16.06.2014

Glücksspiel„Geht's aufwärts?“

Westlotto soll seit Jahrzehnten Namen von Lottokönigen an Banken gegeben haben. Auch die SKL-Gewinnshow gerät nun ins Zwielicht.
Es war am 11. April, und Westlotto-Sprecher Axel Weber gab sich noch ganz sicher: "Für Vorwürfe in Bezug auf unsere Gewinnerbetreuung ist kein Raum." Dass Westlotto seine Lottokönige gezielt in die Arme der Privatbank Merck Finck & Co. getrieben haben soll - angeblich blanker Unsinn.
Sechs Wochen später war dann doch Raum für Vorwürfe, auch aus Sicht von Westlotto, aber wieder signalisierte Weber: keine Sorge, alles im Griff. "Westlotto hilft aktiv bei der Aufklärung von Vorwürfen", hieß es in seiner Pressemitteilung, es seien da ein paar "Fragen aufgetaucht, die nicht sofort und vollends beantwortet werden konnten". Dafür habe das Unternehmen eine Anwaltskanzlei eingeschaltet, die den Fall untersuchen solle, und auch die Staatsanwaltschaft. Nun sind wieder drei Wochen vergangen, und jetzt wäre es Zeit für das dritte Nachjustieren des Unternehmens. Denn offenbar ist alles noch schlimmer.
In zwei Artikeln hatte der SPIEGEL berichtet, wie Westlotto-Gewinnberater Bernd Willers Lottogewinner gezielt zur Privatbank Merck Finck & Co. lotste ( SPIEGEL 16 und 22/2014). Dort verloren die unerfahrenen Neumillionäre viel Geld bei riskanten Investments, die ihnen der Merck-Finck-Direktor Heinz-Walter Tebrügge andrehte.
Mittlerweile hat sich Westlotto von Willers getrennt, Merck Finck seinen Vermögensberater Tebrügge beurlaubt. Allem Anschein nach hoffen Staatsfirma und Privatbank, sich so aus der Affäre ziehen zu können: mit der Geschichte von zwei Mitarbeitern, die sich seit Urzeiten kannten und heimlich Dinge machten, von denen sonst keiner etwas hätte ahnen können.
Doch so einfach geht die Geschichte nicht: Denn wie sich jetzt herausstellt, waren es nicht allein Willers und Tebrügge, die zulasten von Lottogewinnern kungelten. Auch der Westlotto-Referatsleiter Rainer Riering hat Gewinnern die Privatbankiers ans Herz gelegt. Außerdem: Die Methode ist auch keine Erfindung der vergangenen zehn Jahre. Sie reicht offenbar schon zurück in eine Zeit, als Westlotto noch eine Tochter der Landesbank WestLB war.
Die Affäre, die heute Vertrauen bei den Lottospielern kostet, hat ihren Ursprung im Jahr 1957. Damals übernahm die Landesbank das Unternehmen Westlotto, und danach entwickelten die Banker wohl eine ganz eigene Vorstellung von Win-win-Situation: Wer bei Lotto gewann, den wollten auch sie als Kunden für ihre Vermögensberatung.
Ein Exmitarbeiter der WestLB berichtet dem SPIEGEL, Westlotto habe die Adressen der Gewinner "zur WestLB herübergeschoben", das sei in der Bank ein offenes Geheimnis gewesen. Und auch damals sollen die Glücksboten der Lottofirma schon mal den Anlageberater der WestLB gleich mitgenommen haben, wenn sie den Millionären die frohe Nachricht überbrachten. Was im WestLB-Konzern offenbar als völlig normal galt, hält der langjährige Chef einer Landeslotto-Gesellschaft für ein Unding: "Eine Weitergabe von Gewinnerdaten geht gar nicht. Wer so etwas tut, hat nicht nur ein Problem mit dem Datenschutz, sondern verletzt auch den Lotto-Ehrenkodex."
Bis 2002 konnte sich Westlotto noch mit der faulen Ausrede behelfen, dass die Namen doch im Konzern blieben. Dann aber verkaufte die WestLB ihr Private Banking an Merck Finck. Die rund 50 Mitarbeiter wanderten mit zur Privatbank - und machten offenbar weiter wie bisher.
Nur Monate nach dem Verkauf erlebte das ein Werkzeugmacher aus dem Sauerland. Am 14. Dezember 2002 hatte er mit sechs Richtigen im Samstagslotto rund 640 000 Euro gewonnen. Drei Tage später bekam er Besuch von Rainer Riering, laut Visitenkarte damals "Referatsleiter Kundendienst" bei Westlotto. "Das war ein wirklich nettes Gespräch", erinnert sich Gerd Leidig(**), "zweieinhalb Stunden lang, über Gott und die Welt und über die Frage, was ich mit dem Geld machen soll. Ich hatte ja null Erfahrung in Finanzsachen und war da schon ein wenig ängstlich."
Dem netten Herrn Riering gelang es schnell, Leidig zu beruhigen. Er habe da eine Bank an der Hand, die sich bestens mit Gewinnern auskenne, weil Westlotto seit Jahren erfolgreich mit ihr zusammenarbeite. Wenn Leidig wolle, mache er dort gern einen Termin und fahre mit ihm hin.
"Das klang alles seriös, richtig offiziell. Eine Bank, die seit Jahren mit Westlotto kooperiert, das reichte mir völlig", erinnert sich Leidig. Wenige Tage später fuhr er nach Münster, stieg auf dem Westlotto-Parkplatz in Rierings Auto - und der fuhr mit ihm schnurstracks in die Merck-Finck-Dependance. So wie Leidig das verstand, war Merck Finck auch nur eine Tochter der WestLB.
Dass sein Geld dort nicht wirklich sicher war, hat der Sauerländer mittlerweile leidvoll erfahren. Wie anderen Lottogewinnern hat Merck Finck auch ihm riskante Investments verkauft, vor allem Schiffs- und Immobilienfonds. Auf mögliche Risiken bis hin zum Totalverlust des Kapitals habe ihn der Niederlassungsleiter der Merck-Finck-Dependance nie hingewiesen. Dafür
ließ der Niederlassungsleiter seinen Kunden Ende Mai wissen, dass er zwei seiner notleidenden Schiffsfonds auf dem Zweitmarkt verkaufen könne - für gerade noch 31 beziehungsweise 42 Prozent des ursprünglichen Werts.
Westlotto teilte mit, man habe der eingeschalteten Anwaltskanzlei die neuen SPIEGEL-Informationen "zukommen lassen und um ergänzende Prüfung gebeten". Sobald die Untersuchung abgeschlossen sei, werde man dazu Stellung nehmen.
Doch die Affäre reicht inzwischen schon weiter. Denn auch in Süddeutschland bezirzte Merck Finck Lottomillionäre, diesmal Gewinner der Süddeutschen Klassenlotterie (SKL). Und auch dort verlor eine Familie mit riskanten Anlagen viel Geld.
2007 gewann die Rentnerin Elfriede Nonne(**) vor laufender Kamera in der Fünf-Millionen-SKL-Show. Fünf Millionen Euro! Moderator Günther Jauch gratulierte mit einem Blumenstrauß; für die Witwe aus Sachsen-Anhalt sollten nun die goldenen Lebensjahre beginnen - und auch ihre Kinder sollten nicht leer ausgehen. Von Geldanlagen hatte allerdings keiner Ahnung. Wie auch? Mutter Elfriede hat einen Hauptschulabschluss; bis zur Rente hatte sie bei Minol in einer Raffinerie gearbeitet - dort, wo das Benzin in die Tanklaster abgefüllt wurde. Sohn Sven(**) arbeitete als Krankenwagenfahrer. Auch sein Bruder, ein Bäcker, und seine Schwester, eine Schlosserin, hatten selten so viel Geld übrig, dass sie dafür ein Sparbuch gebraucht hätten.
Deshalb fragte Sven Nonne den SKL-Chef Gerhard Rombach um Rat. Man wolle ja nicht zu Hause mit den Millionen zur Sparkasse gehen, dann wisse ja jeder im Ort Bescheid, was sie mit dem Geld machten. Sven Nonne verstand Rombach so, dass er sich Merck Finck in München ansehen sollte. Rombach sagt dagegen, er habe Sven Nonne nur eine Untersuchung der Welt in die Hand gedrückt, mit einer Liste von Banken, die aus Sicht der Zeitung zu empfehlen seien. In dieser Liste hätten sicher mehr Namen gestanden.
Merck Finck hat aber offenbar auch einen direkten Kontakt zur SKL: Georg Sedlmair, Direktor Vermögensberatung in München. Der war, wie sich Sven Nonne erinnert, mehrfach dabei, wenn die SKL-Millionen-Show aufgezeichnet wurde. Und auch hinterher noch, bei der Aftershow-Party, bei der auch frühere Gewinner immer gern gesehen waren.
SKL-Chef Rombach bestätigt, dass Sedlmair dreimal zu solchen Partys eingeladen war - angeblich aber nur auf Wunsch ehemaliger Gewinner. Im Einzelfall hätten auch Vertreter anderer Banken schon mal auf der Liste gestanden, doch wieder nicht auf Initiative der SKL. Weder gebe es einen Vertrag zwischen SKL und Merck Finck, noch würden die Namen von Gewinnern an Banken weitergereicht.
Fest steht: Als sich Familie Nonne für Merck Finck entschieden hatte, kümmerte sich Sedlmair persönlich um die Neukunden. Obwohl dem Banker eigentlich klar sein musste, dass die Ost-Rentnerin von Kapitalismus wenig verstand und von den Rendite-Instrumenten der Hochfinanz noch weniger, bescheinigte ihr Merck Finck im sogenannten Anleger-Profil "gute" Kenntnisse in Sachen Aktien, Renten, Geldmarktfonds und sonstige Fonds.
Als Anlagestrategie trug sie dort "konservativ" ein, was aber nicht so konservativ ist, wie es klingt. Schließlich durfte die Bank auch "konservative" Depots noch mit bis zu 30 Prozent Aktien und bis zu 30 Prozent Anlagen in ausländischer Währung befüllen. Merck Finck kaufte für die Kundin anschließend nicht nur offene Immobilienfonds wie zum Beispiel den Morgan Stanley P2 Value, mit dem die Familie später, nach seiner Notschließung, Geld verlor. Noch riskanter war es, die unbedarften Anleger in Schiffsfonds investieren zu lassen.
Mitte 2008, als sich die Schifffahrtkrise schon abzeichnete, steckte die Bank für die Rentnerin zum Beispiel 300 000 Euro in die MS "Sansibar", einen Frachter, über den die Fondsgesellschaft fünf Jahre später schreiben sollte, dass akut "mit einem Totalverlust der Einlage zu rechnen ist". Und Anfang 2009, auf dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise, besorgte sie ihr einen weiteren Schiffsfonds, der heute nichts mehr ausschüttet. Dass Merck Finck bei solchen Geschäften besonders hohe Provisionen von den Fondsanbietern kassierte, will Sven Nonne erst spät erfahren haben - aber nicht von der Bank, sondern aus dem Fernsehen.
Noch 2013 beruhigte Merck-Finck-Mann Sedlmair die 79-jährige Mutter am Telefon, sie sei mit ihrer Geldanlage sehr konservativ aufgestellt, erziele aber, Gott sei Dank, auch eine gute Performance. "Geht's aufwärts?", fragte die Rentnerin voller Hoffnung. Das dann doch nicht, zumindest nicht entscheidend: Unterm Strich stand immer ein Verlust.
Merck Finck teilte mit, man nehme "die Vorwürfe sehr ernst" und habe "umfassende interne Untersuchungen" eingeleitet. Im Übrigen äußere sich die Bank "grundsätzlich nicht zu Kundenbeziehungen".
Inzwischen hat Familie Nonne das Bankhaus gewechselt. Zu den Treffen der SKL-Millionäre will Sven Nonne vorerst nicht mehr gehen.
Dieser Artikel wurde aus rechtlichen Gründen nachträglich bearbeitet .
* In der SKL-Gewinnshow am 14. Juli 2007.
** Name geändert.
Von Jürgen Dahlkamp, Gunther Latsch und Jörg Schmitt

DER SPIEGEL 25/2014
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