02.06.2014

FilmkritikBist du groß geworden!

„Boyhood“ ist die faszinierende Chronik einer Kindheit. Die Dreharbeiten zogen sich über zwölf Jahre hin.
In vielen Wohnungen, in denen Kinder leben, gibt es irgendwo einen Türrahmen, der übersät ist mit Markierungen, Querstrichen in unregelmäßigen Abständen, gezeichnet mit Bleistift oder Kuli. In der Regel steht neben jeder dieser Markierungen ein Datum, als Erinnerung an jenen Moment, in dem das Kind für ein paar Sekunden am Türrahmen verharrt, damit seine Größe von der Mutter oder dem Vater dokumentiert werden kann.
Jede aktuelle Markierung für sich ist vollkommen sinnlos - man sieht ja, wie groß das Kind gerade ist -, aber wenn man im Rückblick die Striche vieler Jahre betrachtet, fängt der Türrahmen plötzlich an zu erzählen: Geschichten vom Nachwuchs im Wortsinn. Wie schnell der Junge damals in die Höhe geschossen ist; wie lange es trotzdem dauerte, bis er seine Schwester überholt hatte! Fehlende Striche über einen längeren Zeitraum, andere Handschriften, das kann darauf hindeuten, dass ein Familienmitglied ausgezogen oder gestorben ist.
Der amerikanische Regisseur Richard Linklater, 53, hat dieses Prinzip der Nachwuchsvermessung auf einen Spielfilm übertragen: "Boyhood" ist die Chronik einer beinahe normalen Kindheit, inszeniert mit einmaligem Aufwand. Über einen Zeitraum von fast zwölf Jahren filmte Linklater immer wieder, wie ein Junge namens Mason (gespielt von Ellar Coltrane) heranwächst vom Grundschüler zum College-Studenten, wie er dabei Familiendramen, Umzüge, die Pubertät und Besuche beim Friseur überstehen muss, wie er sich erstmals verliebt, wie sich sein Blick auf die Welt verändert und die Welt sich mit ihm.
4207 Tage vergingen vom ersten Drehtag im Frühjahr 2002 bis zur Premiere Anfang 2014 beim Sundance Filmfestival. In der Zwischenzeit trafen sich Linklater und seine Schauspieler einmal pro Jahr für ein paar Tage und erarbeiteten neue Szenen. Das Ergebnis des in dieser Form einzigartigen Projekts ist einer der faszinierendsten Spielfilme der vergangenen Jahre, eine Kindheit im Zeitraffer, Momentaufnahmen aus zwölf Jahren, verdichtet auf 160 Kinominuten. "Boyhood" ist ein Ereignis, das jeden berühren dürfte, der Kinder hat oder Erinnerungen an die eigene Kindheit. Bei der Ber-
linale im Februar wurde der Film mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet.
Sechs Jahre alt ist Mason zu Beginn von "Boyhood", er liegt auf einer Wiese und beobachtet die Wolken. Möglicherweise denkt er gerade an seinen Vater, den er kaum kennt. Masons Eltern sind geschieden, der Vater arbeitet in Alaska; der Junge lebt mit seiner Mutter (Patricia Arquette) und seiner älteren Schwester Samantha (Lorelei Linklater, eine Tochter des Regisseurs) in Texas. Das Geld ist knapp, die Mutter will noch einmal neu anfangen und studieren. Ein Umzug in die Großstadt steht an, nach Houston, die Kinder müssen natürlich mit, ob sie wollen oder nicht.
Kinder sind konservativ, sie hassen Veränderungen. Eine neue Stadt, neue Schule, neue Freunde, das ist für viele Kinder keine Verheißung, sondern zunächst eine Horrorvorstellung. Regisseur Linklater findet dafür wunderbare Szenen. Im alten Haus werden die Spuren der Vergangenheit getilgt, Mason und seine Schwester helfen bei den Malerarbeiten; kurz sieht man einen mit Markierungen bedeckten Türrahmen. Einer seiner neuen Mitschüler begrüßt Mason mit den Worten: "Willkommen in der Scheiße."
Der Vater der Kinder, gespielt von Ethan Hawke, ist zurück aus Alaska. Er sucht den Kontakt zu Mason und Samantha, aber eine richtige Vaterrolle hat er noch nicht gefunden. Seine Unsicherheit kaschiert er mit Coolness. Wenn er seine Kinder an den Besuchstagen abholt, fährt er in einem Angeberauto vor, einem alten Pontiac GTO. Beim Bowling und auf Wochenendausflügen forscht der Vater seine Kinder über ihren Alltag aus; über sich selbst offenbart er lange fast nichts. "Dad, hast du einen Job?", fragt Mason, als er schon älter ist. Eine richtige Antwort bekommt er nicht.
Auch darin zeigt Linklater, selbst ein Scheidungskind, eine typische Jungskindheit in Zeiten von hohen Trennungsraten und Patchwork-Familien: Verlässliche männliche Rollenvorbilder fehlen. Der Alltag, die Erziehung bleibt vor allem an den Müttern hängen. Das kostet Kraft und Nerven, bei Mutter und Kindern, aber auch bei jedem Vater, der mit seiner Nebenrolle hadert.
Masons Mutter wird im Laufe des Films zweimal heiraten; ihre neuen Männer, Masons Stiefväter, erweisen sich, der eine mehr, der andere weniger, als Psychopathen mit Alkoholproblemen, als Auslöser für weitere Umzüge, neue Schulen, neue Freunde.
Beiläufig ist "Boyhood" auch ein Porträt einer Epoche und eines Landes. Im Hintergrund laufen anfangs TV-Bilder vom Irak-Krieg, während Mason mit seinem Gameboy daddelt. Später feiert er eine Harry-Potter-Buchpremiere, noch später verteilt er mit seinem Vater Werbeposter für Barack Obama. Am Ende reißt Mason Witze über den NSA-Skandal, im Autoradio läuft "Get Lucky" von Daft Punk.
Mason ist erwachsen geworden, und jeder Zuschauer kann sagen: Ich bin dabei gewesen.
Kinostart: 5. Juni.
Von Martin Wolf

DER SPIEGEL 23/2014
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