16.06.2014

IrakEin Staat implodiert

Die Terrorgruppe ISIS macht wahr, wovon al-Qaida nur träumte: Ihre Kämpfer haben das Gebiet vom syrischen Rakka bis Mossul erobert und wollen ein Kalifat errichten. Nun droht ein Bürgerkrieg zwischen Schiiten und Sunniten.
Bis vor ein paar Tagen war Masud Ali noch Taxifahrer in Mossul, ein großer, freundlicher Mann mit Bart und grünen Augen. Er mag die Wüste, er liebt seine Frau und seinen gelben Nissan. Aus Politik hat er sich bisher nicht viel gemacht. "Inschallah", sagt er. Es passiert, was Gott will. Wenn Gott will. Doch dann überrannten die Kämpfer des "Islamischen Staats im Irak und in Syrien", kurz ISIS, die Stadt von zwei Millionen Einwohnern.
Seit vergangenem Montag habe es in Mossul Ausgangssperren am Abend gegeben, sagt Masud Ali. Am Dienstag hätten sie Schüsse gehört, nahe ihrer Wohnung. Als er nach draußen blickte, sah er auf der Straße einen Toten liegen. Dann kamen die Gerüchte: "Sie haben alle Regierungsgebäude und den Flughafen besetzt", sagte ein Freund. "Die Strom- und Wasserwerke", ergänzte die Nachbarin. Banken wurden ausgeraubt, tausend Gefangene freigelassen, Ölanlagen eingenommen, hieß es im Fernsehen. Einen Tag später setzte sich Masud Ali mit seiner Familie ins Auto und gab Gas. Im Straßengraben sahen sie Uniformen von Polizisten und verlassene Militärfahrzeuge. Die mehrheitlich sunnitischen Soldaten hatten sich den ebenfalls sunnitischen ISIS-Kämpfern ergeben.
Auch Masud Ali ist Sunnit, wie die Mehrheit der Bewohner von Mossul. Zwar hatte er die Aufrufe des Bürgermeisters gehört: Die Bewohner von Mossul sollten sich gegen ISIS verteidigen. "Doch warum hätte ich mich wehren sollen?", fragt er. "Für die schiitische Regierung? Für Premier Maliki, der die Sunniten unterdrückt?" Er schüttelt den Kopf. "Der Konflikt ist eskaliert, weil die Menschen im Irak die Obrigkeit nicht mehr mögen."
Nun steht Masud Ali in einem Zelt außerhalb der Stadt Arbil im kurdischen Norden des Landes, im jüngsten Flüchtlingslager des Irak. Es ist die Zeit des Freitagsgebets, und zum ersten Mal legt er seine Stirn heute nicht zum Gebet auf den Boden, sondern drückt sie auf die Stirn eines Kindes. Sein Sohn Mohammed ist vier Monate alt, er liegt auf einer Plane zwischen Milchpulver, frischen Gurken und Wasserflaschen aus Plastik. Er schreit, denn er hat Fieber.
Es war keine Zeit, einen Koffer zu packen, erzählt Masud Ali. "Wir sind in Panik aufgebrochen. Wir wollten nur weg." Er wedelt mit einem Schal über dem Kopf seines Sohnes, er pustet Luft über seine Nase, gegen die unerbittliche Hitze der Wüste. Er wiegt und wiegt sein Kind, als könnte er dadurch das Erlebte abschütteln.
Jeden Tag kommen neue Flüchtlinge, einige sogar zu Fuß. Masud Ali kann sie sehen, weil sie fast an seinem Zelt vorbeikommen. Bis an den Horizont stauen sich die Autos vor dem Checkpoint Chasar, eine Stunde Fahrtzeit von Mossul auf dem Weg nach Arbil. Staub steigt zwischen den Rädern auf, Tausende Plastikflaschen und Tüten liegen auf dem Boden. Bis zu 800 000 Menschen haben Mossul bisher verlassen, sie verstanden schnell, dass es dort keinen Staat mehr gibt. Rund die Hälfte ist in die Provinz Arbil gekommen, weil sie hier, unter der Hoheit der kurdischen Regionalregierung, in Sicherheit sind.
Arbil ist in diesen Tagen einer der wenigen Orte nördlich von Bagdad, in denen Ruhe herrscht. Die Truppen der kurdischen Regionalregierung sind die einzige Kraft, die sich den Dschihadisten entgegenstellt, denn ihre vermutlich 200 000 Mann starke Peschmerga-Miliz ist die am besten ausgebildete Kampftruppe des Irak. Sie sichert Grenzen, Städte und die Ölquellen rund um Kirkuk gegen die vorrückenden Islamisten, verteidigt die eigene Bevölkerung und ihre Interessen. Und sie bringt sich in Stellung für kommende Auseinandersetzungen.
Denn mehr als ein Jahrzehnt nach der amerikanischen Invasion steht der Irak vor dem Zerfall: Ein erneuter Bürgerkrieg zwischen Sunniten und Schiiten droht. Doch anders als in den Jahren 2006 und 2007, als in Kämpfen zwischen den beiden Religionsgruppen Zigtausende starben, gibt es heute keine amerikanische Ordnungsmacht mehr im Land, die eingreifen könnte. Jeder ist sich jetzt selbst der Nächste.
Das Vorrücken von ISIS ist nicht der Grund für den Zusammenbruch des Staates, sondern die Folge davon. Die sunnitische Islamistenarmee, die im syrischen Bürgerkrieg kämpfte und erstarkte, hat mit der Einnahme von Mossul, der zweitgrößten Stadt des Irak, ihren bisher größten Erfolg erzielt. Von dort aus ist sie in der vergangenen Woche weiter gen Süden vorgedrungen, Berichten zufolge bis 80 Kilometer vor die Hauptstadt Bagdad.
ISIS hat es innerhalb kurzer Zeit geschafft, al-Qaida den Rang als brutalste Terrorgruppe der Welt abzulaufen. Sie verübt bisher keine Anschläge im Westen, sondern möchte im Nahen Osten ein Kalifat wie im 7. Jahrhundert errichten. Die bis zu 15 000 Kämpfer umfassende Organisation, in deren Reihen auch viele junge Europäer kämpfen, ist von einem Staat zwar weit entfernt. Aber sie kontrolliert nun erstmals ein grenzübergreifendes Gebiet von der Größe Jordaniens.
Der Vormarsch von ISIS im Irak kam nicht ganz überraschend: Seit mehr als einem Jahr war die Offensive wohl geplant. Schon im Januar hatten die Extremisten die irakische Stadt Falludscha eingenommen, seit Monaten hatten sie um Mossul bei der Bevölkerung "Dschihad-Steuern" erpresst, politische Morde und Selbstmordanschläge verübt.
Doch der schnelle Erfolg von ISIS täuscht darüber hinweg, dass es offenbar nicht mehr als tausend Kämpfer waren, die Mossul besetzten. Womöglich zogen nur ein paar Hundert weiter nach Süden. Mehr waren auch gar nicht nötig. Denn die sunnitische Minderheit im Land, die unter dem Diktator Saddam Hussein den Staat beherrschte, wurde von der schiitischen Führung unter Premier Nuri al-Maliki in den vergangenen Jahren immer mehr marginalisiert. Deshalb stellen sich die meisten Sunniten den vorrückenden Kämpfern von ISIS nun nicht in den Weg. Sie lassen sie gewähren - und Milizen ehemaliger Saddam-Anhänger wie etwa die Nakschbandi-Gruppe schließen sich ihnen an. Die sunnitischen Milizen besetzten vorige Woche ihrerseits Städte wie Tikrit, die Geburtsstadt des toten Diktators, wo sie Fahnen mit Saddams Antlitz hissten.
Weil es keinen Zusammenhalt mehr gibt, hat sich im entscheidenden Moment auch die irakische Armee weitgehend aufgelöst. Obwohl sie von den USA für rund 25 Milliarden Dollar aufgerüstet und jahrelang eigens dafür ausgebildet wurde, islamistische Extremisten zu bekämpfen.
In Mossul ergriffen zwei Divisionen, insgesamt 30 000 Soldaten, die Flucht vor den gut 1000 ISIS-Kämpfern. Dabei ist die Armee viel besser ausgerüstet: Der irakische Staat hat in den vergangenen Jahren F-16-Kampfjets, "Apache"-Hubschrauber und M-1-Panzer gekauft. Auch in Tikrit lösten sich zwei Divisionen einfach auf.
Sunnitische Soldaten und Polizisten vermieden die Konfrontation mit den anrückenden ISIS-Kämpfern, die von Teilen der Bevölkerung im Vergleich mit der verhassten schiitischen Zentralregierung als kleineres Übel gesehen wurden. Nur Divisionen, die vor allem aus Schiiten bestehen, halten noch zur Regierung von Maliki. Sie verschmelzen aber immer mehr mit den schiitischen Selbstverteidigungsgruppen, die sich in Bagdad und im Süden des Landes bilden.
Der höchste schiitische Geistliche Ajatollah Ali al-Sistani rief am Freitag seine Glaubensbrüder auf, gegen ISIS zu den Waffen zu greifen. Mehr als 30 000 Freiwillige meldeten sich in Bagdad, um bei der Verteidigung der Stadt zu helfen.
Es wird in diesen Tagen wieder viel über zwei Männer geredet, die seit Langem tot sind: Mark Sykes, ein Brite, und François Georges-Picot, ein Franzose, teilten 1916 den Nahen Osten in eine französische und in eine britische Einflusszone auf. Sie zogen die künstlichen Grenzen zwischen den Staaten Irak, Syrien und Jordanien, die im Wesentlichen bis heute bestehen - und Kurden, Alawiten, Sunniten und Schiiten in gemeinsame Staaten pressen.
Es zeigt sich nun, dass diese fragile Ordnung, die keine Rücksicht nahm auf Stammesgeschichte und Konfessionen, im Begriff ist zu zerbröckeln. Es ist das erklärte Ziel von ISIS, diese Grenzen abzuschaffen: Im Internet veröffentlichte die Gruppe Bilder davon, wie sie Grenzbefestigungen zwischen Syrien und dem Irak niederriss.
Sowohl in Syrien wie im Irak kämpfen auch infolge dieser Grenzziehung heute vor allem die Angehörigen der beiden großen Glaubensrichtungen des Islam gegeneinander. Ironischerweise war es ausgerechnet das Eingreifen der Amerikaner 2003, das die Ordnung des 20. Jahrhunderts sprengte. Im Irak hatte die sunnitische Minderheit des Diktators Saddam Hussein, die nur 20 Prozent der Bevölkerung ausmachte, über die schiitische Mehrheit geherrscht und sah sich nach dessen Fall von der Macht verbannt.
Ein ähnliches Szenario spielt sich in Syrien ab, wo die Diktatur des alawitischen Assad-Clans die Spannungen der beiden Konfessionen jahrzehntelang unterdrückte. Dass sie sich nun in einem blutigen Bürgerkrieg entladen, ist die Folge davon.
In Syrien machte sich ISIS ab 2013 als mit Abstand brutalste, erfolgreichste und dabei höchst zwielichtige Dschihadistentruppe einen Namen. In ihrem "Emirat", das von den Städten Bab und Manbidsch im Osten der Provinz Aleppo über die Provinzhauptstadt Rakka bis in die Ostprovinz Hassaka reicht, herrschten die Fanatiker mit Terror und immer neuen grotesken Erlassen. In Rakka riskiert sein Leben, wer während der fünf täglichen Gebetszeiten auf der Straße ist oder seinen Laden geöffnet lässt. Friseure mussten die Frauenbilder auf den Packungen für Haarfärbemittel schwärzen. Hochzeiten dürfen nur noch ohne Musik stattfinden. Und auf den Viehmärkten der Umgebung müssen die Genitalien von Ziegen und Schafen mit Lappen verhüllt sein.
Seit vergangenem Frühjahr breiteten sich die ISIS-Dschihadisten in Nordsyrien aus. Sie nährten sich vom steten Zustrom Radikaler aus Tunesien, Saudi-Arabien, Ägypten, Europa, ja selbst Indonesien. Dabei war von Beginn an eine Doppelstrategie zu beobachten: Da waren auf der einen Seite die ausländischen Dschihad-Nomaden, die ohne Ortskenntnis und militärische Erfahrung kamen - und als Kämpfer an der Front verheizt wurden.
Und auf der anderen Seite plante die offenbar irakische Führung von ISIS den Widerstand professionell, gründete kleine Zellen, die sich in konspirativen Wohnungen niederließen, und warb syrische Informanten an, oftmals ehemalige Spitzel des Regimes. Rebellenkommandeure, Ortsräte und andere einflussreiche Personen wurden verschleppt oder ermordet - und damit wurde dann der ganze Ort unter Kontrolle gebracht.
Der irakische Führungszirkel von ISIS, der vor allem aus Ex-Offizieren und Kadern von Saddam Husseins Baath-Partei bestehen soll, schottet sich nach innen ab: Die normalen Kämpfer kennen nur ihren örtlichen "Emir". Neben den lokalen Einheiten wurde früh eine etwa hundertköpfige Spezialeinheit aus Irakern und Tunesiern aufgebaut, die für Entführungen, Morde und Anschläge zuständig ist und unabhängig agiert. Diese Gruppe dürfte verantwortlich sein für die zahlreichen gezielten Tötungen von Rebellenkommandeuren außerhalb des Herrschaftsgebiets von ISIS sowie für Entführungen.
Die Finanzierungsquellen von ISIS sind unklar, aber sie sprudeln offenbar. An Waffen und Munition hat die Gruppe keinen Mangel. Für eine Weile profitierte ISIS auch davon, Öl an das Assad-Regime zu verkaufen. Zudem erhielten die Terroristen wohl Millionensummen von der französischen und der spanischen Regierung, die im April ihre entführten Staatsangehörigen freikauften. Und bei ihrem Raubzug durch Mossul erbeuteten sie jetzt gepanzerte Fahrzeuge und angeblich 420 Millionen Dollar aus der Zentralbank.
Wenig ist über den Anführer von ISIS bekannt, den geheimnisvollen Abu Bakr al-Baghdadi: Er wurde angeblich 1971 im irakischen Samarra als Awad Ibrahim al-Badri geboren und behauptet, ein direkter Nachfahre des Propheten Mohammed zu sein. Er soll zur Zeit der US-Invasion ein Prediger gewesen sein und beteiligte sich wohl kurz danach am islamistischen Aufstand. Um das Jahr 2005 nahmen US-Truppen Baghdadi fest und steckten ihn ins Gefängnislager Bucca, wo er in Kontakt mit al-Qaida gekommen sein soll. Nach seiner Freilassung schloss er sich ihr an und stieg 2010 bis zum Anführer des irakischen Ablegers auf. Ab 2013 übernahm er die Leitung der ISIS und überwarf sich mit Qaida-Chef Ajman al-Sawahiri. Die Amerikaner haben mittlerweile zehn Millionen Dollar Kopfgeld auf ihn ausgeschrieben.
Dass ISIS dauerhaft ein großes Gebiet im Irak besetzen kann, ist unwahrscheinlich: Zu drakonisch sind die Vorschriften, die sie der Bevölkerung auferlegen, zu gewaltsam ist ihre Terrorherrschaft. Vergangene Woche brüsteten sich ihre Unterstützer damit, Tausende schiitische Soldaten exekutiert zu haben.
"Aber ISIS ist der Katalysator für den nächsten Bürgerkrieg im Irak", sagt Michael D. Weiss, ein US-Experte für die syrische Terrorgruppe. Am Ende eines solchen Krieges könnten auf dem Gebiet des heutigen Syrien und des Irak im Extremfall ein kurdischer, ein sunnitischer und ein schiitischer Staat entstehen.
Doch trotz allem gibt es noch Iraker wie Abdul-Jabbar Ahmed Abdullah, die an einen Fortbestand ihres Landes glauben. Der Professor für Politik gehört zu den klugen Köpfen der Sunniten-Hochburg Bagdad, er ist ein gefragter Analytiker. Die Eskalation der vergangenen Woche war für Abdullah "völlig absehbar". Seit dem Sturz Saddams vor elf Jahren seien "alle Versuche fehlgeschlagen, im Irak funktionstüchtige Institutionen aufzubauen".
Die Verantwortung dafür trage der schiitische Premierminister Nuri al-Maliki. Abdullah hält den Regierungschef für einen religiösen Eiferer, dem es nur um die Vorherrschaft seiner Glaubensgruppe und das eigene politische Überleben gehe.
Malikis Verhalten, sagt Abdullah, sei geprägt von einem "tiefen Misstrauen gegenüber allem und jedem": gegenüber den Kurden im Norden ebenso wie den eigenen Glaubensbrüdern im Süden. Mit dem sunnitischen Block im Zentrum des Landes verbinde den Premier sogar eine tiefe Feindschaft. Unter dem Despoten Saddam hatte Maliki als verfemter Oppositioneller unter der Dominanz der Sunniten gelitten, musste ins Exil fliehen, um sein Leben zu retten. Dass er Zuflucht in Syrien und Iran fand, erklärt heute seine Nähe zu den Mullahs in Teheran und seine Unterstützung für Baschar al-Assad in Damaskus.
Mit den Amerikanern paktierte seine Regierung, wenn es ihm nützlich erschien. "Für uns zählt nur das Interesse des Irak", erklärte Maliki im März in einem SPIEGEL-Gespräch. Er saß zusammengesunken in seinem prunkvollen Büro im Präsidentenpalast in Bagdad. Die Vorhaltungen, er grenze mit seiner Politik die Sunniten aus, wischte Maliki mit einer Handbewegung beiseite. Die Streitereien zwischen den Glaubensgruppen seien ein normaler "politischer Prozess". Zudem habe jede Partei "den Anteil erhalten, den sie nach ihrem Wahlergebnis verdient".
Und dass ihn US-Präsident Barack Obama bei seinem letzten Besuch im Weißen Haus im vergangenen November eindringlich ermahnt habe, die Aussöhnung zwischen den Glaubensfraktionen voranzutreiben? Da kratzte sich der Premier am Dreitagebart und gab zu verstehen, dass er sich von den USA nichts sagen lasse. "Ich habe mich schon für die nationale Aussöhnung eingesetzt", so Maliki, "bevor Obama überhaupt Präsident wurde."
Die Erstürmung von Mossul hat auch eine große symbolische Bedeutung: Sie markiert den Endpunkt einer zehnjährigen Entwicklung. Die Amerikaner hatten Mossul zu einer Modellstadt für den gesamten Irak machen wollen. Mit massiver Truppenpräsenz und viel Geld sorgten sie im Jahr nach dem Einmarsch für Ruhe und Ordnung. 2003 und 2004 fanden in der Stadt die ersten improvisierten freien Kommunalwahlen der irakischen Geschichte statt, organisiert vom damals noch unbekannten US-General David Petraeus, der Anfang 2004 im Norden Iraks 23 000 Mann befehligte. Die Besatzungsmacht wurde anschließend jedoch schlagartig auf 9000 und bis 2007 auf 3000 Mann reduziert, wodurch die ohnehin prekäre Sicherheitslage vollends erodierte.
Der 2008 gewählte Präsident Barack Obama, der den Einmarsch im Irak stets für einen Fehler gehalten hatte, wollte die Truppen so schnell wie möglich abziehen - seit zweieinhalb Jahren gibt es keine feste US-Militärpräsenz mehr im Land. Der Abzug wurde damals bejubelt, doch nun kritisieren viele Experten, er sei überhastet geschehen. In diesen Tagen beschuldigen die Republikaner in Washington Obama, er habe gegen das Vorrücken der Islamisten im Irak nichts unternommen.
Bald könnte sich Obama womöglich gezwungen sehen, der irakischen Regierung militärisch beizustehen. Man denke darüber nach, ziehe alle Mittel in Betracht, erklärte er vergangene Woche, schließe den Einsatz von Bodentruppen aber aus. Doch Luftangriffe oder der Einsatz von Drohnen scheinen nicht unmöglich. Am Freitagabend kündigte Obama an, dass er sich eine militärische Unterstützung vorstellen könne - wenn Maliki bereit sei zu politischen Zugeständnissen gegenüber den Sunniten. Es liege am Irak "seine Probleme als souveräne Nation selbst zu lösen".
Es könnte dennoch zu einer seltsamen Koalition kommen. Der Iran kann sich laut hohen Regierungsbeamten ein gemeinsames Vorgehen mit den USA im Irak vorstellen. Dass die Amerikaner sich darauf einlassen, ist unwahrscheinlich. Aber sicher ist, dass USA und Iran ein gemeinsames Interesse verbindet: den sunnitischen Extremismus einzudämmen. Womöglich könnten sich die Amerikaner nun trotz aller Bedenken dazu entschließen, andere syrische Rebellengruppen zu unterstützen, die ihrerseits gegen ISIS vorgehen.
Masud Ali, der Flüchtling vor den Toren von Arbil, vermisst seine Stadt, er will so schnell wie möglich zurück nach Mossul. "Ich wünsche mir Frieden", sagt er. Dass es Frieden so schnell nicht geben wird, weiß er jedoch. Er traut ISIS nicht, aber er fürchtet genauso einen Angriff der Regierungstruppen. Er denkt, dass Maliki vielleicht Flugzeuge schicken könnte, die Mossul bombardieren.
Wenige hundert Meter von Masud Alis Zelt entfernt haben die kurdischen Peschmerga einen Stützpunkt aufgebaut. Ihr Erkennungszeichen ist die Flagge der Kurden: rot, weiß, grün, mit einer Sonne in der Mitte. Auch Aras Muhammad trägt sie auf dem rechten Ärmel seines Tarnanzugs, dazu Sonnenbrille, ein violettes Barett auf dem Kopf und eine Kalaschnikow. "Wir sterben für Kurdistan", sagt er. "Ein Peschmerga denkt nie an sich, sondern nur daran, andere zu schützen. Er flieht nicht. Er ist stark." Die Peschmerga schicken Kämpfer nach Mossul, um Familien sicher aus der Stadt zu bringen; sie schützen auch die Flüchtlinge um Arbil.
Auf dem zentralen Platz in Arbil, neben dem Basar mit klebrigen Süßigkeiten, stehen Holzbänke nebeneinander, auf die tagsüber das Wasser eines Springbrunnens spritzt. Hier sitzt ein alter Mann mit zerfurchtem Gesicht, er ist wütend. Er möchte seinen Beruf nicht nennen, auch nicht seinen Namen. Er will nur sagen, dass die USA Schuld am Zerfall seines Landes tragen. Er schreit es heraus und schwingt seinen Stock durch die Luft. "Die Amerikaner hätten nicht einfach so gehen dürfen", ruft er. "Sie haben mein Land zum Bersten gebracht."
Von Dieter Bednarz, Ullrich Fichtner, Katrin Kuntz, Christoph Reuter und Mathieu von Rohr

DER SPIEGEL 25/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 25/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Irak:
Ein Staat implodiert

  • Airline testet Ultralangstreckenflug: Stretchen nicht vergessen!
  • Dreidimensionales Bild: Ein Hologramm zum Anfassen
  • Emotionaler Hoeneß-Abschied: "Dieser Tanker muss geradeaus fahren"
  • 137 km/h: "Jet-Suit"-Pilot bricht Geschwindigkeitsrekord