26.04.1999

ASIEN„Ich will bis 120 arbeiten“

Der südkoreanische Hyundai-Gründer Chung Ju Yung über seine Kontakte zu Nordkoreas Diktator Kim Jong Il und die aggressive Expansionspolitik seines Mischkonzerns
SPIEGEL: Herr Chung, im vergangenen Jahr sind Sie dreimal nach Nordkorea gereist und besuchten dabei auch den Alleinherrscher Kim Jong Il. Sie brachten ihm 1001 Kühe mit. Was sollte diese Geste?
Chung: Für Koreaner ist die Kuh ein Symbol für Aufrichtigkeit und Fleiß. Aber ich hatte auch einen persönlichen Grund: Ich mußte meiner nordkoreanischen Heimat eine alte Schuld zurückzahlen. Als ich 15 Jahre alt war, riß ich von zu Hause aus - ich stamme aus einer armen Bauernfamilie in Tongchon nahe der heutigen Grenze zwischen Nord- und Südkorea - und nahm Geld weg, das mein Vater durch den Verkauf einer Kuh verdient hatte. Mit diesem Geld begann ich, Hyundai aufzubauen. Nun habe ich diese Schuld sozusagen tausendfach beglichen und kann mich für den Rest meines Lebens auf die Wiedervereinigung unseres Landes konzentrieren.
SPIEGEL: Wann wird sich Korea denn Ihrer Meinung nach wiedervereinigen?
Chung: Ich glaube, in einigen Jahren - und zwar früher, als viele Leute erwarten. Ich bin davon überzeugt, daß ich dieses Ereignis erleben werde.
SPIEGEL: Und warum fühlen gerade Sie sich berufen, die Annäherung der beiden Staaten zu fördern?
Chung: Korea ist ein Volk, spricht dieselbe Sprache und teilt dieselbe Geschichte. Ohne stabile Verhältnisse auf der koreanischen Halbinsel und ohne friedliche Wiedervereinigung ist eine stetige Entwicklung unseres Landes nicht denkbar. 1989 besuchte ich Nordkorea als erster Unternehmer aus dem Süden. Damals vereinbarte ich bereits verschiedene Projekte, die sowohl für den Süden als auch den Norden nützlich waren. Seitdem bin ich noch stärker überzeugt, daß wir nicht in der Vergangenheit verhaftet sein dürfen. Das würde unserer geteilten Nation nur schaden.
SPIEGEL: Und der nordkoreanische Diktator ist da der richtige Partner?
Chung: Ich bin Geschäftsmann und habe Kim als sehr verläßlichen Mann kennengelernt: Er erfüllt seine Vereinbarungen mit Hyundai. Wir haben bereits die Region um den Berg Kumgang an der nordkoreanischen Ostküste für Touristen aus dem Süden geöffnet. Wir werden dieses Projekt zu einem großen internationalen Freizeit-Resort ausbauen. Allein mit diesem Projekt habe ich den Südkoreanern gezeigt, daß wir die Wiedervereinigung in der nahen Zukunft verwirklichen können. Das Kumgang-Projekt ist nur der Anfang eines verbesserten Verhältnisses über den Weg wirtschaftlicher Beziehungen.
SPIEGEL: Nordkorea wirkt nicht wie ein attraktiver Standort für Investitionen.
Chung: Der Norden scheint sich in wirtschaftlichen Schwierigkeiten zu befinden. Aber er verfügt auch über relativ hoch gebildete und intelligente Arbeitskräfte, die zu relativ niedrigen Löhnen arbeiten. Unsere Vereinbarungen werden daher beiden Seiten nutzen. So sprechen wir mit dem Norden über die gemeinsame Verschrottung von Schiffen, die Herstellung von Stereoanlagen für Autos und über Telekom-Dienste. Wir reden auch über den Bau eines großen Industriekomplexes an der Westküste für 850 Unternehmen wie Schuh- oder Spielzeughersteller. Zudem könnten wir Hyundai-Ingenieure und Spezialisten aus Nordkorea auch gemeinsam auf Hyundai-Baustellen in Drittländern wie Turkmenistan oder Libyen einsetzen.
SPIEGEL: Die Asienkrise hat auch Südkorea schwer erwischt. Wie beurteilen Sie die Chancen auf eine schnelle Erholung?
Chung: Es gibt bereits Hinweise dafür, daß die asiatischen Nationen ihre Krise überwinden können. Die Aktienmärkte zeigen Anzeichen der Erholung. Mit Blick auf Korea bin ich besonders optimistisch. Unser Land kann durchaus ein zweites Wirtschaftswunder schaffen. Die Währungskrise hat es nicht vermocht, den koreanischen Fleiß sowie unsere soziale Infrastruktur zu zerstören. Im Gegenteil - die Krise hat unseren Willen eher noch gestärkt.
SPIEGEL: Ein Merkmal der südkoreanischen Entwicklung sind die Chaebols, die großen Konglomerate. Hyundai ist das größte von allen. Sind Sie nicht gezwungen, Ihre jahrzehntealte Strategie der unermüdlichen Expansion zu überdenken?
Chung: Vergessen Sie nicht: Diese großen Unternehmen waren für die Industrialisierung Südkoreas unabdingbar, weil sie es unserer Nation ermöglichten, zahlreiche Fähigkeiten viel effektiver zu erwerben. Auf diese Weise haben wir in kurzer Zeit einen Quantensprung vollbracht. Ich bin nach wie vor überzeugt, daß wir richtig gehandelt haben.
SPIEGEL: Daewoo, Südkoreas zweitgrößter Chaebol, hat gerade verkündet, Firmen verkaufen zu wollen, um die Schulden zu verringern. Dagegen scheint Hyundai eher noch zu wachsen, Sie haben sich auch noch den Autobauer Kia einverleibt. Warum steuern Sie einen anderen Kurs?
Chung: Wir haben erkannt, daß Hyundai im 21. Jahrhundert nur wettbewerbsfähig bleiben kann, wenn wir uns spezialisieren. Deshalb wird Hyundai den Trend zur Verschlankung in der südkoreanischen Industrie anführen. Die Übernahme von Kia war Teil dieser Konsolidierung: Wir werden unsere 62 Firmen auf 26 Firmen zusammenstreichen. Am Ende bleiben fünf Kernbereiche übrig: Bauwesen, Automobile, Elektronik, Schwerindustrie einschließlich Ölraffinerien, Finanzen und Dienstleistungen.
SPIEGEL: Heißt das, daß Sie Firmen verkaufen und einige Ihrer 200 000 Beschäftigten entlassen werden?
Chung: Ja, wir haben der Regierung versprochen, unsere Gruppe umzustrukturieren. Aber gleichzeitig versuchen wir alles, um Arbeitsplätze zu erhalten.
SPIEGEL: Trotz der Abmagerung bleibt Hyundai ein riesiges Geschäftsimperium. Sie haben Hyundai als ein konfuzianisches Familienunternehmen von Null aufgebaut. Kann man ein derartiges Konglomerat im Zeitalter des Shareholder-value noch wie einen autoritären Familienbetrieb führen?
Chung: Wir haben bereits ein System des verantwortlichen Managements eingeführt und die Zuständigkeit auf jede einzelne Firma übertragen. Dieses System ist von dem alten Chaebol-System völlig verschieden. Aber unsere grundlegende Management-Philosophie bleibt dieselbe: Ich habe meine Angestellten stets nach dem Motto geführt: "Alles ist möglich". Wenn jedes Vorstandsmitglied und jeder Angestellte daran glaubt, daß es keine unüberwindbaren Schwierigkeiten gibt, dann wird Hyundai zu einem der besten Unternehmen der Welt heranwachsen.
SPIEGEL: Sie selbst und Hyundai sind zu Symbolen für Südkoreas industriellen Aufstieg geworden. Ihr autoritärer Stil ist Stoff für unzählige Mythen. Noch mal: Ist diese Art der Führung zeitgemäß?
Chung: Ich erwarte von anderen nur, was ich auch mir selbst abverlange. Ich habe viele harte Situationen durchgemacht: Als mein kleines Autogeschäft 1940 niederbrannte, brach für mich eine Welt zusammen. Aber hätte ich jedesmal aufgegeben, wenn ich mich Schwierigkeiten gegenüber sah, hätte ich zum Beispiel nie Südkoreas erste moderne Autobahn zwischen Seoul und Pusan oder die größte Schiffswerft der Welt in Ulsan gebaut oder den ersten südkoreanischen Pkw in die USA exportiert.
SPIEGEL: Andererseits wurden viele Erfolge durch Härten in der Zeit der Militärdiktatur erkauft - so durch die gewaltsame Niederschlagung von Streiks oder die Umweltverschmutzung. Die Erfolgsstory hat auch ihre dunklen Kapitel.
Chung: Sie dürfen nicht vergessen: Wir mußten das Land aus der Asche des Koreakriegs neu aufbauen. Gewiß gab es im Zuge dieser Entwicklung einige Nebenerscheinungen und unerwünschte Vorkommnisse. Aber am Ende werden Sie nirgendwo eine derart eindrucksvolle Erfolgsgeschichte finden.
SPIEGEL: Inzwischen ist die südkoreanische Gesellschaft wohlhabender und vielschichtiger geworden. Glauben Sie, daß die Jüngeren noch bereit sind, sich persönlich für die wirtschaftliche Entwicklung zu opfern, wie es Ihre Generation vormachte?
Chung: Ich glaube, unsere Jugend ist kreativer und origineller als ihre Eltern-Generation. Sicher wird es uns gelingen, den neuen Charakterzug mit unseren Traditionen zu verschmelzen. Aber die Jüngeren sind eigensüchtiger und individualistischer - und das beunruhigt mich ein bißchen.
SPIEGEL: Sollten sie sich ein Beispiel an Ihnen nehmen? Selbst im Alter von 83 Jahren sind Sie morgens um acht Uhr im Büro.
Chung: Die Arbeit war mir immer heilig in meinem Leben. Ich betrachte mich immer noch eher als wohlhabenden Arbeiter denn als Kapitalisten. Meinen Angestellten pflege ich folgende Anekdote zu erzählen: Als ich noch Bauarbeiter war, litt ich stark unter Bettwanzen. Daher nächtigte ich schließlich auf einem Tisch, dessen Beine ich in Wassereimer stellte. Einige Nächte lang konnte ich tief schlafen, aber dann bissen mich die Wanzen erneut. Schließlich fand ich heraus, daß die Biester an der Wand hinaufkletterten; sobald sie den richtigen Punkt an der Decke erreichten, ließen sie sich auf mich hinabfallen. Da kapierte ich, daß selbst Wanzen unermüdlich danach streben, ihre Ziele zu verwirklichen.
SPIEGEL: Seit 1987 tragen Sie offiziell den Titel "Ehrenvorsitzender" - in der konfuzianischen Hierarchie verbirgt sich dahinter die Anerkennung für den wohl angesehensten Wirtschaftsführer des Landes. Ist es nicht trotzdem an der Zeit, sich zurückzuziehen?
Chung: Dafür bin ich noch zu jung, ich will bis zum 120. Lebensjahr arbeiten. Aber eines Tages werde ich mich zurückziehen - in meinen nordkoreanischen Heimatort, nach der Wiedervereinigung.
INTERVIEW: WIELAND WAGNER
Von Wieland Wagner

DER SPIEGEL 17/1999
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