16.06.2014

Global Village50 Sterne und 13 Streifen

Wie US-Amerikaner, Schiiten und Fußballfans eine chinesische Flaggen-Schneiderin reich machten
Von Yongkang aus gesehen liegt São Paulo am anderen Ende der Welt. Nach Bagdad sind es 7000 Kilometer, nach New York über 12 000. Die Schneiderin Lu Hongmei, 41, war noch nie in São Paulo oder New York, von Bagdad hat sie nur eine vage Vorstellung. Und doch hat es mit diesen drei Städten zu tun, dass vor ihrem Haus in Yongkang ein dicker roter Cadillac steht, dass sie statt eines einzigen zwei Söhne hat und sich um ihre Zukunft keine Sorgen machen muss.
Und das kam so:
Yongkang liegt zwischen den Hügeln der ostchinesischen Provinz Zhejiang. Hier sind die Menschen fleißig und einfallsreich, die Straßen sauber und die Hecken kurz gestutzt. Die Gegend ist das Baden-Württemberg Chinas: das Kernland seines Mittelstands.
Jahrzehntelang unterdrückte Peking den Fleiß und den Unternehmergeist der Menschen von Yongkang. Melonen und Beeren durften sie anbauen, immerhin, und Stoffe durften sie färben - kleine rote Tücher, die sich die Jungpioniere der Kommunistischen Partei zu Millionen um den Hals banden.
Danach wurden besonders Fahnen gebraucht - wieder nur rote, mit einem großen und vier kleinen gelben Sternen in der Ecke, und wieder Millionen: chinesische Fahnen.
"Dann kam eines Tages ein Kaufmann aus der Stadt Yiwu und fragte, ob wir auch amerikanische Flaggen machen können", sagt Lu Hongmei. "Ich erinnere mich ganz genau, wann das war: Ende 2001, kurz nachdem in New York zwei Flugzeuge in die Hochhäuser gerast waren. Damals begann unser Geschäft."
Jiu, yao, yao - neun, eins, eins - steht im Chinesischen für 9/11, die Anschläge des 11. September. Amerika war getroffen, Amerika brauchte Fahnen.
"Ich wusste damals noch nicht einmal genau, wie die Flagge der USA aussieht", sagt Lu Hongmei. "Na gut, das fanden wir heraus: 50 Sterne, 13 Streifen. Blau, weiß, rot. Auch nicht schwieriger als andere Fahnen."
Bis heute ist das Sternenbanner ein Bestseller in Lus Sortiment von inzwischen mehr als 190 Fahnen. Sie liefert ihre Ware in drei Größen, 20 mal 30 Zentimeter, 40 mal 60, 90 mal 150. Richtiges Geld, sagt sie, verdiene sie nur mit dem großen Format: 4,20 Yuan, umgerechnet 50 Cent, pro Stück. Bei Bestellungen ab 10 000 Flaggen gibt es Rabatt. Ihre Kunden bestellen in Hunderttausenden.
Seit 2001 hat Frau Lu mit der Flaggenschneiderei hundert Arbeitsstellen geschaffen. Gut tausend Fahnen schafft eine Näherin pro Tag. Bezahlt wird nach Stückzahl, der Monatslohn beträgt im Schnitt 400 Euro. Lu Hongmei, schwarze Leggings, schlichtes rosa Oberteil, kein Schmuck, näht nicht mehr selbst. Sie gehört nun zu den Vermögenden. Die Strafgebühr für ihren zweiten Sohn, mit dem sie und ihr Mann gegen Chinas Ein-Kind-Politik verstoßen haben, überwies sie still vor vier Jahren. Und irgendwann hat sie sich den roten Cadillac zugelegt.
Wobei es nicht die Amerikaner waren, die Lu Hongmei reich gemacht haben. Es waren die Iraker. "Einige Jahre nach 9/11 kam ein arabischer Geschäftsmann mit einem merkwürdigen Vorschlag auf mich zu", sagt sie. "Er wollte grüne Flaggen mit einem bärtigen Mann darauf, gleich eine halbe Million. Auch das haben wir hinbekommen."
Seither lässt Lu Hongmei in China Fahnen und Wimpel schneidern, auf denen der Märtyrer Hussein prangt. Den beschwören die Schiiten des Irak, wenn sie zu einer Pilgerfahrt nach Kerbela aufbrechen - und gegen die Sunniten in den Wahlkampf ziehen. "Vor gut sechs Wochen haben sie im Irak wieder gewählt", sagt Lu Hongmei. "Das hat uns fast 20 Millionen Yuan Umsatz, umgerechnet rund 2,4 Millionen Euro, eingebracht."
Auch mit dem Eröffnungsspiel der Fußballweltmeisterschaft in São Paulo hat Frau Lu bereits Geld verdient. Schon im April, sagt sie, sei die gesamte Produktion ausverkauft gewesen, zuerst die spanischen Flaggen, dann die brasilianischen, dann die deutschen, in dieser Reihenfolge. Vielleicht bedeute das ja etwas für den Ausgang des Turniers.
Noch zuverlässiger als die Fußballfans dieser Welt aber seien für sie die Menschen im Nahen Osten: "Seit ich in diesem Geschäft bin, gehen die Leute dort auf die Straße und brauchen Flaggen und Wimpel: Wahlen, Revolutionen, Massenkundgebungen. Mir scheint, die Menschen im Nahen Osten sind wie Mao Zedong. Immer streiten sie, immer machen sie Ärger."
Chinas rote Fahne ist inzwischen nur noch eine unter vielen in Lu Hongmeis Sortiment. Mit den Ereignissen, die sie reich gemacht haben, hat ihr eigenes Land nichts zu tun. Nicht einmal bei der Fußballweltmeisterschaft ist China dabei - ein tiefer Schmerz für die Chinesen, deren Nationalmannschaft nicht annähernd ihre Ansprüche erfüllt.
Für Frau Lus Geschäft ist das bedeutungslos. Sie hat, genau wie ihre Regierung, gelernt, dass man mit dem kommunistischen Rot allein nicht weit kommt.
Von Bernhard Zand

DER SPIEGEL 25/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 25/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Global Village:
50 Sterne und 13 Streifen

  • Pompeo zu israelischen Siedlungen: "Wir geben den Ansatz der Obama-Regierung auf"
  • Proteste in Hongkong: Studenten verbarrikadieren sich in Universität
  • Unwetter in Österreich: Lage entspannt sich, Gefahr bleibt
  • Hongkong: Wie ein SPIEGEL-Reporter den Protesttag erlebt