02.06.2014

ZeitgeschichteUnser Mann in Barcelona

Der deutsche Spion Paul Fidrmuc meldete den Nazis den wahren Ort des D-Day. Nach dem Krieg arbeitete er als SPIEGEL-Korrespondent in Spanien. Zeit für eine Aufarbeitung. Von Thomas Hüetlin und Hauke Janssen
Drei Tage vor der Landung der Alliierten in der Normandie ging bei der Abwehr, der Geheimdienstzentrale in Berlin, folgende Nachricht ein:
"Invasion Pläne: Der Plan um La Manche wird favorisiert. Er beinhaltet eine Luft- und eine Wasser-Operation gegen die Kanalinseln, Landungen östlich und westlich des La Manche Departments voraussichtlich bei Isigny (11' östlich von Carentan an der östlichen Seite von Cherbourg)."
Und mehr oder weniger war es das, was im Morgengrauen des 6. Juni 1944 auch geschehen sollte: Auf einer Breite von fast 100 Kilometern stürmten 130 000 Soldaten der Alliierten die Strände der Normandie, unterstützt von 23 000 Fallschirmjägern und 6480 Schiffen. In den Befestigungsanlagen direkt am Strand standen ihnen gerade einmal 2000 Wehrmachtsoldaten gegenüber, während die 15. Armee mit ihren geschätzt 200 000 Soldaten die Invasion in dem Küstenabschnitt um Calais erwartete. Die Operation "Overlord" besiegelte die endgültige Niederlage Deutschlands.
Die Nachricht hatte ein Agent der Deutschen in Lissabon abgesetzt. Sein Tarnname war "Ostro", sein richtiger: Paul Fidrmuc (ausgesprochen: Fiedermutz). Er war so etwas wie ein Star unter den deutschen Agenten. Der damalige Abwehrchef Wilhelm Canaris hatte ihm während des Krieges eine juwelenbesetzte Tabakdose aus dem Besitz Napoleons geschenkt. Walter Schellenberg, Chef der deutschen Geheimdienste, bezeichnete Fidrmuc nach dem Krieg in einem Verhör der Amerikaner als "besten Agenten für militärische Aufklärung in Portugal". Und Fidrmuc' Berliner Führungsoffizier Wilhelm von Carnap hatte so viel Respekt, dass er es nicht wagte, seinen Mann in Lissabon nach seiner Arbeitsweise zu befragen.
Die Gegenseite hielt den deutschen Meisterspion trotz oder vielleicht gerade wegen seiner Begabung, Dinge auch zu erfinden, wenn er sie nicht herausfinden konnte, für "genial". "Eine Primadonna, die nicht gerügt werden durfte", schrieb Guy Liddell, Chef der Spionageabwehr des britischen Geheimdienstes MI5 in sein Tagebuch.
Und der Brite Roger Hesketh, Mitglied einer alliierten Einheit zur Irreführung der Deutschen, nannte Fidrmuc "the loose horse in the race", ein unberechenbares Pferd, auf das man nicht setzen konnte. Denn anders als die anderen gut 120 deutschen Agenten, die die Engländer vor der Invasion kontrollierten und dazu benutzt hatten, den Deutschen falsche Informationen über Ort und Zeitpunkt der Invasion zukommen zu lassen, hatte Fidrmuc nie die Seiten gewechselt.
Die Meldung über die Landung der Alliierten war Fidrmuc' größter Scoop. Berlin traute zwar Fidrmuc' Meldung nicht, die Truppen blieben auf Calais fixiert, aber beim Feind erzielte sie ihre Wirkung: ",Ostro' hat ins Zielgebiet getroffen", notierte Guy Liddell am Vorabend der Invasion. ",Ostro' gab eine korrekte Vorhersage über die Invasion", schrieb Hesketh.
Fidrmuc bekam die höchste Auszeichnung, die ein Meisterspion bekommen konnte: Die Briten beschlossen, ihn auszuschalten.
Fidrmuc hat den Krieg überlebt, er starb erst 1958 und machte bis dahin auf zweifache Weise Karriere: als literarische Figur in dem Agentenroman "Unser Mann in Havanna" des Schriftstellers Graham Greene, der selbst während des Krieges für den Geheimdienst tätig war; und er machte Karriere als Journalist bei einem deutschen Nachrichten-Magazin. Das SPIEGEL-Impressum weist ihn in den Jahren 1952 und 1953 als Korrespondenten in Barcelona aus, und auch in den Jahren danach arbeitete er von Barcelona aus für die Redaktion in Hamburg.
Unser Mann in Barcelona. Unser Mann, ein Meisterspion, ein Agent mit Fantasie. Unser Mann, der die schönen Frauen liebte und das schöne Leben in Lissabon. Unser Mann, der als junger Bursche deutscher Meister im Rudern wurde und später die Costa Brava per Boot erkundete. Unser Mann, eine Primadonna. Unser Mann, der den D-Day verriet. Und unser Mann, ein Mitglied der NSDAP, der bis zum Ende an den Sieg des Vaterlandes glaubte.
Unser Mann ist auch ein unbekannter Mann. Keine Biografie wurde je über ihn geschrieben, kein SPIEGEL-Artikel, kein Zeitungsartikel, der sein Leben und Wirken reflektiert hätte. Ein paar Beiträge in Fachpublikationen, die über das Rätsel "Ostro" streiten, ein paar Seiten in einem unbeachteten Buch des Journalisten Günter Peis, das vor mehr als 40 Jahren erschienen ist. Ansonsten: nichts. Aber in den British National Archives finden sich Akten mit roten Stempeln, "Secret", "Top Secret", "Most Secret", im Bundesarchiv Dokumente der Reichsschrifttumskammer über seine Parteizugehörigkeit, im SPIEGEL-Archiv über hundert Seiten handschriftlich verfasste Erinnerungen Fidrmuc', die nach Kriegsende in den späten Vierzigerjahren entstanden sind. Dazu Korrespondenz mit der Redaktion, persönliche Briefe an SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein und Zeugnisse ehemaliger SPIEGEL-Mitarbeiter, die heute alle außer dem damaligen Redaktionsleiter Hans Detlev Becker verstorben sind.
"Onkel Paul war fesch und pfiffig", sagt Helmut Fidrmuc, 85. Er lebt in Heidelberg, vor ihm in seinem Wohnzimmer liegt ein Foto in Schwarz-Weiß aus dem Jahr 1928. Eine große Familienfeier, eine Doppelhochzeit, 31 Personen, vorn die Großeltern, die Frauen in eleganten Kleidern, die Männer im Frack. Ganz hinten steht einer, der Zylinder trägt und eine weiße Nelke im Knopfloch, sein Blick ein wenig spöttisch und leutselig zugleich. Als gehöre er dazu und dann wieder nicht. Onkel Paul.
Helmut Fidrmuc ist, zusammen mit seinen beiden Schwestern, die heute in den USA leben, einer der letzten Nachkommen der Familie. Nach dem Krieg habe er den Onkel noch einmal Mitte der Fünfzigerjahre in Heilbronn gesehen. Man habe damals anerkennend über ihn gesprochen: "Der Onkel war beim Canaris."
Paul Fidrmuc wurde 1898 geboren, als Sohn eines Notars wuchs er im Städtchen Lundenburg auf, dem heutigen Břeclav, 70 Kilometer nördlich von Wien in Südmähren. Es war die Welt der K.-u.-k.-Monarchie. Fast alles in diesem 10 000-Seelen-Ort gehörte dem Fürsten von Liechtenstein: der Wald, das Sägewerk, die Brauerei. Das Oben und das Unten waren klar geregelt. Die Fidrmuc waren oben.
Der Erste Weltkrieg brachte diese Ordnung zum Einsturz. Fidrmuc geriet als Reserveoffizier in italienische Kriegsgefangenschaft, flüchtete nach wenigen Tagen in die, wie er in seinen Erinnerungen schreibt, "von Zerstücklung und Revolution, Hunger und Niedergeschlagenheit geschlagene Heimat".
Die Heimat Lundenburg gehörte inzwischen zur Tschechoslowakei, auf den Behörden und in der Schule wurde Tschechisch gesprochen. Fidrmuc setzte sich, wie er schreibt, "an das Selbstbestimmungsrecht der Völker glaubend gegen die einsetzenden Drangsalierungen zur Wehr", er schloss sich Aufrührern an, wurde bald gefasst und, wie er stolz bekennt, zu einer langjährigen Zuchthausstrafe verurteilt, aber ihm gelang die Flucht.
In Wien begann er 1920 mit dem Studium der Philologie, das er aber rasch abbrach, nachdem die Familie ihr Vermögen während der Inflation in Österreich verloren hatte. Ende des Jahres ging er nach Lübeck, wo er ins Metallexport-Geschäft einstieg.
Fidrmuc war ein großer, athletischer Typ, er hatte Charme, die Frauen mochten ihn. Der britische Geheimdienst stufte ihn später als hochintelligent ein, im Laufe seines Lebens lernte er sechs Sprachen: Englisch, Portugiesisch, Italienisch, Französisch, Dänisch und Spanisch. Bei den Deutschen Meisterschaften 1922 in Trier saß er im Sieger-Achter des Lübecker Ruder-Klubs, ein Jahr später belegte er den dritten Platz im Vierer ohne.
1923 heiratete der Sonnyboy eine Dänin namens Rigmor, eine Blondine mit Engelsgesicht, frech, aufreizend, mit einem Hang zur Demimonde. "A blonde always to be found in the English Bar", sollte der britische Geheimdienst später in Lissabon über sie notieren.
Und ab Mitte der Zwanzigerjahre versuchte sich Fidrmuc als Journalist. Er schrieb für das britische Fachblatt The Ironmonger und das amerikanische Magazin Iron Age. Er war unterwegs in einem Metier, das aufs Engste mit der Rüstungsindustrie verbunden war.
Erste Kontakte zur deutschen Abwehr gab es 1933. Im Jahr 1935 verdächtigte die Gestapo ihn, ein tschechischer Agent oder gar Doppelagent zu sein, er wurde verhaftet und saß einen Monat lang im Gefängnis Columbia-Haus am Tempelhofer Feld in Berlin. Im selben Jahr fiel Fidrmuc auch erstmals dem britischen Geheimdienst auf, weil er Bücher, Karten und Dokumente in London geordert hatte.
In seinen Erinnerungen listet er seine Erfolge auf: Vor der Annexion des Sudetenlandes spionierte er die Befestigungsanlagen in Tschechien aus. Vor dem Anschluss Österreichs tat er sich in Wien um. Vor dem Überfall auf Polen versorgte Fidrmuc den Abwehrchef Canaris mit den Aufmarschplänen des polnischen Generalstabs. Vor der Besetzung des Balkans beschaffte er die Produktionspläne der Ölraffinerien von Ploiesti. Nebenbei will er auch Zugang gehabt haben zu Geheimakten der französischen und belgischen Rüstungsindustrie.
Einige Monate vor der Besetzung Dänemarks ließen sich die Fidrmuc in Kopenhagen nieder. Auch dort war er als Agent im Einsatz, zusammen mit seiner Frau wurde er im November 1939 verhaftet und verurteilt, aber die Deutschen tauschten ihn, so berichtet es Fidrmuc in seinen Erinnerungen, nicht ohne Stolz, gegen gleich vier skandinavische Spione aus.
Vier zu eins, das war 1940 der Wechselkurs für den Agenten Fidrmuc. Die Abwehr hatte ihn als kühl agierenden Profi schätzen gelernt. Als jemanden, der Leute anwarb und wieder fallen ließ. Als jemanden, der in einem undurchsichtigen Gewerbe öfter richtig lag als falsch. Als einen "fährtensicheren Spürhund".
Fidrmuc schreibt in seinen Erinnerungen: "Der Nachrichtendienst ist eine Beschäftigung, die dazu reizt, seine geistigen Fähigkeiten in einem eleganten, wenn auch gefährlichen Spiel einzusetzen. Es gibt Unterschiede wie etwa in einem graziösen Florett-Duell, bei dem man sich vorher höflich grüßt, und dem Gebrüll beim Aufeinanderschlagen mit dicken Holzknüppeln. Und man muss im Nachrichtendienst 'sine ira et studio' (ohne Zorn und Eifer) vorgehen. Hass und Abneigung trüben den Blick. Nur wer sich in den Feind hineinfühlen kann 'with malice to none', wie Abraham Lincoln meinte, kann das Wesentliche von wichtigen Meldungen erfassen und richtig den Einsatz seiner Verbindungen beurteilen." Fidrmuc, ein Dandy als Agent, gebildet, geschmeidig, gewissenlos.
Er hing an seinem seltsamen Beruf, an den Privilegien, dem Thrill, er war der Überzeugung, Allerwichtigstes für Deutschland tun zu können, die Weichen zu stellen in einem Krieg, von dem er wollte, dass er siegreich endete. "Ich habe in diesem Krieg niemals eine Uniform getragen, und dennoch gab mir die unverbrüchliche Verbundenheit mit den Kameraden an der Front die Stärke auszuhalten", schreibt Fidrmuc.
Fidrmuc war auch von Mai 1939 an Mitglied der NSDAP. Im April 1940 bestätigte die Gauleitung Hamburg, dass über ihn "in politischer und charakterlicher Hinsicht" nichts Nachteiliges bekannt sei. In seinen Erinnerungen spricht sich Fidrmuc nie grundsätzlich gegen den Nationalsozialismus oder Hitler aus. Die Konzentrationslager waren für ihn nur eine Art Verfahrensfehler. "Schließlich sind wir ja Deutsche und keine Barbaren", schreibt Fidrmuc. "Im Kriege besonders muss der Staat mit eiserner Strenge gegen seine Gegner vorgehen. Aber auch nie dabei die menschliche Würde vergessen. Und genützt haben die KZs dem Dritten Reiche nichts. Nur geschadet. Ihre Einrichtung und Ausbau war, wie Talleyrand richtig bemerkte, mehr als ein Verbrechen, es war eine Dummheit." Den Holocaust und die Vernichtungslager im Osten erwähnt er nicht. Seine Worte verraten weder Scham noch Trauer.
In Fidrmuc' Erinnerungen findet sich kein Verständnis für seine Vorgesetzten bei der Abwehr, für Männer wie Wilhelm Canaris, die ihren Widerstand gegen Hitler mit dem Leben bezahlten. Canaris, Chef der deutschen Abwehr, war früh an Umsturzplänen gegen Hitler beteiligt gewesen. 1944 verlor er seinen Posten, nach dem Fund seines Tagebuchs wurde er verhaftet und schließlich im April 1945 im Konzentrationslager Flossenbürg gehenkt. Seine letzte Nachricht, geklopft an die Wand eines Zellennachbarn, lautete: "Bei der letzten Vernehmung Nase gebrochen. Meine Zeit ist um. War kein Landesverräter. Habe als Deutscher meine Pflicht getan. Sollten Sie weiterleben, grüßen Sie meine Frau."
Die Rückkehr Deutschlands zur Großmacht war für Fidrmuc nur in einem Obrigkeitsstaat vorstellbar - wie übrigens auch für die meisten Offiziere der Abwehr um Canaris, die erst in Opposition zu Hitler gerieten, als der zum Krieg drängte. "Die nationalsozialistische Revolution konnte ohne drakonische Mittel besonders in der ersten Zeit nicht auskommen. Der Konflikt mit Russland stand früher oder später bevor", schreibt Fidrmuc.
Ab 1940 sollte sich Fidrmuc um das Ausspionieren der Westmächte England und USA kümmern. Er ging mit seiner Ehefrau Rigmor nach Lissabon, um dort ein Agentennetz aufzubauen - den "Ostro"-Ring. Das neutrale Lissabon war zu dieser Zeit einer der letzten Fluchtpunkte Europas. Hier fanden sich Waffenhändler, Spione, Deserteure und all jene, die wegwollten von diesem Kontinent und bereit waren, jeden Preis zu bezahlen für einen Platz auf einem Schiff oder in einem Flugzeug nach Amerika oder wenigstens nach England. Ein Handelsplatz für Nachrichten und für Deals aller Art.
"Das Juwelengeschäft hat seit je seinen Mann ernährt", schreibt Fidrmuc. "Mit den Emigranten wurde auch eine große Menge Schmuck an Portugals Gestade gespült. Aus Deutschland Broschen, aus Wien alte, schöne Ohrringe und besonders Golddosen. Aus Holland und Belgien kamen ungefasste Brillanten, aus Frankreich Colliers, aus Balkanländern Armspangen. Schmuck wurde also genug angeboten. Warum nicht davon Gebrauch machen?"
In diesem Lissabon der Agenten, Geschäftemacher und Gestrandeten gab es zahlreiche deutsche Agenten: darunter Johnny Jebsen, ein wohlhabender Reederssohn aus Hamburg, und Duško Popov, ein Serbe. Die beiden glaubten bis zu Fidrmuc' Ankunft, eine "Art Monopol" in Lissabon zu haben, wie Popov in seinen Memoiren schrieb. Aber Jebsen und Popov arbeiteten nicht nur für die Abwehr. Ihre eigentliche Loyalität gehörte dem MI5. Popov hatte dort den Decknamen "Tricyle", Jebsen hieß "Artist".
Sie führten ein wildes Leben in Lissabon. Geld, Autos, Frauen, Partys, zahlreiche Besuche im Kasino in Estoril, vor allem Jebsen war ein stadtbekannter Playboy, der sich in seinem Rolls-Royce von seiner Villa im Seebad Estoril nachts in die Stadt fahren ließ. In den Bars, so erzählt es Popov, zeigte Jebsen, ganz der anglophile Hanseat, mit einem Regenschirm auf die Mädchen. "Du da, du da, du da und du da hinten auch." Am nächsten Morgen bezahlte er, wenn er knapp bei Kasse war, mit Vasen, Tellern, silbernen Aschenbechern, was gerade so herumstand in seinem Haus.
Jebsen und Popov gehörten zu dem Netz britischer Agenten, die die Deutschen mit falschen Informationen über die bevorstehende Invasion versorgten. Sie verkehrten in denselben Zirkeln wie Fidrmuc. "Die Abwehr bietet Fidrmuc Deckung", klagte Jebsen. Niemand vor Ort dürfe Fidrmuc kontrollieren. Die Gewährsleute "haben nur Befehl, seine Informationen entgegenzunehmen und durch einen Sonderkurier nach Berlin befördern zu lassen".
Jebsen alias "Artist", der Reederssohn aus Hamburg, wurde am 29. April 1944 von den Deutschen im Büro der Abwehr in der Rua Buenos Aires zusammengeschlagen, betäubt und in einer Blechkiste im Kofferraum ins französische Biarritz entführt. Dort ging es per Flugzeug weiter ins Gestapo-Hauptquartier in Berlin. Wochenlang wurde Jebsen gefoltert. Er verriet nichts von den fingierten Invasionsplänen der Alliierten. Im September 1944 kam er ins KZ Sachsenhausen, wo sich im Februar 1945 seine Spur verliert, nachdem ihn die Gestapo zu einem Verhör abgeholt hatte. 1950 erst erklärte ihn ein Berliner Gericht für tot.
Seinen Freund und Agentengefährten Popov hatte Jebsen während des Jurastudiums in Freiburg kennengelernt, beide verabscheuten die Nazis. Popov machte nach dem Krieg Karriere als Geschäftsmann und starb im Alter von 69 Jahren in Südfrankreich. Für den britischen Schriftsteller Ian Fleming, der Anfang der Vierzigerjahre für den Geheimdienst in Lissabon tätig war und regelmäßig in Estoril das mondäne Kasino besuchte, war Popov eines der Vorbilder für den Geheimagenten James Bond.
Popov und Jebsen sind Legenden geworden, Helden im Kampf gegen die Nazis. Fidrmuc war ihr Counterpart, ein Antiheld.
In den Monaten vor der Invasion hatte es auch Anwerbungsversuche der Briten gegeben, denen Fidrmuc jedoch widerstand. Sie versuchten auch, Fallen zu stellen, indem sie Fidrmuc plump gefälschte Dokumente unterschoben, um ihn bei der Abwehr zu diskreditieren. Dann setzte er am 1. Juni seine Nachricht über den nahezu richtigen Ort der Invasion ab. Die desinformierte deutsche Abwehr glaubte ihm nicht, Hitler deutete die Invasion in der Normandie sogar als Ablenkungsmanöver. "Unter den vielen Meldungen, die wir erhalten haben, war eine, die Landungsort, Tag und Stunde genau vorhergesagt hat. Gerade das bestärkt mich nun in der Meinung, dass es sich nicht um die eigentliche Invasion handeln kann", sagte er auf dem Obersalzberg am 6. Juni 1944 zu seinem Rüstungsminister Albert Speer.
Für die überraschten Briten analysierte Herbert Hart, damals Sektionsleiter beim MI5 und später Juraprofessor in Oxford, sechs Tage nach Fidrmuc' D-Day-Nachricht, dessen Berichte: "Mit Ausnahme einer winzigen Prozentzahl sind diese aber nicht nur falsch, sondern sie sind es auf eine fantastische Art."
In den Jahren zuvor hatte "Ostro" von Schiffen berichtet, die in Konvois vor der britischen Küste fahren sollten, obwohl sie längst versenkt waren oder in asiatischen Gewässern fuhren. Er erfand angeblich technische Details von Unterseebooten, die es überhaupt nicht gab. Er erfand im April 1942 ein Bankett im Adelphi Hotel in Liverpool, an dem Königin Mary, der Premierminister und Teile der britischen Admiralität teilgenommen haben sollten.
Harts Fazit: Die Berichte "Ostros" seien nicht nur erfunden, sie seien auch von jemandem erfunden worden, der nicht einmal in England leben würde. Trotzdem bestünde durchaus die Gefahr, dass sie "gefährlich" seien: Denn durch Zufall oder Intuition sei es immer möglich, dass "Ostro" einen Treffer lande. Und so war es dann auch mit Fidrmuc' D-Day-Nachricht.
Die Führung des britischen Geheimdienstes entschied, man sollte "Ostro" "loswerden, indem man ihn kidnappt oder umbringt". In einem Sitzungs-Memo aus dem Februar 1945 heißt es: "Die Anwendung solcher Methoden ist selten gerechtfertigt, aber in diesem Fall, wenn große Teile der Truppen gefährdet sind, scheint es klar zu sein, dass man diese Methode wenigstens in Erwägung ziehen sollte. Wenn die Spezialeinheit S.O.E. diesen Job übernehmen und davon ausgehen könnte, ihn erfolgreich auszuführen, würde das ohne Zweifel eine zufriedenstellende Lösung im nationalen Interesse darstellen."
Doch alle Versuche, ihn zu eliminieren, misslangen. Stattdessen notierte MI5-Direktor Guy Liddell am 16. April 1945 in seinem Tagebuch, dass es Nachricht gebe, "Ostro" habe die Abwehr gebeten, ihm und seinem Netzwerk den Lohn "drei Monate im Voraus zu bezahlen, um die Organisation gegen Rückschläge abzusichern, die aus der militärischen Situation entstehen könnten". Eine Organisation, einen Agentenring, den es nicht gab. Fidrmuc arbeitete meist allein, er hatte jahrelang für eine Vielzahl Mitarbeiter kassiert, die nur auf Zahlungsbelegen existierten.
Vierzehn Tage später beging Hitler Selbstmord, das Nazi-Regime war am Ende, aber Fidrmuc im fernen Süden wollte im Fall der Niederlage drei Monate Lohnfortzahlung. "Ich habe meine Pflicht bis zum letzten Tag erfüllt und mich für meine Partei stets ohne Rücksicht auf das Risiko eingesetzt. Mein Gewissen ist rein. Ich habe Groß-Deutschland treu gedient", heißt es in Fidrmuc' Erinnerungen. Und weiter: "Der deutsche Soldat hat in diesem Krieg stets Übermenschliches geleistet. Keine andere Nation hätte diesen Krieg so lange durchhalten können. Die unzähligen Gräber der Soldaten wachen vom fernen Wüstensand bis zum Nordkap und vom Kaukasus bis zu den Pyrenäen für Deutschlands Blüte. Ich beneide sie. Ich bin froh, dass meine Eltern während des Krieges starben, meine Mutter, die stets Tränen in den Augen bekam, wenn sie uns kleinen Buben Eichendorffs Lied vorsang: 'Ich grüße Dich Deutschland aus Herzensgrund'."
Tatsächlich lebte Fidrmuc ab Mitte März 1945 in Spanien, einem Land, in dem der Faschismus den Zweiten Weltkrieg überdauert hatte. Seine Wahl war auf Barcelona und eine Ortschaft namens Tamariu gefallen, der ehemalige deutsche Meister im Rudern liebte es, nachts mit dem Boot hinaus aufs Meer zu paddeln.
1946 allerdings wurde er festgenommen und abgeschoben, "repatriiert", wie es damals hieß. Monatelang wurde Fidrmuc, zuletzt in Oberursel, von den Amerikanern verhört, kam aber frei, obwohl der Final-Interrogation-Report vom 22. Mai 1947 ihn als "one of the most successful and potentially dangerous German agents of the war" auswies - als einen "der erfolgreichsten und potenziell gefährlichsten deutschen Agenten während des Krieges". Die US-Militärbehörde vermutete, dass er ein Vermögen von drei Millionen Peseten, umgerechnet 300 000 Dollar, in Sicherheit bringen konnte, zum Teil in Schmuck und Briefmarken.
Die Amerikaner hatten nun andere Interessen. Der Kalte Krieg begann, und der Aufstieg der Sowjetunion setzte sich fort. Fidrmuc, der vorgab, Verbindungen nach Prag, Warschau und Moskau zu haben, war wohl nun auch für die Amerikaner ein interessanter Mann. Ein Auslieferungsgesuch der Tschechen jedenfalls lehnten die Amerikaner ab.
Nach Fidrmuc' Rückkehr wurde er von Francos Agenten in Barcelona mit einem Festessen im Ritz gefeiert. Als Ehrengast angeblich dabei: Erika Canaris, die Witwe von Wilhelm Canaris, der, als er noch Hitler diente, im Bürgerkrieg die Faschisten unterstützt hatte. Fidrmuc arbeitete nun für den spanischen Geheimdienst. Nebenbei widmete er sich wieder dem Journalismus, gemäß seiner alten Losung: "Ein Spion sollte in seinem vorgetäuschten Beruf ein Experte sein, damit man ihm seine Tarnung glaubt."
Fidrmuc schrieb für die Rhein-Neckar Zeitung, er verfasste Kriminal- und Agentenromane für Groschenhefte und auch eine Geschichte für die Zeit über das faschistische Spanien, die im Juli 1949 erschien. Überschrift: "Ein Polizeistaat ohne Polizei".
"Spanien ist eine Diktatur. Es gibt nur eine Partei, eine Presse, nur den Willen einer Regierung. Trotzdem ist es das einzige Land Europas mit voller persönlicher Freiheit", heißt es in dem Artikel. "Heute genügt es, Deutscher zu sein, um Vorteile zu genießen, die keinem anderen Ausländer geboten werden."
Spätestens 1950 nahm Fidrmuc Kontakt zum SPIEGEL auf. Er schrieb an Werner Hühne, ehemals Ressortleiter Ausland, und bot ein Buch über den Nachrichtendienst zur Verwertung an. Er schrieb auch, dass er nach dem Krieg in Untersuchungshaft gesessen habe, er verfüge aber über eine Unbedenklichkeitsbescheinigung des US-Geheimdienstes.
"Rudolf Augstein hatte ihn uns zugewiesen. Fidrmuc habe exklusive Informationen", so steht es in den unveröffentlichten Memoiren von Georg Wolff, der Nachfolger von Hühne als Ressortleiter Ausland wurde und selbst während des Krieges als SS-Hauptsturmführer in Norwegen stationiert gewesen war. Auch Wolff war angetan von diesem ehemaligen Agenten, einem Mann mit geheimnisvoller Aura und noch geheimnisvolleren Kontakten, einem Profi der Nachrichtenbeschaffung. "Fidrmuc war eine Eindruck machende Figur, sehr schlank, groß, leicht gebeugte Haltung, feiner Kopf. Deutlich zu erkennen der K.-u.-k.-Charme, dazu ein Hauch von Maghrebischem. Ein Schlitzohr war er sicher auch."
Im Mai 1953 erhielt Fidrmuc einen neuen Vertrag als Spanienkorrespondent. Monatlich bekam er nun 1600 Mark, zu damaligen Zeiten ein sehr hohes Gehalt. Nachrichten aus aller Welt konnte das Nachrichten-Magazin gut gebrauchen. Der jungen Redaktion, Augstein war Ende 1950 gerade mal 27 Jahre alt, fehlte es an Geld und an internationalen Kontakten. Die wenigen Seiten "Internationales" wurden häufig aus dem Archiv geschrieben, das allerdings reichlich bestückt war, organisiert übrigens nach den Vorgaben eines ehemaligen Karteiführers des NS-Sicherheitsdienstes.
Bald munkelte man, dass Fidrmuc' zwar exklusive, aber nicht immer ganz richtigen Informationen aus nachrichtendienstlichen Quellen kämen: vom spanischen Geheimdienst, vom CIA oder gar von den Sowjets. Augstein und sein Redaktionsleiter Hans Detlev Becker reisten mit dem Auto nach Spanien, um Fidrmuc zu treffen. Sie nahmen Horst Mahnke mit, weil er, so Redaktionsleiter Becker, eine "infantile Neigung zu inoffizieller Nachrichtengewinnung" besaß. Auch Mahnke hatte während des Zweiten Weltkriegs als SS-Hauptsturmführer gedient. Am Ende des Kurzurlaubs an der Costa Brava verstanden sich Augstein, Becker und Fidrmuc prächtig.
So etwas gab es auch beim SPIEGEL Anfang der Fünfzigerjahre: Ein ehemaliger Abwehragent aus Lissabon wurde von Hamburg aus geführt von zwei ehemaligen SS-Hauptsturmführern, Mahnke und Wolff. Eine hässliche Vorstellung heute, aber der SPIEGEL, so lautete die Argumentation Augsteins, brauchte Leute, die die Apparate, um die es ging, so gut kannten, dass sie in der Lage waren, darüber zu schreiben. "Natürlich habe Augstein nicht bewusst nach SS-Leuten für den SPIEGEL gesucht", schreibt der Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister, aber "sie brachten ein Wissen mit, das die jungen SPIEGEL-Redakteure nicht hatten".
Der Historiker Norbert Frei erkennt im frühen SPIEGEL aber auch eine "irritierende Gleichzeitigkeit von Apologie und Aufklärung". Erst Ende der Fünfzigerjahre habe man den SPIEGEL immer öfter auf der Seite derer gefunden, "die gegen Antisemitismus, Verdrängung und Verleugnung eintraten".
So trafen sich im Milieu des erst langsam wieder zu sich selbst findenden Journalismus in Deutschland Agenten, Nachrichtenhändler und ehemalige Nazis. "Die 'Stunde null der deutschen Presse'", sagt Frei, "war kaum weniger eine Illusion als die Vorstellung von einer 'Stunde null' im Ganzen."
Der SPIEGEL ist eben auch nur ein Nachrichten-Magazin aus Deutschland mit einer deutschen Vergangenheit, und die Aufarbeitung seiner Geschichte begann, wie bei vielen anderen deutschen Unternehmen und Pressehäusern, erst spät - zuletzt anlässlich des 50-jährigen Jubiläums der SPIEGEL-Affäre vor zwei Jahren.
Die Verantwortlichen im SPIEGEL der Fünfzigerjahre wussten, dass bei Fidrmuc' Informationen Vorsicht geboten war. Ein Manuskript von Fidrmuc über Waffengeschäfte leitete Redaktionsleiter Detlev Becker weiter an Conny Ahlers, den Militärexperten des Magazins: "Der Verfasser der Anlage ist unser lieber Herr Fidrmuc, dessen Informationen manchmal stimmen, manchmal nicht stimmen, aber immer interessant sind. Wir dürfen seinen Namen in Bonn unter keinen Umständen preisgeben. Außerdem empfiehlt es sich, bei Rückfragen im Verteidigungsministerium vorsichtig vorzugehen, da man sich hin und wieder mit dem Material des Herrn Fidrmuc blamieren kann."
Fidrmuc machte beim SPIEGEL das, was er schon als Spion gemacht hatte: Informationen sammeln, herumhorchen, die Details mit einem Ton der Wichtigkeit versehen, den Stoff aufblasen. In den Erinnerungen des SPIEGEL-Redakteurs Wolff heißt es über Fidrmuc: "Intimste Nachrichten über die EVG (Europäische Verteidigungsgemeinschaft), aus der dann doch nichts wurde. Detailliertes über die sowjetische Atomrüstung, Gesprächsprotokolle nahöstlicher Sultane. Was ein Militär-Attaché in Moskau aufgeschnappt habe, dass die Ägypter eine 'Taschen-Atombombe' besäßen oder jedenfalls in Planung hätten, wie viel Gamaschenknöpfe der britischen Rheinarmee fehlten." Aber selbst Wolff konnte über Fidrmuc' Quellen nur spekulieren. "Wahrscheinlich waren es Schnipsel aus der beim spanischen Spionagedienst eingehenden Post - und zwar jene Schnipsel, die in die Wegwerfkiste sollten."
Unterlegt waren die Manuskripte von Fidrmuc öfter mit einem antiamerikanischen Ton. Im Grunde verachtete er alle Bemühungen des Westens. "Das war seine Rache an den westlichen Siegermächten. Die Sowjetunion erschien dagegen bei ihm als unbesiegbare Macht", schreibt Wolff.
Fidrmuc' Texte sind heute nicht allesamt eindeutig zu identifizieren, weil SPIEGEL-Artikel damals namentlich nicht gekennzeichnet waren; Aufzeichnungen über Autoren gibt es ebenfalls nicht, zumal viele Beiträge Fidrmuc' eher Meldungen waren als ganze Artikel, darunter auch eher kryptische Nachrichten über den deutschen Gesandten in Lissabon (52/1953) oder sowjetische Waffendeals mit Ägypten (10/1956). Als Mitautor war er an der Serie "Die Papiere des Herrn von Holstein" beteiligt (36-43/1957), die sich über acht Ausgaben der Geschichte des "Bismarck-Reichs" widmete und für die Augstein 2000 Mark auf Fidrmuc' Schweizer Konto überweisen ließ.
Die neuen Freunde in Hamburg nannte er in seinen Briefen "Lieber Don Rodolfo" und "Lieber Don Detlev", immer bereit, sie mit dem Nötigsten zu versorgen: "Da die Kehlen schmeisserisch durstig sein dürften, möchte ich zu Weihnachten wieder eine Sendung vorweg schicken, wieder mit Soberano oder mit Jerez gemischt? Bitte Nachricht, möglichst bald", heißt es in einem Brief vom Oktober 1955. Don Detlev verschaffte er sogar Zugang zu einem exklusiven Golfklub in Barcelona. "Ungewöhnlich schwierig", konzedierte Becker, "auch heute noch, da kommt praktisch keiner rein." Allerdings konnte auch Fidrmuc nicht verhindern, dass ein Kellner Becker nach dem Spiel von der Terrasse des Klubs vertreiben wollte: "You are a chauffeur, sit outside."
Für Rudolf Augstein organisierte Fidrmuc Urlaube. Er schlug vor, dass Augstein seinen Fahrer samt Auto aus Hamburg nach Madrid vorschicken solle, da es mit Leihwagen in der spanischen Hauptstadt so eine Sache sei, "da man sie an den Ort, wo man gemietet hat, zurückbringen muss, und ich glaube nicht, dass Sie einen Straßenkreuzer von gewohnter Güte bekommen".
Nebenbei bot er Immobiliendeals in Spanien an. Das Land erlebte gerade einen touristischen Bauboom, "Hotels sprießen weiter aus der Erde wie Pickel auf der Haut eines Jünglings", schrieb er im Sommer 1957 an Augstein. Der Verleger John Jahr, damals mit 50 Prozent SPIEGEL-Teilhaber, zeigte Interesse an einer Hotelbeteiligung. Allerdings wollte Jahr beim Umtauschkurs von DM in Peseten noch einige Vorteile mitnehmen, weshalb er Fidrmuc bat zu erwägen, den Kauf eines Grundstücks über Fidrmuc' Schweizer Konto abzuwickeln. ("Können Sie dann, wenn es sich um namhafte Beträge handelt, also um 50 000, 100 000 oder 200 000 Schweizer Franken, diese Franken zu dem billigen Kurs in Spanien in Peseten umwandeln? Darüber würde ich gern von Ihnen hören. Mit herzlichen Grüßen, gez Jahr")
Ob aus den Immobilienplänen etwas wurde, wissen wir nicht. 1958 erkrankte Fidrmuc schwer. Im August meldete er sich noch ein letztes Mal bei "Don Rodolfo". Gut gelaunt und zuversichtlich klingt sein Brief, der typische Fidrmuc im beschwingten Offizierskasino-Ton. Der Brief eines Menschen, den nichts umwerfen kann. Tatsächlich liegt er seit Wochen im Bett.
Seiner Abneigung gegen Ärzte zum Trotz, schreibt Fidrmuc, habe er sich nun doch ihnen anvertraut und den Schritt sofort wieder bereut. "Das ging dann zu wie bei Christian Dior. Ich wurde gemessen, gewogen, Blut aus Venen und Muskeln dreifach analysiert. Röntgenaufnahmen rechts und links, morgens und abends. Die Diagnose: 'Entzündung des Knochenbeckens plus unterer Wirbelsäule.' Schmerzhaft, lang dauernd, ein seltener und deshalb begeisternder Fall."
Unser Mann in Barcelona starb am 20. Oktober 1958 an Knochenkrebs, er wurde 60 Jahre alt. Die Witwe Rigmor blieb zurück, in vertraut klingenden Briefen klagte sie über Mittellosigkeit, der SPIEGEL zahlte ihr daraufhin bis zu ihrem Tod 1981 eine kleine Rente. Der verstorbene Gatte habe "dem SPIEGEL-Verlag in schwierigen Jahren als Mitarbeiter besondere Dienste geleistet, die hier nicht zu erörtern sind".
Das Todesjahr Fidrmuc' war auch das Jahr, in dem der englische Schriftsteller Graham Greene ihm ein literarisches Denkmal setzte und den satirischen Agentenroman "Unser Mann in Havanna" veröffentlichte. Greene hatte während des Zweiten Weltkriegs für den MI6 gearbeitet; 1943 und 1944 war er dort für Portugal zuständig gewesen. Greenes Biograf Norman Sherry schreibt, dass sich der Schriftsteller ganz besonders von dem deutschen Agenten Paul Fidrmuc alias "Ostro" habe inspirieren lassen.
Greenes Antiheld in dem Roman heißt James Wormold und lässt sich von einem britischen Agentenführer anwerben, weil seine Tochter Milly sich ein Pferd und die Mitgliedschaft in einem exklusiven Country Club wünscht.
Wormold ist ein eher unsportlicher Typ, bescheiden und kleinbürgerlich im Auftritt, schüchtern, ungeschickt, angstgesteuert, der sich davor fürchtet, die Tochter zu verlieren, weil sie das Einzige ist, was ihm nach der gescheiterten Ehe noch geblieben ist. Wormold ist eine ganz andere Figur als Fidrmuc. Aber der Spion Wormold beginnt, wie der echte deutsche Spion, ein komplettes Agentennetz aufzubauen, er kassiert Geld und Spesen für Agenten, die es gar nicht gibt, und schafft es fast bis zum Ende, sein fiktives Netz vor den zahlenden Auftraggebern abzuschirmen. Auch Wormold nutzt Zeitungen, um daraus exklusiv Meldungen an den Geheimdienst abzusetzen.
"Das ist doch kein Leben, dieses Spionieren", sagt Wormolds Sekretärin Beatrice in dem Roman.
"Spionieren? Worüber? Geheimagenten entdecken doch nur, was alle längst schon wissen", antwortet Wormold. Beatrice sagt: "Oder sie lassen sich es eben einfallen. Es gibt viele Jobs, die nicht wirklich echt sind. Seifenboxen entwerfen zum Beispiel, Werbesprüche schreiben, im Parlament sitzen. Aber das Geld, das ist echt."
Und wie Fidrmuc geriet auch Wormold am Ende nicht wegen seiner Scharlatanerie in Lebensgefahr, sondern wegen seiner Zufallserfolge.
Fidrmuc' Neffe Helmut steht in seiner Wohnung in Heidelberg. Er ist alt, aber er klagt nicht über seine Arthritis, nicht über die Augenoperationen vor ein paar Jahren, er klagt auch nicht, wie andere Vertriebene, über die verlorene Heimat im ehemaligen Sudetenland.
Plötzlich fällt ihm noch etwas ein. "Onkel Paul hatte, als er uns besuchte in Lundenburg, einen Affen dabei. Er führte ihn an einem Halsband spazieren. Manchmal saß der Affe auch auf seiner Schulter."
Weiß er, dass sein Onkel auch in der Partei war?
Helmut Fidrmuc weiß es nicht. "Kaum", sagt er. Aber Onkel Paul habe seine Überzeugungen gehabt. Die Amerikaner hätten ihn bei den Verhören umdrehen wollen, aber er habe das abgelehnt.
"Onkel Paul", sagt Helmut Fidrmuc, "war eben ein aufrechter Deutscher."
Von Thomas Hüetlin und Hauke Janssen

DER SPIEGEL 23/2014
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