07.06.2014

WM 2022Geschenke aus dem Brutofen

Enthüllte Dokumente lassen kaum Zweifel daran, dass sich Katar den Zuschlag durch Bestechung gesichert hat. Muss das Turnier nun neu vergeben werden?
The Iron Lady" wird Izetta Wesley genannt, die frühere Präsidentin des Fußballverbandes von Liberia, einem kleinen Land in Westafrika. Aber auch eine eiserne Dame kann dahinschmelzen. Auf Geschenke und Geld reagiert Wesley geradezu überschwänglich. 2009 schrieb sie in einer E-Mail an einen Mitarbeiter des katarischen Geschäftsmannes und Fußballfunktionärs Mohamed Bin Hammam: "Ich habe die Überweisung erhalten. Bitte richten Sie Mohamed Dank und Wertschätzung aus. Möge Allah der Allmächtige seine Quellen hundertfach wieder auffüllen."
10 000 Dollar hatte sie damals bekommen. Viel Geld für sie, wenig für Bin Hammam, der zu jener Zeit ein Füllhorn über die Chefs der Fußballverbände aus Afrika ergoss, sie samt Familien in Luxushotels einlud und jedem bei Ankunft 5000 Dollar in die Hand drücken ließ, um gleich mal die Stimmung zu heben.
Auf diese und ähnliche Weise wurde ein Kontinent bestochen. Im März 2009 bewarb sich Katar offiziell darum, die WM 2022 auszurichten, und rund um diese Zeit flossen unzählige Beträge von Bin Hammams Konten ab, unter anderem: 22 400 Dollar nach Togo, 10 000 nach Gambia, 50 000 nach Sambia. Das entfachte eine Gier, die manchmal sogar dem Spender zu viel wurde. Manuel Dende, Präsident einer beschaulichen Fußballgemeinde des Inselreichs São Tomé und Príncipe, bat Bin Hammam um 232 000 Dollar für Kunstrasenplätze, zahlbar auf sein Privatkonto. Als zu seiner Enttäuschung nur 50 000 aufliefen und ihm klargemacht wurde, dass er nicht mehr zu erwarten habe, schrieb Dende einsilbig zurück: "Okay, danke."
Etwa fünf Millionen Dollar hat Bin Hammam in Afrika verteilt. Das Geld hat seinen Zweck erfüllt. Als der Fußball-Weltverband Fifa am 2. Dezember 2010 in Zürich die WM an Katar vergab, stimmten im Exekutivkomitee 14 der 22 Mitglieder für das Emirat. Darunter ziemlich sicher auch die 3 Vertreter Afrikas.
Seit einigen Tagen kann sich die Welt ein Bild davon machen, wie korrupt es zugeht, wenn eine Fußball-WM einem Ausrichter zugeschanzt wird. Der Londoner Sunday Times sind nach eigenen Angaben Millionen Dokumente zugespielt worden, die Daten bestehen vor allem aus E-Mails, Faxen und Kontobelegen. Sie wurden ausgewertet, nun hat die Zeitung begonnen, darüber eine Serie zu veröffentlichen, Sonntag für Sonntag. Das Kapitel Afrika war erst der Auftakt.
Während in Brasilien in den kommenden Wochen ein neuer Weltmeister ermittelt wird, werden parallel dazu weitere Vorgänge um Katar und die Fifa enthüllt. Wenn nicht alles täuscht, wird zu erkennen sein, wie sich das Emirat auf allen Kontinenten die Mehrheit für sein Votum beschaffte; wie es in Ländern vorging, in denen es nicht ausreicht, Verbandsfürsten eine Handvoll Dollar in die Taschen zu stopfen und ihre Verwandtschaft auf Wellnessfarmen zu verwöhnen. Wie lief das in Südamerika? Wie in Europa?
Wenn bislang daran gezweifelt wurde, dass Katar als Veranstalter taugt, dann lag das am schwer verträglichen Wüstenklima. Die Debatte drehte sich darum, ob das Turnier besser in den Winter verlegt werden sollte. Jetzt steht alles infrage. Darf Katar die WM überhaupt austragen? Muss es das Turnier nicht wieder zurückgeben? Muss die Fifa es ihm notfalls entziehen?
Freiwillig wird Katar nicht weichen.
Das WM-Organisationskomitee des Emirats teilte vergangenen Sonntag schriftlich mit, man habe bei der Bewerbung "die höchsten ethischen Standards und Integritätsnormen" eingehalten und das Turnier "auf fairem Wege" gewonnen. Man bestreite "vehement" alle Anschuldigungen.
Katar ist das reichste Land der Erde. Es hat sich für die Zeit nach Öl und Gas die "National Vision 2030" verordnet, ein breit gefächertes Investitionsprogramm, das die Zukunft öffnen soll und vor Ehrgeiz und Geld nur so strotzt. Katar möchte sich als Sportnation einen Namen machen. 30 Milliarden Dollar will es für die WM in Straßen, Hotels und Stadien investieren. Das neben Olympia größte Sportereignis der Welt in einer unwirtlichen Gegend wahr werden zu lassen und allen zu zeigen, wozu man fähig ist - darum wollte und will Katar dieses Turnier unbedingt.
Verwunderlich blieb lange, warum sich die Zeremonienmeister der Fifa darauf einließen, ihre größte Bühne im Jahr 2022 auf einem Wüstensprengsel aufzustellen, der halb so groß ist wie Hessen und seit anderthalb Jahrhunderten absolutistisch vom Clan der Thani regiert wird; wieso sie ihr Prunkstück in einen Brutofen zu schieben gedachten, in dem Sommertemperaturen von über 40 Grad herrschen. Für Katar sprach nur ein Argument - der Reichtum, mit dem es seine märchenhafte WM wahr werden lassen wollte.
Angesichts der massiven Bestechungsvorwürfe muss man sagen: Ebendieser Reichtum hat die Sache wohl entschieden.
Mohamed Bin Hammam, der Mann, der unter anderem Afrikas Fifa-Stimmen einkaufte, ist die Schlüsselfigur in dem schmutzigen Spiel. Bei der WM-Kampagne gehörte er dem Exekutivkomitee der Fifa an und war einer der Könige im Weltfußball. Außerdem stand er der Herrscherfamilie sehr nahe. Vor vier Jahren noch sagte Hassan al-Thawadi, Chef der katarischen Bewerbung: "Ich bin dankbar für seine Unterstützung. Er hat immer verstanden, wie sehr Katar und der Nahe Osten von einer WM profitieren würden." Er sei "das wichtigste Kapital" der Kampagne.
Heute klingt das ganz anders. Das Organisationskomitee behauptet, Bin Hammam habe bei der Bewerbung "keine offizielle oder inoffizielle Rolle" gespielt.
Dabei war der WM-Zuschlag für Katar Bin Hammams Meisterstück, der Erfolg ermunterte ihn sogar, im März 2011 als Fifa-Präsident zu kandidieren und Sepp Blatter abzulösen. Doch noch vor der Wahl wurde Bin Hammam in seiner Kampagne gegen Blatter der Korruption überführt und im Sommer 2011 lebenslang für alle Ämter gesperrt. Als Chef des Asiatischen Fußballverbandes (AFC) hatte er selbstherrlich regiert. Bin Hammam verfügte nach Gutdünken über die Konten, veruntreute Gelder, schloss Verträge mit ihm genehmen Rechtehändlern ab, ohne Konkurrenzangebote zu prüfen, bereicherte sich an Kickback-Geschäften. Und er schmierte Funktionäre, unter anderem Jack Warner. Dem Chef des nord-, zentralamerikanischen und karibischen Verbands ließ er 1,5 Millionen Dollar zukommen, dessen Söhnen 750 000.
Ein halbes Jahr nach dem Triumph seines Landes bei der WM-Vergabe war Bin Hammam erledigt. Katar blieb von dem Skandal weitgehend verschont. Vorerst.
Im Auftrag des asiatischen Verbands hatten Wirtschaftsprüfer von PricewaterhouseCoopers (PwC) das Geschäftsgebaren Bin Hammams untersucht und Material für einen 56-seitigen Bericht zusammengetragen. Zur gleichen Zeit hatte die Fifa ihre Ethikkommission zu neuem Leben erweckt und den New Yorker Anwalt Michael Garcia bevollmächtigt, die Umstände zu ermitteln, unter denen die WM an Katar gegangen war. Der Verdacht, dass Korruption die Vergabe entscheidend beeinflusst hatte, war offenkundig.
Garcia bekam den PwC-Bericht in die Hände und recherchierte weiter. Er hatte Bin Hammam sofort im Visier. Inzwischen hat er Dutzende Zeugen befragt. Und er verfügt über eine gigantische Datensammlung, darunter womöglich jenes belastende Material, das irgendwie an die Sunday Times geraten ist.
Bei Garcias Ermittlungen war allem Anschein nach das FBI behilflich. Um eine solche Masse an Mails und Kontobelegen abzufischen, bedarf es einer Organisation dieser Größe und Ausstattung. Garcia darf allerdings das FBI nicht beauftragen, ihm unter die Arme zu greifen. Wahrscheinlich hatten deshalb andere die Bundesbehörde eingeschaltet. In Amerika gibt es genügend einflussreiche Leute in Politik und Wirtschaft, die brennend interessiert, mit welchen Mitteln Katar die Abstimmung für sich entschied. Denn der große Gegenkandidat um die Vergabe der WM 2022 waren die USA. Sie unterlagen erst im vierten Wahlgang mit 8:14 Stimmen.
Garcia ist dabei, seine Arbeit abzuschließen. Sein Dossier geht an den deutschen Richter Hans-Joachim Eckert, der in den nächsten Monaten darüber entscheiden wird, welche Sanktionen gegen korrupte Fifa-Delegierte verhängt werden. Was kommt da noch alles hoch?
Katar hatte auch auf politischer Ebene massiv Lobbyarbeit betrieben. In Europa hatten sich der deutsche Bundespräsident Christian Wulff und der französische Staatspräsident Nicolas Sarkozy für das Emirat starkgemacht. Bei einem Essen im
Elysée-Palast ermunterte Sarkozy offenbar Michel Platini, den Uefa-Chef, im Fifa-Exekutivkomitee für Katar zu stimmen. Mittlerweile hat eine katarische Investorengruppe den Fußballklub Paris Saint-Germain, dessen Fan Sarkozy ist, übernommen und mit viel Geld zu einer europäischen Spitzenmannschaft aufgepumpt.
Wulff pflegte schon seit seiner Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident gute Verbindungen in den Wüstenstaat, der über eine Holding Anteile am VW-Konzern erwarb und in den Aufsichtsrat einzog. Später, als Wulff deutsches Staatsoberhaupt war, trafen er und der Emir sich bei gegenseitigen Visiten. Ein Jahr vor der Abstimmung in Zürich erhielt die Deutsche Bahn aus Katar den Auftrag, dort ein Schienennetz zu errichten - für 17 Milliarden Euro. Bahnchef Rüdiger Grube ließ sich im aufwendigen WM-Bewerbungsfilm gar beim Daumendrücken filmen: "I'll keep my fingers crossed for Qatar."
Es ist strittig, ob Wulff den deutschen Fifa-Vertreter bei der Wahl, Franz Beckenbauer, auf irgendeine Weise beeinflusst hat. Sicher ist, dass Beckenbauer Bin Hammam rund um die Wahl Katars mehrfach getroffen hat. Das geht aus den Dokumenten hervor, die der Sunday Times vorliegen. Ende Oktober 2009 begleitete Bin Hammam Beckenbauer zu einem Besuch beim Emir. Im darauffolgenden Februar aß Beckenbauers Vertrauensmann, der Lobbyist Fedor Radmann, im Zürcher Edelhotel Baur au Lac mit Bin Hammam zu Abend. Im Mai 2011 traf Beckenbauer Bin Hammam geheim im Londoner Hilton, kurz bevor der Katarer seinen Abschied aus dem Weltfußball nehmen musste.
Dass die Weltmeisterschaft in acht Jahren tatsächlich in Katar stattfinden wird, ist trotz des Bestechungsskandals nicht unwahrscheinlich. Nur die Fifa-Vollversammlung könnte dem Land das Event entziehen, dazu wäre eine Mehrheit der 209 Mitglieder nötig. Dagegen würde Katar sich mit allen Mitteln wehren und auf Schadensersatz klagen, ein Verfahren könnte Jahre dauern. Angesichts solch einer unsicheren Rechtslage wäre wohl kaum ein anderes Land bereit, Katar zu ersetzen und für eine fragliche WM Milliarden zu investieren. Was, wenn ein Gericht am Ende urteilt, dass Katar doch die WM ausrichten darf?
Es würde sich wohl nur ein Land trauen, in dem alles bereits steht: Stadien, Hotels, moderne Flughäfen, ein dichtes Netz von Straßen und Schienen. Die USA vielleicht, Japan oder Australien.
2022 wird also um den WM-Titel entweder in der Wüste gespielt - oder in einer Weltgegend, die wie das Gegenteil davon aussieht.
* 2010 in Doha.
Von Maik Großekathöfer, Detlef Hacke, Christoph Scheuermann, Jens Weinreich und Michael Wulzinger

DER SPIEGEL 24/2014
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