02.06.2014

TheaterBis die Tachonadel knickt

Bibiana Beglau ist gefeiert und gefürchtet als Extremschauspielerin des deutschen Theaters. Nun spielt sie in Martin Ku#353ejs Münchner „Faust“ den Mephisto.
Die gemeinsten Verrisse habe sie am Anfang ihrer Karriere bekommen, sagt sie, "in Düsseldorf war es das Grauen". Einmal trat sie dort Mitte der Neunzigerjahre als Lulu auf, die Kindfrau, bei deren bloßem Anblick alle Männer den Verstand verlieren. Da hieß es, Bibiana Beglau spiele diese Lulu in Frank Wedekinds Stück zu wenig mädchensüß, zu zappelig, nicht sexy genug, kurz: Sie sei unglaubwürdig als Anlass männlicher Geilheit. "Ihr Körper ist so muskulös, dass sie sogar nackt nicht nackt aussieht", schrieb eine Kritikerin.
Seither hat die Schauspielerin Bibiana Beglau, Jahrgang 1971, in vielen Frauen- und Männerrollen ihre Muskelkraft, ihren Eigensinn und ihre Leidenschaft gezeigt, meistens angezogen und manchmal entblößt. Sie war im Theater als Shakespeares Lady Macbeth und als Fassbinders Petra von Kant zu sehen, in Filmen als tapfere Lehrerin oder als RAF-Terroristin in Volker Schlöndorffs "Die Stille nach dem Schuss". Und sie hat auch ein paar Preise bekommen für ihre Arbeit. Trotzdem sagt sie von sich: "Ich habe mich vorwärtsgerobbt in diesem Job. Andere kriegen das leichter und eleganter hin. Ich spüre immer noch Hungerangst. Angst davor, dass mich plötzlich keiner mehr beschäftigt."
In Berlin war Bibiana Beglau gerade erst die Königin des diesjährigen Theatertreffens. Sie hat ihre einzigartige, stets leicht heisere Stimme ins Lustig-Schrille kippen lassen; sie hat das Publikum zu Tränen gerührt, als sie über den Trümmern einer kaputten Liebschaft verzagte; und sie hat gezittert, gepoltert und getobt, dass die Theaterwände wackelten. In zwei Aufführungen spielte sie Hauptrollen, in Dimiter Gotscheffs Version von Heiner Müllers "Zement" und in Frank Castorfs "Reise ans Ende der Nacht", der Bearbeitung des Erste-Weltkrieg-Romans von Louis-Ferdinand Céline.
Es waren schwere, schroffe Theaterabende. Inmitten der viereinhalb Castorf-Stunden, in denen - wie bei diesem Regisseur üblich - gelärmt und gelitten wurde, trat Beglau in maximaler Seelenruhe an die Rampe und belehrte das Publikum. Über ein bisschen Verwirrung solle sich niemand wundern, in einem Riesenroman wie dem von Céline gehe es nun mal wild zu, sagte sie, "es gibt hier Brüche und Sprünge". Großes Gelächter im Zuschauerraum.
Die echte Überraschung der Szene bestand darin, dass Beglau, die Berserkerin, in diesem Theatermoment völlig bewegungslos auf ihrem Platz verharrte. "Ich stehe da nur rum", sagt die Schauspielerin, "und die Leute sagen mir hinterher, wie anstrengend das gewesen sein müsse, als hätte ich sonst was gemacht."
Von Donnerstag dieser Woche an soll Bibiana Beglau, die auf der Bühne oft so wirkt, als hätte sie den Teufel im Leib, nun wirklich den Teufel spielen. Sie ist der Mephisto in Martin Kušejs Inszenierung von Goethes "Faust". Kušej sagt, für ihn sei der "Faust" "das größte Drama deutscher Sprache", so unoriginell sich das anhöre, "nicht der erste Teil allein, aber ,Faust I' und ,Faust II' zusammen schon". Ihn reize vor allem "die absolute Fremdheit der alten Sprache, die darin gesprochen wird, die schiere Unnahbarkeit des Stücks und dessen enorme Komplexität".
Den Doktor Heinrich Faust spielt bei Kušej Werner Wölbern, ein leicht gebückt vorwärtsdrängender Schauspieler; ein kluger Kopf, der stets unter Volldampf steht. Man kann sich Bibiana Beglau neben diesem Mann kaum anders denn als emsigen Spießgesellen und Mitverschwörer vorstellen, als eine Figur, die weniger ihre diabolische Überlegenheit zur Schau stellt als ihre Neugier auf das Abenteuer. "Mehr, immer mehr", heißt es im Ankündigungstext des Theaters, "mehr Geld, mehr Sex. Mehr Schmerz, mehr Lust, mehr Vergessen. Stillstand ist der Tod."
Den Stillstand verachtet auch die Schauspielerin Beglau. "Wir leben in einer zwangsberuhigten Gesellschaft", behauptet sie. "Ständig reden alle von Wellness und wollen an ihren Kräften sparen." Fast jeder strebe nach Entspannung. "Wozu denn? Die Menschen in unserem Land sind so schrecklich entspannt, dass sie mit vierzig ein Burn-out haben! Da frage ich: Was haben die denn eigentlich verbrannt?" Überall werde davon geredet, bloß den Ball flach zu halten, sich zu schonen, mal lockerzulassen. "Und trotzdem erwischt uns das Burn-out! Wie wenig haben wir denn zu verbrennen, wo wir doch die ganze Zeit an uns gespart haben?"
Beglau redet sich in Rage, während sie darüber spricht, dass auch viele Künstlermenschen heute eine "Einbauküchenmentalität" zur Schau stellten und das Risiko scheuten. Die Künstler, die sie bewundere, "die verbrennen sich", sagt sie: Frank Castorf, Rainer Werner Fassbinder, Christoph Schlingensief. Immerhin, Castorf lebt noch von den dreien aus dieser Reihe. "Der arbeitet nur noch", berichtet Beglau, und sei nach vielen Jahren berühmter ätzender Wutausbrüche heute "der zärtlichste Mann der Welt", zudem "gerade durch seine Klugheit unendlich lustig".
Klar versteht Beglau auch ihren eigenen Job als Erkundung der Gefahrenzonen, als Kampf gegen die Schmerzvermeidung. "Ich will keine Unterhaltung, ich will die große, schwere Kunst", sagt sie. "Es ist nicht zu viel verlangt, sich jedes Mal fundamental einzulassen und sich kopfüber reinzustürzen in ein Stück, statt auf Nummer sicher zu gehen." Der todesmutige Höllensturz gehört also notwendig zu einem guten Theaterabend? "Ja. Ich würde den Menschen gern etwas Tieferes geben als das Normalberuhigte in unserer Zeit. Das hört sich pathetisch an, ich weiß."
Sie sei eine "Intensitätssau", sagt Beglau. Wenn sie sich geniere auf der Bühne - "und ich geniere mich oft" -, dann nur in Momenten der Erlahmung. "Ich finde, es muss knallen. In so einer sedierten Gesellschaft wie der unseren ist ein Chinaböller auf der Bühne eine prima Abwechslung."
Als Kind, als sie im Mercedes ihres Vaters mitfuhr, habe sie gnadenlos auf immer noch mehr Tempo gedrängt, "in der großen Hoffnung, dass bei 240 die Tachonadel knickt. Mit zwölf hatte ich genau diese Vision". Typisch Punkrockjugend. Bibiana Beglau ist aufgewachsen in Braunschweig, in einer Zeit, in der Punkrock in Westdeutschlands Provinz für viele Menschen in ihrem Alter die passabelste Antwort auf die Langweiligkeit der Erwachsenenwelt darstellte. Man trug Stiefel, schwarze Kleider und die Haare kurz. Man redete nicht viel, aber laut und verwegen. Man trank Bier, tobte vor Konzertbühnen herum und spuckte auf die Hässlichkeit einer zubetonierten Welt.
Beglau, Tochter eines Bundesgrenzschützers, der an der Grenze zur DDR patrouillierte, und einer Krankenschwester, beschloss, sich in Braunschweig an der Schauspielschule zu bewerben. Sehr uncool. Fürs Rollenstudium schlich sie mit einem Nachschlüssel ins Braunschweiger Theater. "Das war eine totale Spacko-Idee damals", sagt sie, "keiner durfte es wissen."
Schon während ihrer Ausbildung in Hamburg staunten die Mitschüler und Lehrer über den Wahnwitz, mit dem sich Beglau auf der Bühne vor allem physisch verausgabte; ähnlich erging es später Kritikern und Zuschauern, als Beglau bei Falk Richter und Einar Schleef, bei Christoph Schlingensief und Christoph Marthaler spielte. "Ich wollte immer wissen, was es mit diesem komischen Körper auf sich hat", sagt sie. "Ich wollte zu dem Punkt kommen, an dem ich spüre: Der hält ja gar nicht!"
Bibiana Beglau hat in den vergangenen Jahren einen Haufen Männerfiguren im deutschen Theater gespielt. Den blinden Seher Teiresias, den König Kreon, den Soldaten und Armenarzt Bardamu aus dem Céline-Roman. Und jetzt den Mephisto. "Die Geschlechtsgläubigkeit ist bei mir nicht so hoch", sagt die Schauspielerin. "Ich bin ein Kind der Neunzigerjahre, in denen sich in der Sexualität die Geschlechtergrenzen auflösten. Man war zusammen mit denen, die man gern hatte." Im Übrigen findet Beglau: "Es steht doch nirgendwo geschrieben, dass das Wesen Mephisto ein Mann ist."
Vom Theaterautor Goethe hält sie nicht viel. "Ich finde es schrecklich, wie viel wertvolle Zeit Kinder in der Schule mit einem Stoff wie dem ,Faust II' verschwenden müssen. In der Schule sollte man echt was anderes lesen. Am besten Roberto Bolaños Roman ,2666'."
Ihr Lieblingssatz als Mephisto, der bei ihr ein Teufel ist, "der sich alt und nicht mehr gebraucht fühlt und einen interessanten Spielgefährten sucht", ist ein Fluch. Er lässt sich, leicht abgewandelt, als eine Drohung gegen die Zuschauer formulieren: Ihr sollt Erquickung euch umsonst erflehn!
Sie wolle "kein Stänkerjochen sein", sagt Beglau. "Aber was Kleist gelitten haben muss neben so einem Großkotz wie Goethe, der die so viel schlechteren Frauenfiguren schrieb als er!" Sie zuckt die Schultern. "Als Schauspielerin ist man immer nur ein Farbtupfer im Gemälde eines Regisseurs. Man muss schauen, dass man das Gelb so trifft, wie der Regisseur sich das vorstellt. Vielleicht besteht mein Ehrgeiz darin, so eine Art von Gelb hinzukriegen, dass der Regisseur sagt: Für dieses Gelb mache ich das ganze Gemälde ein bisschen anders."
Im Münchner Residenztheater ist Bibiana Beglau mit diesem Wunsch schon ziemlich weit gekommen. Die "Faust"-Ankündigung des Hauses verspricht eine Reise "zu den Endpunkten der Zivilisation, wo die Luft nach Blut schmeckt und das Auge friert".
Von Wolfgang Höbel

DER SPIEGEL 23/2014
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