16.06.2014

LiteraturkritikTreibgut der Leidenschaft

Die US-Schriftstellerin Elizabeth Ellen erzählt aus der Mitte eines Abstiegslandes.
Die Geschichten von Elizabeth Ellen sind Beschwörungen. Sie umkreisen wieder und wieder das eine Thema, die Zumutung, die Kränkung, die die eigene Kindheit ist. Sie suchen, nicht verzweifelt, eher störrisch, einen Ausweg, mit jedem Satz.
Als ob es auch mal anders laufen könnte. Als ob die Mutter nicht immer saufen und mit jedem Mann schlafen muss, der ihr gefällt. Als ob der eigene Vater nicht immer wieder verschwinden muss. Als ob sich Liebe nicht immer wie Lüge buchstabiert oder wie Leiden oder Lust.
Im Grunde wiederholt die Schriftstellerin Elizabeth Ellen dauernd die gleiche Geschichte, und es ist, mehr oder weniger, ihre eigene. Sie erzählt von Bars und Bourbon und Wasserbetten, die gegen dünne Wände schaukeln, weil die Mutter mal wieder Sex hat, mit Mike oder Sam oder wie der Typ auch gerade heißt.
Sie erzählt von heißen Tränen, die der Tochter über das Gesicht laufen, während sie ihre Mutter hört, wie sie im Nebenzimmer stöhnt und schreit, und die Hand des Mädchens wandert zwischen seine Beine, weil es verstehen will, was das ist, was die Menschen, so scheint es, antreibt, sie fortreißt, als Treibgut der Leidenschaft.
Sie erzählt davon, wie sich die Leere ins Herz einnistet und was für Zerstörung sie anrichtet, und sie benutzt dafür die klare, direkte Sprache einer Frau, die dort war, wo die Leere entsteht, die am Boden lag und in ihrem eigenen Erbrochenen aufgewacht ist und die weiß, dass Scham etwas ist, das sich nur Besserverdienende leisten können.
Es sind all das keine unbekannten Geschichten, die sie in ihrem Story-Band "Die letzte Amerikanerin" versammelt hat, und es sind auch keine unbekannten Charaktere, die sie schildert, die White-Trash-Queen, der tätowierte Loser, das dicke Highschool-Girl - die ganze Trailerpark-Tragödie eben, die sich immer aufs Neue ereignet, weil die amerikanische Kultur selbst zur Beschwörung neigt, weil dort fast besessen am Mythos des Untergangs gearbeitet wird, der der eigentliche Energiekern des Aufstiegslandes USA ist: Manchmal findet Amerika erst in der Niederlage zu sich.
Deshalb sind diese Bilder auch so stark und so präsent, sie sind Teil eines kollektiven Gedächtnisses geworden, die Tramps von John Steinbeck und Charlie Chaplin, die Wütenden von Jack Kerouac und Marlon Brando, die Erledigten, wie sie durchs amerikanische Kino taumeln in Gestalt von Juliette Lewis oder Laura Dern oder eben durch die amerikanische Prosa, George Saunders, Denis Johnson oder Dave Eggers oder eben Elizabeth Ellen.
Viele der Fragen, die sich hierzulande an deutsche Literatur stellen, in leicht onanistischen Feuilletondebatten, nämlich warum sich so vieles so flau liest, würden sich erübrigen, wenn man zum Beispiel so in eine Geschichte einsteigt: "Er ist weiß, aber er bewegt sich wie ein Schwarzer aus einer Fernsehserie."
Oder so: "Pizza Hut sieht hier genauso aus wie in Ohio - rot karierte Tischdecken, Sitzecken mit Kunststoffbezügen, eine Jukebox - und für einen Moment stelle ich mir vor, wir wären nur ein paar Autominuten von zu Hause entfernt."
Oder so: "Ich wartete auf den Frühling, dann belud ich den Pick-up und fuhr mit dem Hund gen Westen."
Da ist eine Weite, die aus dem epischen Gespür gerade auch für den Alltag entsteht. Da ist eine Genauigkeit, die mit der Dringlichkeit, der Notwendigkeit des Schreibens zu tun hat. Da ist eine Sparsamkeit der Sprache, die das Feuer entfacht, das diese Gesellschaft durchzieht.
Denn die Geschichten von Elizabeth Ellen sind eben nicht, wie es vielleicht vor ein paar Jahren noch wirken konnte, Berichte vom Rand - sie kommen heute direkt aus der Mitte des Landes, sie erzählen im privatesten Schlamassel doch immer vom Scheitern einer Gleichheitsvision angesichts der ökonomischen Zwänge in der Mittelschicht.
Und so wird das Fehlen von Stimmen wie Elizabeth Ellen in Deutschland auch zu einem weiter gefassten Problem: Wenn hier tatsächlich vor allem Bürgerkinder für ihr Bürgerpublikum über ihre Bürgerprobleme schreiben, bleibt die narkotisierende Wirkung nicht aus. Literatur, die sich so als Hobby der besseren Stände definiert, hat nicht nur eine sehr prekäre Daseinsberechtigung, sie bringt sich auch selbst ins gesellschaftliche Abseits.
Aber man kann das nicht herbeidebattieren, man kann es nicht herbeistipendien, man kann es nicht herbeibüchnerpreisen - die Geschichten von Elizabeth Ellen, die mit jedem Wort den Verlust beglaubigt, von dem sie erzählt, zeigen, wie grundsätzlich anders amerikanische Literatur funktioniert, immer noch, auch nach jahrelangem nutzlosem deutschen Realismuspalaver.
"Ich war erfüllt von Wut und von Schmerz", schreibt Elizabeth Ellen in der titelgebenden Geschichte "Die letzte Amerikanerin", "und weder das eine noch das andere war ich gewillt loszulassen. In vielerlei Hinsicht waren es die beiden einzigen Dinge, die mir von ihm geblieben waren. Ich grub und der Hund grub an meiner Seite. Ich grub, bis meine Finger blutig und taub waren, dann brach ich über dem Haufen aus Dreck und Erde zusammen."
Man mag das pathetisch finden. Aber die Macht der Beschwörung ist ja gerade der Glaube daran, dass das Pathos wirkt.
Aus dem amerikanischen Englisch von Christoph Jehlicka. Schwarzkopf & Schwarzkopf Verlag, Berlin; 240 Seiten; 14,95 Euro.
Von Georg Diez

DER SPIEGEL 25/2014
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