30.06.2014

WettbetrugFaule Äpfel

Ein Zockerpate behauptet, bei der WM in Brasilien seien Spiele verscho-ben worden. Ist das möglich?
Vor dem WM-Gruppenspiel zwischen Kamerun und Kroatien meldet sich Wilson Raj Perumal via Facebook. Er schreibt, die Partie werde 4:0 für Kroatien ausgehen, außerdem werde es in der ersten Halbzeit eine Rote Karte geben.
"Bye", steht am Ende der Nachricht.
Zehn Stunden später, um 19.49 Uhr Ortszeit in Manaus, pfeift der portugiesische Schiedsrichter Pedro Proenca die Partie ab. Kroatien gewinnt 4:0. In der 40. Minute musste der Referee den Kameruner Alex Song wegen einer Tätlichkeit vom Platz stellen.
Wilson Raj Perumal ist ein notorischer Wettbetrüger. Der in Singapur geborene Tamile gehört zu den großen Paten der Zockerszene. Er hat in den vergangenen Jahren Millionen verdient mit manipulierten Fußballspielen in Mittelamerika, in Europa, in Afrika. Perumal weiß, wie man Profis und Schiedsrichter besticht, er kennt alle Tricks. Und er weiß, was in der Wettszene so läuft.
Perumal schreibt über das Team Kamerun: "In dieser Mannschaft gibt es sieben faule Äpfel." Er glaube, das Team habe alle drei WM-Gruppenspiele verschoben. Perumal mutmaßt, die Spieler seien von einem malaysischen Syndikat geschmiert worden. Namen nennt er nicht.
Der SPIEGEL hat seit einigen Jahren unregelmäßigen Kontakt zu Perumal. Die Facebook-Chats mit dem Wettbetrüger sind interessant, aber auch anstrengend. Manchmal antwortet er blitzschnell, auf Englisch, manchmal vergehen Stunden. Manchmal reagiert er monatelang überhaupt nicht.
Bis vor wenigen Tagen hielt sich Perumal in Finnland auf. Mitte April wurde er dort verhaftet, als er mit einem gefälschten Pass ins Land gereist war. Vorige Woche wurde Perumal nach Ungarn geflogen, wo er vor seiner Festnahme in Finnland in polizeilichem Hausarrest saß. Perumal ist Kronzeuge in einem großen Prozess gegen die Wettmafia. Die ungarischen Behörden haben ihn wieder an einen geheimen Ort in die Nähe der Stadt Debrecen verbracht. Der Zockerkönig macht keine Angaben zu seinem Verbleib, nur so viel: "Ich kann alle WM-Spiele gucken."
Beim Chat mit dem SPIEGEL schimpft Perumal über die Auftritte einzelner Mannschaften und Spieler bei der WM. Er schreibt, man möge den englischen Spielern für ihre schlechten Leistungen "die drei Löwen vom Trikot reißen". Er trauert mit den Spaniern, die "mein Favorit waren". Dazwischen kommen seine Einschätzungen zu Kamerun.
Es gibt keinen Beweis dafür, dass das Spiel Kamerun gegen Kroatien manipuliert wurde. Oder irgendein anderes Spiel der Afrikaner. Ist es überhaupt denkbar, dass Partien bei einer Weltmeisterschaft verschoben werden? Bei einem Turnier, bei dem jedes Spiel von Dutzenden Kameras beobachtet wird, bei dem jede Spielsituation, jeder Stellungsfehler, jedes Foul in Superzeitlupe analysiert wird?
"HAHAHA!!!!!!", lautet Perumals Antwort im Chat.
Nach dem Spiel zwischen Kamerun und Kroatien, den Leistungen von Honduras und nach den vielen strittigen Schiedsrichterentscheidungen verwandelte sich Brasilien in ein Land der Verschwörungstheoretiker. Der Weltverband Fifa bekam so viele Medienanfragen zu Verdachtsmomenten bei Vorrundenspielen, dass er sich dazu genötigt sah, in Rio de Janeiro eine Pressekonferenz zu dem Thema abzuhalten. Auf dem Podium saß Sicherheitsdirektor Ralf Mutschke und erklärte: "Wir wissen, dass das Interesse der Wettbetrüger insbesondere an einer WM sehr groß ist. Hier können sie eine Menge Geld verdienen. Bislang haben wir aber keine Hinweise auf ein manipuliertes Spiel."
Die Fifa lässt von ihrem Tochterunternehmen "Early Warning System" täglich weltweit Quotenentwicklungen analysieren. Sobald irgendwo eine Quote einbricht oder eine überdurchschnittlich hohe Wetteinzahlung getätigt wird, schlägt das Überwachungssystem Alarm.
"Oh man, come on", schreibt Perumal im Chat. Eine Warnanlage habe ihn nie erwischt, behauptet er. "Das sind nur Spielzeuge." Die Quotenpolizei der Fifa wertet Meldungen von rund 400 Wettanbietern aus. Weltweit gibt es aber mehr als 20 000 Wettportale. Die Dunkelziffer dürfte sogar noch höher liegen, da viele der Quotenjongleure illegale Angebote bereitstellen. "Mit den richtigen Kontakten kann man jede Summe dieser Welt setzen", schreibt Perumal.
Wilson Raj Perumal ist ein professioneller Betrüger, ein Berufslügner. Oft klingen seine Schilderungen aus der Zockerwelt eher nach Fiktion als nach Wirklichkeit. Vielleicht war die Vorhersage des Kamerun-Spiels nur Zufall. Angeberglück.
Andererseits gibt es keinen anderen Matchfixer, der so offen Einblicke in die Schattenwelt des Fußballs gibt. In seiner Autobiografie "Kelong Kings", die Perumal während einer Haftzeit in Ungarn verfasste, beschreibt er detailliert, wie er und seine Bande Nationalspieler unter anderem in Nigeria, Südafrika oder Honduras gefügig machten. "Mit Nutten klappte das sehr gut", schreibt Perumal. Einmal habe er einen Spieler, der bei einer Betrügerei nicht mitmachen wollte, mit einem Baseballschläger verprügelt.
Perumal wurde in den vergangenen 20 Jahren sechsmal verhaftet. Er ließ sich nie vom Zocken abbringen. Er soll sogar voriges Jahr, während des Hausarrests in Ungarn, Spielmanipulationen organisiert haben. Hat er auch bei der WM in Brasilien die Finger im Spiel?
Die Antwort kommt schnell. "Too hot", schreibt Perumal: zu heiß.
Dann bricht er den Kontakt ab.
Von Rafael Buschmann

DER SPIEGEL 27/2014
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