23.06.2014

SchicksaleDer Reiz der Tiefe

Der Forscher Johann Westhauser ist gerettet, doch die bayerischen Behörden bleiben alarmiert: Sie fürchten nun Schaulustige in der Unterwelt.
Die Neugier eines Höhlenforschers ist schwer zu zertrümmern. Als der schwer verletzte Johann Westhauser am Donnerstag vergangener Woche endlich wieder Tageslicht sieht und im Rettungshubschrauber hoch über dem winzigen Eingang der Riesending-Schachthöhle schwebt, bittet er den Piloten, eine Extrarunde um den Untersberg zu drehen. Er will das Felsmassiv von oben sehen, in dessen Innern er so lange gefangen war.
Sein Wunsch bleibt unerfüllt. Der Pilot steuert auf direktem Weg die Unfallklinik in Murnau an. Die vollständige Genesung, die Ärzte Westhauser dort pro-gnostizieren, dürfte selbst einen Forscher wie ihn für den entgangenen Panoramablick entschädigen. Ein schweres Schädel-Hirn-Trauma habe der Patient erlit-ten, die "Funktionsstörungen" seien jedoch "rasch rückläufig", sagt Professor Volker Bühren. Westhauser dürfe mit einer "Rückgewinnung der normalen Lebensqualität" innerhalb von drei bis sechs Monaten rechnen.
Es ist der glückliche Ausgang eines Dramas, das Deutschland tagelang bewegt hat. Kaum 24 Stunden nach seiner Rettung wendet sich der 52-Jährige per Videobotschaft an die Öffentlichkeit. Sein linkes Auge ist blutunterlaufen, er versucht ein Lächeln und wünscht einen "guten Morgen an alle Leute, die mir so intensiv geholfen haben". Seine Sprechmuskulatur wirkt noch ein wenig gelähmt, der Dialekt ist recht ausgeprägt, das macht die Worte nicht für alle leicht verständlich. Die Botschaft aber ist klar: Der Höhlenforscher bedankt sich "ganz herzlich" bei jenen, die an der Rettung beteiligt waren, "es war doch eine sehr große Aktion".
11 Tage, 10 Stunden und 14 Minuten dauerte das Drama, vom Sturz eines Lehmbrockens auf Westhausers Helm bis zum Abflug des Helikopters Richtung Klinik. "Ein Stück alpine Rettungsgeschichte" hätten die 728 Helfer geschrieben, sagte der Vorsitzende der Bergwacht Bayern, Norbert Heiland. Als alles geschafft war, lagen sich Retter in den Armen, viele hatten Tränen in den Augen.
Menschen überall in der Welt hatten die Rettungsaktion verfolgt, selbst die New York Times hatte Reporter in die Berchtesgadener Alpen geschickt. Die Aktion wurde genau verfolgt, jeder Fortschritt erleichtert aufgenommen, doch eine Frage wurde immer wieder gestellt und nie wirklich beantwortet: Was, um Himmels willen, sucht so ein Höhlenforscher eigentlich rund tausend Meter tief in der Erde?
Johann Westhauser ist Mitglied des Bad Canstatter Höhlenforschervereins Lempfuhl. Während seiner Rettung hatte die Vereinsführung die 35 Mitglieder zum Schweigen aufgefordert. Und manche andere konnten keine Antworten auf die Frage formulieren - weil sie an der Rettung beteiligt waren.
Sabine Zimmerebner etwa, die als Kindergärtnerin in Salzburg arbeitet und doch mehr über Höhlenforschung weiß als die meisten Menschen. Denn die zierliche 42-Jährige mit silbernen Fledermäusen als Ohrringen und Abschürfungen an den Händen gehört seit fünf Jahren dem Salzburger Landesverein für Höhlenkunde an, der von der österreichischen Seite eine Verbindung hin zum Riesending sucht.
Sie weiß nicht genau, was Johann Westhauser diesmal erforschen wollte, aber sie kennt das langfristige Ziel der Cannstatter Kollegen: einen Durchbruch zur Salzburger Kolowrath-Höhle zu finden.
Als sie hörte, dass er von einem Stein getroffen worden sei und halb bewusstlos auf Rettung warte, habe sie alles stehen und liegen lassen. Mit einem Ärzteteam stieg sie hinab in die Tiefe. Ihre Aufgabe bestand darin, einen Arzt zu begleiten und die Helfer in der Tiefe mit Lebensmitteln zu versorgen. Aber es war klar, dass sie Westhauser zur Seite stehen würde.
Fünf Tage lang begleitete sie Westhauser als seine "Konstante", wie sie es nennt. Sie half dabei, die Anweisungen der Retter und Ärzte aus Italien, der Schweiz, Kroatien, Österreich und Deutschland für den Schwerverletzten verständlich zu kommunizieren. Sie redete mit ihm, und wenn er sich erholen musste, hielt sie ihm die Hand.
Die größte Herausforderung für sie sei die eigene Übermüdung gewesen, erzählt die Frau. "Man verliert schnell das Zeitgefühl, es ist finster, dem Körper fehlt die Orientierung." Sie erzählt ruhig vom Geschehen in der Tiefe - und reflektiert den Sinn des gefährlichen Unternehmens. "Wir Höhlenforscher sind keine Risikofanatiker, sondern sehr besonnene Leute", sagt sie.
Johann Westhauser verhalte sich wie ein "absoluter Profi". Außerdem sei die Höhle gut mit Seilen ausgebaut gewesen. "Höhlenforschung ist kein Kamikazeunternehmen", sagt Zimmerebner. "Wenn wir ständig die Lebensgefahr im Nacken spüren würden, würden wir es nicht machen." Im Übrigen gelte: "Nur wer zu Hause auf dem Sofa sitzt, ist relativ sicher - und selbst da könnte einem der Tod durch Herzinfarkt drohen."
In einigen Ländern ist Höhlenforschung ein anerkannter Wissenschaftsbereich, in Deutschland nicht. Die Speläologie gilt als Hobbywissenschaft. Westhauser war dementsprechend nicht im Auftrag seines Arbeitgebers, dem Karlsruher Institut für Technologie, in die Riesending-Schachthöhle gestiegen, sondern hatte über Pfingsten ein paar Tage frei.
Seine Bad Canstatter Vereinskollegen teilten am Donnerstag vergangener Woche auf ihrer Homepage mit: "Da die Speläologie eine interdisziplinäre Wissenschaft ist, erreichen Fördermittel in der Regel die den Universitäten zugeordneten jeweiligen wissenschaftlichen Fachrichtungen." Fettgedruckt heißt es weiter: "Sämtliche Kosten für die Neubeschaffung und den laufenden Ersatz von Befahrungsmaterial sowie für Technik zur Vermessung und Kommunikation tragen die Mitglieder des Vereins."
Es klingt stolz, die Mitglieder wollen nicht als Abenteurer gelten, und deshalb schreiben sie auch: "Dass unser eingetragener und gemeinnütziger Verein seit 36 Jahren ohne Höhlenunfall (von Schürfwunden, Blutergüssen, angebrochenen Rippen abgesehen) unterwegs ist, verdanken wir dem stets umsichtigen Verhalten unserer Vereinsmitglieder."
Die bayerischen Behörden aber haben nun Angst, dass demnächst auch andere Menschen in die Unterwelt steigen könnten. Innenminister Joachim Herrmann kündigte wenige Stunden nach der geglückten Rettungsmission an: "Der Einstieg in die Riesending-Höhle wird verschlossen." In Bayern herrsche in der Natur zwar freies Betretungsrecht, und er wolle "niemanden von der Entdeckung der wunderschönen bayerischen Berge abhalten", sagte Herrmann. Aber die "Gefahr, dass Höhlentouristen den Ort sehen wollen, über den so ausführlich berichtet wurde", sei zu groß.
Bernhard Nerreter, Vorsitzender des Landesverbands für Höhlen- und Karstforschung Bayern, hält die "Gefahr einer Völkerwanderung auf den Untersberg" zwar für "eher gering". Aber er will nicht ausschließen, dass in den kommenden Wochen und Monaten die Höhlen im Voralpengebiet, in tiefer gelegenen Regionen Frankens oder der Schwäbischen Alb das Ziel von Schaulustigen mit Stirnlampen werden könnten.
Nerreter hat lange Zeit als Höhlenretter gearbeitet und sagt, dass die meisten Unfälle Menschen passieren, "die einfach nur mal gucken wollen". Väter, die mit Sohn und Drehleiter im Schlepptau in die Tiefe steigen und sich den Fuß verstauchen. Oder Jugendliche, die sich mutig ins Dunkle wagen und dann den Ausgang nicht mehr finden. Allerdings weiß auch er: "Ohne den Reiz des Abenteuers gibt es keine Höhlenforschung."
Von Anna Kistner

DER SPIEGEL 26/2014
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