16.06.2014

SPIEGEL-Gespräch„Die wahre Tragödie meines Lebens“

Stefan Ponto, Sohn des 1977 von der RAF ermordeten Chefs der Dresdner Bank Jürgen Ponto, spricht erstmals über seinen Vater, über die Täter und darüber, was der Mord aus seiner Familie gemacht hat.
Als am 30. Juli 1977 Jürgen Ponto, Vorstandssprecher der Dresdner Bank, von einem Kommando der Roten Armee Fraktion (RAF) in seinem Haus bei Frankfurt am Main ermordet wurde, war sein Sohn Stefan Ponto 26 Jahre alt und hatte gerade ein Geologiestudium in den USA begonnen. Wie bei vielen Angehörigen von RAF-Opfern prägen der Mord an seinem Vater und die Folgen bis heute sein Leben. Anders aber als etwa Michael Buback oder Hanns-Eberhard Schleyer, ebenfalls Söhne von RAF-Opfern, hat sich Ponto nie öffentlich zu der Tat geäußert. Er hat sein Leben weitgehend in einer Vorstadt von New York verbracht, wo er Banker war wie sein Vater, einige Zeit sogar bei der Dresdner Bank.
Aus den am Ende fruchtlosen Debatten um Täter und Opfer der RAF hat Stefan Ponto sich herausgehalten - anders als seine jüngere Schwester Corinna, die 2011 zusammen mit Julia Albrecht, der Schwester der Ex-Terroristin Susanne Albrecht, eine Art Versöhnungsbuch veröffentlicht hat. Die Familien Ponto und Albrecht waren bis 1977 eng befreundet gewesen.
Susanne Albrecht hatte sich für den 30. Juli 1977 bei den Pontos zu einem Besuch angemeldet und erschien in Begleitung ihrer Komplizen Christian Klar und Brigitte Mohnhaupt. Geplant war offenbar eine Entführung, doch noch in seinem Haus schossen Mohnhaupt und Klar auf Jürgen Ponto.
Im vergangenen Jahr erschien im Verlag C. H. Beck eine Biografie Jürgen Pontos, die das Bild eines musischen, umsichtigen Bankers zeichnet, der eine imposante Karriere hingelegt und der Dresdner Bank zu einem modernen Image und internationalem Ansehen verholfen hatte.
In den Jahrzehnten nach Pontos Tod begann für die Bank der Niedergang: Die Transformation zur globalen Investmentbank scheiterte, bis das Geldhaus 2009 von der Commerzbank geschluckt wurde, was zwei Jahre später letztlich auch zur Entlassung von Stefan Ponto führte.
Stefan Ponto meldete sich aus den USA beim SPIEGEL. Er wolle nach all den Jahren sein Schweigen brechen, er habe einiges zu erklären. Als Treffpunkt schlug er das Hotel Waldorf Astoria in New York vor, er esse dort gern zu Mittag. Stefan Ponto, 62 Jahre alt, hat eine auffallende äußerliche Ähnlichkeit mit seinem Vater.
SPIEGEL: Herr Ponto, Sie sind bisher öffentlich nie aufgetreten. Warum haben Sie sich jetzt an den SPIEGEL gewandt?
Ponto: Vor allem wegen der Biografie über meinen Vater, die im vergangenen Jahr erschienen ist.
SPIEGEL: Was stimmt an ihr nicht?
Ponto: Sie ist unvollständig. Einer der beiden Autoren hat mich zwar lange interviewt, trotzdem finden sich in dem Buch kaum wirklich relevante Aussagen von mir. Als wäre ich im Leben meines Vaters gar nicht vorgekommen. Die Gefühle meiner Schwester Corinna hingegen finden, was zum Beispiel den 30. Juli 1977 betrifft, Berücksichtigung. Diese Biografie zeichnet ein einseitiges Bild unserer Familie.
SPIEGEL: Warum sollte das geschehen sein?
Ponto: Ich vermute, weil ich 2011 das Buch "Patentöchter" meiner Schwester Corinna kritisiert hatte, das Sie ja damals auch im SPIEGEL besprochen haben. Es ist ein unerträgliches Buch, das meine Schwester zusammen mit der Schwester der Terroristin Susanne Albrecht geschrieben hat, jener Susanne Albrecht, die an dem Mord an meinem Vater beteiligt war.
SPIEGEL: Nach dem Anschlag hatte Ihre Familie über Jahrzehnte nicht mehr mit den Albrechts gesprochen. Das Buch war ein Versuch der Aufarbeitung. Können Sie das nicht verstehen?
Ponto: Nein. Was hätte mein Vater davon gehalten? Dass seine Tochter mit der Schwester seiner Attentäterin ein Buch schreibt, in dem diese Tat verharmlost wird? Corinna hat mir das Buch nie vorher gezeigt. Ich wusste nicht einmal, dass sie es schreibt. Ich habe von diesem Buch erst wenige Monate vor dessen Veröffentlichung im März 2011 erfahren.
SPIEGEL: Und weil Sie das Buch kritisiert haben, kommen Sie jetzt in der Biografie Ihres Vaters nicht richtig vor?
Ponto: Meine Schwester war enorm gegen mich aufgebracht. Gleichzeitig hat sie sich im selben Jahr hinter meinem Rücken als Nachfolgerin meiner Mutter zur stellvertretenden Vorsitzenden des Kuratoriums der Jürgen-Ponto-Stiftung wählen lassen. Daraufhin sollte ich auch in das Kuratorium aufgenommen werden. Es war mehrmals kurz davor, aber jedes Mal hat meine Schwester meine Aufnahme verhindert.
SPIEGEL: Ihre Schwester sagt, Sie hätten sich mit unprofessionellen Äußerungen selbst disqualifiziert und Gesprächsangebote für ein gutes Klima abgelehnt.
Ponto: Das ist falsch. Ich habe mich nur beschwert, dass meine Behandlung durch Einzelne im Kuratorium sicher nicht im Sinne meines Vaters gewesen ist. Außerdem habe ich Briefe und E-Mails, die eindeutig beweisen, dass meine Schwester Bedingungen gestellt hat für meine Aufnahme in das Kuratorium. Ich hätte Vorwürfe gemacht, die ich erst zurücknehmen sollte.
SPIEGEL: Ihre Familie hat mit der Ermordung Ihres Vaters 1977 einen furchtbaren Schlag erlitten. Jetzt sitzen wir hier seit zehn Minuten, und Sie sagen, dass nicht nur die Terroristen, sondern auch Ihre Mutter und Ihre Schwester Ihnen den Vater genommen haben?
Ponto: Ja. Das ist die wahre Tragödie meines Lebens. Meine Mutter und meine Schwester haben mich in den letzten 20 Jahren behandelt, als hätte ich mit Jürgen Ponto nichts zu tun. Sie haben in meinem Leben einen größeren Schaden angerichtet als die Terroristen. Was Susanne Albrecht getan hat, habe ich nie persönlich genommen. Sie ist einer Ideologie gefolgt wie all die Terroristen. Während das, was meine Mutter und meine Schwester getan haben, reine Egozentrik war.
SPIEGEL: Gehen wir einmal zurück zum Tag des Attentats, dem 30. Juli 1977. An was erinnern Sie sich?
Ponto: Ich war bereits in den USA zu dieser Zeit. Ich hatte ein paar Wochen vorher in Denver mit meinem Studium der Geologie begonnen. Ein paar Monate zuvor hatte ich meinen Vater noch in Princeton gesehen. Er hat dort einen Vortrag gehalten. Da war die Bedrohungslage schon akut. Es hatte die Entführung von Peter Lorenz gegeben, den Anschlag auf die Botschaft in Stockholm. Das alles hatte mein Vater schon vor Augen. Dann, im April, wurde Siegfried Buback erschossen. Aber ich wusste von alldem nichts. In den Zeitungen in Denver tauchten diese Anschläge nicht auf, jedenfalls habe ich nichts davon gelesen, und mein Vater hat mit mir nie über die RAF gesprochen. Er wollte mich nicht belasten. Ich muss Ihnen ehrlich sagen, das erste Mal, dass ich von der RAF gehört habe, war am Tag, als sie meinen Vater umbrachte.
SPIEGEL: Wie haben Sie von dem Anschlag erfahren?
Ponto: Ein Schulfreund meines Vaters, der Arzt in San Francisco war, rief mich an.
SPIEGEL: Nicht Ihre Mutter?
Ponto: Nein. Meine Mutter stand unter Beruhigungsmitteln. Am nächsten Tag flog ich von San Francisco über London nach Frankfurt. Der große Schock kam erst in London. Als die Stewardessen in der Lufthansa-Maschine nach Frankfurt die Zeitungen verteilten. In jeder Zeitung war das Bild meines Vaters. Meine Mutter und meine Schwester haben mich dann abgeholt. Und von da an nahm die zweite Tragödie meines Lebens ihren Lauf.
SPIEGEL: Das Zerwürfnis begann unmittelbar nach dem Attentat?
Ponto: Mit meiner Mutter ging es zunächst noch. Aber ich hatte nie eine enge Beziehung zu meiner Schwester, auch zu der Zeit nicht. Wenn plötzlich der Vater stirbt, würde man meinen, dass das die Beziehung verstärkt. Es gibt bei uns Pontos die männliche rationale Linie, das sind mein Vater und ich, und den weiblichen künstlerischen Strang, meine Mutter und meine Schwester. Künstler, habe ich schon immer festgestellt, denken anders. Wir hatten ja sehr enge Beziehungen zu diesen beiden Pianisten, Justus Frantz und Christoph Eschenbach. Immer wenn die bei uns zu Besuch waren, dachte ich, das sind komplett andere Welten.
SPIEGEL: Trotzdem konnte Ihre Familie diese beiden Welten vereinen?
Ponto: Es gab viel Krach in der Ehe. Für meinen Vater waren die Streitereien schwierig, weil er ein logisch denkender Mensch war. Meine Mutter war unreif in ihren Gedankenzügen. Eher romantisch.
SPIEGEL: Das öffentliche Bild Ihrer Eltern ist ein anderes. Diese schöngeistige Frau an der Seite des Bankers, die die großen Pianisten kennt und zu Matineen einlädt.
Ponto: No. No. No.
SPIEGEL: Sondern?
Ponto: Es ist ein verzerrtes Bild in der Öffentlichkeit erschaffen worden. Warum gibt es denn so viele Probleme in der Familie? Weil alles unter den Teppich gekehrt wurde.
SPIEGEL: Trotz der Spannungen sind Sie, Ihre Mutter und Ihre Schwester nach dem Attentat zusammen in die USA gezogen.
Ponto: Richtig. Ich war ja eh schon dort. Meine Mutter und Corinna sind zunächst in eine Wohnung in New York gezogen, die von einem Freund meiner Mutter beschafft wurde. Keine 48 Stunden nach der Trauerfeier für meinen Vater tauchte dieser Freund auf und nahm alles in die Hand. Corinna ist bald zurück nach Deutschland gegangen. Aber meine Mutter ist über 20 Jahre lang in New York geblieben. Bis zu meiner Hochzeit 1983 haben wir zusammen in einem Haus auf Long Island gelebt.
SPIEGEL: Wie kam es zu den Beschädigungen im Verhältnis zu Ihrer Mutter?
Ponto: Sie bekam Probleme mit meiner Frau. Aber meine Mutter hatte eigentlich mit fast jedem in ihrer engeren Familie Probleme. Sie hat begonnen, mich bei allen Dingen, die meinen Vater betrafen, auszugrenzen.
SPIEGEL: Wobei zum Beispiel?
Ponto: Dass meine Mutter gegen den Film "Der Baader Meinhof Komplex", der die Ermordung meines Vaters bei uns im Haus zeigt, gerichtlich vorgehen wollte - das habe ich auf dem Weg zur Arbeit im SPIEGEL gelesen. Ich habe meine Mutter sofort angerufen und ihr abgeraten, die Sache weiterzuverfolgen. Aber sie sagte: Nein, das siehst du komplett falsch, Stefan. Das ist gut für Deutschland. So hat sie es ausgedrückt. Ich habe gesagt, das werdet ihr nicht gewinnen.
SPIEGEL: In dem Verfahren ging es darum, dass Ihre Mutter in der Mordszene offenbar an einem falschen Ort gezeigt wurde.
Ponto: Ach, ja. Ich fand den Film in Ordnung. Was meine Mutter und meine Schwester in ihrer Egozentrik nicht begriffen haben, war, dass es ein Film über die RAF war, nicht über meinen Vater. Und selbst wenn die Darstellung der Mordszene nicht korrekt war, kam die Kaltblütigkeit und die Brutalität dieses hinterhältigen Anschlags klar zum Ausdruck. Das ist alles, was für mich zählt. Falsch war lediglich die Tatsache, dass meine Mutter während der Schüsse auf der Terrasse gezeigt wurde. Dabei war sie im Haus. Aber muss man deswegen einen solchen Zirkus machen? Die Klage wurde dann abgewiesen.
SPIEGEL: Strittig war auch, ob Ihr Vater erschossen wurde, weil er sich gewehrt hat.
Ponto: Ich habe mit meiner Mutter darüber im Detail nie gesprochen. Ich wollte das nie so genau wissen. Aber ich kann mir gut vorstellen, dass mein Vater sich gewehrt hat. Er war der Typ dafür. Den Klar hätte er mit Sicherheit überwältigt. Aber dann kam die Mohnhaupt und hat geschossen. Nein, mein Vater hätte sich nicht entführen lassen.
SPIEGEL: Das Buch, das Ihre Schwester Corinna mit Julia Albrecht geschrieben hat, beschäftigt sich auch mit der Frage, ob Verzeihen und Vergebung angesichts einer so monströsen Tat möglich ist. Haben Sie sich mit dieser Frage nie befasst?
Ponto: Als Corinna schon an dem Buch arbeitete und ich noch nichts davon wusste, stellte sie mir plötzlich die Frage, ob ich mir vorstellen könne, den Terroristen zu vergeben. Ich habe gesagt: Nein, kann ich nicht. Da brach das Gespräch sofort ab. Eigentlich hätte sie sagen müssen: Ich schreibe übrigens gerade an einem Buch, ja, ich habe den Terroristen vergeben. Das war 2010, das letzte Mal, dass ich meine Schwester gesehen habe.
SPIEGEL: Es gab den Vorwurf, die Albrechts hätten wissen müssen, dass ihre Tochter in militante Kreise verstrickt war. Sie hätten Ihre Eltern warnen müssen.
Ponto: Das Problem mit der Familie Albrecht war, dass das Verratsmoment so gewaltig war. Auch wenn ich den Albrechts keine konkreten Vorwürfe mache - durch diesen Verrat wurde es unmöglich, weiterhin eine Beziehung zu haben. Dann aber lässt sich meine Mutter von meiner Schwester überreden, dieses Buch zu unterstützen. Viele Jahre haben meine Mutter und meine Schwester Freunden von uns, die noch mit den Albrechts verkehrten, Vorwürfe gemacht. Und auf einmal konnte man ein Buch mit jemandem aus der Albrecht-Familie schreiben.
SPIEGEL: Aber ist es nicht richtig, nach all den Jahren zu versuchen, über das zu reden, was die Schicksale Ihrer Familien für immer aneinandergekettet hat?
Ponto: Ich kann die Anfangssentimentalität verstehen. Dass man sich mal trifft. Wenn mich Matthias Albrecht, der Bruder, gefragt hätte - ich hätte mich auch mit ihm getroffen. Aber ein gemeinsames Buch?
SPIEGEL: Die Tragödie der beiden Familien hat sich in der Öffentlichkeit abgespielt. Möglicherweise musste sie auch öffentlich aufgearbeitet werden.
Ponto: Meine Mutter und meine Schwester wollen die Deutungshoheit über meinen Vater.
SPIEGEL: Das ist kein Argument gegen das Buch.
Ponto: Wenn ich lesen muss, wie glücklich Julia Albrecht war, als ihre Schwester Susanne nach der Wende in Ostberlin wieder aufgetaucht ist, wie sie jubiliert, während ich nie wieder werde jubilieren können, weil ich meinen Vater nie wiedersehen werde: Das hat mich verletzt.
SPIEGEL: Erinnern Sie sich noch an Susanne Albrecht?
Ponto: Schwach. Wir waren ab und zu mal bei den Albrechts eingeladen. Da war auch Susanne. Sie war ja im selben Jahr geboren wie ich, im März 1951. Wir hatten eine Jagdhütte in der Nähe von Schmilau bei Mölln. Da kamen die Albrechts zu Silvester auch einmal mit Susanne vorbei. Das war 1966.
SPIEGEL: Als Susanne Albrecht mit Klar und Mohnhaupt bei Ihren Eltern ankam, war sie vorher schon einige Zeit in der militanten Szene gewesen.
Ponto: Ja, sie tauchte plötzlich wieder auf. Hans-Christian Albrecht war, glaube ich, froh, dass seine Tochter uns nun besuchen wollte. Weil sie, so hoffte er wohl, zurückfinden wollte ins alte Umfeld, zurück in die Gesellschaft. Deswegen würde ich der Familie nie Vorwürfe machen.
SPIEGEL: Wieso haben Sie sich nie geäußert?
Ponto: Es hat vielleicht mit meinem Charakter zu tun. Ich bin etwas lethargischer. In den Jahren danach war ich wie gelähmt. Außerdem lebte ich nicht wie die Söhne Schleyer und Buback in Deutschland. Ich hatte in den USA ein neues Leben begonnen, eine Familie aufgebaut.
SPIEGEL: Bei dem Prozess gegen Verena Becker konnte man noch vorletztes Jahr einen verbitterten Michael Buback als Nebenkläger erleben. Am Ende schien er zerbrochen daran, dass er bis heute nicht weiß, wer von den Terroristen seinen Vater erschossen hat. Warum wirken die RAF-Morde bis heute in den Opferfamilien so stark nach?
Ponto: Weil die Debatte falsch geführt wurde. Sie war stark von der Täterperspektive geleitet. Die wollte man verstehen oder den Tätern gar vergeben. Was weiß man nicht alles über Andreas Baader? Und wie wenig weiß man über Jürgen Ponto? Dass so viele RAF-Taten bis heute nicht aufgeklärt sind, muss auf die Opferfamilien verstörend wirken. Aber ich glaube, weder die Familie Schleyer noch die Familie Buback hat sich nach dem Anschlag derart auseinandergelebt wie wir Pontos.
SPIEGEL: Hanns Martin Schleyer wurde ein paar Wochen nach dem Mord an Ihrem Vater von der RAF entführt und ebenfalls ermordet. Wie haben Sie das erlebt?
Ponto: Daran erinnere ich mich gut. Über die Schleyer-Entführung wurde tatsächlich auch hier im Fernsehen berichtet. Ich war mit meiner Mutter und meiner Schwester in New York. Bei der Entführung wurden Schleyers vier Begleiter erschossen, und ich weiß noch, wie meine Mutter sagte: "O Gott, ist das gut, dass wir jetzt hier sind." Wir glaubten wirklich, das ist jetzt Krieg. Besonders nach der Entführung der Lufthansa-Maschine "Landshut".
SPIEGEL: Die Kriegsmetapher wird im Zusammenhang mit den Taten der RAF häufig bemüht. Viele Opfer der Terroristen hatten noch im Zweiten Weltkrieg gekämpft, und auch der Krisenstab um Helmut Schmidt bestand zu großen Teilen aus ehemaligen Soldaten.
Ponto: Der Zweite Weltkrieg und die RAF waren tatsächlich die beiden Eckpfeiler im Leben meines Vaters. Über beides hat er nie geredet. Als 19-Jähriger wurde er als Soldat im Zweiten Weltkrieg an der Ostfront durch einen Kopfschuss schwer verwundet. Aber er hat überlebt. 34 Jahre später wird ihm wieder in den Kopf geschossen. Diesmal tödlich. Die Sowjets haben ihn als 19-Jährigen nicht erledigen können. Die Deutschen schafften es, als er 53 war. Er hat ein Gedicht über den Krieg geschrieben. Es endet so: "Wer nicht dabei war, wird es nie ermessen, / Wer es erlebt hat, nie wird er es vergessen."
SPIEGEL: War es nicht merkwürdig, in den Neunzigerjahren in Frankfurt als Sohn dieser mythischen Figur in mittlerer Position bei der Dresdner Bank zu arbeiten?
Ponto: Wäre es fünf Jahre nach dem Tod meines Vaters gewesen, hätte ich es mit Sicherheit nicht gekonnt. Es war nie mein Plan, bei der Dresdner Bank zu arbeiten. Ich hatte ja bei der Chase Manhattan angefangen. Aber ich bekam dann gesundheitliche Probleme, die wiederum auf den Problemen mit meiner Mutter basierten. Ich wog nur noch 58 Kilo und musste vier Monate Auszeit nehmen. Deswegen musste ich bei der Chase Manhattan nach zwölf Jahren raus. Danach wollte ich bei anderen Banken wieder anfangen, aber es hat bei keiner geklappt. Da blieb nur noch die Dresdner Bank, und so kam ich nach Deutschland. In den Jahren bei der Dresdner Bank in Frankfurt wurde ich häufig auf meinen Vater angesprochen. Viele Leute fühlten sich durch mich an meinen Vater erinnert.
SPIEGEL: Das scheint Sie stolz zu machen.
Ponto: Sehr. Deswegen ist es für mich so schmerzhaft, dass die Commerzbank, die im Jahr 2009 die Dresdner Bank geschluckt hat, den Sohn der prägenden Figur der Dresdner Bank ersetzt hat.
SPIEGEL: Sie wurden entlassen.
Ponto: Nach der Übernahme habe ich noch zwei Jahre für die Commerzbank in New York gearbeitet. Dann wurde ich von denen entlassen. Das ist die unglaubliche Ironie der Geschichte. Das war für mich der Nagel in den Sarg.
SPIEGEL: Herr Ponto, haben Sie Ihre Mutter und Ihre Schwester informiert, dass Sie dieses Interview geben?
Ponto: Nein.
SPIEGEL: Sollten Sie das nicht tun?
Ponto: Nein. Ich sehe unser Verhältnis als nicht reparabel an. Was tragisch ist. Ich bin froh, dass mein Vater all das, was nach seiner Ermordung geschah, nicht mitbekommen hat. Nichts von dem wäre in seinem Interesse gewesen: das Buch meiner Schwester nicht, die Stiftungsgeschichte nicht, die einseitige Biografie nicht.
SPIEGEL: Sie könnten sich irren.
Ponto: Glauben Sie mir: Ich habe seine Gene.
SPIEGEL: Herr Ponto, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
"Meine Familie hat in meinem Leben einen größeren Schaden angerichtet als die Terroristen der RAF."
"Meine Mutter sagte: Nein, das siehst du komplett falsch, Stefan. Das ist gut für Deutschland."
"Der Zweite Weltkrieg und die RAF waren die Eckpfeiler im Leben meines Vaters. Über beides hat er nie geredet."
Das Gespräch führte der Redakteur Philipp Oehmke in New York. * Stefan Ponto mit Mutter Ignes und Schwester Corinna.
* Fahndungsfoto von 1977, mit Silke Maier-Witt.
Von Philipp Oehmke

DER SPIEGEL 25/2014
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