16.06.2014

KommentarFahrschule für Automanager

Wer ein Auto fahren will, muss zuvor eine Prüfung bestehen. Wer einen Autokonzern führen will, der jedes Jahr mehrere Millionen Fahrzeuge verkauft, benötigt keinen Nachweis besonderer Fähigkeiten. Nur so ist der Absturz von General Motors, dem einst größten Autohersteller der Welt, zu erklären.
Zuerst hat das Management das Unternehmen so weit heruntergewirtschaftet, dass es nur durch ein Konkursverfahren und 50 Milliarden Dollar Staatshilfen die Chance für einen Neuanfang erhielt. Und jetzt zeigt sich, dass der Konzern mehr als ein Jahrzehnt lang nicht nur schlecht mit dem Geld seiner Aktionäre umgegangen ist, sondern auch das Leben seiner Kunden aufs Spiel gesetzt hat. GM sagt, 13 Tote seien auf mangelhafte Zündschlösser zurückzuführen. Verbraucherschützer sprechen von 300 Toten.
Verantwortlich dafür sind die gleichen Faktoren, die GM in die Insolvenz führten. Der Konzern wurde meist von Finanzexperten gesteuert, für die das Auto eine Summe von Einzelkosten ist, die es zu minimieren gilt. Darunter leidet die Qualität und mitunter auch die Sicherheit.
General Motors stand mit seiner Art der Unternehmensführung für einen Kapitalismus, der vom Finanzmarkt getrieben wird. Quartalsergebnisse sind wichtiger als das Produkt. Dies kann kurzfristig erfolgreich sein. Doch Autos fahren länger als ein Quartal.
Jetzt wird dem Konzern die Rechnung präsentiert. Experten schätzen, dass er für den Rückruf der Autos, für Strafen und für die Entschädigung der Angehörigen von Opfern fünf bis sieben Milliarden Dollar zahlen muss.
Die neue Chefin Mary Barra will nun vieles verändern. Sie ist seit 30 Jahren Teil dieses Systems, in dem das Auto wenig und die Finanzzahlen alles waren. Das spricht gegen sie. Aber Barra gilt auch als "Car girl". Sie soll sich begeistern können für gute Autos. Das wäre in diesem Unternehmen ein Fortschritt. Denn die wichtigste Regel der Branche lautet: "It's the car, stupid."
Von Dietmar Hawranek

DER SPIEGEL 25/2014
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