16.06.2014

SchicksaleRätselhafte Lady

20 Jahre verbrachte eine der reichsten Frauen Amerikas im Krankenhaus - ohne Beschwerden. Was steckt hinter der bizarren Leidensgeschichte der Huguette Clark?
Als die Patientin ins Krankenhaus eingeliefert wurde, fehlte ihr bereits ein beträchtlicher Teil der Unterlippe. Ein Hautkrebs wucherte in ihrem Gesicht; an einigen Stellen hatten aggressive Basaliome den Blick auf den Schädelknochen freigelegt.
Das Verhalten der Kranken war bis dahin einer Genesung wenig dienlich gewesen: Sie hatte ihre Wohnung abgedunkelt und sich ein Handtuch um den Kopf gewickelt - weitere Maßnahmen unterblieben. Erst als sich eine Freundin einschaltete, wurde die Leidende schließlich in eine Klinik gebracht.
Das Krankenhauspersonal reagierte irritiert auf den Neuankömmling: Sie sahen eine über 80-jährige, stark abgemagerte Frau, bekleidet mit einem schmutzigen Bademantel. "Wie eine Obdachlose" habe sie gewirkt, notierte eine der Schwestern.
Die Ärzte und Pfleger des Doctors Hospital in Manhattan waren weitgehend ahnungslos, wen sie vor sich hatten, als Huguette Clark im März 1991 eingeliefert wurde. Tatsächlich war jene Elendsgestalt, die infolge der Verletzungen durch den Hautkrebs an ihrem Mund drauf und dran war zu verhungern, eine der reichsten Frauen Amerikas.
Die Rettungsmission in letzter Minute wurde publik - und war zugleich seit Jahrzehnten das erste Lebenszeichen der fürstlich an der New Yorker Fifth Avenue auf rund 1400 Quadratmetern residierenden Multimillionärin.
Clark hatte zum Zeitpunkt ihrer Einweisung schon seit etlichen Jahren das Haus nicht mehr verlassen. In den abgeschirmten Zimmerfluchten ihres Appartements in bester Lage führte sie ein Leben ähnlich dem des deutschen Kunstbesitzers Cornelius Gurlitt: sammelwütig und extrem öffentlichkeitsscheu.
Allerdings häufte sie nicht nur teure Gemälde an, sondern auch Schmuck und kostbare Puppen aus Frankreich; besonders erwärmte sie sich für Miniaturhäuschen aus Japan.
Eine vollends kuriose Wendung nahm das Dasein der Exzentrikerin allerdings erst mit dem Gang ins Krankenhaus: Dorthin begab sich die 84-jährige Huguette - anders als erwartet - nämlich nicht, um zu sterben, sondern um an diesem Ort ihren Lebensabend zu verbringen. Ihr Tod ließ allerdings noch lange auf sich warten.
Immerhin 20 Jahre verbrachte die Eigentümerin diverser Luxusimmobilien in einem schnöden Krankenzimmer, aus freien Stücken, ohne je ernsthaft krank gewesen zu sein - ehe sie 2011 im Alter von 104 Jahren verschied.
Gleich mehrere Autoren haben der rätselhaften Lady nun eine Biografie gewidmet; Hollywood will das Leben der prominenten Eigenbrötlerin verfilmen(*). Die bizarre Patientengeschichte der steinreichen Kunstfreundin klingt tatsächlich derart aberwitzig, dass man sie so kaum hätte erfinden können.
Ihr eigentümliches Verhalten lässt sich bis heute kaum ergründen; ihre Geschichte bleibt ein Rätsel - das gleichwohl höchst erzählenswert ist.
Eigentlich war Huguette Clark das Dasein einer großen Society-Lady vorherbestimmt; schon in ihrer frühen Jugend beobachteten die Boulevardblätter mit einer Mischung aus Abscheu und Faszination, wie ihr Vater seine kleine "Huguetty" auf dem Schoß schaukelte - der Inbegriff eines verwöhnten Töchterchens.
William Andrews Clark war mit der Ausbeutung von Kupferminen so reich geworden, dass sein Vermögen wohl zeitweilig sogar den Besitz der Rockefellers übertraf. Bei der Geburt seines jüngsten Kindes Huguette war der Tycoon bereits 67; als er 1925 starb, hinterließ er seinem Clan, gemessen an heutiger Kaufkraft, ein Vermögen von etwa 3,4 Milliarden Dollar.
Einen Gutteil dieses Reichtums erbte seine Lieblingstochter Huguette, die damals gerade mal 18 Jahre alt war. Und so galt sie nach dem Ableben ihres Daddys plötzlich als reichste Frau Amerikas.
Zunächst zeigte sich die Großerbin durchaus einem bürgerlichen Lebensideal zugeneigt. 22-jährig heiratete sie den Sohn eines väterlichen Geschäftspartners. Doch nach einem Jahr schon ging die Verbindung in die Brüche. Danach kippte das Leben der Huguette Clark allmählich in eine bedenkliche Schräglage.
Das letzte öffentliche Foto von ihr stammt aus dem Jahr 1928; die frisch Vermählte blickt - behängt mit Pelz und Perlenkette - seltsam verdrossen in die Kamera. Danach bekamen selbst ihre Verwandten sie nicht mehr zu Gesicht. Bis "Tante Huguette" in den Sechzigerjahren überraschend auf einer Beerdigung auftauchte; anschließend tauchte sie allerdings genauso geschwind wieder ab.
Zwar war Nichten und Neffen bekannt, dass die sonderbare Verwandte in Manhattan standesgemäß in einem Palast mit bester Sicht auf den Central Park wohnte - wo sie über die Jahre einen beträchtlichen Teil ihres Vermögens für Kunst, Kleider und Möbel verpulverte.
Dass sie aber aus freien Stücken in ein Hospital übergesiedelt war und dort zwei Jahrzehnte lebte, erfuhr die Familie erst nach Huguettes Tod. Clarks offenbar schon immer vorhandene Neigung zum Geldausgeben entwickelte sie in der medizinischen Einrichtung erst zur vollen Blüte.
Nachdem Huguettes Hautkrebs behandelt worden war, legten ihr die Verantwortlichen des Doctors Hospital nahe, wieder nach Hause zu gehen. Zur Verblüffung der Ärzte und Schwestern weigerte sich die Genesene aber, ihr Krankenlager zu räumen.
Weil Clark nicht krankenversichert war, musste sie ihr spartanisch eingerichtetes Patientenzimmer - ausgestattet mit Linoleumboden und Neonröhren - aus eigener Tasche bezahlen: 1200 Dollar am Tag, mehr als 400 000 Dollar im Jahr; eine Kleinigkeit für die schwerreiche Frau.
Natürlich hätte die eigentümliche Lady die Lebensphase als fragile Alte auch auf der Terrasse ihres Anwesens im kalifornischen Santa Barbara genießen können, mit Blick auf den Pazifik. Oder in "Le Beau Château", ihrer stattlichen Villa in Connecticut. Aber das erschien ihr aus unerfindlichen Gründen als wenig attraktiv.
Stattdessen verurteilte Huguette Clark sich selbst zu der Existenz einer lebenslänglich Hinfälligen, obwohl es außer einem leicht erhöhten Blutdruck keinen nennenswerten krankhaften Befund gab. Sie verweigerte während der gesamten 20 Jahre ihres Spitalaufenthalts jedweden Aufenthalt an der frischen Luft.
Vielmehr verbrachte die eingebildete Kranke ihre Tage im Bett, bekleidet mit dem für Patienten üblichen Krankenkittel. Liegend frönte sie ihrer Lieblingsbeschäftigung: stundenlang im Fernsehen "Biene Maja" und "Familie Feuerstein" gucken.
War sie einfach nur verrückt? Ihre Ärzte verneinten dies - allerdings hatten die Heiler auch ein dringendes Interesse daran, dass Huguette geschäftsfähig blieb.
Die Fürsorge für die extraordinäre Patientin erwies sich für das Krankenhauspersonal als überaus lohnend. Ein Herzspezialist etwa erwähnte während der Behandlung kurz, dass ihn der Anstrich seines Hauses 20 000 Dollar kosten würde - prompt zückte Huguette ihr Scheckbuch.
Weit besser noch zahlte sich die Kümmerei eines anderen Arztes aus, der sich zunächst eine Million Dollar von Clark geliehen hatte - und der dann eine weitere halbe Million mit dem Hinweis einforderte, er sehe sich sonst außerstande, ihre Betreuung fortzusetzen.
Derlei heikle Finanztransaktionen führten zu einem juristischen Gezänk nach dem Tod Huguettes. Ihre Nachkommen fühlten sich von den dreisten Angestellten des Krankenhauses um ihr Erbe geprellt.
In den Genuss besonderer Aufmerksamkeit der spendablen Kranken geriet eine Pflegerin der Klinik. Ihrer Familie ließ Huguette Geldgeschenke von insgesamt 31 Millionen Dollar zukommen, wie der Journalist Bill Dedman herausfand. Solche Zuwendungen ließen tatsächlich Zweifel aufkommen, ob Clark noch bei Sinnen war.
Doch bei anderer Gelegenheit bewies die Dame durchaus erstaunliche Widerstandskraft: Der Versuch der Krankenhausleitung, ihr eine monumentale Spende von 125 Millionen Dollar abzuringen, scheiterte.
Dabei war Klinikchef Robert Newman bei der Suche nach einem Emissär, der Huguettes Vertrauen gewinnen sollte, auf eine originelle Lösung gestoßen: seine Mutter. Die habe, klagte Newman in einem Schreiben an Kollegen, "eine halbe Stunde damit zugebracht, im Fernsehen ,Die Schlümpfe feiern Weihnachten' anzusehen; sie verdient eine Medaille".
In ihrem Testament billigte Huguette Clark dem Krankenhaus dennoch nur eine Million Dollar als Spende zu. Zu wenig, um ihr die Sympathie der Klinikleitung zu erhalten: Noch kurz vor ihrem Tod musste die alte Frau vom zehnten in den dritten Stock umziehen.
Aus dem Fenster schaute sie nun auf eine weiße Ziegelmauer und ein Aggregat der Lüftungsanlage. Huguette Clark reagierte gelassen auf diese Herabsetzung. Sie ließ die Jalousien herunter.
* Bill Dedman / Paul Clark Newell Jr.: "Empty Mansions. The Mysterious Life of Huguette Clark and the Spending of a Great American Fortune". Ballantine Books, New York; 512 Seiten; 17 Dollar.
Meryl Gordon: "The Phantom of Fifth Avenue. The Mysterious Life and Scandalous Death of Heiress Huguette Clark". Grand Central Publishing, New York; 400 Seiten; 14,99 Dollar.
Von Frank Thadeusz

DER SPIEGEL 25/2014
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