16.06.2014

Jakob Augstein Im Zweifel linksUnser Monarch

Es gibt in der deutschen Geschichte das Dreikaiserjahr. Das liegt - 1888 - schon eine Weile zurück. Nun gibt es auch die Zweipräsidentenwoche. Die hatten wir gerade. Christian Wulff hat sein Buch mit dem zentralen Satz vorgestellt: "Ich wäre auch heute der Richtige im Amt." Zugleich bekam Joachim Gauck vom Bundesverfassungsgericht ein unerwartetes Urteil geschenkt. Zentraler Gedanke: Unser Bundespräsident ist eine Art konstitutioneller Monarch. Das findet Gauck auch.
Beim Bundespräsidenten ist es so wie beim Highlander: Es kann nur einen geben. Darum ist es ein bisschen spät, wenn Wulff seinen Rücktritt vom Rücktritt erklären will. 598 Tage, das hat er für sein Buch nachgerechnet, dauerte seine Amtszeit. Aber - das sieht er richtig - diese Zeit ist "in den Nebel" gerückt. Man kann noch einmal nachlesen, warum das so ist. Auch deshalb ist es genau 850 Tage später an der Zeit, den Nebel wenigstens mit dieser Feststellung zu lichten: Das Land hat es mit Gauck noch schlechter getroffen.
Joachim Gauck ist ein Mann von gestern. Der Pastor im Schloss Bellevue hat zwar ein Präsidentengesicht, wie aus Holz geschnitzt. Er hat aber auch gesellschaftspolitische Überzeugungen aus einer anderen Welt.
Das Bundesverfassungsgericht, ausgerechnet von der NPD genötigt, die Position des Bundespräsidenten zu definieren, verkündete vorige Woche, in der Wahl des Präsidenten offenbare sich "ein eigentümlicher, demokratisch veredelter Rückgriff auf das Erbe der konstitutionellen Monarchie". "Autorität und Würde seines Amtes" kämen "gerade auch darin zum Ausdruck, dass es auf vor allem geistig-moralische Wirkung angelegt ist".
Das passt auf Gauck. Er redet viel, sehr viel, und Freiheit ist sein Leitmotiv, aber in Wahrheit hat er dazu wenig zu sagen. Freiheit ist für ihn die Abwesenheit der DDR. Das ist für einen älteren Herrn, der im untergegangenen Staat gelebt hat, durchaus verständlich. Aber es hilft uns Heutigen nichts.
Wir werden von Netzriesen und Nachrichtendiensten überwacht, wir ringen um ein zeitgemäßes Verständnis von Freiheit. Das ist nicht das Thema unseres 74-jährigen Präsidenten, genauso wenig wie der frei flottierende Kapitalismus, der immerhin eine weltweite Finanzkrise ausgelöst hat. "Kein Zweifel: Die Branche befindet sich im Wandel", sagte er vor Kurzem fröhlich auf dem Deutschen Bankentag in Frankfurt. Lauter glückliche Banker applaudierten. Endlich mal jemand, der ihnen nicht die Manipulation der Wechselkurse oder irrwitzige Boni vorhielt.
Man kann davon ausgehen, dass Wulff so etwas nicht passiert wäre. Natürlich war sein Rücktritt trotzdem unvermeidlich. Ein Präsident leert seinen Kropf nicht auf die Mailbox des Bild-Chefredakteurs. Gauck würde das nie tun. Der Monarch wäre nämlich der Ansicht, Kai Diekmann solle gefälligst ihn anrufen.
An dieser Stelle schreiben drei Kolumnisten im Wechsel. Nächste Woche ist Jan Fleischhauer an der Reihe, danach Juli Zeh.
Von Jakob Augstein

DER SPIEGEL 25/2014
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