14.07.2014

Jan Fleischhauer Der schwarze KanalPädagogik der Vielfalt

Gute Nachricht für alle, die sich schon immer mit der Rechtschreibung schwertaten: Wenn Sie "wider" und "wieder" nicht auseinanderhalten können und für das "ß" keine Verwendung haben, dürfen Sie sich mit der Aussicht trösten, dass Sie mit dieser Schwäche unter gebildeten Menschen schon bald nicht mehr allein sein werden. An deutschen Schulen wächst eine Generation heran, die gelernt hat, so zu schreiben, wie sie es für richtig hält. "Freies Schreiben" heißt das Konzept, die Lehrer sprechen von "Privatschrift".
Bislang gilt nur in der Grundschule, dass beim Schreiben das Gehör entscheidet und nicht mehr der Duden, aber das ist erst der Anfang. Alles, was Schüler entmutigen könnte, soll bald der Vergangenheit angehören. Dem Verzicht auf das Diktat folgt jetzt das Verbot des Sitzenbleibens. Nachdem die Sechs im Zeugnis ihren Schrecken schon verloren hat, denken einige Bundesländer über die Abschaffung von Noten bis zur achten Klasse nach. Die Schule der Zukunft setzt auf Anerkennung statt Stigmatisierung, um den Übergang zur wirklich integrativen Gesellschaft zu schaffen.
Der Gedanke, dass die Revolution im Klassenzimmer beginnt, ist zugegebenermaßen nicht ganz neu. Schon die Achtundsechziger waren davon überzeugt, dass Rechtschreibkritik Gesellschaftskritik ist. Wer gelernt habe, dass bei "brauchen" ein "zu" stehen muss, werde auch die Verteilung des Eigentums nicht infrage stellen, proklamierte der Sprachwissenschaftler Siegfried Jäger. Die Hoffnung, dass man mit dem Ende der Großschreibung auch das Großkapital erledigen könne, hat sich gelegt, dafür arbeiten die Nachfolger jetzt an einer Humanisierung der Welt durch das konsequente Schleifen von Wissenstests.
Die nächste Stufe ist die Abschaffung von Bildungsstandards. Wo Schüler an Normen gemessen werden, wird es immer einige geben, die das Ergebnis deprimiert - genau dieser Enttäuschungserfahrung gilt es vorzubauen. "Das Prinzip der grundlegenden humanen Anerkennung setzt das Konstrukt des ,schlechten Schülers' außer Kraft", heißt es in der neuen "Pädagogik der Vielfalt": Nur so könne eine wesentliche "Quelle von Diskriminierung und gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit versiegen". Es liegt auf der Hand, dass es dort, wo es keine schlechten Schüler mehr geben soll, auch keine guten mehr geben kann.
Wenn demnächst nach der "Privatschrift" das "Privatrechnen" und die "Privatphysik" kommen, können wir also sagen, dass Deutschland der gruppenübergreifenden Menschenfreundlichkeit einen großen Schritt näher gerückt ist. Noch ist nicht ganz klar, wie sich ein Land auf Dauer in der Weltspitze halten will, das dem Wettbewerb entsagt. Andererseits: Kann man derzeit nicht auch viel über die Vorzüge einer Wende zum Weniger lesen?
Nur mit der Einführung des "Privatsports" sollten wir uns Zeit lassen, wäre mein Rat. Sonst standen wir womöglich zum letzten Mal im Finale einer Weltmeisterschaft, und das wäre nun wirklich schade.
An dieser Stelle schreiben drei Kolumnisten im Wechsel. Nächste Woche ist Juli Zeh an der Reihe, danach Jakob Augstein.

DER SPIEGEL 29/2014
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