02.06.2014

SPIEGEL-Gespräch„Wir dürfen nie nachlassen“

Italiens Fußball-Nationaltrainer Cesare Prandelli über seinen Kampf gegen Gewalt und Rassismus und die Rolle seines Teams als Schrecken der deutschen Mannschaft
Prandelli, 56, ist seit 2010 Nationalcoach und führte Italien bei der Europameisterschaft 2012 ins Finale. Vorige Woche verlängerte er seinen Vertrag bis 2016.
SPIEGEL: Signor Prandelli, in Deutschland sehnen sich Millionen Menschen danach, dass die Nationalmannschaft endlich wieder Weltmeister wird. Was erwarten die Italiener von Ihrem Team?
Prandelli: Zunächst geht es uns darum, die Vorrunde zu überstehen.
SPIEGEL: Das mag für Sie selbst gelten, aber für Ihre Landsleute?
Prandelli: Die wollen natürlich den Titel. Aber wer ein so gewaltiges Ziel erreichen will, der muss etappenweise vorgehen.
SPIEGEL: Warum sind Sie so zurückhaltend?
Prandelli: Weil unsere Gruppe mit Uruguay, England und Costa Rica sehr anspruchsvoll ist. Es ist die einzige Gruppe mit drei ehemaligen Weltmeistern.
SPIEGEL: Bei der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika flog Italien bereits in der Vorrunde raus. Danach übernahmen Sie und führten das Team zum Erfolg zurück. Sind die Erwartungen schon wieder übertrieben hoch?
Prandelli: Ja. Aber natürlich haben die Spieler und wir Trainer in Brasilien das gleiche Ziel, von dem die Leute träumen ...
SPIEGEL: ... den Titel ...
Prandelli: ... denn wenn ich als Nationaltrainer keine Träume habe, komme ich auch nicht voran auf meinem Weg.
SPIEGEL: Als 1861 der Staat Italien gegründet wurde, hieß es: Jetzt müssten die Italiener noch ein vereintes Volk werden. Das hat bis heute nicht recht geklappt. Viele glauben, die Squadra Azzurra halte Norden und Süden des Landes zusammen.
Prandelli: Das stimmt ja auch. In vielen Dingen sind wir Italiener unterschiedlicher Meinung, aber wenn unsere Mannschaft spielt, dann ist das ein Augenblick, der alle vereint. Der Fußball vollbringt Wunder. Wie durch einen Zauber kann man 60 Millionen Menschen an einen Tisch bringen.
SPIEGEL: Was bedeutet das für Ihre Arbeit?
Prandelli: Das bedeutet: Wenn ich gewinne, stehe ich nie allein da. Wenn ich verliere, stehe ich ganz allein auf weiter Flur. Mir werden Tausende Ratschläge unterbreitet, aber für Entscheidungen und deren Konsequenzen bin nur ich verantwortlich.
SPIEGEL: Italiens neuer Ministerpräsident Matteo Renzi versucht ebenfalls, Wunder zu vollbringen und das Land aus der Wirtschaftskrise zu führen. Gibt es Parallelen zu dem, was Sie vor vier Jahren begonnen haben?
Prandelli: Soziale Probleme zu lösen ist eine ganz andere, eine sehr ernste Aufgabe - im Gegensatz zum Fußball, der ein unterhaltsames Spiel sein sollte. Wir reden über Menschen, von Arbeitslosen, von denen manche nicht wissen, wie sie durch den Monat kommen sollen.
SPIEGEL: Wird Fußball zu wichtig genommen?
Prandelli: Viel zu sehr. Vor allem in Italien.
SPIEGEL: Wie wichtig ist er Ihnen?
Prandelli: Fußball ist mein Beruf, er gehört zu meinem Leben, aber er ist nicht mein Leben. Im Fußball kann ein Pfostenschuss ins Tor gehen oder daneben. Wir arbeiten jeden Tag daran, dass möglichst der Innenpfosten getroffen wird und der Ball ins Tor geht. Aber wenn nicht? Im Fußball hängt man immer von Unwägbarkeiten ab. Das muss man sich vor Augen halten.
SPIEGEL: Hilft Ihnen diese Distanz, dem Druck Ihres Jobs besser standzuhalten?
Prandelli: Ja, absolut.
SPIEGEL: Sie positionieren sich in gesellschaftlichen Fragen deutlich: gegen die Diskriminierung von Homosexuellen und Immigranten, gegen die Mafia, gegen Geschichtsvergessenheit. In Italiens Stadien allerdings sind Gewalt und Rassismus verbreitet, einige Anführer von Ultra-Gruppen stehen dem organisierten Verbrechen nahe. Im Mai wäre das Pokalfinale fast wegen der Gewaltexzesse rund um das Spiel geplatzt. Wie schätzen Sie die Lage ein?
Prandelli: Sie ist kritisch, so kann es nicht weitergehen. Wahr ist, dass wir seit Langem über die Gewalt im Fußball reden, es aber nicht schaffen, sie zu besiegen. Es reicht nicht, bloß zu sagen, es handle sich um ein Problem unserer Gesellschaft und keines des Fußballs allein.
SPIEGEL: Kämpfen Sie vergebens?
Prandelli: Man kämpft, um seine Ideale zu verwirklichen, da gehören Schwierigkeiten dazu. Wir dürfen nie nachlassen, uns mit diesen Themen auseinanderzusetzen. Ich bin überzeugt: Je mehr Leute den Mut haben, etwas zu unternehmen, desto besser wird die Zukunft aussehen.
SPIEGEL: Erwarten Sie das von Ihren Spielern auch?
Prandelli: Wir wollen einfach, dass die Spieler ein gewisses Verhalten an den Tag legen und Position beziehen - zum Beispiel in Fragen der Gewalt.
SPIEGEL: Taugen sie als Vorbilder?
Prandelli: Das sollen sie nicht sein. Es geht darum, dass jeder auf eine direkte Frage eine klare Antwort geben kann.
SPIEGEL: Einige Spieler der deutschen Mannschaft besuchten vor der Europameisterschaft in Polen und der Ukraine das ehemalige KZ von Auschwitz. Es wurde darüber diskutiert, ob Fußballer an solch einen Ort gehören. Sie waren mit Ihrem Team auch dort. Warum?
Prandelli: Um zu zeigen, dass wir trotz eines wichtigen Turniers nicht die Geschichte vergessen. Um zu begreifen, wie weit der menschliche Wahnsinn gehen kann.
SPIEGEL: Sie haben 1985 als Spieler von Juventus Turin die Tragödie im Brüsseler Heysel-Stadion miterlebt. Damals lösten Hooligans beim Europapokalfinale eine Panik aus, bei der 39 Menschen ums Leben kamen. Hat Sie dieses Erlebnis geprägt?
Prandelli: Ja, auch das meine ich mit menschlichem Wahnsinn. Kürzlich waren von Fans aus Florenz Sprechchöre zu hören, mit denen die Opfer von damals verhöhnt wurden, 30 Jahre danach. Das ist doch verrückt! Man sieht: Du musst immer wieder darauf hinweisen und darfst nicht vergessen, was geschehen ist.
SPIEGEL: Viele Brasilianer protestieren gegen die WM, gegen Korruption und Gewalt. Vermutlich wird es auch während des Turniers zu Unruhen kommen. Ihre Spieler werden damit konfrontiert sein. Bereiten Sie sie darauf vor?
Prandelli: Vor einem Jahr, beim Confed Cup in Brasilien, waren in allen Medien die Bilder davon zu sehen. 97 Prozent der Journalistenfragen galten den Protesten. Unsere Routen vom Hotel ins Stadion wurden aus Sicherheitsgründen geändert. Es war nicht zu übersehen, welches Unbehagen diese Lage in der Mannschaft auslöste.
SPIEGEL: Was haben Sie daraus gelernt?
Prandelli: Wir werden nicht so tun, als ob alles in Ordnung wäre. Natürlich werde ich meine Mannschaft hauptsächlich auf die Spiele vorbereiten, aber wenn es zu Unruhen kommen sollte, werden wir darüber sprechen. Das lässt sich gar nicht ausblenden.
SPIEGEL: Italien gilt bei großen Turnieren als Schrecken der deutschen Mannschaft ...
Prandelli: Ich hoffe, das wird so bleiben.
SPIEGEL: Warum bloß spielt Italien immer so kaltblütig, diszipliniert und erfolgsorientiert? So unitalienisch? Warum klappt das immer ausgerechnet im Fußball so gut?
Prandelli: Ich sage ja: Fußball wirkt Wunder. (lacht) Es scheint, als würden diese Eigenschaften von Spielergeneration zu Spielergeneration weitervererbt. Sie haben recht, die meisten Italiener besitzen diese Tugenden nicht, aber wenn eine Mannschaft wirklich zusammengeschweißt ist, dann wird sie unbesiegbar.
SPIEGEL: Einer Ihrer wichtigsten Spieler ordnet sich höchst ungern unter: Stürmer Mario Balotelli. Wie wollen Sie ihn bis zur WM in den Griff kriegen?
Prandelli: Er ist vor einem Jahr aus England zurückgekommen, zum AC Mailand, und hat in den ersten 13 Spielen 12 Tore geschossen. Alle dachten: Aaah, jetzt haben wir den Retter der Heimat gefunden.
SPIEGEL: Sein protziger und selbstverliebter Lebensstil kommt weniger gut an.
Prandelli: Die Leute kritisieren ihn dafür, dass er außerhalb des Platzes ein Verhalten an den Tag legt, das ihnen offenbar nicht gefällt. Es entspricht ja auch nicht wirklich einem Champion.
SPIEGEL: Über die deutschen Fußballer wird das Gegenteil behauptet: Sie seien zu brav. War es kein Zufall, dass ausgerechnet Balotelli vor zwei Jahren im EM-Halbfinale die beiden Treffer gegen die deutsche Elf erzielte?
Prandelli: Ich bin keineswegs gegen Spieler, die nonkonform sind und Fantasie zeigen. Ich versuche nur, manchen beizubringen, dass es hilft, wenn sie sich nicht den anderen gegenüber provozierend verhalten. Ein großer Spieler hat es nicht nötig, sich durch Provokation zu stimulieren.
SPIEGEL: Was ist wichtiger: das Kollektiv oder der Individualist?
Prandelli: Es kommt auf die Mischung an. Manchmal muss man einem einzelnen Spieler klarmachen, dass er sich anders verhalten muss. Ein Beispiel: 2006 hat mein Vorgänger Marcello Lippi im WM-Halbfinale gegen Deutschland Francesco Totti aus dem Zentrum an den Rand des Spielfelds gezogen. Weil sich die deutsche Elf trotzdem auf Totti konzentrierte, war der Weg durch die Mitte für uns frei. So brachte uns Totti den Sieg ein. Weil er sich unterordnete.
SPIEGEL: Den deutschen Nationalspielern wird vorgeworfen, sie würden zu oft in Schönheit sterben. Statt entschlossen aufs Tor zu stürmen, spielten sie am Strafraum lieber noch ein paar Pässe. Dabei geht es um die Grundsatzfrage, wie sehr Schönheit und Erfolg zusammenpassen. Verfolgen Sie diese Diskussion?
Prandelli: Ein bisschen, aber ich sehe darin keinen Gegensatz. Deutschland hat wunderschöne Spiele gezeigt und dabei im Strafraum pragmatisch gehandelt. Das ist der einzige Weg zum Erfolg.
SPIEGEL: Nie war Fußball schneller, athletischer, technisch besser und taktisch raffinierter als heute. Sehen wir den schönsten Fußball, den es je gab?
Prandelli: Ich glaube nicht. In den Siebzigern schwärmte man vom totalen Fußball der Niederländer, in den Achtzigern von Arrigo Sacchis Präzisionsspiel beim AC Mailand, jetzt gilt Pep Guardiolas Art zu spielen als Nonplusultra. Aber am Ende muss das Ergebnis stimmen, sonst verliebt sich keiner in irgendeine Art des Fußballs.
SPIEGEL: Als Pep Guardiola beim FC Bayern München anfing, sagte er, er wolle, dass seine Mannschaft vor allem "schönen Fußball" spiele. Ohne Schönheit kein Erfolg?
Prandelli: Es gibt ja nicht nur eine Art, schönen, ansehnlichen Fußball zu spielen. Bayern München spielt anders als Borussia Dortmund, beides sieht spektakulär aus. Aber wer spielt schöner? Wenn man beiden Teams zuschaut, langweilt man sich nie. Das ist der Charme des Fußballs.
SPIEGEL: Würde die Bundesliga Sie reizen?
Prandelli: Ich schließe nichts aus, überhaupt nichts. Jedes Mal, wenn ich mit Kollegen spreche, die Erfahrungen im Ausland sammeln, merke ich, dass der Fußball dort anders ist als bei uns. Vor Kurzem habe ich mich mit Carlo Ancelotti unterhalten. Er war schon Trainer in Italien, England, Frankreich und arbeitet jetzt bei Real Madrid. Er sagte, er sei in all seinen Jahren im Ausland kein einziges Mal von einem Fan angepöbelt worden. So etwas kann man sich in Italien gar nicht vorstellen.
SPIEGEL: Signor Prandelli, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Detlef Hacke und Walter Mayr in Florenz.
Von Detlef Hacke und Walter Mayr

DER SPIEGEL 23/2014
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