16.06.2014

Interview„Geheimdienste wollen alles wissen“

Der ehemalige DDR-Offizier Klaus Eichner, 75, über die Arbeit der NSA im Kalten Krieg und ihre Beziehung zum BND
SPIEGEL: Herr Eichner, Sie waren bei der Hauptverwaltung Aufklärung (HVA) der Staatssicherheit der DDR mit der Gegenspionage beschäftigt. Wie gut war die NSA - professionell betrachtet - in den Achtzigerjahren?
Eichner: Für alle westlichen Dienste, die auf dem Gebiet der Fernmeldeaufklärung tätig waren, war die NSA das Leitorgan und der Spitzengeheimdienst. Sowohl von der materiellen wie auch von der personellen Ausstattung.
SPIEGEL: Wie ausgeprägt war die Datensammelwut der NSA seinerzeit?
Eichner: Sie wollte auch schon damals alles wissen, aber sie hatte noch nicht alle technischen Voraussetzungen, um alles zu erfassen und zu verarbeiten.
SPIEGEL: In Ihrem gerade erschienenen Buch über die NSA beschreiben Sie, wie die Stasi an NSA-Interna kam(*).
Eichner: Ja. Eine unserer Quellen war seit 1972 in der technischen Abteilung des BND und berichtete uns erstmals von der Combined Group Germany in
München, in der der Informationsaustausch zwischen dem BND und den Amerikanern lief.
SPIEGEL: Wie gestaltete sich die amerikanisch-westdeutsche Zusammenarbeit?
Eichner: Etwas einseitig. Wir wussten, dass die Amerikaner Anfragen über die DDR ganz kühl abblockten. Die BND-Leitung wurde mehrfach bei den Verbindungsoffizieren der US-Geheimdienste vorstellig, weil sie Zugriff auf die Informationen haben wollte, welche die NSA auf dem Westberliner Teufelsberg sammelte. Sie wollte die Originalaufnahmen, bekam aber von den Amerikanern nur aufbereitete, selektierte Informationen.
SPIEGEL: Wie reagierte der BND auf die Ablehnung?
Eichner: Der Bundesnachrichtendienst wandte sich an die Franzosen und baute mit ihnen auf dem Flughafen Berlin-Tegel eine gemeinsame Station auf, die parallel zu den Amerikanern dieselben Kommunikationslinien der DDR erfasste.
SPIEGEL: Haben Sie mitbekommen, dass die NSA Menschen oder Institutionen in Westdeutschland ins Visier nahm?
Eichner: Die Ohren der NSA waren grundsätzlich nicht nur in Richtung Ost aufgestellt. Die NSA arbeitete in West-berlin und der Bundesrepublik in alle Richtungen. Es wurden Dossiers über die Spitzenpolitiker und -wirtschaftsmanager der BRD geführt.
SPIEGEL: Was war für die Amerikaner wichtiger, der BND und die westdeutschen Dienste als Partner oder als Objekte der Ausspähung?
Eichner: Die Amerikaner hatten den Blick einer Großmacht auf einen Juniorpartner - der meist gehorsam ist, aber ab und zu von der Erziehungslinie abweicht. Ein Herz und eine Seele waren sie nie. Die Westdeutschen hatten immer einen starken Drang, an den von den USA gesammelten Informationen teilzuhaben. Bis heute sind die Amerikaner auf dem Territorium der Bundesrepublik derart massiv präsent, dass sie keine Hilfe zur Aufklärung in Richtung Osten brauchen. Sie machen es lieber selbst, als sich von den Deutschen abhängig zu machen.
SPIEGEL: Wie viele Quellen hatte die HVA der Stasi für NSA-Material?
Eichner: Zwei. Wir konnten 1984 James Hall werben, der zunächst auf dem Westberliner Teufelsberg und dann in Frankfurt arbeitete. Er wurde von dem in Westberlin lebenden Türken Hüseyin Yildirim instruiert, der auch als unser Kurier fungierte. Und wir hatten die Quelle Jeffrey Carney, Deckname "Kid", der in einem U.-S.-Air-Force-Objekt in Berlin-Marienfelde arbeitete.
SPIEGEL: Was beschafften die Quellen?
Eichner: Über diese Leute gelangten Papiere zu uns, von denen wir nur geträumt hatten. Dass ein Unteroffizier wie Hall alle zentralen Dokumente der NSA beschaffen konnte, war unglaublich: alle Direktiven, die NSRL, die National Sigint Requirements List, auf der alle US-Ministerien und Geheimdienste ihre Überwachungswünsche zusammengetragen hatten; 4200 Blatt.
SPIEGEL: War die NSA damals intern so schlecht gesichert wie heute?
Eichner: Die Sicherheitsvorkehrungen besonders im 533rd MI-Battalion in Frankfurt waren sehr lasch.
SPIEGEL: Haben bundesdeutsche Politiker die US-Dienste jemals als Fall für die eigene Spionageabwehr gesehen?
Eichner: Nein, genau das ist das Problem. Das Bundesamt für Verfassungsschutz hatte und hat bei der Spionageabwehr keine Referate, die in Richtung Westen arbeiten. Die zuständigen Politiker und die Verfassungsschützer wussten, dass die US-Dienste auch gegen die Bundesrepublik arbeiten. Aber sie werteten es nicht als feindlichen Akt.
SPIEGEL: Haben die Enthüllungen von Snowden Sie überrascht?
Eichner: Das Herangehen der NSA hat mich nicht überrascht. Geheimdienste wollen alles wissen. Sehr wohl überrascht aber hat mich der enorme Umfang der NSA-Überwachung.
SPIEGEL: Wie beurteilen Sie die Enthüllungen von Snowden?
Eichner: Wir konnten kaum mit unseren Informationen Politik machen, um unsere Quellen nicht zu gefährden. Bei den Whistleblowern ist das Wunderbare, dass sie brisante Informationen an die Öffentlichkeit bringen und die verantwortlichen Politiker dazu zwingen, Stellung zu beziehen. Die Reaktionen der Politiker zeigen, dass ihnen Leute wie Chelsea Manning, Julian Assange oder Edward Snowden mit ihren Enthüllungen sehr wehtun.
SPIEGEL: Was würden Sie Edward Snowden raten?
Eichner: Dass er seinen russischen Partnern offenbart, wie man an die Systeme rankommt, wie man sie bewerten kann, auch perspektivisch.
SPIEGEL: Dann hätte er die Todesstrafe wohl sicher.
Eichner: Natürlich. Das hat er ohnehin.
Interview: Andy Müller-Maguhn, Michael Sontheimer
* Klaus Eichner: "Imperium ohne Rätsel. Was bereits die DDR-Aufklärung über die NSA wusste". Edition Ost, Berlin; 128 Seiten; 9,99 Euro.
Von Andy Müller-Maguhn und Michael Sontheimer

DER SPIEGEL 25/2014
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