30.06.2014

FDPRassistische Eskapaden

Die Ehefrau Walter Scheels ruiniert ihren Ruf, Freunde des ehemaligen Staatsoberhaupts sind alarmiert. Das Präsidialamt zieht jetzt Konsequenzen.
Barbara Scheel versteht die ganze Aufregung nicht. "Man wird in einem freien Land wie Deutschland ja wohl noch seine Meinung sagen dürfen", sagt sie am Telefon. Natürlich ecke sie mit ihren Ansichten manchmal an, dann regten sich Leute auf. "Das ist doch klar, wir leben in einer Neidgesellschaft."
Frau Scheel, 75 Jahre alt, dritte Ehefrau des Altbundespräsidenten Walter Scheel, macht von ihrem Recht auf freie Meinungsäußerungen seit Längerem ausgiebig Gebrauch. Wie vor drei Jahren auf einem Empfang zum 92. Geburtstag ihres Mannes im badischen Bad Krozingen. Dort leben die Scheels.
Der damalige FDP-Chef Philipp Rösler hatte sein Kommen erst zu- und dann wieder abgesagt. Frau Scheel nahm das zum Anlass für eine Brandrede gegen die heutige Jugend, die in dem Satz endete: "Was hätte wohl der Führer dazu gesagt?" Die meisten Gäste blickten betreten zu Boden, der Geschäftsführer eines örtlichen Verlags verließ aus Protest die Veranstaltung.
Solche Ausfälle sind keine Seltenheit. Der frühere FDP-Bundestagsabgeordnete Manfred Vohrer erinnert sich an ein Gespräch mit Barbara Scheel, in dem sie Rösler als "grinsenden Chinesen" bezeichnet hatte. Ob die FDP denn keinen geeigneten Deutschen für den Job habe? Anderen Gesprächspartnern gegenüber bezeichnete sie den ehemaligen FDP-Chef als "die Rache des Vietcong an der deutschen Innenpolitik".
Lange wurden die rassistischen Eskapaden Frau Scheels mit Stillschweigen übergangen. Doch die Klagen über ihr Verhalten nehmen zu. Die Leitung des Pflegeheims, in dem der demente Walter Scheel seit zwei Jahren lebt, wandte sich vor einigen Wochen an das Bundespräsidialamt mit der Bitte um Unterstützung. Die dauernden Interventionen seiner Frau machten eine vernünftige Pflege Scheels unmöglich, hieß es.
Die Freunde des Altpräsidenten wollen ihr Auftreten nicht mehr hinnehmen. "Das Lebenswerk Walter Scheels wird durch diese Skandalgeschichten überlagert", sagt Vohrer. Der langjährige Weggefährte hat vor einigen Jahren einen Freundeskreis gegründet, der sich um das politische Ver-
mächtnis Scheels kümmert. "Wir müssen klarmachen, dass diese Dame nicht für Walter Scheel spricht", sagt er.
Ihre Kritiker vermuten, dass Barbara Scheel dies gelegentlich tut. So meldete ihr Mann sich kurz nach dem Rücktritt von Christian Wulff als Bundespräsident im Februar 2012 in der Bild am Sonntag zu Wort. Er wünsche sich, dass Wulff klug genug sei, um auf seinen Ehrensold zu verzichten, hieß es da. Damit könne er "beim deutschen Volk verlorenes Vertrauen und Glaubwürdigkeit zurückgewinnen".
Frühere Vertraute sind sich sicher, dass Scheel sich nie in dieser Weise gegenüber einem Nachfolger geäußert hätte. Die Zitate wurden der Zeitung schriftlich übermittelt. Dass sie die Meinung Barbara Scheels widerspiegeln, steht außer Frage.
Zu den Vorwürfen des Pflegeheims wolle sie sich auf Anraten ihres Anwalts nicht äußern, sagt Barbara Scheel. Dabei gäbe es aus ihrer Sicht genug Grund zur Klage: Zu viele Pfleger in den Heimen seien Ausländer, beschwerte sie sich wiederholt. Bei einem Auftritt in der Talkshow "Anne Will" sagte sie, es sei schwierig, wenn ein "schwarzer Afrikaner" in einem deutschen Pflegeheim arbeite.
Das Bundespräsidialamt in Berlin hat nun Konsequenzen gezogen. Zum 1. August wird das Büro Scheels in Bad Krozingen aufgelöst. Sein Büroleiter arbeitet künftig im Präsidialamt in Berlin. Damit soll auch verhindert werden, dass Barbara Scheel weiter Zugriff auf das Büro hat. Die Stadt Bad Krozingen will dem ehemaligen Bundespräsidenten einen Raum im Rathaus erhalten.
Der Leasingvertrag für den VW Phaeton, der Scheel zur Verfügung stand, wird aufgelöst. "Die Ehefrau von Bundespräsident a. D. Walter Scheel darf das Fahrzeug ohne ihn nicht nutzen", heißt es im Präsidialamt. Sie selbst ist da anderer Auffassung.
An einem Punkt hat man Barbara Scheel möglicherweise Unrecht getan. Vor gut vier Monaten nahm sie an einem Galadiner im Freiburger Luxushotel Colombi teil. Weil ihr das nicht schmeckte, beschimpfte sie den Sternekoch Alfred Klink vor allen Gästen als "arroganten Schnösel". So berichteten es jedenfalls Südwestrundfunk und Badische Zeitung. Die Berichte stimmten nicht, sagt Scheel. "Ich habe ihn als arroganten Pinsel bezeichnet."
Aber nicht nur mit Köchen hat Madame Scheel bisweilen ein Problem. Auch der aktuelle Bundespräsident nötigt ihr wenig Respekt ab. Joachim Gauck verübelt sie, dass er mit seiner Lebensgefährtin nicht verheiratet ist: "Im Osten legt man die Zehn Gebote offenbar anders aus."
* Beim Empfang zu seinem 92. Geburtstag in Bad Krozingen 2011.
Von Horand Knaup und Ralf Neukirch

DER SPIEGEL 27/2014
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