02.06.2014

Diktaturen„China ist ein Dämon“

Der Dichter Liao Yiwu, 55, über den Tiananmen-Aufstand vor 25 Jahren
SPIEGEL: Warum ist die Revolution von 1989 in China gescheitert, während sie in Europa gelang?
Liao: Ich drehe die Frage um. Warum ist sie in Europa gelungen, während sie in China scheiterte? Weil in China Blut vergossen worden war. Die Führungen in Osteuropa hatten das gesehen und schreckten davor zurück, es Peking gleichzutun. Deshalb schossen sie nicht. Aber dieses Kapitel ist in China noch nicht abgeschlossen. Was wollten die Demonstranten 1989? Transparenz. Sie wollten wissen, warum die Ungleichheit so groß ist. Heute ist die Ungleichheit noch viel größer. Die obersten Kader haben einen absurden Reichtum zusammengerafft. Das ist eine Zeitbombe, die detonieren wird.
SPIEGEL: Schuldet Europa Chinas Demonstranten etwas?
Liao: Europa hat jedenfalls eine Verpflichtung. Wenn außerhalb Chinas an Tiananmen erinnert wird, geht es immer um einige wenige Studenten. In Wahrheit sollte man an die vielen Namenlosen, die Arbeiter und Tagelöhner denken, die ich in meinen Büchern beschreibe. Sie haben diesen Aufstand getragen, nicht die Studenten, die im Rampenlicht standen. Die waren denen ganz ähnlich, gegen die sie demonstrierten - machtversessen und untereinander autoritätshörig. Sie wollten nicht, dass ihre Revolution von den einfachen Leuten beschmutzt wird. Doch als der Schießbefehl kam, waren die meisten weg. Die Arbeiter blieben und verschwanden für Jahre im Gefängnis. Ihr Leben wurde zerstört.
SPIEGEL: "Du wirst in die Literaturgeschichte des 4. Juni 1989 eingehen", wirft Ihnen einer der Interviewpartner in Ihrem Tiananmen-Buch "Die Kugel und das Opium" vor, "aber ich, ich habe für nichts und wieder nichts im Knast gesessen."
Liao: Das ist der Kern dieses Buches und meiner Arbeit über die Bewegung von Tiananmen. Manche Studenten hatten das Ziel, dass in den Geschichtsbüchern nur ihr eigener Name steht. Und die "Rowdies" sind nichts wert? Dieses Bild muss korrigiert werden.
SPIEGEL: Helmut Schmidt und Henry Kissinger haben Verständnis für Deng Xiaopings Entscheidung geäußert, den Aufstand niederzuschlagen.
Liao: Das ist ein Zeichen von moralischem Verfall. Helmut Schmidt hat auf dem Tiananmen-Platz niemanden aus seiner Familie verloren. Und man weiß auch, dass er selbst Deng Xiaoping getroffen hat. So wird man zum China-Versteher.
SPIEGEL: In Ihrer Rede zur Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels sagten Sie über das China nach Tiananmen: "Dieses Imperium muss auseinanderbrechen." Dieser Satz ist selbst unter Kritikern des Regimes umstritten.
Liao: Ich habe damit das ganze Volk schockiert. Doch ich bin stolz auf diesen Satz.
SPIEGEL: Es ist der Satz eines Anarchisten.
Liao: Ich habe ihn mir gut überlegt. Er geht zurück auf den Philosophen Laozi, der vor über zwei Jahrtausenden vorschlug, große in kleine Einheiten zu zerlegen. Wer das heutige China kennt, der weiß, dass dieser Riesenstaat mit seiner enormen Machtfülle und seinem Geld ein Dämon ist, eine große Gefahr für die ganze Welt.
SPIEGEL: Der Zerfall von Staaten kann großes Unglück auslösen: in Jugoslawien, der Sowjetunion, in der arabischen Welt.
Liao: China war immer wieder vereint und dann wieder getrennt. Es waren nicht die Zeiten der Einheit, die als die besten in unsere Geschichte eingingen. Ich stelle mir China als eine Art Europäische Union vor: Meine Heimatstadt Chengdu in Sichuan könnte Chinas Straßburg sein, und wenn die in Peking unbedingt eine Diktatur haben wollen - bitte sehr, wer nicht mitmachen will, kann nach Sichuan kommen.
SPIEGEL: Und Sie sehen keine sozialen, keine wirtschaftlichen Risiken einer Spaltung?
Liao: Ich sehe eine viel größere Gefahr. Chinas Umweltzerstörung hat ein Ausmaß angenommen, das längst die ganze Welt bedroht. Das ist die wirkliche "gelbe Gefahr". Als ich ein Kind war, waren die Flüsse sauber, der Himmel blau, und wir vergötterten Mao Zedong. Dann kam sein Nachfolger Deng Xiaoping an die Macht und sagte: Armut ist kein Sozialismus, lasst uns reich werden. Er stellte das Land auf Wirtschaft um und schaffte die Moral ab.
SPIEGEL: Welche Moral war nach Mao denn noch übrig?
Liao: Da haben Sie recht. Unter Mao waren wir alle arm, da mussten sich zehn Menschen ein einziges Ei teilen. Seit Deng bekommt jeder von uns zehn Eier, aber die Eier sind giftig. Man kriegt Krebs davon.
SPIEGEL: Sie nennen Deng, der den Tiananmen-Aufstand niederschlagen ließ, einen Tyrannen. Es scheint, als beurteilten Sie Mao milder.
Liao: Im Gegenteil. Mao Zedong war ein Dämon. Ich kam zu Beginn des "Großen Sprungs nach vorn" zur Welt, Maos Industrialisierungskampagne, der Ende der Fünfziger- und Anfang der Sechzigerjahre Millionen zum Opfer fielen. Auch ich wäre als Kind beinahe verhungert.
SPIEGEL: In der offiziellen Geschichtsschreibung Chinas gilt es als Maos Verdienst, dass er das Land nach Jahrzehnten des Krieges und Bürgerkrieges geeint habe.
Liao: Diese Erzählung, diese Legende lehne ich ab. Unter Mao standen die Chinesen einen Augenblick lang auf - um sich sofort wieder niederknien zu müssen. Moralisch waren alle Diktatoren des modernen China aus demselben Holz: Chiang Kai-shek, Mao Zedong, Deng Xiaoping - jeder wollte sein Reich erweitern.
Interview: Bernhard Zand
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 23/2014
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