02.06.2014

Global VillageFußball gegen Liebe

Warum die Weltmeisterschaft in Brasilien zum Umbau von Stundenhotels führt
In der Copacabana-Suite des Motels Shalimar sieht es nun aus wie in einem normalen Hotelzimmer. Die roten Samttapeten und Flokati-Teppiche sind verschwunden, das runde Bett wurde gegen ein rechteckiges ausgetauscht, der Deckenspiegel abmontiert. Sogar einen Kleiderschrank gibt es jetzt. "Der war bislang überflüssig, unsere Gäste blieben nur kurz", sagt Motelbesitzer Antônio Cerqueira, 68.
Das Shalimar ist ein Stundenhotel für Paare, ein Motel, wie die Liebeshäuser hier genannt werden, 182 gibt es allein im Stadtgebiet von Rio.
Am Wochenende stauen sich die Autos in der Einfahrt zum Shalimar, das Haus im Nobelviertel Leblon zählt zu den guten Adressen. Frischverliebte buchen das einfache Zimmer zu 78 Real für sechs Stunden, reifere Paare die Mittelalter-Suite mit Ritterthron und Ketten für 420 Real, umgerechnet 138 Euro. Doch weil in Rio die Hotelbetten knapp sind, will die Stadtverwaltung nun Besucher der Weltmeisterschaft in Liebesmotels unterbringen. Die Betreiber bekommen Steuererlass, wenn sie ihre Zimmer umrüsten.
Antônio Cerqueira ließ 10 seiner 62 Zimmer umbauen. Nur die Pole-Dance-Stange und die Pornokanäle gibt es noch in der dreistöckigen Copacabana-Suite, außerdem einen Whirlpool mit Hydromassage und eine Sauna. Auch das "Pferdchen", eine geschwungene Sesselbank, auf der sich Liebespaare ausprobieren können, steht noch da. "Unser beliebtestes Möbelstück", sagt Cerqueira. Pole-Dance werde ebenfalls oft nachgefragt. "Aber die Pornokanäle schalten wir ab, wenn eine Familie mit Kindern hier absteigt."
Der Portugiese ist Rios Motelkönig, er betreibt zwölf Häuser im Stadtgebiet, darunter das Shalimar mit Zimmern und Garagen auf mehreren Stockwerken. Von einem Büro tief im Inneren des Motels lenkt Cerqueira sein Reich, über dem Schreibtisch hängen Fotos seiner Kinder und Enkel.
Antônio Cerqueira war fünf Jahre alt, als seine Eltern ihr Heimatdorf in Portugal verließen und nach Brasilien auswanderten. Eigentlich wollte er Elektroingenieur werden, als junger Mann arbeitete er einige Jahre bei Siemens in Rio, später machte er sich mit einer Autolackiererei selbstständig. 1974 eröffnete er das erste Motel im Zentrum, eine Marktlücke: "Die Leute wollten für einen Seitensprung nicht bis an den Stadtrand fahren." Denn früher lagen die meisten Liebesmotels an großen Ausfallstraßen. "Für einen 18-Jährigen war es das Größte, seine Freundin ins Motel auszuführen", sagt Cerqueira.
Inzwischen gibt es Liebesmotels auch in der Innenstadt von Rio, die Häuser werben mit exotischen Namen um ihre Kundschaft. Sie heißen Oklahoma oder Hawaii, viele sind Schlössern und Burgen nachempfunden. Samstags wird das Nationalgericht Feijoada serviert, außerdem sind im Shalimar mehrere Suiten mit Holzkohlengrill ausgerüstet.
Geschäftsgrundlage der Motels ist Diskretion. Die Kellner bekommen ihre Gäste nie zu Gesicht, Speisen werden in einem separaten Zimmer abgestellt. Bezahlt wird meist aus dem Autofenster an der Ausfahrt, auf der Kreditkartenabrechnung erscheint ein unverdächtiges Firmenkürzel.
Trotz dieser Vorsichtsmaßnahmen kommt es gelegentlich zu Zwischenfällen. Eine verheiratete Frau, die mit ihrem Liebhaber im Shalimar abgestiegen war und versehentlich mit der Zweitkarte ihres Mannes bezahlt hatte, bedrängte Angestellte und Kreditkartengesellschaft danach so lange, bis diese die Abrechnung zur Fehlbuchung erklärte - ihr Mann hatte die seltsame Abkürzung entschlüsselt.
Auch eine Silberhochzeit mit 30 Gästen hat Cerqueira schon ausgerichtet. Der Ehemann war von der Liebesnacht so begeistert, dass er die Suite von da an jeden Freitag für sich und seine Freunde buchte. "Der Viagra-Boom hat uns sehr gut getan", sagt Cerqueira. Die Jüngeren hingegen bleiben immer öfter zu Hause, das macht ihm Sorgen: "Die Eltern lassen ihre Söhne und Töchter mit Freundin oder Freund jetzt dort übernachten und servieren ihnen sogar noch das Frühstück."
Er setzt darauf, dass künftig mehr Geschäftsreisende die Motels als Alternative zu den teuren Hotels nutzen. "Sie zahlen nur für die Zeit, die sie im Zimmer verbringen", verspricht er. Die Nachtruhe werde nicht gestört, alle Zimmer seien sehr gut isoliert.
Für die WM sind schon Suiten gebucht. Dennoch könnte das Fußballfest den Motelbesitzern das Geschäft verderben, denn das Eröffnungsspiel fällt auf den 12. Juni, an dem in Brasilien der Tag der Verliebten gefeiert wird - traditionell der umsatzstärkste Tag für die Motels. "Wer Fußball guckt, will keine Liebe machen", fürchtet Cerqueira.
Er wirbt deshalb dafür, den Tag der Verliebten in diesem Jahr ausnahmsweise vorzuziehen: "Alle, die am 11. Juni kommen, zahlen elf Prozent weniger."
Von Jens Glüsing

DER SPIEGEL 23/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 23/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Global Village:
Fußball gegen Liebe