16.06.2014

Affären„Ungeheure politische Wucht“

SPIEGEL: Droht Katar nach den jüngsten Enthüllungen der Entzug der Fußball-WM in acht Jahren?
Pieth: Da bin ich skeptisch.
SPIEGEL: Warum?
Pieth: Zunächst müsste die Fifa-Ethikkommission die beschuldigten Funktionäre überführen, dass sie vor ihrem Votum für Katar bestochen wurden. Bis ein solches Urteil rechtskräftig wäre, würden etwa zwei Jahre vergehen. Erst dann könnten die 209 Mitgliedsverbände der Fifa abstimmen, Katar die WM zu entziehen. In der Zwischenzeit würde in Katar weitergeplant und -gebaut. Die Frage ist, ob der Fifa-Kongress am Ende eines solchen Verfahrens noch die Freiheit hat zu sagen: Wir gehen woanders hin mit der WM 2022.
SPIEGEL: Weil Katar die Fifa mit Schadensersatzforderungen überziehen würde?
Pieth: Katar würde wohl mit aller juristischen Macht auf die Fifa losgehen und sie verklagen, da würde selbst der Weltverband mit seinen stattlichen Milliardenreserven ganz schnell in Schwierigkeiten kommen. Ich sehe noch ein anderes großes Problem.
SPIEGEL: Welches?
Pieth: Dem katarischen Ex-Fußballfunktionär Mohamed Bin Hammam wird vorgeworfen, er habe an die 30 afrikanische Verbandsleute bestochen. Nehmen wir einmal an, der Richter der Fifa-Ethikkommission kommt zu dem Schluss: Die müssen alle weg. Das hätte eine ungeheure politische Wucht. Aus Sicht der Afrikaner würde das als kolonialistischer Akt gewertet, wenn eine zentrale Institution in Europa zu einem derart harten Urteil käme. Diese Spannungen darf man nicht unterschätzen.
SPIEGEL: Seit einigen Tagen läuft in Brasilien die WM, zuvor gab es heftige Proteste gegen die Fifa. Präsident Joseph Blatter vertritt trotz aller Kritik unbeirrt die Meinung, eine Fußball-WM beschere dem Ausrichterland Wohlstand und dem Rest der Welt Frieden.
Pieth: Ein Teil des Problems der Fifa ist, dass Funktionäre eine ganz andere Wahrnehmung der Welt haben. Die bewegen sich pausenlos im Kreise der VIPs, der Staatschefs, auch nicht demokratisch legitimierter Staatschefs. Fifa-Funktionäre sind nicht bekannt dafür, dass sie die Probleme der Welt sensibel angehen.
Von Wul

DER SPIEGEL 25/2014
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