07.06.2014

Sprachkritik„Fußball ist humorresistent“

Der Autor Jürgen Roth über die Stupidität der hochglanzpolierten Fußballsprache, das Gebrüll von Kommentatoren und den ARD-Experten Mehmet Scholl, den er für eine List des Weltgeists hält
Roth, 46, ist Schriftsteller und beschäftigt sich mit Satire und Fußball. Er veröffentlicht regelmäßig sprachkritische Beiträge in Zeitungen und Hörfunk und hat zehn Bücher über den Ballsport geschrieben. Fußball sei für ihn, sagt er, "eine gute Gelegenheit, Bier zu trinken".
SPIEGEL: Herr Roth, Sie sind Fußballfan und Sprachästhet. Ist die Fußball-WM für Sie mehr Freud oder mehr Leid?
Roth: Für den Fußballfan in mir ist die WM nach wie vor zunächst ein Fest. Seit 1982 versuche ich tatsächlich, jedes WM-Spiel zu gucken. Schon weil die Sozialaufregung, die alle Menschen und Schichten dabei verbindet, etwas Rührendes hat. Aber als geschulter Medienbeobachter, der sich die ganze Vor- und Nachberichterstattung antut, packt mich das kalte Grausen. Günther Koch, ein von mir verehrter Radioreporter, sagt immer: Fußball sind die 90 Minuten, in denen der Ball spricht. Alles davor und danach ist Geschwätz.
SPIEGEL: Das klingt, als würden Sie am liebsten den Ton ausschalten, wenn Sie Fußball im Fernsehen anschauen.
Roth: Nein, zum Fußballerlebnis gehört auch, sich über die Reporter aufzuregen. Es gibt einige Reporter, die ich sehr schätze und die nicht die stets gleichen Sumpfblüten daherschnattern. Fritz von Thurn und Taxis gehört dazu. Auch Marcel Reif ist eine wohltuende Ausnahmeerscheinung. Der traut sich, ein schlechtes Spiel auch ein schlechtes Spiel zu nennen. Aber gerade bei ARD und ZDF merkt man den Moderatoren und vielen Kommentatoren inzwischen an, dass es ihr Auftrag ist, das Produkt Fußball, für das die Sender eine riesige Menge Geld auf den Tisch geklatscht haben, auf Gedeih und Verderb zum Großereignis hochzujazzen. Sie blähen alles zur Jahrhundertbegegnung, zum Titanenkampf auf. Das ist unerträglich.
SPIEGEL: Das viele Geld hat die Fußballsprache pervertiert?
Roth: Die Konkurrenz um die Fußballrechte ist groß, und sie sind deshalb teuer geworden. Das zwingt die Sender, ihr Produkt so grell, farbig und flamboyant wie möglich zu verkaufen. Seinen schlimmsten Ausdruck findet das bei Wolff-Christoph Fuß, der für Sky kommentiert. Der brüllt ununterbrochen. Nahezu jedes Spiel ist bei ihm "Drama, Baby" oder ein "knüppelharter Nusskuchen". Das klingt vielleicht lustig, aber wenn Sie es zum fünften Mal hören, merken Sie, dass es eine Masche ist. Diese Leute halten sich für Popstars und begreifen nicht, dass das Spiel immer größer ist als jede Erzählung darüber.
SPIEGEL: Fußball ist Emotion. Wie soll die Sprache da ohne Erregung auskommen?
Roth: Natürlich ist Fußball Begeisterung, Wut, Enttäuschung. Das darf sich auch in der Reportersprache wiederfinden. Ich erinnere an Günther Koch und seine legendäre Reportage vom letzten Spieltag 1998/99, an dem der 1. FC Nürnberg aus unerklärlicher Dummheit gegen den SC Freiburg verlor und abstieg. Die ARD-Schlusskonferenz war damals noch ein Hochkulturamt. Koch meldete sich aus Nürnberg und schrie: "Ich pack das nicht. Ich halt das nicht mehr aus. Ich will das nicht mehr sehen." Das war hoch emotionalisiert und dem Ereignis angemessen. Aber das aseptische, plastinierte Erregungsgebaren, das Fußballreporter heute an den Tag legen, ist eine Tortur.
SPIEGEL: Koch berichtete damals allerdings für das Radio. TV-Kommentatoren haben es schwerer: Was sollen sie dem Zuschauer bieten, was er nicht selbst sehen kann?
Roth: Gerade Fernsehreporter müssten über Tugenden wie Unaufdringlichkeit, Mäßigung und Zurückhaltung verfügen. Die haben sie aber nicht mehr. Ich will von einem TV-Reporter nicht wissen, dass Sami Khedira gerade mit seiner Frau den 24. Sohn gezeugt hat und 22 Spieler auf dem Platz sind. Ich verlange von ihm, dass er mir Hintergründe über Aufstellung und Taktik liefert, auch Zweifel an Entscheidungen zum Ausdruck bringt. Er kann meinethalben auch seine Begeisterung zeigen, aber nicht über alles einen Firnis der Dramatisierung legen.
SPIEGEL: Für die WM hat das ZDF das Moderatorenduo Oliver Kahn und Katrin Müller-Hohenstein gesprengt: KMH berichtet jetzt aus dem Quartier der deutschen Nationalelf. Wir nehmen an, Ihre Trauer hält sich in Grenzen.
Roth: Vielleicht bin ich da als Mann ja befangen, aber Katrin Müller-Hohenstein ist mir gar nicht so unlieb. Im Gegensatz zu der allgemeinen, reflexartigen Verteufelung fand ich ihre angeblich politisch unkorrekte Äußerung über Miroslav Klose und seinen "inneren Reichsparteitag" sehr erfrischend. Denn neben der künstlichen Euphorisierungstendenz zeigt sich ja in der Sportreportersprache inzwischen die Überbedachtheit, sprachlich korrekt zu sein. Ich habe lange auf Heribert Faßbender herumgehauen, aber dem gingen wenigstens manchmal die Gäule durch. In dem Spiel, in dem Rudi Völler bei der WM 1990 gegen die Niederlande von dem argentinischen Schiedsrichter Juan Loustau vom Platz gestellt wurde, schimpfte Faßbender: "Schickt ihn ganz schnell in die Pampas, diesen Mann." Das war keiner dieser vorbereiteten Sprüche, die bloß noch Füll- und Verpackungsmaterial sind.
SPIEGEL: In Brasilien wird nun, wie bei der Champions League, Oliver Welke an der Seite Kahns kommentieren. In der ZDF-"heute show" ist Welke bissig und frech, kaum taucht er im Fußballstudio auf, ist der Mann wie weichgespült. Haben Sie eine Erklärung für diese Mutation?
Roth: Fußball ist humorresistent. Dieses aufgeblähte Universum Fußball verträgt keine Ironisierung. Der Fußball ist im Zuge der allgemeinen Sportifizierung der Welt immer bedeutender geworden. Wettkampf, Konkurrenz, Erster-Sein, Funktionieren - bis in jede Pore dieser Gesellschaft sind diese Kategorien eingedrungen. Jeder Politiker und Konzernchef redet heute in Fußballmetaphern. Wenn man das lächerlich macht, trifft man das Selbstverständnis, die eingebildete und tatsächliche Leitfunktion des Fußballs. Selbstironie würde das Geschäftsmodell der großen Fußballkonzerne zerstören. Abweichende Charaktere sind darin nicht vorgesehen. Deshalb wird ein Welke dort so stromlinienförmig wie alle anderen auch.
SPIEGEL: Zeigt nicht Mehmet Scholl, der als Experte in der ARD kommentiert, dass man sich der "Maschine Fernsehen, die über kurz oder lang jeden integren Menschen demoliert", wie Sie schreiben, sehr wohl erfolgreich entgegenstemmen kann?
Roth: Das ist die List des Weltgeists, um mit Hegel zu sprechen, dass ein Mehmet Scholl dort untergekommen ist und bislang trotz meines Unkens nicht vor die Hunde gegangen ist. Aus welchem Expertenmund hört man schon Sätze wie: "Dazu will ich jetzt eigentlich gar nichts sagen, dazu ist nämlich nichts zu sagen." Er kommentiert, wie er gespielt hat: fintenreich, wendig. Scholl ist einer der wenigen, die Hintergründe ausleuchten, die man nicht sofort selbst sieht.
SPIEGEL: Sein Kommentar über den erfolgreichen Torschützen Mario Gomez, dieser habe sich wohl "wund gelegen", hat ihm aber viel Tadel eingetragen.
Roth: Warum eigentlich? Wenn sich mal jemand abhebt vom phraseologischen Einheitsbrei, regt sich die Öffentlichkeit gleich auf. Will man nun Originalität oder nicht?
SPIEGEL: Ist die Paarung TV-Moderator und Exfußballer der Versuch der Sender, die Defizite beider zu kompensieren? Der eine versteht nichts vom Fußball, aber etwas von Sprache, der andere kann nicht reden, ist aber Experte fürs Spiel?
Roth: Darf ich mal ein paar Beispiele dieses vermeintlichen Expertentums zitieren?
SPIEGEL: Nur zu.
Roth: Franz Beckenbauer sagt bei Sky Sätze wie: "Man kann das Ballhalten ja auch mit Tempo machen." Ich habe lange gegrübelt, wie das gehen soll. Oder Jens Lehmann: "Lass die mal 1:0 führen, dann wird das plötzlich eine ganz andere Situation." Sapperlot. Auch schön: "Eine Minute nach Spielende habe ich noch nicht die Intelligenz, das Spiel zu beurteilen." Ich könnte kolonnenweise solche Sätze vorlesen. Wenn man schon glaubt, dass Fußball einer Deutung bedarf, sollte man Menschen da hinstellen, die deuten können.
SPIEGEL: Immerhin füllen Sie mit solchen Stupiditäten eine Menge Bücher. In diesen Tagen erscheint Ihr neues Buch(*). Warum arbeiten Sie sich eigentlich so an der Fußballsprache ab?
Roth: Ich nehme mir immer wieder vor, dass ich zu dem ganzen Schwachsinn eigentlich
kein Wort mehr verlieren will. Aber es ist halt Teil meiner Profession.
SPIEGEL: Warum wird von Fußballern überhaupt verlangt, dass sie nicht bloß gut kicken, sondern kluge Sätze abgeben - und das auch dann, wenn sie nach 90 Minuten schwitzend vom Platz gezerrt werden?
Roth: Diese sogenannten Field-Interviews sind tatsächlich eine Demütigung aller Beteiligten, der Reporter und der Spieler. Selbst ein Fußballer, der über Hegel promoviert hat, könnte dort nicht viel Gescheites sagen. Eigentlich müsste ohnehin öfter geschwiegen werden, aber Schweigen hält unsere Gesellschaft nicht aus.
SPIEGEL: Die meisten Bundesligaspieler sind heute mediengeschult und darauf trainiert, sich möglichst nicht in rhetorische Gefahrenzonen zu begeben.
Roth: Die kommen alle aus Fußballinternaten, wo sie zurechtgestutzt, jedes Eigensinns beraubt und zu einem bewerbungsseminaristischen Deutsch erzogen werden. Gucken Sie sich doch Spieler wie Mario Götze an: Das sind austauschbare Retortenfiguren, die hervorragend Fußball spielen, aber wirken, als wären sie noch nie auf einen eigenen, abwegigen Gedanken gekommen. Sie sind Teil einer gigantischen Maschine, in der alles hochglanzpoliert ist.
SPIEGEL: Ist es womöglich ein großes Missverständnis, an die Kommentierung von Fußballspielen überhaupt journalistische Kriterien anzulegen? Das Ganze als Unterhaltung zu verbuchen würde auch Ihnen eine Menge Pein ersparen.
Roth: Das ist ein guter Einwand, so habe ich das noch nie gesehen. Ich komme da wohl eher von der alten Schule, die überzeugt ist, dass das Journalismus ist und sich als solcher mit Unterhaltung nicht gemein machen darf. Aber vielleicht sollte man Fußballberichterstattung tatsächlich als televisionäre Kaffeefahrt abhandeln, auf der Fußballspiele verkauft werden wie Heizdecken.
SPIEGEL: Waldemar Hartmann hat nie ein Geheimnis daraus gemacht, dass er sich als Entertainer versteht und Journalismus eher als "Pseudo-Verwissenschaftlichung" des Fußballs betrachtet. Verdient so viel Ehrlichkeit nicht Respekt?
Roth: Was Hartmann zum Besten gibt, kann man nur unter satirischen oder medienkritischen Aspekten gutheißen: Niemand hat so offen und schamlos wie Weißbier-Waldi dokumentiert, dass Sportjournalismus Kumpanei ist und man sich nur mit den Mächtigen gut stellen muss, um die Karriereleiter hinaufzupurzeln, ohne viel im Kopf zu haben.
SPIEGEL: Der Begriff der "Fußballkultur" hat Konjunktur. Wie viel Intellektualisierung verträgt ein Bolzsport wie Fußball?
Roth: Der Kulturbegriff wird inflationär benutzt und damit entleert. Kultur hat etwas mit Hege, Pflege, Bedachtsamkeit zu tun. Die stumpfe Eruptivität von Fangesängen und Bratwurstessen im Stadion haben mit Kultur nichts zu tun. Und nur weil das völlig närrisch gewordene Grimme-Institut dem Duo Netzer und Delling mal einen Fernsehpreis verliehen hat, wird aus Fußball noch keine Kultur.
SPIEGEL: Im Feuilleton ist der Fußball aber längst angekommen.
Roth: Feuilletonisten sind manchmal auch nur Opportunisten. Die Feuilletons haben nach dem Fall der Mauer und dem WM-Gewinn 1990 angefangen, Fußball als gesellschaftliches und ästhetisches Phänomen wahrzunehmen. Man versuchte plötzlich, sich die Gesellschaft über den Fußball zu erklären, Fußball wurde zu einer Art Ersatzsoziologie. Die taz schrieb mal, man solle sich an dem "System" Jogi Löw und der Art, wie der Bundestrainer seine Mannschaft spielen lässt, ein Vorbild nehmen für gesellschaftliche Reformen. Da muss einem angst und bange werden.
Interview: Isabell Hülsen
* Jürgen Roth: "Nur noch Fußball. Vorfälle von 2010 bis 2014". Oktober Verlag, Münster; 253 Seiten; 16,90 Euro.
Von Isabell Hülsen

DER SPIEGEL 24/2014
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