03.05.1999

KUNSTKurzer Frühling in der Provinz

Weimar als Kampfplatz der Avantgarde: Hier blühten Jahrhundertwende-Kunst und Bauhaus - bis sie rausgeekelt wurden. Nun rekonstruiert eine Ausstellung zum Kulturstadt-Jahr „Aufstieg und Fall der Moderne“ und zeigt auch reichlich NS- sowie DDR-Gemälde.
Der Grandseigneur hatte einen kühnen Traum: Er wollte "die philosophische Goethesche Kultur mit der Bismarckschen politischen und der fin-desiècle ästhetischen vereinigen". Wo aber sollte dieser Geniestreich gelingen können, wenn nicht dort, wo einst schon Deutschlands Dichterfürst die Poesie segensreich mit Staatsgeschäften versöhnt hatte?
In Weimar, der thüringischen Mini-Residenz, sah Harry Graf Kessler (1868 bis 1937) sich bald nach der Jahrhundertwende mit der "Oberleitung aller Kunstbestrebungen" betraut - von einem Landesherrn, der angeblich der Meinung war, "selbst ein Kaiser könne die moderne Bewegung nicht mehr aufhalten". Stolz plante Kessler ein "Neues Weimar" als Gegenmacht zur miefigen wilhelminischen Hauptstadtkultur.
Allerdings schwante dem Weltmann in der Provinz auch gleich, daß der Weimarer Hof "von Intriguen untergraben" war und "Reinkulturen des menschlichen Schimmelpilzes" nährte. Richtig gesehen: Schon nach drei Jahren, 1906, war Kessler ausgetrickst und mußte seine Ambition begraben. Ihm blieb "das Glück, nach einem gefährlichen Abenteuer wieder frei zu sein".
"Von draußen geholt, von drinnen rausgeworfen", so beschreibt nun Rolf Bothe, als Chef der Kunstsammlungen Weimar Kesslers später Nachfolger, ein Grundmuster der örtlichen Kulturpolitik. In der abgelegenen, stets von klassischer Bildungsaura umwehten Idylle sind neue Strömungen oft erstaunlich lebhaft aufgenommen - und dann erbittert weggeekelt worden. Beispielhaft spiegelt die Szene Aufschwünge und Niederlagen des Zeitgeists.
Sowenig wie Kessler konnte sich sein Mitstreiter, der belgische Reformarchitekt und -designer Henry van de Velde, in Weimar halten; seit dem Ersten Weltkrieg war er als feindlicher Ausländer unerwünscht. Das hier dann 1919 aus seinem Geist gegründete Bauhaus mußte 1925 nach Dessau weiterziehen. Schon 1930 reinigte ein thüringischer Nazi-Minister die Weimarer Staatlichen Sammlungen von expressionistischer und abstrakter Kunst. Ansätze zu einer Bauhaus-Wiederbelebung nach 1945 wurden durch Doktrinäre abgewürgt.
Das ist eine farbige, fintenreiche Story, die dringend danach verlangte, im Kulturstadt-Jahr 1999 nachinszeniert zu werden: Vom kommenden Sonntag an schildert eine Weimarer Großausstellung "Aufstieg und Fall der Moderne" in drei Etappen.
So vereinigt, unter Bothes Ägide, das Schloßmuseum mit historischer Akkuratesse solche Kunstwerke, die vor 1933 als Novitäten in die Weimarer Öffentlichkeit gelangten. Auf eigenen Stellwänden macht sich diese Moderne sinnfällig-rabiat im klassizistischen Residenzambiente mit seinen Säulen und Kronleuchtern und zwischen alten Bildern der Sammlung breit.
Doch das allein wäre offenbar nicht Event genug. Spektakulär, auch ohne speziellen Ortsbezug, besetzen daher zwei Varianten von "Antimoderne" je ein ganzes Hallenstockwerk im einstigen Nazi-"Gauforum": unten Kunst des Dritten Reichs, oben solche der DDR. Mit rund 120 und rund 500 Stücken sind so die größten Bilderpräsentationen seit Untergang des jeweiligen Regimes zusammengekommen.
Achim Preiß, Kunstgeschichtsprofessor an der Weimarer Architektur-Hochschule (jetzt "Bauhaus-Universität"), hat das NS-Sortiment jenem Münchner Depot nachempfunden, in dem die Schinken für gewöhnlich lagern. In der DDR-Schau deutet er eine feierliche Rotunde an, stellt der offiziellen Produktion aber auch etliche Dissidenten-Bilder entgegen. Da wird etwa der Eigenbrötler Gerhard Altenbourg, von 1948 bis 1959 in Weimar auf der Suche nach Restspuren der Moderne, gewürdigt*.
Die Hochschule, die Altenbourg besuchte, bis sie ihn 1950 als "gesellschaftlich ungenügend, völlig indifferent" ausschloß, ging, mit Umwegen, auf eine großherzogliche Gründung von 1860 zurück. Ende des
* Schloßmuseum bis 1. August, ehemaliges Gauforum bis 9. November. Katalog im Verlag Hatje-Cantz; 500 Seiten; 49 (Buchhandelsausgabe 98) Mark.
19. Jahrhunderts hatte sie sich zu einem renommierten Zentrum der Landschaftsmalerei entwickelt; Absolventen ließen sich prompt davon anregen, daß 1889 ein Gastredner seinen Weimarer Vortrag über den Impressionismus durch drei mitgebrachte Bilder Claude Monets illustrierte - Aufstieg der Moderne in Weimar.
Der große Schub setzte dann mit van de Velde und Kessler ein. Sie hatten sich im Berliner Kreis um die Avantgardezeitschrift "Pan" getroffen, zu dem auch Elisabeth Förster, die Schwester des Philosophen Friedrich Nietzsche, Kontakte pflegte. Seit 1897 wohnte sie in Weimar, wo eine Gönnerin ein Haus zur Pflege des wahnsinnig gewordenen Denkers und zur Archivierung seiner Schriften bereitgestellt hatte. 1901, nach dem Tod des Bruders, schlug sie vor, van de Velde als Leiter der Kunstgewerbeschule nach Weimar zu locken - was Kessler alsbald erfolgreich beim Staatsminister vortrug. Mit Schulbauten und -umbauten sowie der Jugendstilausstattung des Nietzsche-Archivs hat van de Velde Hauptwerke in der Stadt hinterlassen.
Doch es war Kesslers Rolle, das "Neue Weimar" glamourös zu verkörpern - mit gutem Grund prangt sein 1906 von Edvard Munch gemaltes Ganzfigurenporträt nun am Ende einer langen Blickschneise in der Schloß-Ausstellung.
Der Dandy aus reichem, in den Grafenstand erhobenen Hause, dessen schöne britische Mutter Umgang mit dem Preußenkönig und nachmaligen Kaiser Wilhelm I. gepflegt hatte und den haltlose Gerüchte sogar zum leiblichen Sproß des Monarchen erklärten, besaß Geist und Geld genug, sein Kunstprogramm schon einmal als Privatsammler vorzuexerzieren. Er erwarb (und verkaufte später) wichtige Gemälde etwa von Cézanne, Renoir und Signac. Drei Bilder des Symbolisten Maurice Denis ließ Kessler durch van de Velde in die Wandverkleidung seiner Weimarer Wohnung einfügen. Mit Museumsausstellungen französischer und deutscher Impressionisten, Paul Gauguins und Auguste Rodins zog er auf der öffentlichen Bühne nach.
Doch den realen Rückhalt für seine Projekte überschätzte Kessler gewaltig. Van de Veldes Beraterstellung beim Großherzog verglich er ernstlich mit den "Berufungen von Philosophen-Gesetzgebern durch antike Stadtherrscher". Er selber glaubte sich durch weitreichende Verbindungen mit Kultur- und Gesellschaftsgrößen zum deutschen "Princeps Juventutis", einem Lehrmeister der Jugend, berufen und fragte nur: "Lohnt es die Mühe?" Dabei machte er sich durch hochfahrendes Wesen und hektische Aktivität mit langen Reise-Absenzen auch anfängliche Förderer zu Feinden. Vom Landesherrn Wilhelm Ernst, der erst 1901 mit 24 Jahren auf den Thron gelangt war, hatte er ohnehin zuviel erhofft.
Zwar veranlaßte der Monarch 1904 noch den Ankauf der Rodin-Skulptur "Das eherne Zeitalter" - zu stark ermäßigtem Preis. Doch als zwei Jahre später erotische Rodin-Zeichnungen, die der Hof dankend als Geschenk entgegengenommen hatte, ins öffentliche Gerede kamen ("Möge der Franzose aus seinem Künstlerkloakenleben sich ins Fäustchen lachen, so etwas in Deutschland an den Mann gebracht zu haben"), war es mit der Huld vorbei. Zurück von einer Indienreise, reichte der Großherzog seinen im Spalier angetretenen Amtsträgern einzeln die Hand und richtete das Wort an sie. Kessler aber sah er nur mit einer Grimasse "offener Verachtung" an und ließ ihn unbegrüßt stehen. Dem Augenzeugen van de Velde schien "ein Grundpfeiler des von uns mit so leidenschaftlicher Begeisterung errichteten Gebäudes" einzustürzen.
Noch mitten im Ersten Weltkrieg wollte der schlichte Landesvater auch Kunstschulprofessoren, deren Bilder ihm mißfielen, schlankweg auf die Straße setzen. Ehe der Kasus ausgestanden war, mußte er dann 1918 selber den Abschied nehmen.
"Ganz radikale ungebärdige Elemente" rührten sich nun, zur Freude des Malers Lyonel Feininger, auch an der ehrwürdigen Akademie. Privatier Kessler machte Atelierbesuche beim Maler Johannes Molzahn und anderen Nachwuchskräften auf der Suche nach dem "neuen Menschen" sowie einer "völlig abstrakten, expressionistischen Kunst".
In vielen Facetten rekonstruiert die "Aufstieg und Fall"-Schau diese Weimarer Szene, die ein paar Jahre lang allen Anfeindungen zum Trotz vom Bauhaus beherrscht war. Die Staatlichen Kunstsammlungen verfolgten ein aktuelles Ausstellungsprogramm und zeigten Dauerleihgaben von Bauhaus-Meistern auch noch nach deren Wegzug. Doch 1930, beim ersten, thüringischen Nazi-Bildersturm, schrieb Paul Klee dem Museumsdirektor, er habe "jede weitere Lust an Weimar verloren".
Welcher Ramsch dann statt dessen höchste Gunst errang, ist in der "Halle der Volksgemeinschaft" im "Gauforum" zu bestaunen. Weimar war eine frühe Nazi-Hochburg. Nirgendwo sonst gedieh eine vielerorts geplante Protzarchitektur für die regionale Parteileitung so weit wie hier. Die zentrale Halle, zu DDR-Zeiten als Fabrik- und Lagerraum genutzt, empfahl sich als spezifisch Weimarer Schauplatz für den Ausstellungsteil "Die Kunst dem Volke - erworben: Adolf Hitler".
Die Bilder kommen aus dem Fundus, den der Führer seit 1937 teils nach eigener Wahl aus den Münchner "Großen Deutschen Kunstausstellungen" zusammenkaufte, überwiegend zur Zierde der Reichskanzlei. Dergleichen en masse zu zeigen, hat beispielsweise der 1996 verstorbene Großsammler Peter Ludwig hartnäckig gefordert, doch über den Tabubruch hinaus bietet die jetzt geöffnete Pandorabüchse keine Sensation.
Man konnte es längst an Reproduktionen sehen: Von diesen endlos abgewandelten Klischees, den Landschaften, Bauernszenen und oft mythologisch verbrämten Akten in ihrer unfreiwilligen Komik, gehen weder ästhetische Reize noch dämonische Kräfte aus. Mit der Überredungskraft von Propagandafilmen können die "grottenschlechten Bilder" (Ausstellungsmacher Preiß) nicht konkurrieren. Nachzügler und Dilettanten versammeln sich, gemäß Hitlers dumpfen Geschmacksrichtlinien, zu einem Volkssturm der Kunstgeschichte.
Davon möchte der Westler Preiß die erzieherisch gemeinte DDR-Malerei, die er aus diversen Kollektionen vom Palast der Republik bis zur thüringischen Maxhütte schöpft, denn doch unterscheiden; taktvoll wird sie den Besuchern von einer anderen Gebäudeseite her erschlossen. Dem Stil nach ähnelt sie, in dieser Auswahl jedenfalls, den Nazi-Bildern allenfalls sporadisch - und das in den späteren DDR-Jahren immer weniger.
Honeckers "Weite und Vielfalt" erlaubte schließlich sogar Arbeiter-Karikaturen. Die am lockeren Zügel geführte Malerei war dann gerade noch dazu gut, im kapitalistischen Ausland Eindruck und Devisen zu schinden. Nun ist auch diese "besonders autistische Version der Antimoderne", wie Preiß einleuchtend diagnostiziert, ebenso Geschichte geworden wie die ganze DDR. Nicht einmal die künstlerische Opposition scheint überlebt zu haben, obwohl sie doch großenteils so modern aussah.
Da steigt bei Preiß ein finsterer Verdacht auf: Könnte dieser stille Tod der staatsfernen Ost-Moderne nicht "Vorbote" für einen baldigen "Untergang der Westkunst" sein? Aber so schlimm wird es schon nicht kommen. JÜRGEN HOHMEYER
* Schloßmuseum bis 1. August, ehemaliges Gauforum bis 9. November. Katalog im Verlag Hatje-Cantz; 500 Seiten; 49 (Buchhandelsausgabe 98) Mark.
Von Jürgen Hohmeyer

DER SPIEGEL 18/1999
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