02.06.2014

Claudia Voigt Mein Leben als FrauViel zu schön

Ich hatte Geburtstag. Ich bin 48 geworden. Und obwohl Geburtstage auch eine unerbittliche Erinnerung daran sind, dass man älter wird, hatte ich einen schönen Tag. Es gab ein kleines Fest, es ging mir gut. Bis ich wenige Tage später den Film "Grace of Monaco" im Kino sah.
Der Film erzählt von der unglücklichen Ehe Grace Kellys mit dem monegassischen Fürsten Rainier. Bei ihrer Hochzeit war Grace Kelly 26 Jahre alt. Sie wird in dem Film von Nicole Kidman gespielt, die diesen Monat ihren 47. Geburtstag feiert. Das Werk erhielt vernichtende Kritiken, aber der große Altersunterschied zwischen der Hauptdarstellerin und der Hauptfigur schien kaum einen Kritiker so zu verärgern wie mich. Kidman ist mehrfach in Großaufnahme zu sehen, ihr Gesicht wirkt wie eine Werbefläche für Botox. Ist es mittlerweile selbstverständlich geworden, fragte ich mich, dass Frauen, die fast fünfzig sind, für Mitte zwanzig durchgehen? Kidman ist Hollywood-Schauspielerin und zählt zu einer Spezies, für die eigene Regeln gelten. Aber Frauen wie sie prägen Frauenbilder. Die Zahl der Botox-Anwendungen in Deutschland ist in den vergangenen zehn Jahren um 400 Prozent gestiegen.
Mitte Mai trat beim britischen Glyndebourne-Festival die junge, talentierte Opernsängerin Tara Erraught auf. Daraufhin ereiferte sich die seriöse englische Presse über die Statur der Sängerin, sie sei "mollig" und "unansehnlich", schrieben die Zeitungen und zeigten Fotos, auf denen eine Frau zu sehen war mit einer Figur, wie unzählige Frauen sie haben. Die Popsängerin Adele war schon ein Superstar, als sie von Karl Lagerfeld erfahren musste, sie sei "etwas zu fett". Das sind nur einige Beispiele für eine Botschaft, die zunehmend unverhohlen geäußert wird: Frauen können nicht jung genug aussehen, und sie können gar nicht dünn genug sein.
Zwei erfolgreiche Journalistinnen haben in dem amerikanischen Magazin The Atlantic unlängst eine Titelgeschichte über fehlendes weibliches Selbstvertrauen veröffentlicht. Sie berichten, dass sie im Laufe ihrer Karriere viele einflussreiche Frauen interviewt haben. "Wir hofften, aufschlussreiche Beispiele für ureigenes, blühendes weibliches Selbstvertrauen zu finden, aber je genauer wir hinschauten, desto deutlicher wurde der Mangel daran." Woran liegt das?, fragen die Reporterinnen.
Eine ihrer Antworten lautet: Ein braves Mädchen zu sein funktioniert vielleicht in der Schule, aber nicht im Leben. Das Streben nach Lob begleitet viele Frauen viel zu lange. Ihr Gefühl, nicht gut genug zu sein, nicht jung genug, nicht schön genug, steht ihrem Erfolg im Wege. Denn Erfolg hängt von Kompetenz und Selbstvertrauen gleichermaßen ab.
Der Perfektionismus, den eine Nicole Kidman verkörpert und der von Künstlerinnen wie Tara Erraught verlangt wird, wirkt einschüchternd und macht schlechte Laune. Dicksein und sichtbares Altern sind mittlerweile kaum mehr gesellschaftsfähig. Könnte beides bitte dringend gerettet werden.
An dieser Stelle schreiben drei Kolumnisten im Wechsel. Nächste Woche ist Elke Schmitter an der Reihe, danach Dirk Kurbjuweit.
Von Claudia Voigt

DER SPIEGEL 23/2014
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