilien mit 468 Millionen Euro.
Auf die Idee kamen die Forscher bei einer jener Gelegenheiten, denen die Menschheit manchen Geistesblitz zu verdanken hat - in der dritten Halbzeit beim Bier. Auf einem Fest vor der WM 2006 debattierte das Trio die Erkenntnis, dass "kein anderer Markt mittlerweile so transparent und globalisiert ist wie der internationale Fußball", sagt Wagner. Spieler sind eine weltweit weitgehend frei gehandelte Ware, stets im Blick von Kameras. Ihre Leistungsdaten sind jederzeit abrufbar. "Deshalb spiegelt der Marktwert die Leistungsfähigkeit des einzelnen Spielers ebenso wider wie der Preis einer gesamten Mannschaft deren Spielstärke", sagt der Wirtschaftsforscher.
Ihre Daten holen die Forscher sich über die Internetplattform transfermarkt.de. Sie verlassen sich auf das, was die Wissenschaft die "Weisheit der vielen" nennt: Aus vorhandenen Daten und den Einschätzungen der Community wird dort der Marktwert von Fußballern taxiert.
Mit Lionel Messi (120 Millionen Euro) und Cristiano Ronaldo (100 Millionen Euro) schicken Argentinien und der deutsche Gruppengegner Portugal die teuersten Spieler aufs Feld. Doch der vermeintliche Vorteil ist zugleich ein Manko. Zwickt Ronaldo der Muskel, wie es am Ende der Saison häufiger der Fall war, oder befällt Messi wie eigentlich immer im Nationaldress ein Unbehagen - schon ist der Marktwert der gesamten Mannschaft perdu.
Im deutschen Team hingegen ist das Preisgefälle begrenzt. "Diese Homogenität birgt Vorteile", sagt der Soziologe Gerhards. Im deutschen Kader schlummern gar stille Bewertungsreserven. Weil Miroslav Klose mit seinen bald 36 Jahren eher als Abschreibungsfall zu gelten hat, wird er konsequent nur mit einer Million Euro gehandelt - dabei fehlt dem Mittelstürmer nur noch ein Treffer bis zur Spitze der ewigen Rangliste der WM-Torschützen.
Hinzu kommt: Die Marktwert-Methode hat sich bislang als ähnlich treffsicher erwiesen wie Mittelstürmer Robert Lewandowski für Dortmund in der abgelaufenen Bundesligasaison. 2006 hatten die Forscher Italien als Favoriten auf der Rechnung, und auch die EM- und WM-Siege Spaniens in den vergangenen Jahren sagten sie jeweils richtig voraus. In der Qualifikation für die WM 2014 traten 204 Mannschaften in 820 Spielen gegeneinander um 31 Startplätze in Brasilien an. 30-mal setzten sich in den Gruppen und Play-offs die wertvollsten Mannschaften durch.
"Allerdings ist dieses Mal die Prognose schwieriger als bei allen Turnieren zuvor, weil die Marktwerte der Spitzenteams eng beieinanderliegen", sagt Michael Mutz. Also kommt spätestens ab der K.-o.-Runde auch die Tagesform ins Spiel. Deshalb haben er und seine Kollegen noch einen Geheimfavoriten - Belgien. "Das Team wird spielerisch unterschätzt", sagt der Sportsoziologe: "Der Kader liegt mittlerweile auf Rang sieben der Marktwert-Tabelle."
Bleibt eine weitere Unwägbarkeit für das deutsche Team: Im Fußball spielt - im Gegensatz zu vielen anderen Sportarten - der Zufall eine zentrale Rolle. Weil pro WM-Partie im Schnitt weniger als drei Tore fallen, kann auch ein Fehlpass, ein abgefälschter Schuss oder ein Fehlpfiff des Schiedsrichters ein Spiel entscheiden.
Wenn "Geld schießt Tore" dieses Mal allein nicht reicht, kehrt in Brasilien vielleicht ein anderer lang vermisster Fußballmythos zur Nationalmannschaft zurück - der "Bayern-Dusel".
Von Markus Dettmer

DER SPIEGEL 23/2014
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