07.06.2014

AtheismusGottlose Kirchgänger

Die Sunday Assembly will eine Kirche ohne Gott sein. Nach 18 Monaten gibt es bereits über 50 Gemeinden weltweit. Und die ersten Abtrünnigen.
Ostersonntag, die Glocken läuten im Londoner Stadtteil Holborn. Auch in der Kirche ohne Gott feiert die Gemeinde den Tag des Herrn. Die Ungläubigen singen und schnippen mit den Fingern. Die Band spielt "Wake me up before you go-go". Es folgt eine Predigt über Optimismus und Hirnforschung, dann geht der Klingelbeutel herum.
"Sunday Assembly - a godless congregation" nennt sich die neue Atheistenkirche, gegründet im Januar 2013. Es könnte eine der am schnellsten wachsenden Weltanschauungsgemeinschaften der Geschichte werden: Nach einem Jahr gab es bereits 30 Gemeinden, bis Ende des Jahres sollen es 100 sein, von Atlanta bis Adelaide, von São Paulo bis Singapur. Berlin soll bald folgen.
"Wir haben uns die besten Elemente einer Kirche genommen - und lassen Gott einfach weg", sagt Sanderson Jones, dessen feuerroter Rauschebart an eine Karikatur von Moses oder Darwin erinnert. Von Berufs wegen ist Jones Stand-up-Comedian, genau wie Mitgründerin Pippa Evans, die meist die Sing- und Tanzeinlagen übernimmt.
"Wir glauben nicht an Gott, aber an das Gute", sagt Sanderson zur Begrüßung seiner Gemeinde. "Unser Motto lautet: Lebe besser, hilf öfter, mach dir mehr Gedanken." Das klingt wie eine Allerweltsfloskel, passend zu den Popsongs, die hier dudeln, ein bisschen Beatles, ein bisschen Nina Simone. Humanismus light.
Doch genau diese Beliebigkeit führt im Lager der Ungläubigen zu Flügelkämpfen: Wieso sollten Atheisten, Agnostiker und Antiklerikale die Kirchen nachäffen, denen sie sich entronnen glaubten? "Atheisten-Kirchen sind ein Desaster für den Atheismus", warnen Blogger aus dem Lager der New Atheists, deren berühmteste Stars einst als "Vier Reiter der Nicht-Apokalypse" gefeiert wurden: Richard Dawkins, Christopher Hitchens, Daniel Dennett, Sam Harris.
Ihre aggressiven Attacken gegen Religionen, in denen sie die Ursache von Verdummung, Krieg und Ungerechtigkeit sahen, wirkten auf viele Beobachter abstoßend. Ohnehin gelten in den USA Atheisten als extrem unbeliebte Minderheit, abgeschlagen hinter Schwulen und Muslimen.
Der sogenannte Neue Atheismus der Nullerjahre macht heute einen antiquierten Eindruck. Die Sunday Assembly dagegen tritt unideologisch und betont leichtfüßig auf, als "Atheismus 2.0".
"Wir lassen Gott weg, aber wir sind nicht gegen Religion", sagt Jan Willem van der Straten, ein Niederländer, der derzeit in der Londoner Zentrale assistiert, um eine Gemeinde in Amsterdam mitaufzubauen. "Ich komme aus einem tief atheistischen Milieu", sagt der Mittzwanziger, der einen ähnlichen Rauschebart trägt wie sein Meister Jones: "Aber ich habe eine Beichte zu machen: Ich bin Christ."
"Wir versuchen, ein möglichst schlankes Produkt herzustellen, ein Minimal Viable Product", sagt Jones. Früher arbeitete er in der Technik-Gründerszene, er zieht die Kirche wie ein Start-up auf. Auf der Online-Finanzierungsplattform Indiegogo baten die Gründer um eine halbe Million Pfund für eine professionelle Website. Der Plan floppte. Aber die Filialen florieren auch so. Anfang Mai trafen sich Gründer aus 22 Städten zu einem Strategietreffen. Sie nannten es "Synode".
Gut zehn Prozent der Menschheit bekennen sich laut groben Schätzungen des "Oxford Handbook of Atheism" als Ungläubige, in Frankreich, Skandivien, Deutschland sind es mehr, in Afrika und Südamerika weniger. Insgesamt dürften die Ungläubigen rund 800 Millionen Menschen umfassen, mehr als so manche Religion, abgehängt nur von Christentum und Islam. Sogar in den tief religiösen USA bezeichnen sich mittlerweile über 30 Prozent der Studenten als nicht religiös, hat der Soziologe Barry Kosmin vom Trinity College im amerikanischen Hartford festgestellt.
Die Gottlosen scheinen dabei nicht einfach nur indifferent zu sein, sondern bilden derzeit eine Art Grundkonsens der Werte heraus, zum Beispiel für die Schwulenehe. Und obwohl die Areligiösen mehrheitlich männlich sind, sprechen sie sich stärker für Frauenrechte wie Abtreibung aus als der Durchschnitt der Studenten. "Trotz allem, Organisationen wie die Sunday Assembly dürften ein Minderheitenprogramm bleiben", sagt der Soziologe Kosmin: "Die meisten Areligiösen haben keine Lust auf Gemeindeleben, Charisma oder Disziplin."
Die Sunday Assembly legt Wert auf Offenheit. Und genau deshalb erlebt sie schon jetzt eine atheistische Variante des Kampfes Luther gegen Papst. Zum einen beschwerte sich der britische Essayist Alain de Botton, dass die gottlose Sonntagspredigt seine Idee gewesen sei. Seine Lebensberatungsfirma School of Life berechnet pro "Sunday Sermon" Eintrittspreise von 15 Pfund.
Noch erbitterter lief die Abspaltung von der Sunday Assembly in New York: "Was als eine atheistische Komikerkirche anfing, soll jetzt eine zentralisierte humanistische Religion werden", schimpft ein Mitglied, dessen Wunsch nach antichristlicher Polemik von den gottlosen Oberhirten in London abgeblockt wird. Per Facebook hat der Abweichler eine Konkurrenzkirche gegründet mit Namen "Godless Revival".
In der Zentrale sieht man die Abspaltung gelassen: "Das ist doch wunderbar", sagt Jones, "ich sehe das als Produktentwicklung."
Von Hilmar Schmundt

DER SPIEGEL 24/2014
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