16.06.2014

Digitale Welt (I)Das Fenster zum Leben

Immer mehr Dokumentarfilmer nutzen Handyvideos aus dem Internet, um von Katastrophen wie dem Reaktorunglück von Fukushima oder den Konflikten in Syrien und der Ukraine erzählen zu können. Sie zeigen Bilder von ungekannter Intensität.
Auf den Straßen liegen Tote und Verletzte, auf den Dächern lauern Scharfschützen. Die Menschen im syrischen Bürgerkrieg wagen sich nicht mehr aus dem Haus. Mit Seilen oder Draht versuchen sie, die reglosen Körper ihrer Freunde und Verwandten vom Asphalt zu ziehen. Einige filmen dies mit ihren Handys, sie zoomen immer näher heran, bis das Bild unscharf wird. Es wirkt so, als streckte sich eine imaginäre Hand so weit wie möglich aus - ohne helfen zu können.
Der syrische Regisseur Usama Muhammad, 60, zeigt in seinem Film "Eau argentée, Syrie autoportrait" (auf Deutsch etwa: "Silbernes Wasser, ein Selbstporträt Syriens") viele Bilder von verzweifelten Rettungs- und Bergungsversuchen. Sie sind für den Zuschauer kaum zu ertragen, weil sie nicht nur das Grauen des Krieges dokumentieren, sondern auch die Ohnmacht im Angesicht dieses Grauens. Keine dieser Aufnahmen hat Muhammad selbst gedreht. Er hat sie im Internet gefunden, auf YouTube und in den sozialen Netzwerken.
"Es ist nicht mein Film, sondern der meines Volkes", sagt Muhammad, der seit rund drei Jahren im Pariser Exil lebt und für seine ebenso bewegende wie verstörende Dokumentation vor einem Monat bei den Festspielen von Cannes gefeiert wurde. "Wir wissen nicht, wann es in Syrien wieder freie Wahlen geben wird, vielleicht erst in 50 Jahren. Deshalb stimmen wir mit Bildern ab."
Sein Syrien-Film ist eine von mehreren Produktionen, die in jüngster Zeit entstanden sind und die das Genre der Dokumentation grundlegend verändern werden. Sie berichten von Katastrophen oder Kriegen: vom Tsunami und dem darauf folgenden Reaktorunglück 2011 in Japan etwa oder von den Straßenschlachten in Kiew. Und sie tun dies ganz unmittelbar und direkt. Statt das Geschehen nüchtern zu rekonstruieren oder Szenen nachzustellen, wie es Dokumentaristen bisher oft taten, zeigen sie Bilder aus der Mitte der Ereignisse, gefilmt von Menschen, die vor Ort waren.
Sie heißen "My Tsunami - Die Katastrophe in Japan via Skype", "My Revolution - Video Diary from Kiev" oder "The Sinking of the Concordia Caught on Camera". Es sind Filme, die das Geschehen immer wieder aus einem neuen Blickwinkel betrachten. Sie sind Ausdruck einer veränderten Welt, in der jeder jederzeit und allerorten zum Filmemacher werden kann.
Als US-Präsident John F. Kennedy 1963 in Dallas ermordet wurde, war es ein Zufall, dass der Amateurfilmer Abraham Zapruder die tödlichen Schüsse mit einer Acht-Millimeter-Kamera festhielt. Als 2001 die Twin Towers einstürzten, wurde dies von vielen New Yorkern und Touristen mit der Kamera festgehalten. Nicht zuletzt diese Aufnahmen machten den 11. September zu einem Medienereignis von gänzlich neuer Dimension.
"Man sah den Einsturz der Türme nicht ein- oder zweimal, sondern hundertmal, und immer aus einem neuen Blickwinkel. Noch Jahre später kamen bislang unveröffentlichte Bilder hinzu", sagt Thomas Schadt, Dokumentarist und Direktor der Ludwigsburger Filmakademie. "Diese explosionsartige Multiplikation der Perspektiven verändert unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit."
Auch über den Tsunami 2004 im Indischen Ozean entstand eine Unmenge Bilder. Touristen, die ihre Kameras auf das Meer gerichtet hatten, um ihre Kinder vor dem Horizont zu filmen, sahen plötzlich eine riesige Welle auf sich zurasen. Diese Bilder zeigten weitaus eindringlicher als TV-Aufnahmen, dass der Tsunami unsere moderne Zivilisation völlig unvorbereitet traf. Es sind Dokumente ungläubigen Staunens, das in heillose Panik umschlägt.
Bilder wie diese können Dokumentarfilmer kaum drehen. Katastrophen sind nicht planbar, allenfalls kann man eine Kamera auf einen Vulkan richten und hoffen, dass er eines Tages ausbricht. Doch Aufnahmen von Laien, die von einem Ereignis überrascht werden, tun mehr, als es festzuhalten. Sie erzählen auch von der emotionalen Reaktion auf dieses Ereignis.
"The Sinking of the Concordia Caught on Camera" etwa dokumentiert die Havarie der "Costa Concordia" im Januar 2012 vor der Küste Italiens. Der Film beruht auf Bildern, die von Passagieren und Crewmitgliedern des Kreuzfahrtschiffs aufgenommen wurden. Die packende Chronik, die drei Monate nach dem Unglück vom britischen Fernsehsender Channel 4 ausgestrahlt wurde, ist auf YouTube zu sehen. Im ersten Drittel des rund 45 Minuten langen Films können sich die Passagiere kaum sattsehen am Luxus des Schiffs. Während sie filmen, bewegen sie sich langsam, um das prachtvolle Interieur in schöne, ruhige Bilder zu fassen. Als ein Mann die Kamera auf seine Frau richtet, fragt er sie, welchen Hafen sie am Morgen verlassen haben. Nizza? Oder Palermo?
Der Film zieht den Zuschauer mehr und mehr hinein in eine Welt jenseits von Raum, Zeit und Wirklichkeit. Dann ertönt auf einmal ein unschönes metallenes Geräusch, das Schiff ruckelt, Gläser fliegen zu Boden. Doch die Passagiere scheinen zunächst kaum besorgt zu sein. Was soll schon passieren in diesem schwimmenden Palast in dieser riesigen Badewanne, die sich Mittelmeer nennt?
Unruhe kommt durch die Mitglieder der Crew in den Film, die immer nervöser durch die Gegend eilen. Dann geraten die Einstellungen zunehmend aus der Balance, so wie das Schiff und die Menschen. Als es schließlich Probleme mit den Rettungsbooten gibt, sind die Aufnahmen völlig verwackelt. Die Bewegungen der Kamera und der Rhythmus der Bilder erzählen die ganze Geschichte.
"Wenn ich mir Handyvideos von Demonstrationen gegen Assad ansehe, merke ich an den Bewegungen der Kamera, dass die Person, die sie gedreht hat, währenddessen ,Freiheit! Freiheit!' gerufen hat", erzählt Muhammad. "Man entwickelt dafür einen Blick."
Monatelang saß der Regisseur im Pariser Exil und sah sich im Internet die Bilder aus seiner Heimat an. "Es waren Tausende", sagt er. "Ich kam gar nicht mehr vom Computer weg, Tag und Nacht saß ich davor, und wenn ich mal kurz einschlief, fing ich sofort an, diese Bilder im Traum zu schneiden. Ich war verzweifelt, fühlte mich wie ein Feigling. Wie konnte ich in Paris sitzen und nichts tun, während die Menschen in meiner Heimat ihr Leben riskierten, um diese Aufnahmen zu machen?"
Anfangs waren es Bilder von Demonstrationen, "kraftvolle", "großartige" Bilder von Menschen, "die die Freiheit anfassen wollen". Dann kamen die ersten Aufnahmen von Straßenschlachten und Schießereien, schließlich von toten Kindern und Folterungen. Eines Tages erhielt er eine Facebook-Anfrage von einer jungen Lehrerin aus Homs, Wiam Simav Bedirxan. Sie wollte die Kämpfe in der Stadt filmen und suchte seinen Rat.
"Das war ein Zeichen", sagt Muhammad. "Ich fing an, all die Bilder, die ich gesehen hatte, zu ordnen und zu montieren, während Simav in Homs weitere Aufnahmen drehte. Ich wusste nie, ob sie am nächsten Tag noch leben würde." Einmal wurde sie angeschossen - und filmte ihre eigene Operation. "Simav schlief mit der Hand an der Kamera. Es ist wohl so ähnlich, als würdest du im offenen Meer treiben und dich an ein Stück Treibgut klammern."
Was die Aufnahmen von Simav Bedirxan so außergewöhnlich macht, ist die Furchtlosigkeit, die sie ausstrahlen. Menschen, die unmittelbar betroffen sind, für die es um das eigene Land und das eigene Leben geht, drehen andere Bilder als Profis. Gezwungenermaßen oder aus freien Stücken gehen sie viel weiter.
"Manchmal sind diese Bilder die einzigen, die es von bestimmten Ereignissen gibt", sagt der Hamburger Dokumentarist und Produzent Stephan Lamby. Die Gegend um Fukushima wurde nach den Explosionen in den Reaktorblöcken des Atomkraftwerks weiträumig abgeriegelt. Kein Fernsehteam kam mehr hinein. Doch Lamby fragte sich damals: Wie geht es eigentlich den Menschen in der verseuchten Zone?
Er suchte im Internet nach Bildern, die sie ins Netz gestellt hatten, und führte über Skype Interviews mit ihnen. "Der Vorteil von Skype liegt darin, dass die Gesprächssituation intimer ist als bei einem Interview, das herkömmlich gefilmt wird. Die Menschen schauen einen direkt an, sie sind konzentriert, weil es kein Aufnahmeteam gibt, das sie ablenkt oder nervös macht. Daher geben sie oft mehr von sich preis."
Nach dem Film "My Tsunami", der bereits zwei Monate nach dem Erdbeben im Fernsehen ausgestrahlt wurde, entwickelte Lamby das Genre des Videotagebuchs weiter. In diesem Jahr kompilierte er mit seinem Team Filme über die Unruhen auf dem Maidan in Kiew und über die türkische Protestbewegung, "My Revolution" und "My Life under Erdogan - Video Diary from Istanbul". Die Filme sind auf der Website von Lambys Firma ECO Media TV zu sehen.
Über jedes einzelne Video schloss Lamby einen Vertrag ab, auch wenn es in seinem Film nur für ein paar Sekunden zu sehen ist. "Aufnahmen, die man nicht selbst gemacht hat, stellen andere Anforderungen", sagt er. "Man muss wissen, aus welcher Quelle sie stammen und ob sie echt sind. Man muss sich auch immer fragen, mit welchen Absichten sie gedreht und uns zur Verfügung gestellt wurden."
Muhammad stieß bei seinem Syrien-Film auf Bilder, die ein Folterer von einem seiner Opfer gemacht hatte. "Ich konnte seine Gier spüren", sagt er. "Es reichte ihm nicht, zu foltern, er musste es auch noch filmen. Auch das reichte ihm nicht, also stellte er die Bilder ins Netz. Ich fragte mich: Befriedige ich seine Gier, wenn ich die Aufnahmen im Film verwende?"
Bei dem Material, das im Internet kursiert, gebe es viele moralische und juristische Fragen, sagt Thomas Schadt. "Darf man die Bilder auch dann verwenden, wenn man nicht ermitteln konnte, wer sie gedreht hat? Und was ist mit den Rechten der Menschen, die auf ihnen zu sehen sind? Diese Art von Film verlangt vom Regisseur ein hohes Maß an Verantwortung."
Einerseits demokratisieren die neuen Dokumentarfilme das Genre, weil prinzipiell jeder Mensch, der eine Kamera bei sich hat, an ihnen mitwirken kann. Andererseits liegt die Autorschaft nach wie vor beim Regisseur, der das Material sichtet, auswählt und zusammenstellt. "Die Filme über den Tsunami und den Maidan sind unsere Filme, sie stellen unsere Interpretation der Ereignisse dar", sagt Lamby.
Die vielen Perspektiven, aus denen die Ereignisse in den neuen Dokumentarfilmen gezeigt werden, führen nie direkt zur Wahrheit. In "My Revolution", dem Film über die Kiewer Proteste, ist zu erkennen, wie Scharfschützen auf Zivilisten schießen. Niemand, der diese Bilder sieht, wird danach noch bestreiten, dass dies passiert ist. Aber er weiß noch lange nicht, was diese Bilder bedeuten, wer diese Schützen sind und wer sie geschickt hat.
"Videotagebücher werden den klassischen, gut recherchierten Dokumentarfilm niemals ersetzen, sondern immer nur ergänzen können", sagt Regisseur Lamby. "Sie können nur einen Teil der Wahrheit erfassen. Aber sie erkunden bestimmte Lebensbereiche, die uns sonst verschlossen bleiben würden, und sie können eine Intensität erreichen, die auf andere Art nicht zu erzielen ist."
Zurzeit arbeitet Lamby an einem Film über Menschen, die Krebs haben und den Verlauf ihrer Krankheit filmen. "Es ist für sie ein großer Trost, und es hilft ihnen, wenn sie wissen, dass andere Menschen an ihrem Kampf teilhaben."
Die Kamera sei das Fenster zum Leben, glaubt Muhammad. "Manchmal auch zum Tod. Unsere Aufgabe als Filmemacher ist es, das Leben auch dann zu feiern, wenn wir den Tod filmen."
Von Lars-Olav Beier

DER SPIEGEL 25/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 25/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Digitale Welt (I):
Das Fenster zum Leben

  • Skydiving: Tanz im freien Fall
  • Ex-Mitarbeiterin des Nationalen Sicherheitsrates der USA: "Das ist die traurige Wahrheit"
  • SpaceX: Video zeigt Explosion von "Starship"-Raumtransporter
  • Hongkong vor der Wahl: "Die Lage kann sich sofort wieder zuspitzen"