30.06.2014

DokumentationenBekanntes und Unbekanntes

Wie denkt der ehemalige US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld heute über den Irakkrieg? Erlebnisse während der Arbeit am Film „The Unknown Known“. V on Errol Morris
Morris, 66, ist einer der renommiertesten Dokumentarfilmer Amerikas; sein großes Thema sind die Kriege der USA. 2004 gewann er einen Oscar für "The Fog of War", ein Porträt Robert McNamaras, des Verteidigungsministers während des Vietnamkriegs in den Sechzigerjahren. Für "Standard Operating Procedure", eine Chronik des Folterskandals im Gefängnis von Abu Ghuraib, wurde Morris bei der Berlinale 2008 mit einem Silbernen Bären ausgezeichnet. In seinem neuen Film "The Unknown Known", der jetzt in die deutschen Kinos kommt, porträtiert Morris erneut einen ehemaligen Verteidigungsminister: Donald Rumsfeld, Chef des Pentagons von 2001 bis 2006 unter Präsident George W. Bush.
Im Mai 2011 saß ich in einem Konferenzraum in Washington. An den Wänden hingen gerahmte Präsidenten-Zitate, von Richard Nixon bis George W. Bush. Es waren Belege für ein Leben an der Macht. Vor mir saß Donald Rumsfeld, ein Mann, der dabei geholfen hatte, die Amerikaner zu überreden, in den Krieg gegen den Irak zu ziehen, einen Krieg, den ich energisch ablehnte. Ich war hier, um ihn zu überreden, mich einen Film über ihn drehen zu lassen.
Rumsfeld zeigte mir ein zerbeultes Stück Metall, den Rest einer Abfangrakete. Er sagte: "Es heißt, man könne keine Rakete mit einer anderen Rakete treffen. Aber sehen Sie sich das hier an!" Aus einem Wandschrank holte er einen Stimmzettel aus Afghanistan für die Wahlen, die auch durch sein Wirken erst möglich wurden. Es waren Anschauungsobjekte, die Rumsfeld gesammelt hatte in seiner langen Karriere als Kongressabgeordneter, als Stabschef im Weißen Haus, als Firmenboss und als Verteidigungsminister.
Er war stolz auf seine Rolle in der Regierung Bush. Mir wurde sofort klar, dass der Film nicht die Geschichte eines Mannes sein würde, der ein schlechtes Gewissen hat. Im Gegenteil: Als ich Rumsfeld nach "The Fog of War" fragte - meinem Film über Ex-Verteidigungsminister Robert McNamara -, sagte er, dass ihm der Film nicht gefallen habe. Es gebe nichts, wofür sich McNamara hätte entschuldigen müssen.
Um seine Autobiografie zu schreiben, hatte Rumsfeld auf jene Memos zurückgegriffen, die er während seiner Ministerzeit an seine Mitarbeiter verschickt hatte. Die Memos, die er als Gedankenstütze für sich selbst verfasst hatte, waren entlarvender. Er hatte jeden Tag unzählige Memos diktiert, 20 000 allein während seiner Zeit in der Regierung Bush.
Mich faszinierten diese Dokumente. Was sind sie? Ein Versuch, Geschichte zu kontrollieren? Belege, um Kritik entkräften zu können? Dokumente, die etwas erklären sollen? Dokumente, die etwas verschleiern sollen? Oder alles zusammen?
Rumsfeld gewährte meinem Produzenten und mir Zugang zu einer Memo-Sammlung, die noch nie veröffentlicht worden war. Diese Memos zeigen einen bestimmten Ausschnitt der Historie - nicht die Tatsachen, sondern Geschichte, wie Rumsfeld sie festschreiben wollte, im Moment des Geschehens und subjektiv. Was wollte er uns glauben lassen? Ich bat Rumsfeld darum, die Memos vor laufender Kamera vorzulesen und sie dann zu erläutern. Er war einverstanden. Das war eine außergewöhnliche Gelegenheit. Ich musste sie nutzen, um mich auf Rumsfeld einzulassen, um zu versuchen, die Dinge aus seiner Perspektive zu betrachten. Mein Film sollte Geschichte von innen betrachten - keine Chronik der Ereignisse, sondern eine Art Seelenlandschaft. Wie Rumsfeld denkt, wie er sich und uns die Welt erklärt.
Diese Landschaft war erheblich merkwürdiger, als ich erwartet hatte. Wir diskutierten über den Beginn des Irakkriegs am 19. März 2003, die Bombardierung des Geländes in Dora im Süden Bagdads, wo das Versteck von Iraks Präsident Saddam Hussein vermutet wurde.
Morris: Wenn es das Ziel dieses Krieges ist, Saddam Hussein loszuwerden, warum können sie dann nicht einfach ein Attentat auf ihn verüben? Warum muss man in sein Land einmarschieren?
Rumsfeld: Wer ist "sie"?
Morris: Wir!
Rumsfeld: Sie haben "sie" gesagt. Sie haben nicht "wir" gesagt.
Morris: Gut, ich formuliere es anders. Warum müssen wir dort einmarschieren?
Rumsfeld: Wir verüben keine Attentate auf Führer anderer Staaten.
Morris: In Dora haben wir uns aber größte Mühe gegeben.
Rumsfeld: Das war eine Kriegshandlung.
Ich habe 34 Stunden lang mit Rumsfeld gesprochen, länger als mit jedem anderen Interviewpartner zuvor. Er kann sympathisch sein, onkelhaft und selbstironisch. Aber er kann auch sehr dominant auftreten. Gleichzeitig bestritt er immer wieder, dass er sich jemals durchgesetzt habe, indem er Leute schikanierte oder einschüchterte. Ich fragte ihn, ob sich seine Generäle mit seiner Strategie für den Irak einverstanden erklärt hatten, weil sie Angst vor ihm gehabt hätten, Angst vor ihrem Boss. Er widersprach entschieden: "Leute mit drei oder vier Sternen auf der Uniform sollten vor nichts und niemandem Angst haben."
Rumsfeld hat eine unverwechselbare Art, mit Sprache umzugehen. Ich fühlte mich an George Orwell erinnert. In Orwells Roman "1984" dient Sprache, "Neusprech", als Kontrollinstrument, ganz bewusst. Bei Rumsfeld hatte ich das Gefühl, etwas Kompliziertes zu beobachten: einen Mann, der Sprache benutzt, um etwas zu verschleiern, vor anderen, aber auch vor sich selbst. Bei den Pressekonferenzen des Pentagons hatte er ständig die Definitionen jener Begriffe infrage gestellt, die die Debatte um Amerikas Kriege prägen: "Präventivkrieg", "Aufstand" oder der berüchtigte "Sumpf", in dem die USA einst in Vietnam steckten. Es wirkte beinahe, als ginge es ihm darum, einen Sicherheitsabstand zur Wirklichkeit zu wahren.
Viele Menschen erinnern sich an Rumsfelds berühmten Spruch über "das bekannte Bekannte", "das bekannte Unbekannte" und "das unbekannte Unbekannte", den er während einer Pressekonferenz machte. Aber nur wenige wissen noch, dass dieser Spruch seine Antwort auf die Frage war, welche Beweise wir hätten, dass Saddam Hussein mit Terrorristen zusammenarbeiten würde - dabei war diese Behauptung überhaupt erst die Begründung für den Krieg gewesen.
Je öfter ich mir diesen Auftritt angesehen habe, desto mehr wurde mir klar, dass Rumsfeld überhaupt keine Antwort gegeben hatte. Es war der Versuch, das Thema zu wechseln und die konkreten Fragen der Reporter in eine abstrakte Debatte über Wissen an sich zu verwandeln: "Manchmal haben wir Beweise, und manchmal haben wir keine; manchmal wissen wir, wonach wir suchen müssen, und manchmal wissen wir es nicht."
Selbst heute ist es fast unmöglich herauszufinden, was Rumsfeld weiß, was er glaubt und was er uns einzureden versucht. Als ich ihn am Ende fragte, ob es wirklich der Weisheit letzter Schluss gewesen sei, Krieg gegen den Irak zu führen, gab er eine kurze Antwort: "Time will tell", die Zukunft wird es zeigen.
Der Film ist keine Geschichtsstunde, sondern das Porträt eines Mannes - und der Versuch dieses Mannes, sich der Nachwelt zu erklären. Rumsfelds Abschlussarbeit, die er 1954 als Student an der Universität Princeton verfasste, ist ein Aufsatz über die Macht des Präsidenten. Auf der letzten Seite heißt es: "Lasst uns dankbar sein, dass wir in einem Land leben, wo wir von den Mächtigen verlangen können: ,Gib Rechenschaft über deine Verwaltung.'"
Von Errol Morris

DER SPIEGEL 27/2014
Alle Rechte vorbehalten
Vervielfältigung nur mit Genehmigung


DER SPIEGEL 27/2014
Titelbild
Der digitale SPIEGEL
Diese Ausgabe jetzt digital lesen

Die digitale Welt der Nachrichten. Mit interaktiven Grafiken, spannenden Videos und beeindruckenden 3-D-Modellen.
Sie lesen die neue Ausgabe noch vor Erscheinen der Print-Ausgabe, schon freitags ab 18 Uhr.
Einmal anmelden, auf jedem Gerät lesen - auch offline. Optimiert für Windows 8, Android, iPad, iPhone, Kindle Fire, BlackBerry Z10 sowie für PC/Mac.

Abo-Angebote

Den SPIEGEL lesen oder verschenken und Vorteile sichern!

Jetzt Abo sichern
Ältere SPIEGEL-Ausgaben

Kostenloses Archiv:
Stöbern Sie im kompletten SPIEGEL-Archiv seit
1947 – bis auf die vergangenen zwölf Monate kostenlos für Sie.

Wollen Sie ältere SPIEGEL-Ausgaben bestellen?
Hier erhalten Sie Ausgaben, die älter als drei Jahre sind.

Artikel als PDF
Artikel als PDF ansehen

Dokumentationen:
Bekanntes und Unbekanntes

  • Parabel-Flug: Promi-Party in der Schwerelosigkeit
  • Slackline-Artistik: Messerscharfer Salto auf der Wäscheleine
  • Ungewöhnlicher Trip: Weltreise für 50 Euro
  • "Horrorhaus" in Kalifornien: "Meine Eltern haben mir das Leben genommen"