16.06.2014

ZukunftWe love Schule

Bildungspolitik ist Ländersache und für Laien kaum zu fassen. Was Bremen eben einführt, schafft Bayern morgen ab, was in Hessen gilt, ist in Sachsen verboten. Die einfache Frage, was eine gute Schule ist, wird kaum mehr gestellt. Dabei gibt es Antworten. Was macht eine Schule zu einer guten Schule?
Kann das funktionieren: Kinder zugleich klug und glücklich zu machen? Wir haben eine Schule gesucht, in der vier Redakteure eine Woche lang eine 10. Klasse begleiten konnten. Die Bedingungen für unsere Modellschule: Sie sollte in Bremen sein, denn Bremen liegt im Bundesvergleich meist hinten; sie sollte zudem innovativ sein. Und, dritte Bedingung, sie sollte Zugang zum Lehrerzimmer garantieren, ebenso wie zu Konferenzen, denn wir wollten auch die unangenehmen Wahrheiten erfahren. Die beiden ersten Bedingungen erfüllten mehrere Schulen, alle drei nur eine: die Gesamtschule Bremen-Ost (GSO). 1346 Schüler werden hier von 130 Lehrern unterrichtet, eine integrierte Gesamtschule mit Ganztagsbetrieb und gymnasialer Oberstufe. Die Schule beherbergt die Kammerphilharmonie und kooperiert mit Museen. Seit 2007 hat die GSO, 1972 in einem "Problemstadtteil" gegründet, zahlreiche Preise gewonnen. Was macht sie richtig? Was falsch? Eine Prüfung.

MONTAG

7.55 Uhr, Verwaltungstrakt

Fünf Minuten bevor Hans-Martin Utz sich daranmacht, seine Schüler mit Schmirgelpapier und Bootslack auf das Leben vorzubereiten, läuft er die Treppe zum Lehrerzimmer hinauf.
Gleich beginnt die erste Stunde. Utz ist an diesem Morgen mit der Straßenbahn gekommen, seine Frau brauchte das Auto. Utz hat Tischler gelernt, an der Gesamtschule Bremen-Ost unterrichtet er Werken und Politik. Die GSO ist eine Riesenschule, ein Betonquader aus den Siebzigerjahren in Osterholz am Stadtrand von Bremen, drum herum Hochhäuser. Ein Getto, das sagen die, die dort leben.
Schüler aus 80 Nationen lernen hier, der Ausländeranteil liegt bei 40 Prozent. Knapp die Hälfte der Schüler gibt jedes Jahr im Sekretariat die "Blaue Karte" ab. Ihre Eltern, bedeutet das, empfangen Transferleistungen, Hartz IV beispielsweise.
Bremen liegt bei Vergleichen der Schülerleistungen regelmäßig ganz unten in der Bundesländer-Rangliste, zum Beispiel bei Ländervergleichen des Instituts zur Qualitätsentwicklung im Bildungswesen (IQB). Bremen bleibt auf den hinteren Plätzen, selbst wenn man die im Vergleich zu Flächenländern ungünstigere Sozialstruktur berücksichtigt. Unabhängig von den Rahmenbedingungen ist die Schulqualität in Bremen also schlechter als anderswo.

8.20 Uhr, Atelierbereich

Tom Timmermann, Hornbrille, rote Chucks, holt Schmirgelpapier aus dem Schrank. Die Schüler sollen gemeinsam ein Boot bauen. Herr Utz bringt ihnen bei, wie es geht. Das Werken fällt in den Fachbereich Arbeit/ Technik/Wirtschaft, das hatte Tom gewählt, weil dazu auch ein Kurs gehört, der die Schüler auf den Beruf vorbereitet. Wie werden Steuern berechnet? Was hat man netto vom Brutto?
Als die Aufgaben am Anfang verteilt wurden, hat Tom sich für nichts gemeldet. Sein Motto: "Wer am wenigsten macht, ist am coolsten." Deshalb fegt er jetzt oft, das ist die Aufgabe, die übrig bleibt.
Heute erklärt Utz ihm, woran man Eichenholz erkennt und wofür es gut ist. Tom soll eine Holzleiste, die für den Mast gebraucht wird, im Materialraum suchen, mindestens zwei Zentimeter stark. Er kommt mit einem Stück Holz zurück, das zu flach ist. Er soll auf dem Flur nachsehen, da liegen auch noch Holzreste. Er sieht sich um, alle Teile sind viel zu groß. Er sieht sich trotzdem weiter um. Er sagt: "Dann habe ich wenigstens geguckt."

8.35 Uhr, Raum 232

Memuna Kabore ist bei Tom Timmermann in der Klasse, der 10.2. Während Tom unten im Werkraum mit einem Lineal Linien auf Eichenholz zeichnet, lernt Memuna Französisch, ihre zweite Fremdsprache nach Englisch.
Memuna ist 16 Jahre alt, sie sitzt kerzengerade am Tisch vor einem Arbeitsblatt mit dem Wetter von diesem Tag in Paris, Frankreich. Ihre Mutter heißt Antje, ihr Vater stammt aus Ghana. Memuna sitzt neben Celine, ihrer Freundin, deren Eltern beide Deutsche sind. Die Eltern ihrer Freundin Iman stammen aus Marokko. Die Eltern von Margarita, der dritten Freundin, kommen aus Kasachstan.
Memuna sagt, sie werde sich in diesem Jahr um ein Startstipendium bewerben, das fördert Kinder mit Migrationshintergrund. "Ich sollte dazu keine Drei im Zeugnis haben", sagt sie.
Am Ende der Stunde verkündet die Lehrerin die Französischnoten. Normalerweise setzt sich die Note zu einem Drittel aus der mündlichen Mitarbeit, zu einem Drittel aus geschriebenen Tests und zu einem Drittel aus eigenständigem Arbeiten wie Berichten und Protokollen zusammen. "Memuna, Schätzelein", sagt sie, als Memuna ans Pult tritt. Memuna bekommt neun Punkte, eine Drei plus.
Noch einmal der IQB-Ländervergleich 2012: Ein Viertel der Neuntklässler sind Zuwandererkinder. Diese Schüler schneiden durchweg schlechter ab als deutschstämmige Kinder. Ähnlich die Pisa-Studie 2012: Jeder dritte in Deutschland geborene Jugendliche mit ausländischem Hintergrund erreicht in Mathematik höchstens das Grundkompetenzniveau. Andere Staaten sind da erfolgreicher.

8.40 Uhr, Atelierbereich

Im Bootsbaukurs von Hans-Martin Utz sitzt auch ein stämmiger Junge, Emre, er ist in den vorigen Stunden ausnahmslos zu spät gekommen. Seit Kurzem hat er eine Freundin. Utz fragte die Mitschüler, wo Emre bleibe. "Knutschen", war die Antwort.
Er wolle Emre nachher sprechen, kündigte Utz an, als Emre eintraf. Als die anderen draußen sind, sagt Utz: "Emre, ich will, dass du ab jetzt pünktlich bist. Sonst mach ich 'n Riesending. Wenn du deine Freundin knutschen willst, gibt es dafür die Pausen. Die dauern 20 Minuten, das hältst du sowieso nicht durch."
Emre sitzt neben Utz, er blickt ihm in die Augen, schuldbewusst und mit verlegenem Stolz. "Vollgas", sagt Utz. "Verstanden?"
Herr Utz macht eine klare Ansage, ohne den Schüler zu beschämen. Der Bildungsforscher John Hattie nennt das "überlegte Intervention". Ein solcher Lehrer ist sich laut Hattie "seiner eigenen Wirkung bewusst", er "überprüft sich fortlaufend selbst". Er interveniert auf "wohlbedachte und sinnvolle Weise" und "bringt eine Geisteshaltung mit ins Klassenzimmer, die zum Lernen ermutigt und Fehler zulässt".

9.50 Uhr, Raum 214, Klassenzimmer, Englisch

Die dritte Stunde, Englisch. Für heute sollten die Schüler eine Klassenarbeit berichtigen, einige schreiben die Korrekturen noch schnell in der 20-Minuten-Pause. "Schschschschsch", macht die Lehrerin. Es dauert eine Weile, bis Ruhe eingekehrt ist. "Kevin, schschsch."
"Bringt eure Berichtigungen nach vorn", sagt die Lehrerin. In der ersten Reihe ruft Moritz: "Rein theoretisch, wenn man das nicht hätte: Wär das schlimm?" Und sagt, ohne die Antwort abzuwarten, halblaut zu seinem Nachbarn: "Kennst du das: wenn die Fußnägel zu lang sind, und du willst die schneiden - und hast keine Zeit?"
Die Klassen sind in Englisch aufgeteilt in Erweiterungskurse und Grundkurse, Außendifferenzierung nennen sie das hier. Binnendifferenzierung heißt der Versuch, die Leistungsunterschiede innerhalb der Klasse auszugleichen, indem man die stärkeren Schüler fordert und die schwächeren fördert. Wer in welchem Kurs landet, entscheiden die Eltern, allerdings auf Vorschlag des Lehrers.
Memuna sitzt hinten rechts. Im Erweiterungskurs sind 31 Schüler, im Grundkurs, ein paar Türen weiter, sitzen nur 14 Schüler. Memunas Kurs ist unruhig. "Was ist die zweite Form von ,to bring'?", fragt Moritz. Und beantwortet seine Frage gleich selbst, "bring, brang, brung".
Bildungsforscher Hattie sagt auch, dass ohne die Kooperation der Schüler nichts gehe. Hier scheint es der Lehrerin nicht zu gelingen, ihr Programm durchzubringen, Moritz kann ohne Folgen stören.
Differenzierung ist der Versuch, die Schüler auf ihrem jeweils persönlichen Leistungsniveau zu unterrichten. Es ist allerdings fragwürdig, den Besten und den Schwächsten zugleich gerecht werden zu wollen. Schon gar nicht in Klassen mit 30 Schülern.

10.02 Uhr, Raum 232

Im Nachbarzimmer sitzt Tom Timmermann, in Englisch ist er im Grundkurs. An diesem Montagmorgen überrascht die Englischlehrerin die Schüler mit einem Test. Es ist ein Test, der entscheiden soll, wer im nächsten Jahr in den Erweiterungskurs wechseln darf, eigentlich müssten sie ihn erst im Juni schreiben.
"Der Test entscheidet, wo ich euch heute eintrage", sagt die Lehrerin. Sie findet, dass es nicht gut wäre, bis Juni zu warten. So haben die Schüler noch Gelegenheit, sich zu verbessern.
Tom würde gern Abitur machen, an der GSO machen die Schüler nach 13 Jahren Abitur. Drei Erweiterungskurse braucht er, um zugelassen zu werden. Die hätte er, auch ohne Englisch.
Was will er machen?
"Keine Ahnung. Erst mal brauche ich noch Zeit", sagt er.
Memuna will Ärztin werden. Sie will anderen helfen.

11.40 Uhr, Beginn fünfte Stunde, Trakt der Naturwissenschaften

Zwölf Jungs und elf Mädchen gehören in die 10.2, dreizehn Schüler wollen Abitur machen. Erst jetzt, zur fünften Stunde, haben sie, zum ersten Mal an diesem Tag, gemeinsam Unterricht: "NW", Naturwissenschaften, also Physik, Chemie und Biologie in einem einzigen Fach. Der Lehrer ist promovierter Biologe, ein junger Mann in weiten Jeans.
Er tippt an seinem Laptop herum und wirft ein Bild an die Wand: eine Scheibe, Froschschenkel, die Geschichte von Luigi Galvani, dem italienischen Forscher, der im 18. Jahrhundert den Effekt von Strom auf Muskeln beobachtete.
Die Schüler sollen die Geschichte Galvanis nacherzählen, in einem Comic, als Theaterstück oder in Form von Knetfiguren. Memunas Gruppe wählt das Theaterstück, Toms Gruppe will kneten. Heutzutage, sagt der Lehrer, müsse man auch gegen Facebook ankommen können.
Bis auf Yalcin, der Facebook doof findet, ist jeder in der Klasse auf Facebook. Alle nutzen außerdem WhatsApp, ein kostenloses Programm, um per Smartphone Kurznachrichten zu verschicken. 21 von 23 Schülern haben einen eigenen Laptop in ihrem Zimmer, nur Memuna und ihre Freundin Iman nicht.
Ostdeutsche Schüler sind in Mathematik und Naturwissenschaften besser als westdeutsche. Das liegt laut Sachsen-Anhalts Kultusminister Stephan Dorgerloh (SPD) auch daran, dass dort Biologie, Chemie und Physik als eigenständige Fächer auf dem Lehrplan stehen. Naturwissenschaften als gemeinsames Fach, das zeugt nicht von großer Wertschätzung für die Inhalte.

13.30 Uhr, Tom kommt nach Hause

Der Montagnachmittag ist für die Schüler frei, die Lehrer besprechen Organisatorisches, ob die Schüler Firmen gründen sollen, etwa.
Normalerweise sieht der Tag so aus:
Der Schultag beginnt um 8 Uhr mit einer Doppelstunde. Um 9.30 Uhr die erste Pause, 20 Minuten. Um 9.50 Uhr eine weitere Doppelstunde, um 11.20 Uhr eine zweite 20-Minuten-Pause. Nach den Stunden fünf und sechs ist Mittagspause von 13.10 bis 14 Uhr, in der Mensa können die Schüler zwischen zwei warmen Gerichten wählen.
Um 14 Uhr beginnt der Nachmittagsunterricht, mal zwei, mal drei Stunden, um 16 Uhr ist Feierabend. Die GSO ist eine "gebundene" Ganztagsschule, der Nachmittagsunterricht ist verpflichtend. Weil viele Eltern sich um ihre Kinder nicht kümmern können, übernimmt die Schule die "soziale Verantwortung", so nennen das Bildungspolitiker.
Als Tom nach der Schule nach Hause kommt, stehen Reis, Chicken Nuggets und braune Soße auf dem Tisch. Toms Mutter, Maike Timmermann, hat gekocht, wie eigentlich jeden Schultag.
Sie fragt: "Hast du Englisch geschrieben?" - "Ja."
"Und?" - "Schon schwer."
Tom gabelt schweigend in seinem Reis.
Er sagt: "Ich habe heute Herrn Pemeyer getroffen, und er weiß nicht, ob ich in NW eine Eins oder eine Zwei bekomme."
"Eins oder Zwei, davon geht die Welt doch nicht unter." - "Doch."
Maike Timmermann arbeitet halbtags, damit sie mehr Zeit mit Tom verbringen kann. Sie singt auch im Schulchor und ist Elternsprecherin. Sie will teilhaben am Schulleben ihres Sohnes. "Man muss aufpassen, dass es nicht zu viel wird, das wird sonst peinlich."
Unterricht in Doppelstunden ist sinnvoll, innovative Schulen wenden sich mittlerweile vom 45-Minuten-Takt mit kurzer Pause ab. In längeren Einheiten wie der Doppelstunde lässt sich der Stoff besser vertiefen.

DIENSTAG

8.02 Uhr, Zimmer des Schulleiters

Zwei Lehrerinnen stehen im Büro des Schulleiters Franz Jentschke, sie wollen mit ihm über eine junge Kollegin sprechen. Am Abend zuvor war eine Konferenz, in der es darum ging, wie sie an der GSO behinderte Schüler integrieren, also um die "Inklusion". Es gab Ärger. Die junge Kollegin möchte entweder als Assistentin in so einer Inklusionsklasse arbeiten oder Klassenlehrerin einer regulären Klasse werden.
Jentschke will, dass sie beides macht. Irgendwann hatte die junge Kollegin Tränen in den Augen. Und sagte offenbar: "Dann muss ich mich nach einer anderen Schule umsehen."
Die beiden Lehrerinnen wären die Kollegin gern los. "Vielleicht müssen wir die Chance nutzen", sagt eine der beiden.
Bremen unterrichtet so viele behinderte Kinder an Regelschulen wie kein anderes Bundesland. Inklusionsquote in Bremen laut einer Studie der Bertelsmann-Stiftung 2013: 55,5 Prozent. Inklusionsquote im benachbarten Niedersachsen: 11,1 Prozent. Dazu sagt aber der Landesbehindertenbeauftragte: "In Bremen fehlt es bisher an einheitlichen und verbindlichen Qualitätsstandards  für inklusiven Unterricht und inklusive Schule." Die junge Lehrerin schätzt also den Arbeitsaufwand realistisch ein, viele Lehrer fühlen sich von dem Vorhaben überfordert.

8.10 Uhr, Zimmer des Schulleiters

Jentschke steht ein Jahr vor der Pensionierung. Er leitet die Schule seit 24 Jahren, und an manchen Tagen trägt er sie auf seinen Schultern. Früher, sagt er, war die GSO am Nachmittag und an Wochenenden tot. Er hat die Turnhalle für Vereine geöffnet und die Mensa für Rentner aus dem Viertel.
Jentschke rollt seinen Stuhl zum Computer. Gestern hat er Post von der Schulbehörde bekommen, es geht um die "Weisungsbefugnis in Schulen". Schulleiterinnen und Schulleiter leiten die Schule, so steht es da, als Vorgesetzte sind sie damit weisungsberechtigt.
"Das ist völlig überflüssig", ruft Jentschke. "Ich weiß doch, dass ich Schulleiter bin. Und dafür haben wir dann Juristen!"
Bürokratische Vorgaben aus Ämtern und Ministerien kosten die Lehrkräfte bisweilen viel Zeit, die dann für das Wesentliche fehlt.

8.35 Uhr, im Treppenhaus der Schule

Zwei Schüler knibbeln Aufkleber vom Boden, gelbe und orangefarbene Füße, die vergangenen Freitag am Tag der offenen Tür zu ihrem Klassenraum führen sollten. An den Wänden hängen Verbotsschilder: In der Mensa sind Cappys und Mützen verboten, Handys oder MP3-Player dürfen weder genutzt noch sichtbar getragen werden. Andere Regeln: Man grüßt einander, Kopfhörer werden abgenommen, Jacken in der Mensa ausgezogen. Wer mit eingeschaltetem Handy erwischt wird, kann es sich in Begleitung der Eltern am nächsten Freitag beim Schulleiter abholen.

8.50 Uhr, WhatsApp-Gruppe der Klasse 10.2

Schüler A: Hat jmd Karteikarten?
Schüler B: Jaa ich
Schüler C: Hatten wir was in französisch auf?
Schüler A: Ich glaub schon Aber hab ich nicht
Schüler C: und englisch ?
Schüler A: Bestimmt auch
Schüler C: -.-

9.40 Uhr, Raucherpause

Volker Pemeyer, Lehrer für Politik, Sport und Geschichte, steht an einem Graben in Sichtweite der Schule und dreht sich eine filterlose Zigarette. Er ist seit 32 Jahren an der GSO. In fünf, sechs Jahren ist Schluss für ihn, spätestens. "Wenn der erste Schüler sagt: ,Bei dem alten Sack habe ich keine Lust mehr, das ist ein Arschloch' - dann höre ich auf." Pemeyer nimmt einen tiefen Zug aus seiner Zigarette. "Aber noch ist es nicht so weit."

9.50 Uhr, Raum 214

Pemeyer steht vor der 10.2, "GP", das steht für Geschichte/Politik. Sie nehmen gerade den Nationalsozialismus durch, aber heute, sagt Pemeyer, wollen sie über Nelson Mandela sprechen. Pemeyer hat einen Zeitungsartikel kopiert, Margarita aus der letzten Reihe liest ihn vor. Pemeyer sagt den Schülern, welche Wörter sie unterstreichen sollen.
Daniel meldet sich. "Ich fände es gut", sagt er, "wenn wir das selber erarbeiten können mit dem Unterstreichen."
Pemeyer stutzt, dann sagt er: "Guter Tipp, danke, klasse."
Kurz darauf schreibt Pemeyer das Wort "Apartheid" an die Tafel.
"Wie schreibt man Apartheid, Kevin?"
Kevin, orangeroter Sweater, sitzt lässig auf seinem Stuhl, er gehört zu denen, die sich eher selten melden.
"A-p-p", fängt er an.
"Ich frage deshalb nach der Schreibweise", sagt Pemeyer, "weil ich das bis vor Kurzem selber falsch geschrieben habe. Mit t am Ende."
Gut: Er geht auf Aktuelles ein, klebt nicht am Lehrplan. Schlecht: Er verlangt zunächst wenig Eigeninitiative von den Schülern, gibt ihnen vor, was sie zu unterstreichen haben. Gut: Er geht auf den sinnvollen Vorschlag eines Schülers ein, das anders zu machen. Gut: Er erklärt seine eigenen Probleme beim Rechtschreiben, holt die Schüler bei deren Kenntnisstand ab.

10.17 Uhr, Mensa

"Unsere Lehrer sind Mutanten", sagt ein Junge aus der siebten Klasse. - Wieso? - "Die geben den Guten Komplimente und den Schlechten nicht." Bis zur achten Klasse wird jeder Lehrer an der GSO von einer Sozialpädagogin unterstützt. "Unsere Sozialpädagogin hat mich auf Facebook gesucht und von allem, was ich gepostet haben, Screenshots gemacht", sagt der Junge. "Dann hat sie meinen Vater in die Schule bestellt. Ich hab gar nichts Schlimmes gepostet, nur so was wie ,Morgen Schule - keine Lust', und ich hab Ärger bekommen. Deswegen auf Facebook immer die Sozialpädagogin blocken."

11.20 Uhr, Fachraum GP

Die Klasse 10.2, sagt Pemeyer nach der Stunde, habe eine für ihr Alter sehr hohe Sozialkompetenz. Für Pemeyer bedeutet das: Die schwächeren Schüler werden durch die stärkeren mitgezogen.
Wie kriegt Pemeyer eine leistungsschwächere Schülerin beispielsweise von einer Fünf auf eine Vier?
"Ich flirte immer mit allen. Ohne diese Flirts läuft nichts. Nicht falsch verstehen - flirten heißt lediglich: Blicke. Ansprache. Lob. Bestätigung auch für eine Leistung, die nicht am oberen Rand angesiedelt ist." Pemeyer mag seine Schüler. "Ich bin mit jedem in der Klasse in einer ständigen Beziehung", sagt er. "Eine Art unsichtbares Band."
Laut der Allensbach-Studie "Hindernis Herkunft" glauben nur 17 Prozent der Lehrer und 16 Prozent der Eltern, dass es für leistungsstarke Schüler besser ist, wenn sie gemeinsam mit schwächeren unterrichtet werden. Deshalb ist die Einheitsschule bei Eltern unpopulär.

11.40 Uhr, Raum 312

Die 10.2 ist eine "Kunstklasse", das heißt, die Schüler haben vier Stunden Kunst in der Woche. Es gibt an der Schule auch noch eine Musikklasse und eine Naturwissenschaftenklasse. Das Prinzip dahinter ist, dass die Schüler von der 5. bis zur 10. Klasse stärker nach ihren Neigungen gefördert werden.
Das Fach Kunst unterrichtet Wolfgang Rußek, der Klassenlehrer. Er hat mit den Kindern vor einiger Zeit ein Fotoprojekt gemacht, sie sollten Treppen fotografieren. Dann hat er die Bilder bei Foto Dose auf Leinwand ziehen lassen, für 9,90 Euro pro Stück. Jetzt malen sie sie wieder ab, abstrakter, mit anderen Farben.
Rußek geht durch die Reihen.
"Kein Weiß! Wie mischen wir Grau? Mit Wasser. Riiichtig!"

19.45 Uhr, Verwaltungstrakt

Der Elternbeirat trifft sich. Toms Mutter vertritt die Klasse 10.2. und hört sich an, wie die Eltern über Mensa-Essen für Muslime und die Sorgen des Hausmeisters diskutieren. An die Tafel hat jemand einen Gruß geschrieben: "Willkomen an der GSO". Über das Wort "Willkomen" hat jemand ein zweites kleines m gemalt.

MITTWOCH

9.50 Uhr, Raum 214, Englisch

Die Englischlehrerin wiederholt im Erweiterungskurs der 10. Klasse, was in der vorigen Stunde dran war. Was macht eine Story interessant? Sie spricht Englisch, die meisten Schüler antworten auf Deutsch. Ihr sei es wichtig, dass die Schüler sich überhaupt beteiligen, sagt sie.
Dann liest Luisa die Geschichte vor, die sie am Vortag geschrieben hat. Sie hat ihr den Titel "Love Fight" gegeben.
"Give Luisa a feedback, please", sagt die Lehrerin, als Luisa fertig ist. "Schschschsch. Was haltet ihr zum Beispiel von dem Titel?"
"In Bezug auf the story", sagt Celine und muss lachen.
"If I see the large - was heißt unansprechend?"
"In regard to the story, you didn't find it appealing", schlägt die Lehrerin vor. "Is that what you mean?"
"A little bit."
Das ist pragmatisch und in Ordnung, es braucht kein Dogma, Fremdsprachen immer in der Fremdsprache zu unterrichten. Laut der Studie "Deutsch-Englische Schülerleistungen International" liegt der Sprechanteil eines Schülers pro Unterrichtsstunde sowieso weit unter einer Minute.

11.02 Uhr, Verwaltungstrakt

Das Mädchen aus der 10.2, das nur selten zum Unterricht erscheint, ist auch heute nicht da. Schulleiter Franz Jentschke erklärt das Prinzip: Zuerst ruft der Klassenlehrer bei den Eltern an. Oder sein Stellvertreter. Wenn das nichts nutzt, greift einer der 15 Sozialpädagogen ein. Nutzt auch das nichts, informieren die Pädagogen die Jahrgangsleitung. "Und ganz zuletzt, wenn weder die Eltern noch die Schule weitergekommen sind, gibt es ein Bußgeld", sagt Jentschke. Aber wie setzt man ein Bußgeld durch bei Eltern, die von Hartz IV leben?
Die Schätzungen zur Anzahl der Schulschwänzer schwanken, laut Deutschem Lehrerverband sind es rund 200 000 Schüler bundesweit, die täglich unentschuldigt fehlen. Nach einer Studie des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsens ist Schulschwänzen häufig der Auftakt zu Delikten.

9.30 Uhr, erste große Pause, Lehrerzimmer

Es müsse aber auch erlaubt sein, Kritik zu üben, sagt Peter Grothe. Grothe ist seit fünf Jahren an der GSO, er unterrichtet Physik und Geschichte in der Mittel- und Oberstufe, außerdem ist er in der GEW aktiv, der Lehrergewerkschaft.
Es gebe zu viel Freiheit für die Lehrer, sagt er. Es fehle eine Einigung auf Lernziele. "Jeder macht, was er will." Grothes Eindruck: Die Lehrer kommen den Schülern immer weiter entgegen, die Schüler müssen sich gar nicht bewegen. Die Schüler, sagt er, sollen doch in der Schule eine Grundbildung erhalten, damit sie den Verhältnissen, aus denen sie kommen, entfliehen können.
Die Frage ist: Sollen sich die Schüler in der Schule wohlfühlen? Selbstbewusstsein aufbauen, durch Projekte beispielsweise, durch Musik und Theater? Oder sollen sie lernen, dass man sich manchmal bemühen muss?
Das beschreibt sehr gut das Dilemma von Schule insgesamt: Einerseits soll sie jeden Einzelnen nach seinen Fähigkeiten fördern, andererseits soll sie festgesetzte Standards abprüfen. Wie Lehrer dieses Ziel erreichen sollen, bleibt aber tatsächlich weitgehend ihnen überlassen. In der Schulpolitik hat sich der Trend durchgesetzt, dass nur noch beschrieben wird, was Schüler einer bestimmten Klassenstufe können sollen ("Output-Orientierung", "Kompetenz-Orientierung"). Ausweg: regelmäßige standardisierte Tests, die einen Schüler, eine Klasse, eine Schule im Vergleich mit anderen einordnen.

12.40 Uhr, NW-Bereich

Die Comic-Gruppe ist mit ihrer Präsentation noch nicht ganz fertig.
"Fangt doch einfach mal an mit dem, was ihr schon zeigen könnt!", sagt der Lehrer ruhig.
Iman geht nach vorn und befestigt ihr Plakat, auf dem aber außer der Überschrift "Tanzende Beine" nicht viel zu sehen ist.
"Es war ja keine Zeit", sagt Iman. "Also zeige ich das, was wir haben, fast nichts." Ihr Ton ist genervt. Der Lehrer unterbricht sie.
"So geht das nicht, Iman. Du kannst nicht während der Präsentation sagen, dass die Zeit nicht reichte. Und außerdem hast du dich im Ton vergriffen. Finde ich. So. Und jetzt noch einmal von vorn!"
Iman sieht ihren Lehrer an. Sie will weitermachen, aber ihre Stimme versagt, dann weint sie und rennt raus.
Der Lehrer wartet bis zum Ende der Stunde, dann geht er Iman suchen. Sie hätten keine Pausen zwischen den Stunden, weil sie arbeiten müssten, sagt Iman, am Vorabend habe sie bis ein Uhr nachts für die Schule gelernt. "Und dann stecken Sie auch noch die Schwachen bei mir in die Gruppe! Wie soll ich das alles schaffen?"

14.15 Uhr, Raum 214

Siebte Stunde, GP bei Volker Pemeyer. Die Schüler stellen vor, was sie im Internet über Mandelas Südafrika gefunden haben.
Südafrika, liest jemand vor, ist eine föderale Republik.
"Was heißt 'föderale Republik'?", will Pemeyer wissen.
"Dass die Rohstoffe fördern?"
Pemeyer lacht. Deutschland, sagt er, habe ein föderales Bildungssystem. "Was bedeutet in diesem Zusammenhang ,föderal'?"
"Ausbaufähig?", fragt Celine.
Schönes Zitat! Wobei: Der Föderalismus ist nicht an allen Missständen schuld. Viele der erfolgreichsten Bildungsnationen sind föderal organisiert, zum Beispiel die Schweiz oder Kanada. Und ein zentralistisch organisierter Staat wie Frankreich liegt bei Pisa hinter Deutschland.

19.28 Uhr, WhatsApp-Gruppe der 10.2

Schüler A: Hahahahha
Schüler B: hahahahaha
Schüler C: HAHAHAHAHA
Schüler B: Hahahahaha
Schülerin D: Ha HA HA
Du arschgesicht
Ich hasse dich

DONNERSTAG

9.20 Uhr, Mathematik, Raum 214

Als Christine Grelle den zweiten Strahlensatz erklärt, geht Thorben an die Tafel. Er sitzt hinten links und versteckt sich meistens hinter Celine. "Finde ich gut, dass du kurz vor der Zeugniskonferenz noch Einsatz zeigst", sagt Frau Grelle.
Thorben starrt ein wenig ratlos auf die Zeichnung an der Tafel. Schließlich rechnet Frau Grelle die Lösung selbst vor, Thorben schweigt. "Du kannst dich jetzt wieder hinsetzen", sagt Grelle. "Oder willst du noch was dazu sagen?"
"Nee."

10.10 Uhr, Sporthalle

Volker Pemeyer fordert die Schüler auf, sich Medizinbälle zu holen. "Bildet einen Großkreis", ruft er. "Jeder soll seinen Ball vor sich liegen haben, Abstände möglichst weit. Wir fangen leicht an." Die Schüler sollen den Medizinball auf die Beine legen und dann hochheben. "Männer können das", ruft Pemeyer, "Frauen üben das."
Pemeyer hat ein paar Regeln, die ihn durch den Alltag leiten.
Regel eins: Gehe nie hinter Mädchen, die 13, 14 oder älter sind, in kurzem Abstand die Treppe rauf. "Sie müssen sonst das Gefühl haben, ein alter Mann starre ihnen auf den Hintern."
Regel zwei: Starre einer Schülerin nie ins Dekolleté.
Die schlimmste Erinnerung an seine eigene Schulzeit, sagt Pemeyer: Der Lehrer beugt sich von hinten über ihn, um ihm etwas zu erklären, und er versucht, dem Mundgeruch des Lehrers auszuweichen. Deshalb, Regel Nummer drei, kaut Pemeyer ständig Kaugummi.
"Was mache ich hier eigentlich Tag für Tag, außer unterrichten? Ich bin mit Schülern zusammen, um ihnen ein positives Lebensgefühl zu geben - das ich selber habe. Eine positive Einstellung zum Leben."
Sehr wichtig! Wenn Lehrer den Glauben verlieren, etwas ausrichten zu können, dann bewirken sie meistens auch nichts. Laut einer Allensbach-Umfrage von 2011 glaubt knapp die Hälfte der Lehrkräfte, nur wenig oder gar keinen Einfluss auf die Schüler zu haben.

11.55 Uhr, Zimmer des Schulleiters

Schulleiter Franz Jentschke erklärt, wie man Klassenreisen organisiert, auch wenn die Eltern wenig Geld haben. Im Schrank liegen 20 Packungen Toffifee. Einmal, als eine Klasse mit der Bahn verreisen wollte, entdeckte Jentschke ein Angebot bei Lidl: Für je fünf Packungen gab es ein Mitfahrticket umsonst. Jentschke kaufte 100 Packungen.
Jentschke erzählt solche Geschichten gern. Ein andermal saß er morgens stundenlang in seinem dunklen Büro hinter der Gardine und beobachtete einen Kaugummiautomaten, weil er denjenigen überführen wollte, der das Ding zum Stinkbombenautomaten umgerüstet hatte.
In den vergangenen beiden Jahren haben an der GSO alle Schüler einen Abschluss gemacht, darauf ist Jentschke stolz. "Die Schüler haben nur eine Schulzeit. Die ist nicht wiederholbar. Dieser Verantwortung muss man gerecht werden."
Das Wissen der Schüler habe sich in den vergangenen Jahren verschoben, sagt Jentschke. Es sei deutlich breiter, aber weniger tief als früher. Früher ging es um Wissen, sagt er, heute gehe es um Fertigkeiten. Um die eigene Meinung, die Fähigkeit, etwas bewerten zu können.
Die Zahl der Schulabbrecher sinkt seit Jahren. Deutschland hat unter anderem deshalb bei Pisa aufgeholt, weil an den deutschen Schulen die Leistungsschwachen besser gefördert werden. Die Kehrseite: Wenn jeder zum Abschluss geschleppt wird, fehlt der Leistungsanreiz für undisziplinierte Schüler.
Leider gibt es praktisch keine aussagekräftigen Vergleiche zwischen früher und heute, trotz all der Millionen, die die Politik in Bildungserhebungen steckt.

12.20 Uhr, Atelierbereich

Bei Hans-Martin Utz haben die Schüler heute den Klüverbaum zusammengeleimt: drei Bretter aus Fichtenholz. Nebenan sägen andere aus der Gruppe mit Laubsägen Eulen aus. Eine Kollegin will ihre Garderobe neu gestalten, gegen Bezahlung hat Utz den Auftrag angenommen. Später werden sie mit dem Geld Bootslack kaufen. Im Winter, sagt Utz, hat er für 15 Euro mit den Mädchen aus der Gruppe Winterreifen bei Kollegen aufgezogen.

13.25 Uhr, Mensa

Drei Schüler einer anderen zehnten Klasse essen. Wie sähe es aus, wenn sie die perfekte Schule schaffen dürften?
"Dann geht es morgens erst um neun Uhr los."
"Dann hätten wir nur die Fächer Deutsch, Englisch, Mathe. Und Politik, das ist auch noch wichtig."
"Dann gäbe es keine Vertretungsstunden, weil, die bringen uns nichts. Die Lehrer sitzen da meist nur rum und machen nichts."
"Dann gäbe es nicht so oft einen Lehrerwechsel."
"Dann hätten wir größere Klassenräume."
"Dann hätten wir gemütlichere Stühle."
"Sonst ist hier alles voll gut", sagt eine. "Besonders Herr Mrotzek", sagt sie.
Die anderen sagen: "Ja, Herr Mrotzek! Ja, Herr Mrotzek!"
Dr. Thomas Mrotzek, 32 Jahre alt, ist seit vier Jahren Klassenlehrer der 10.6. Die 10.6 ist eine "Regelklasse", sie hat keinen Schwerpunkt, wie beispielsweise die 10.2 von Tom und Memuna den Schwerpunkt "Kunst" hat. "Wir haben noch nie etwas gespielt", sagt eines der Mädchen. "Wir basteln auch nichts. Wir lernen einfach."
Mrotzek sei in der 6. Klasse zu ihnen gekommen, sie hätten damals Hauptschulniveau gehabt, jetzt sind sie zum Abitur angemeldet. Am ersten Tag habe er nur kurz seinen Namen gesagt - und dann: "So, und nun beginnen wir auch schon mit den Aufgaben."

18.30 Uhr, zu Hause bei Memuna

Memunas Mutter Antje Kabore sitzt in einem Sessel in ihrem Wohnzimmer, sie sagt: "Ich finde es richtig, dass man in der Schule Präsenz zeigt, damit die Lehrer wissen, dass sie sich vor den Eltern verantworten müssen, wenn was schiefläuft."
Antje Kabore arbeitet als Erzieherin, sie kommt erst am Nachmittag nach Hause. Trotzdem schafft sie es, alle wichtigen Referate ihrer Tochter auf Fehler durchzusehen. Die Tür geht auf, Memuna steht im Türrahmen. Mit einer Freundin hat sie in der Stadt Kleider für den Abschlussball anprobiert, jetzt machen die beiden Hausaufgaben in der Küche. "Mama, schreibt man ,abtreibende Mittel' zusammen?"
Antje Kabore sagt: "'Abtreibende' klein und 'Mittel' groß."

23.02 Uhr, WhatsApp-Gruppe der 10.2

Schülerin B: Morgen ist Wochenende
Schüler B: Nein morgen ist Freitag Dumm
Schülerin C: -.- für dich freitag. für mich wochenende :)
Schüler D: LAPPEN Ich komm morgen auch nicht
Schüler C: Fick deine note nicht

FREITAG

9.50 Uhr, Raum 163

Tom und Yalcin gehen zu PAKZ, das steht für "Persönlichkeit, Aktion, Kommunikation, Zukunft". In dem Kurs geht es um Selbst- und Fremdwahrnehmung, jeder Schüler muss daran teilnehmen. Die Sozialpädagogen sollen die Persönlichkeit stärken, das sagt Franz Jentschke, der Schulleiter, "die Schüler müssen sich im Leben bewähren können". In PAKZ werden keine Tests geschrieben, die Schüler bekommen am Ende ein Zertifikat. Die Sozialpädagogin hat einen Stuhlkreis aufstellen lassen. Tom beugt sich zu Yalcin: "Was heißt Döner-Zombie auf Türkisch?"

13.20 Uhr, Mensa

Memuna isst Salat, Margarita Pizza, Celine ist dabei.
Ihr Lieblingslehrer? - "Herr Pemeyer!"
Warum? - "Weil man mit dem reden kann", sagt Margarita.
Dann gehen die Sätze durcheinander.
"Dem fällt alles auf."
"Der versteht, wie man sich fühlt."
"Der merkt, wenn einer nicht mitkommt."
"Der nimmt Feedback an und ist nicht gleich beleidigt."
Was ist ein schlechter Lehrer?
"Einer, der reinkommt und sagt: ,Jetzt mal Seite 62 aufschlagen und die Aufgaben 1, 2 und 3 machen!'"

23.05 Uhr, WhatsApp-Gruppe der 10.2

Schüler A: Ich hab lachflash
Schüler B: Bei ps3
Schüler C: Xbox du Lutscher
Schüler A: Xbox bringt mir Glück
Schüler B: Hahah
Schüler A: Morgen keine Schule
Zehntklässlerin Memuna (M.)

SPIEGEL-Checkliste

Woran Sie erkennen, ob die Schule Ihres Kindes etwas taugt
1. Ihr Kind freut sich morgens auf die Schule. Die Lehrer freuen sich auf Ihr Kind.
2. Schüler und Lehrer grüßen einander, halten sich die Tür auf, bedanken sich. Sekretärinnen und Reinigungspersonal sind freundlich und arbeiten gern. Der Hausmeister hat sein Büro auf der Lehreretage, nicht im Keller.
3. Die Schule bittet um Feedback von außen, um Fehler abzustellen. Kritik wird als Bereicherung verstanden, nicht als Zumutung.
4. Die Schulleitung gibt zu, dass es auch mit Lehrern Probleme gibt - und sucht nach Lösungen.
5. Lehrer sind am Schüler-Feedback interessiert; sie fragen, beispielsweise bei Lernentwicklungsgesprächen: Was kann ich besser machen?
6. Lehrer helfen sich gegenseitig, etwa indem sie sich im Unterricht besuchen und einander Tipps geben.
7. Lehrer, die Herausragendes leisten, werden schulöffentlich gelobt.
8. Den Satz "Wir würden ja gern, aber uns sind die Hände gebunden" hören Sie an dieser Schule nie. Ebenso wenig wie den Satz: "Das kriegen wir niemals durch."
9. Die Schulleitung sieht Richtlinien und Behördenvorgaben als Herausforderungen, die es, wo nötig, mit Fantasie zu umgehen gilt.
10. Es gibt klare Regeln. Zugleich gilt, dass man auch etwas lernt, wenn man eine Regel mal bricht.
11. Den Schulwechsel eines schwierigen Kindes nimmt die Schule nicht als Erleichterung, sondern als Niederlage.
12. Die Schüler können mitbestimmen, wie Flure und Klassenzimmer gestaltet werden.
13. Werden Wände oder Toiletten beschmiert, sind diese Schmierereien nach kurzer Zeit beseitigt.
14. Der Schulleiter ist mehr als ein Verwaltungsexperte. Er hat ein Weltbild. Und eine Haltung.
15. Wenn Sie als Fremder im Schulgebäude unterwegs sind, dauert es nicht lange, bis Sie angesprochen werden.
Von Hauke Goos, Barbara Hardinghaus und Takis Würger

DER SPIEGEL 25/2014
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