14.07.2014

TextilienDie Spur der Schuhe

Immer häufiger finden Prüfer das giftige Schwermetall Chrom VI in Lederschuhen. Betroffene Händler wie Zalando versichern zwar, mit renommierten Produzenten zu arbeiten. Deren Lieferketten aber überschauen sie nicht.
Als sich vor zwei Wochen die Berichte über die tollen Samwer-Brüder häuften und der mögliche Börsengang ihres Internetversands Zalando zu einer "unglaublichen Geschichte" ("Stern") aufgeblasen wurde, da haben nicht alle Mitarbeiter etwas davon mitbekommen.
Abdou Mambéty zum Beispiel nicht. Der Senegalese, dessen richtiger Name ein anderer ist, ist nicht direkt für Zalando tätig. Er arbeitet in einer Gerberei in Ponte a Cappiano zwischen Pisa und Florenz. Von hier kommt Leder für Zalando-Schuhe - "außergewöhnliche Materialien", wie der Internethändler verspricht.
Vor allem außergewöhnlich günstig, dank Mambéty: 8, 10, manchmal 14 Stunden pro Tag steht er im Lösemitteldunst und wuchtet in der Ukraine vorgegerbte Lederhäute in riesige Trommeln. Den Preis, den er und seine Kollegen dafür zahlen, ist hoch: Viele leiden an Asthma. Ende Juni verlor ein Arbeiter drei Finger in einer Schneidemaschine. Gerade mal 1150 Euro bekommen sie im Monat.
Kaum ein Job in der Textilproduktion ist so risikoreich und dreckig wie ihrer. Für 250 Kilogramm Leder werden 500 Kilogramm oft hoch gefährlicher Chemikalien gebraucht. Bis Felle enthaart und aus feuchten Häuten haltbares Leder geworden ist, sind tagelange Chemiebäder nötig. Die Gifte der Gerber sind langlebig. Manche dünsten noch in der fertigen Lederware in den Verkaufsregalen vor sich hin.
So wie der Damenschuh von Zalando, dessen Leder mit ziemlicher Sicherheit durch Mambétys Hände ging. Die Pumps enthielten Chrom VI, gut achtmal mehr als erlaubt.
Das giftige Schwermetall ist eines der größten Probleme der Textilproduktion. Aufsichtsbehörden in Deutschland schlagen deshalb immer häufiger Alarm. Chrom VI entsteht bei nachlässiger Gerbung und kann lebenslange Allergien auslösen.
Seit Sommer 2010 gilt in Deutschland für Bedarfsgegenstände wie Schuhe ein Grenzwert von drei Milligramm Chrom VI pro Kilogramm Leder. Trotzdem finden die Prüfer immer wieder deutlich höhere Werte, wie etwa die Kontrolleure in Freiburg, denen es fast die Sprache verschlug: In getesteten Kinderschuhen waren die gemessenen Verunreinigungen teils elfmal so hoch wie erlaubt. 6 der 23 untersuchten Schuhe landeten auf der Rapex-Liste, dem europäischen Schnellwarnsystem für Verbraucherprodukte.
Seit April sind dort auch vier Paar High Heels von Zalando zu finden - aus eigenen Kollektionen, die eigentlich durch "feine Materialien und beste Verarbeitungstechniken" glänzen sollten und die sogar Germany's next Topmodels an den Füßen hatten. Die Chrombelastung der Schuhe mit den schönen Namen "Pier One", "Zign" oder "Zalando Collection": bis zu 13-fach über dem Grenzwert. 1500 Paar musste der Onlinehändler deshalb zurückrufen. Zalando tat das als "vorsorgliche" Maßnahme ab und ließ sich von einer Beratungsfirma bestätigen, dass ein allergenes Risiko für die Träger "ausgeschlossen" sei.
Eine Einschätzung, die in krassem Widerspruch zur Warnung des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) steht. Dort wird nicht nur vor Allergien gewarnt. Chrom VI sei zudem erbgutverändernd und krebserregend.
Auch in der Branche selbst zweifelt man längst an dem vermeintlichen Naturprodukt. "Leder", sagt der Geschäftsführer eines der größten deutschen Schuh-Filialisten, "ist inzwischen ein fast unkalkulierbares Risiko."
Denn Chrom VI kommt längst nicht nur in Billiglohnländern wie Bangladesch vor, wo Arbeiter teils barfüßig durch verunreinigte Gerbstoffe waten. Immer häufiger stammt das kontaminierte Leder aus den Gerberzentren in Spanien oder Italien. Oft entstehe Chrom VI, wenn chemische Grundkenntnisse außer Acht gelassen würden, sagt Domenico Castiello, Direktor des Polytechnikums für Gerberei in Pisa.
Hauptzutat des Gerbens ist das unbedenkliche Chrom-III-Sulfat, das kiloweise und meist im Überfluss in die Trommeln geschüttet werde, so Castiello. Der Trägerstoff sorgt dafür, dass die Eiweißfasern der Lederhaut miteinander vernetzt werden, was sie unverderblich und elastisch macht. "Wird die Gerberbrühe aber durch den Zusatz von Ölen zu fett, durch die Zugabe von Bleichmitteln zu alkalisch, oder wird das Leder zu großer Hitze ausgesetzt, dann entsteht Chrom VI."
Um vor derart gefährlichen Produkten zu warnen, wurde die Rapex-Liste ins Leben gerufen. Jeder Bürger kann sich damit über Gefahrenprodukte informieren. Die Schnellwarnliste sollte ein zentraler Bestandteil des europäischen Verbraucherschutzes werden.
"Schnell" aber ist Definitionssache: Im Fall der belasteten Zalando-Schuhe verging ein halbes Jahr zwischen der Probennahme in Berlin und der Warnung im April. Schon lange monieren Kritiker, das System diene weniger dem Verbraucher als vielmehr den Firmen. Bis gewarnt wird, sind die Waren meist verkauft. Sehr weh tut die Nennung auf der weithin unbekannten Liste also kaum.
Hinzu kommt: Wem giftige Produktion vorgeworfen wird, der wehrt sich meist mit Gegengutachten. Die deutsche Kindermarke Sterntaler etwa fiel den Behörden bereits mehrfach mit chrombelasteten Krabbelschuhen asiatischer Herkunft auf. Immer wieder versuchte sich Sterntaler mit gegenteiligen TÜV-Gutachten zu retten.
Für solche Zertifikate gibt es inzwischen einen blühenden Markt. Auch Zalando hält diese bereit. Dabei taugen sie kaum als Rückversicherung: Selten ist die Chrombelastung jedes Leders einer Charge gleich, die nachträglichen Messwerte also ohne Aussagekraft. Eher übertünchen sie das Problem mangelhafter Gerbung.
Um Zweifel an seinen Produkten zu zerstreuen, warb Zalando damit, Teile seiner Eigenmarken in Italien und Spanien fertigen zu lassen. Woher aus Italien aber etwa die kontaminierten Schuhe der Eigenmarke "Pier One" kommen, ist für den Verbraucher über die Rapex-Liste nicht zu ermitteln.
Die Spur führt in die Toskana, in die Nähe der Stadt Lucca, bis heute ein Zentrum der italienischen Schuhproduktion. In der unscheinbaren grauen Zentrale der Firma Lenci empfängt Direktor Gian Paolo Matteucci - und stellt gleich klar: "Wir müssen uns nicht verteidigen." Matteucci wie sein deutscher Kollege Dirk Wittmann sagen: "Für uns existiert dieses Problem nicht." In ihrem System sei es unmöglich, dass es zu Kontaminationen komme. Warum dennoch hohe Chrombelastungen in ihren Schuhen gefunden wurden, ist ihnen unerklärlich. Sie legen Gegengutachten auf den Tisch.
Der 1940 gegründete Betrieb, der 2,5 Millionen Paar Schuhe pro Jahr produziert, gehört seit 2007 zum Li & Fung-Konzern aus Hongkong. Der gilt nicht nur als größtes Handelshaus der Welt, sondern auch als Beschaffer mit ruppigem Ruf, gnadenlos, wenn es um Preise geht.
Die Lenci-Leute sprechen mit geradezu serviler Hochachtung von Li & Fung. Matteucci sagt allen Ernstes: "Die Chinesen haben uns beigebracht, alle Regeln einzuhalten."
Allerdings ist Lenci nicht zum ersten Mal aufgefallen. Zwei Jahre zuvor, berichten die Manager selbst, habe es in der Schweiz Probleme wegen Chrom-VI-Funden in Schuhen gegeben. "Hysterie", wie Matteucci befindet. Auch für diese Fälle habe er Tests, die die Firma entlasten.
Dazu kommt: Die kontaminierten "Pier One"-Schuhe stammen gar nicht aus Italien, wie von Zalando behauptet. Gefertigt wurden sie in Mazedonien, wo Lenci sie in Auftrag gegeben hatte. Wo das Leder der Pumps herkommt, will man allerdings weder bei Zalando noch bei Lenci sagen. Nur, dass es mit Sicherheit bei Alba gegerbt worden sei, einem 1973 gegründeten Betrieb in Ponte a Cappiano im toskanischen Gerberzentrum am Arno-Fluss.
Bei dem Betrieb herrscht an diesem Frühsommertag etwas Anspannung: Emissäre des deutschen Unternehmens Gabor sind im Haus. Etwas später, in einem engen Besprechungsraum, jonglieren die Gerberei-Manager mit Iso-Zertifizierungen, Testverfahren und Grenzwerten. Bis der Technikchef Angelo Grossi plötzlich zugibt: "Wir haben auch noch nicht verstanden, wie sich Chrom VI bildet."
Warum sein Chef trotzdem behauptet, "noch nie" Probleme mit dem Schwermetall gehabt zu haben, ist nicht nur rätselhaft - es stimmt offenbar auch nicht: Grossi berichtet von einem deutschen Kunden, der vor einiger Zeit zu hohe Chromwerte reklamiert habe. Zwar hätte die Gegenprobe nur vier oder fünf Milligramm Chrom VI ergeben. Doch auch dieser Wert verfehlt die deutschen Grenzwerte, die von 2015 an in der gesamten EU gelten.
Den Fragen zum Material für den Zalando-Schuh aber weichen auch die Alba-Manager aus. Das Leder stamme wohl, wie die meisten Häute, aus Asien. Tests des rotbraunen Leders auf Chrom gibt es offenbar nicht. Klar wird nur: Am Gerbstoff Chromsulfat scheint man bei Alba nicht zu sparen: In die riesigen Trommeln, die 800 Kilo Leder fassen, kämen in der ersten und zweiten Gerbung zehn Prozent Chromsulfat, also 80 Kilo - eine riskante Menge. Das sei mehr als doppelt so viel wie in Deutschland üblich, so der Deutsche Lederverband.
Und es zeigt ein grundsätzliches Problem: Unter welchen Bedingungen und mit welchen Materialien ihre Schuhe produziert werden, scheint die großen Handelsketten nicht zu interessieren. Viele Hersteller, kritisiert Lederexperte Castiello, hätten ihre Lieferkette nicht im Auge.
Bei Zalando aber scheint man sie gänzlich aus dem Blick verloren zu haben.
Bei der Firma Top Mania in Elche etwa ist nie ein Zalando-Vertreter gesehen worden. Elche ist ein Vorort der spanischen Hafenstadt Alicante, in dem sich gesichtslose Lagerhallen aneinanderreihen. Von hier sollen die Schuhe der exklusiven "Zalando Collection" kommen, die zehnfach über dem Chromgrenzwert lagen. Um diese Kollektion hat Zalando viel Wind gemacht: Ein Inhouse-Designteam habe sie entworfen, hieß es. In Presseberichten war zu lesen, produziert werde ausschließlich in Europa.
Den Kontakt zwischen dem deutschen Onlinehaus und den Spaniern fädelte ein Agent ein, die Warenwege sind verschlungen. Top-Mania-Manager Miguel Esteve berichtet von einem Zwischenhändler, bei dem er Leder kaufe. Der wiederum werde aus Asien beliefert. Stichprobentests würden auf halbem Weg in der Türkei gemacht, das sei billiger. "Zusammengesetzt wird der Schuh dann bei uns", sagt Esteve. Tatsächlich frickelt ein Dutzend Arbeiter im Erdgeschoss an Schuh-Rohlingen, die über ein altes Fließband laufen. Nach außen hin wirkt die überdimensionierte Glasfassade der Firma fast wie eine Konzernzentrale.
"Der Schein von Elche trügt", sagt dagegen der Gewerkschafter Martín Carpena. Aus dem einst bedeutenden Produktionsort sei heute ein Durchgangslager geworden, wo Waren aus China umverpackt werden. Für ein "Made in Spain"-Label würden mitunter nur noch Schnürbänder in fertige Schuhe gezogen - von Tagelöhnern, die 30 Euro am Tag bekommen.
Bei ihm sei mit den Arbeitskräften alles in Ordnung und geprüft, sagt Esteve ungefragt. Mit dem Material habe er schon eher Probleme. Manchmal müsse er belastetes Leder zurückgehen lassen. "Mitunter oxidiert eine Lieferung schon, wenn ich die hier zwei Stunden in der Sonne stehen lasse, dann habe ich Chrom VI drin."
Bereits vor dem Chromfund, so ein Zalando-Sprecher, habe man die Verbindung zu Top Mania gekappt.
Chrom VI, das Gift in der Lieferkette, hat nicht nur in Spanien Spuren hinterlassen. Auch Markus Jacob aus dem oberfränkischen Rehau hat es erwischt. Seine kleine Babymoden-Manufaktur gibt es seit 52 Jahren, doch Ende März bekam Jacob ernsthaft Angst, sie dichtmachen und seine acht Angestellten entlassen zu müssen.
Ein Mitarbeiter des Gesundheitsamtes Hof stand damals vor seiner Tür. In einem untersuchten Paar seiner Schuhe stecke viel zu viel Chrom VI, erklärte der Herr.
Das ist der Super-GAU, dachte Jacob. Ausgerechnet seinen Bestseller hatte es erwischt, einen Krabbelschuh, den er an eine Drogeriekette lieferte. Und schuld sollte er auch noch sein. Sein deutscher Lieferant sprach von "falscher Lagerung". Doch in seinem Lager ist es dunkel, kühl und belüftet. Der Lieferant dagegen bezog die Ware von einer stickigen Hinterhofgerberei im norditalienischen Gerberzentrum Arzignano.
Noch wird gestritten, wer für den Schaden aufkommen muss. Jacob überlegte erst, auf pflanzlich gegerbtes Leder umzusteigen. Rhabarber gilt als guter Gerbstoff oder Olivenblätter. Mit denen lässt etwa BMW die Leder seines Elektroautos i3 gerben. "Fünf bis sechs Euro mehr hätten die Schuhe gekostet", sagt Jacob. Seinen Kunden war das zu viel. Jacob schließlich auch: Er hat Leder jetzt ganz aus dem Programm genommen.
Von Nils Klawitter

DER SPIEGEL 29/2014
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