21.07.2014

Ex-Bundespräsident„Diese Häme bringt uns um“

Christian Wulff legt nach. Bei sich selbst erkennt er Fehler, viel härter geht er aber mit Politik, Justiz und den deutschen Medien ins Gericht, auch mit dem SPIEGEL. In seinem Sturz sieht er eine Gefahr für die Demokratie. Ein Streitgespräch.
Keine innenpolitische Affäre hat die Deutschen in der jüngeren Vergangenheit so beschäftigt wie der Fall von Christian Wulff. Auch zweieinhalb Jahre nach seinem erzwungenen Rücktritt vom Amt des Bundespräsidenten ist der Name dieses Politikers geeignet, eine Diskussion auszulösen. Sein Buch "Ganz oben Ganz unten" hält sich seit Erscheinen auf den ersten Plätzen der Bestsellerlisten.
Neben den eigentlichen Vorwürfen, die Wulff, 55, schließlich das Amt kosteten, ging es von Anfang an auch um die Rolle der Presse, die ihn mit Recherchen zu seinem privaten Finanzverhalten in Schwierigkeiten brachte. Da diese Debatte ebenfalls über die Medien ausgetragen wurde, stellte sich für viele Beobachter die Frage nach der Unparteilichkeit der sogenannten vierten Gewalt: Wie unvoreingenommen können Journalisten noch berichten, wenn ihr eigenes Verhalten infrage gestellt wird?
Was die Vergünstigungen anging, die Wulff zum Vorwurf gemacht wurden, waren sich die Bürger schnell einig. Eine Mehrheit fand, dass sie zusammen genommen einen Rücktritt rechtfertigten. Trotzdem waren viele in der Beurteilung des Falls unsicher, weil sie die Einhelligkeit in der medialen Bewertung störte. Normalerweise ist die journalistische Welt bei politischen Affären gespalten: Während ein Teil der Presse dem in die Schlagzeilen Geratenen mit Enthüllungen zusetzt, sucht ein anderer Teil nach Argumenten, die zugunsten des Bedrängten sprechen. So entsteht ein Bild der Ausgewogenheit. Im Fall Wulff hingegen verfestigte sich der Eindruck, die gesamte Presse habe sich gegen einen Politiker verschworen.
Wulff ist bis heute überzeugt, dass er einem Kartell zum Opfer gefallen ist. "Ich war einigen mächtigen Medienschaffenden zu unbequem geworden", sagt er dazu in dem Gespräch, das der SPIEGEL mit ihm in Berlin führte und in dem er erstmals zu dem gesamten Verlauf der Affäre Stellung nimmt. Der SPIEGEL hat mit seinen Recherchen zum Sturz des Bundespräsidenten beigetragen, er zählt für Wulff zu den Hauptschuldigen an seinem Untergang. Das Recht von Journalisten ist es, Fragen zu stellen - dass sie sich selber Fragen ausgesetzt sehen, kommt seltener vor. In diesem Fall ist ein SPIEGEL-Gespräch auch ein Gespräch über die Rolle des SPIEGEL geworden. Weil Wulff seine Vorwürfe direkt gegen die ihn Befragenden richtet, bleibt die Kritik natürlich nicht unwidersprochen. Herausgekommen ist ein Streitgespräch über die Verantwortung der Presse, die Politisierung von Justiz und die Weltsicht eines Mannes, der sich vornehmlich als Opfer empfindet.
SPIEGEL: Herr Wulff, Ihr Freispruch vor dem Landgericht Hannover ist nun seit gut fünf Wochen rechtskräftig. Wie fühlen Sie sich?
Wulff: Erleichtert. Entscheidend war für mich allerdings der Freispruch durch das Gericht, nicht der Verzicht der Staatsanwaltschaft auf eine Revision. Nach dem Freispruch im Februar habe ich mein Leben ein Stück weit zurückerobert. Die Veröffentlichung meines Buchs ist für mich der entscheidende Schritt auf diesem Weg.
SPIEGEL: Ist das Ende des Prozesses ein Schlusspunkt? Kann das überhaupt sein?
Wulff: Nein, ganz wird das nicht gelingen. Aber ich bin desto gelassener, je mehr mein Buch eine Debatte anstößt, welche Lehren aus meinem Fall zu ziehen sind. Es würde helfen, wenn Politik, Medien und Justiz nachhaltig darüber nachdenken, was schiefläuft.
SPIEGEL: Was kann die Politik aus Ihrem Fall lernen?
Wulff: Zunächst: Ein Bundespräsident braucht die Unterstützung der politischen Lager, weil er heute auch im politischen Meinungskampf steht. Früher war das an-
ders, da sah man es eher als Schwäche an, wenn sich Politiker hinter den Präsidenten stellten. Heute gilt das nicht mehr. Und dann sollten sich Politiker auch nicht mehr generell hinter der Formel von der Unabhängigkeit der Justiz verstecken dürfen. Wenn der Ermittlungseifer von Staatsanwälten jedes Maß der Verhältnismäßigkeit sprengt, muss die Politik sich zu Wort melden. Es reicht nicht, wenn man erst hinterher, nach einem rechtskräftigen Urteil, den Mut zur Äußerung findet.
SPIEGEL: Bei der Vorstellung Ihres Buchs sagten Sie, Sie wären auch heute noch der richtige Präsident. Wie kommen Sie darauf?
Wulff: Diese Konjunktivfrage hätte ich besser nicht beantwortet. Unter den damaligen Umständen war der Rücktritt natürlich unausweichlich. Ich bin dennoch der Überzeugung, dass ich mein Amt gut ausgeübt habe, Zukunftsthemen gesetzt habe wie den Zusammenhalt unserer Gesellschaft unter besonderer Berücksichtigung von Zuwanderern. Ich finde auch nach wie vor, dass es dem Amt des Bundespräsidenten guttut, wenn man diese Aufgabe einem Vertreter der mittleren Generation zutraut.
SPIEGEL: Sie sind zurückgetreten, als die Staatsanwaltschaft Hannover die Aufhebung Ihrer Immunität beantragt hat. Glauben Sie, dass Sie ohne diesen Antrag noch im Amt wären?
Wulff: Der Antrag auf Aufhebung der Immunität war der Grund für meinen Rücktritt, und dieser Grund ist entfallen, die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen haben keinen einzigen Verdacht bestätigt. Der Antrag hätte aber schon deshalb nicht erfolgen dürfen, weil er auf einer konstruierten Geschichte der Bild-Zeitung beruhte, was ein Gericht auch so festgestellt hat. Nach dem Freispruch hieß es dann: Na ja, rechtlich mag das alles in Ordnung sein - aber moralisch! Das erinnert mich an eine Jagdgesellschaft, die ein nicht zum Abschuss freigegebenes Tier erlegt und anschließend sagt: War trotzdem richtig, das Tier hatte sicher Tollwut.
SPIEGEL: Sie haben den Landtag in der Frage Ihres Hauskredits hinters Licht geführt, dazu kamen Gratisurlaube, die Nachricht auf der Mailbox des Bild-Chefredakteurs und die unklare Beziehung zu dem Filmmanager David Groenewold - waren diese Grenzüberschreitungen in der Summe nicht Grund genug für den Rücktritt?
Wulff: Eindeutig nein. Diese Formulierung "in der Summe" kann ich inzwischen nicht mehr hören. Journalisten haben mir Hunderte Fragen gestellt, teilweise völlig absurde Fragen, und ich habe sie allesamt beantwortet. Die Staatsanwaltschaft hat Hunderte Vorwürfe geprüft, kein einziger hielt stand. Und dann sagen Sie: "aber in der Summe!" Mir kommt es so vor, als ob viele dieser Fragen gar keinen anderen Sinn hatten als den, mich ins Zwielicht zu rücken. "Wulff dementiert" hieß so viel wie: "Es wird schon was dran sein."
SPIEGEL: Wenn Sie die Maßstäbe an sich anlegen, die Sie früher an andere angelegt haben, zum Beispiel an den ehemaligen niedersächsischen Ministerpräsidenten Gerhard Glogowski, dann müssten Sie zu einem anderen Ergebnis kommen.
Wulff: Ich habe eingeräumt, dass manche scharfen Einlassungen aus meiner Zeit als niedersächsischer Oppositionsführer ein Fehler waren. Dennoch waren die Gründe, mit denen die Bild-Zeitung und andere mich zum Rücktritt gezwungen haben, andere als die vorgeschobenen.
SPIEGEL: Welche?
Wulff: Ich war eine Provokation. Ich war einigen mächtigen Medienschaffenden zu unbequem geworden. Den einen war meine Einlassung - auf dem Höhepunkt der Sarrazin-Debatte -, dass der Islam inzwischen zu Deutschland gehört, ein Ärgernis. Andere verübelten mir meine Kritik an den Banken, wieder andere empörten sich über meine Kritik an der katholischen Kirche. Da kam eins zum anderen, und an einem bestimmten Punkt entstand der Eindruck, Wulff ist von Springer zum Abschuss freigegeben. Da wollten viele schlicht nicht abseitsstehen.
SPIEGEL: Ihr Satz über den Islam ist in manchen Medien kritisiert worden. Aber die Recherchen des SPIEGEL und anderer Medien zu dem Kredit für Ihren Hauskauf hatten deutlich früher begonnen. Zudem waren Sie es, der mit seiner zumindest unvollständigen Antwort vor dem niedersächsischen Landtag den Anlass für die Berichterstattung geliefert hat. Sie haben den Landtag und später die Öffentlichkeit über den wahren Kreditgeber getäuscht.
Wulff: Ich habe die Anfrage im Landtag korrekt beantwortet. Es ist nicht üblich, dass ein Regierungschef auf Fragen der Opposition über das Gefragte hinaus antwortet. Mit Egon Geerkens hatte ich keine geschäftlichen Beziehungen, daher war meine Antwort korrekt. Trotzdem wäre es besser gewesen, dem Landtag darüber Auskunft zu geben, dass uns Frau Geerkens einen Privatkredit gewährt hatte. Dies hatte ich im Dezember 2011 sofort als Fehler eingeräumt, als mir eine falsche Antwort vorgehalten wurde. Es sind aber engste Freunde von mir seit Jahrzehnten, wie Verwandte.
SPIEGEL: Bleiben wir noch einen Moment beim Hauskredit. Es gab die Vermutung, dass Ihr Freund, der Unternehmer Carsten Maschmeyer, der Kreditgeber war. Aus diesem Grund hat der SPIEGEL vor Gericht durchgesetzt, die Grundbuchauszüge Ihres Hauses einsehen zu dürfen. Sie können doch nicht so tun, als wäre es unbotmäßig zu recherchieren?
Wulff: Wer ist denn dem Gerücht, ich hätte das Geld von Carsten Maschmeyer bekommen, hinterhergelaufen? Die Medien, und allen voran der SPIEGEL. Es war völliger Quatsch. Trotzdem haben Sie monatelang recherchiert und sind bis nach Karlsruhe gezogen, ohne mich bis dahin überhaupt einmal mit der Frage zu unserer Hausfinanzierung zu konfrontieren. Ich halte es für überaus bedenklich, dass mit der Begründung, es bestehe der Verdacht auf Korruption, mal eben in Grundbuchakten hineingeklagt werden kann.
SPIEGEL: Genau das lässt die Rechtsprechung des Bundesverfassungsgerichts aber bei berechtigtem Interesse zu, übrigens nicht nur, wenn Journalisten anfragen. Auch wenn es Ihnen schwerfällt: Versetzen Sie sich doch einmal in die Perspektive eines Journalisten. Als Sie nach der Enthüllung über Ihren Hauskredit einräumten, es sei ein Fehler gewesen, nicht gleich den Landtag über den wahren Kreditgeber informiert zu haben, rief das natürlich den Verdacht hervor: Warum sagt er das erst jetzt? Muss da nicht mehr sein? Hier nachzufragen ist die Pflicht der Presse.
Wulff: Ich war der Meinung, dass ein Privatkredit von Freunden meine Privatsache ist. Das geht niemanden etwas an! Die Staatsanwaltschaft hat später ausdrücklich festgestellt, dass ich mir das Geld sogar hätte schenken lassen können. Über die Kreditgeberin habe ich selbst die Presse informiert. Es wurde nicht etwa von Medien herausgefunden. Ich wollte bis dahin das Privatleben von Freunden schützen.
SPIEGEL: Mit Verlaub, Herr Wulff. Erst nach vielfacher Nachfrage haben Sie den Namen der Kreditgeberin genannt. Wäre es nicht klüger gewesen, gleich zu Beginn der Krise die brennende Lunte abzuschneiden? Warum haben Sie sich nicht hingestellt, reinen Tisch gemacht und gesagt: "Liebe Mitbürger, ich war zur Zeit meines Hauskaufs in einer schwierigen Lage. Ich hatte eine teure Scheidung hinter mir, wollte mit meiner neuen Familie ein neues Leben anfangen und habe mir dafür Geld geliehen"? Das ist eine Situation, wie sie Hunderttausende andere Männer auch kennen. Stattdessen haben Sie drum herumgeredet.
Wulff: Sie müssen die zeitliche Abfolge beachten. Als ich von meiner Reise in die Golfstaaten zurückkam, waren die Berichte über meinen Kredit bereits erschienen. Die Presse hatte durchgeladen. Meine Biografie, meine Herkunft, Erlebnisse mit meiner kranken Mutter, alles, was seit meiner Kandidatur im Juni 2010 an Niederträchtigkeiten publiziert worden war, kam jetzt wieder auf den Tisch. In dieses Zerrbild meines Charakters passte der Hauskredit wie maßgeschneidert. In diesem Umfeld hätte ich für die von Ihnen vorgeschlagene Vorwärtsstrategie kein Verständnis erwarten können. Daraus hätten mir Journalisten den letzten Strick gedreht.
SPIEGEL: Sie hätten den Menschen eine Erklärung, ein Narrativ, geliefert, anstatt sich immer neu in Widersprüche zu verwickeln.
Wulff: Ich verstehe Ihren Punkt, aber er hätte nicht zum Erfolg geführt. Bestimmte Medien hätten mich trotzdem abgeschossen, auch der SPIEGEL. Es ist ja nicht so, wie Sie es darstellen, dass eins zum andern kam und am Ende "die Summe" den Ausschlag gab. Es ist andersherum. Einige Leitmedien hatten bereits während meiner Kandidatur und dann in den ersten hundert Tagen meiner Amtsführung eine Schablone für mich entworfen, in die alles hineingepackt wurde, was man nur finden konnte. Ich würde mir meine Brötchen eigens aus Hannover kommen lassen und solche Geschichten. Dann kam meine Bremer Rede mit dem Satz, der Islam gehöre inzwischen auch zu Deutschland. Dass ich dafür von Bild und FAZ getadelt werde, war zu erwarten. Aber beim SPIEGEL? Kein positives Wort. Stattdessen ist auch der SPIEGEL in Hannover rumgelaufen und hat einer angeblichen Rotlichtvergangenheit meiner Frau hinterherrecherchiert.
SPIEGEL: Über die angebliche Rotlichtvergangenheit Ihrer Frau finden Sie im SPIEGEL kein Wort. Solche Gerüchte beflügelten eher die Fantasie Ihrer Parteifreunde in Niedersachsen ...
Wulff: Schön, das auch einmal aus Ihrem Munde zu hören. Bisher haben Journalisten unter Hinweis auf Quellenschutz ja immer geleugnet, dass es Durchstechereien sowohl aus der Staatskanzlei in Hannover als auch aus den Reihen der niedersächsischen Justiz gab. Leute wie der ehemalige Justizminister Bernd Busemann kommen jetzt in Erklärungsnot, und das ist auch richtig so.
SPIEGEL: Wir haben mit Ihnen in der Vergangenheit nicht über unsere Quellen geredet und tun dies auch jetzt nicht. In Ihrem Buch vertreten Sie die These, dass Bild, FAZ, SPIEGEL und andere koordiniert vorgegangen sind, um Sie aus dem Amt zu schießen. Das ist ein massiver Vorwurf.
Wulff: Ich spreche nicht von koordiniert, von einer Kampagne oder einem Komplott. Aber dass hier eine Art Meinungskartell am Werk war, ist ja nicht erst mir aufgefallen, eine gewisse Parallelität der Berichterstattung war vor meinem Rücktritt offensichtlich. Das hat nichts mit einer Verschwörungstheorie zu tun. Bislang ist das Fazit, das ich aus unserem Gespräch ziehe: Er hat sich bei einem Hauskredit mit der Antwort im Landtag verheddert, deshalb musste er zurücktreten. War das wirklich alles? Die Menschen fragen sich doch, warum haben die Medien diesen Mann drei Monate als Bösewicht präsentiert, wenn am Ende nichts blieb? Diese Frage sollten Sie sich stellen.
SPIEGEL: Ist die allgemeine Wahrnehmung der Bürger nicht eine ganz andere? Die Menschen sagen: Gut, dass Wulff freigesprochen wurde, wenn an den strafrechtlichen Vorwürfen nichts dran ist. Sie sagen aber auch: Gut, dass Wulff nicht mehr Bundespräsident ist, denn wir wollen keinen Schnäppchenjäger als Staatsoberhaupt.
Wulff: Diese Position vertreten in der Tat Bürgerinnen und Bürger. Und deswegen wiederhole ich: Das Klischee vom Schnäppchenjäger haben Sie und Ihre Journalistenkollegen doch gleich am Anfang meiner Amtszeit erfunden. Natürlich war mein Ferienaufenthalt im Haus von Carsten Maschmeyer eine Steilvorlage für die Presse. Dass ich den Aufenthalt ordentlich bezahlt hatte, spielte hinterher keine Rolle mehr; mir fehlte hier das Fingerspitzengefühl, das räume ich erneut ein. Aber dass der SPIEGEL und andere dann spekulierten, Maschmeyer habe mir womöglich auch den Hauskauf finanziert, das war dann reine Fantasie. Es hätte so schön in das Bild gepasst, das Sie der Öffentlichkeit von mir vermittelten. Es ist mir wichtig, dass die Leser jetzt mit meinem Buch auch meine Sicht der Abläufe kennenlernen.
SPIEGEL: Was wir an Ihrer Argumentation problematisch finden, ist, dass Sie nicht zwischen Häme und Übertreibungen, die es ohne Zweifel gegeben hat, und sachlichem investigativem Journalismus unterscheiden, den es überwiegend gegeben hat. Sie werden im SPIEGEL nichts vom Bobby-Car finden. Dafür aber viele ausführliche Berichte über die fragwürdigen Umstände Ihres Hauskredits und, um ein weiteres Beispiel zu nennen, eine faire Einschätzung Ihres Anrufs auf der Mailbox von Bild-Chefredakteur Kai Diekmann.
Wulff: Sie beschönigen Ihre Rolle. Ich bin der Letzte, der das nicht versteht. Lesen Sie mal nach, was Sie im Zusammenhang mit meiner Frau über Autos und Glamour geschrieben haben oder über eine Verbindung von VW und der BW-Bank. An den Haaren herbeigezogen. Was hat der sogenannte investigative Journalismus bei mir denn zutage gefördert? Meinen Urlaub im Gästehaus von Carsten Maschmeyer auf Mallorca? Auf der Insel wusste doch jeder, dass ich dort war. Noch einmal: Der Urlaub war ein Fehler. Aber das rechtfertigt doch nicht, was dann passiert ist! Ich halte einige Titelseiten des SPIEGEL für absolute Entgleisungen, zum Beispiel die mit der Zeile "In Amt und Würden" - wo dann "Würde" durchgestrichen war. Ich finde, dafür sollten sich die Verantwortlichen schämen.
SPIEGEL: Der SPIEGEL hatte im Verlauf der Affäre eine klare Haltung. Wir waren angesichts der Summe der Vorwürfe nicht der Meinung, dass Sie den hohen Maßstäben, die an das Amt des Präsidenten anzulegen sind, noch gerecht werden konnten. Diese Haltung hat der Titel zum Ausdruck gebracht. Wenn aus Ihrer Sicht vieles von dem, was in den Wochen vor Ihrem Rücktritt ans Licht kam, an den Haaren herbeigezogen war, warum gibt es dann so wenige erfolgreiche Unterlassungserklärungen gegen die Berichterstattung?
Wulff: Ich hielt es nicht für angebracht, als Bundespräsident vor Gericht zu ziehen. Auch das gehörte doch zur Strategie von Medien: dass ich in meinen Möglichkeiten, mich zu wehren, sehr eingeschränkt war. Wenn wir vor Gericht Erfolg hatten, wie zur erfundenen Geschichte von einem Auto-Leasing, wurde es nicht berichtet.
SPIEGEL: Sie sagen, der Urlaub bei Maschmeyer sei ein Fehler gewesen. Was genau war daran falsch?
Wulff: Ein Bundespräsident sollte Distanz wahren, auch zu befreundeten Unternehmern. Und diese Distanz war bei diesem Urlaub, obwohl ich ihn selbst bezahlt habe, nicht gewahrt. Aber wenn Sie solche Maßstäbe an Politiker so unbarmherzig und rigoros anlegen, dann können Sie sich Politiker künftig im Kloster ausleihen.
SPIEGEL: In Ihrem Buch schreiben Sie, Sie hofften, Sie wären mit der Wahl zum Bundespräsidenten dem Medienzirkus entkommen. Warum eigentlich?
Wulff: Weil man als Bundespräsident eigentlich nicht mehr in der politischen Auseinandersetzung steht. Man ist nicht mehr so sehr auf Interviews angewiesen, um im politischen Wettbewerb zu bestehen. Pressekonferenzen eines Bundespräsidenten verbieten sich bisher auch. Ein Bundespräsident soll sich um Kontakte zum Deutschen Chorverband kümmern, das Ehrenamt anerkennen und den Deutschen Umweltpreis verleihen. Er sollte in der Außenpolitik wirken, und vor allem wirkt er auch im Stillen, unbeobachtet von Kameras und Mikrofonen. Ich dachte, in meinem neuen Amt wäre ich dem politischen Meinungsstreit in großem Maße entzogen. Da habe ich mich gründlich getäuscht.
SPIEGEL: Was hat die Berichterstattung, die Sie in den Wochen vor Ihrem Rücktritt erlebt haben, persönlich mit Ihnen gemacht?
Wulff: Ich habe mich entschieden, davon wenig preiszugeben. In meinem Buch zitiere ich einige besonders niederträchtige Artikel, da fragen sich die Leser selbst: Was hätte das mit mir gemacht?
SPIEGEL: Sie haben sehr viel Gewicht verloren.
Wulff: Ich bin damals regelrecht abgemagert, das war ungesund. Und wenn ich so wenig Einsicht bei Medienschaffenden sehe wie bei Ihnen in diesem Interview, brauche ich wohl noch ein paar zusätzliche Aufbaukurse.
SPIEGEL: Mit Verlaub, Herr Wulff, was haben Sie denn von uns erwartet? Einen Kniefall und eine Entschuldigung?
Wulff: Wer keine Erwartungen hegt, kann auch nicht enttäuscht werden. Im Ernst: Einen Moment des Nachdenkens, des Innehaltens hätte ich mir schon gewünscht. Ich finde einfach, ich habe weniger verbockt und falsch gemacht, als mir an Niederträchtigkeiten begegnet ist. Ein Jahr nach meinem Rücktritt haben wir unser Haus in Großburgwedel verkauft. Die Hannoversche Allgemeine brachte ein großes Foto unseres Hauses mit Kinderfahrrad davor auf Seite 1 und stellte dazu die Frage: "Wer will dieses Haus?" Die ganze Republik lachte über den "kotbraunen Klinkerbau", so wörtlich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen zur besten Sendezeit. Dass in den Redaktionen offenbar niemand fragte, wie fänden wir das, wenn morgen unser Haus, der Rückzugsort der Familie schlechthin, so zur Schau gestellt werden würde - das war und bleibt für mich unbegreiflich. Ich wünsche das niemandem. Von der skandallüsternen medialen Begleitung der Hausdurchsuchung ganz zu schweigen.
SPIEGEL: Hegen Sie Groll gegen Ihren großen Widersacher aus den Tagen vor dem Rücktritt, Kai Diekmann von der Bild?
Wulff: Ob Sie es glauben oder nicht, ich empfinde kaum noch gegen irgendjemanden Groll. Ich habe geschafft, nicht bitter zu sein. Mir geht es nicht um ein Klagelied über erlittenes Unrecht, sondern darum, dass etwas aus meiner Geschichte in der Zukunft für unseren Umgang, die Wahrung der Verhältnismäßigkeit und die Unschuldsvermutung gelernt wird.
SPIEGEL: Was hat Ihnen geholfen?
Wulff: Der Rat vieler Freunde, auch der Glaube. Ich habe in den vergangenen Jahren einen intensiveren Zugang zu meinem Glauben gefunden. Ich habe Fehler gemacht, aber ich habe dafür gebüßt. Andere müssen jetzt erst einmal mit ihren Fehlern leben.
SPIEGEL: Hätten Sie sich nach dem Freispruch ein Wort der Kanzlerin gewünscht?
Wulff: In der Bundespressekonferenz wurde ihr Sprecher gefragt, was Frau Merkel zu der beabsichtigten Einstellung von "Wetten, dass ..?" sagt. Nach meinem Freispruch wurde nicht gefragt. Wo keine Frage ist, kann Frau Merkel auch keine Antwort geben. Nach der Rechtskraft des Freispruchs hat sie mir dann viel Erfolg bei neuen Aufgaben gewünscht.
SPIEGEL: Wie empfanden Sie die Unterstützung der Kanzlerin während der Krise?
Wulff: Auf Angela Merkel konnte ich mich immer verlassen. Sie hat mir das Amt des Bundespräsidenten angeboten, ich habe mich interessiert gezeigt, und es war mutig von ihr, mich dafür vorzuschlagen. Denn sie wusste genau, dass alle sagen würden, das macht sie jetzt nur, um einen Rivalen loszuwerden. Ich beschreibe in meinem Buch auch gerade die Unterstützung während der Krise.
SPIEGEL: Auch von Ihren anderen Parteifreunden war in den Tagen Ihres Rücktritts wenig zu hören. Enttäuscht Sie das?
Wulff: Ich bin im fliegenden Wechsel vom Amt des niedersächsischen Ministerpräsidenten in das Amt des Bundespräsidenten gekommen. Da wechseln die Gegner mit. Ich habe mich dann schnell um Überparteilichkeit bemüht, das hat viele in meiner Partei verstört, die sich mehr Linientreue erwartet hätten. Schon meine Antrittsrede mit den Sätzen über die "Bunte Republik Deutschland" hat manchen in der CDU nicht gefallen.
SPIEGEL: Die CDU war für Sie ja nicht nur ein Netzwerk, um Karriere zu machen, sondern auch emotional eine Heimat, fast schon Ersatz für eine intakte Familie, die Sie nie hatten. Daher noch einmal die Frage: Enttäuscht es Sie nicht, dass Ihnen in den Tagen der Krise so gut wie niemand zu Hilfe kam?
Wulff: Natürlich hätte es mich gefreut, wenn ich zum Beispiel für meine Sätze zum Islam auf der anderen Seite die Zustimmung erhalten hätte, die ich in den eigenen, konservativen Reihen damit verloren habe. Dennoch habe ich mit dem Satz einen Akzent gesetzt, der trotz meiner nur kurzen Amtszeit bleiben wird. In den vergangenen zwei Jahren haben mir viele Zuwanderer in unserem Land ihre Unterstützung und Dankbarkeit zum Ausdruck gebracht. Das entschädigt für vieles.
SPIEGEL: Sie berichten in Ihrem Buch, wie Springer-Chef Mathias Döpfner auf die Wahl Ihres Nachfolgers Joachim Gauck Einfluss genommen habe. Während der entscheidenden Verhandlungsphase habe er den damaligen FDP-Chef Philipp Rösler angerufen und für Gauck geworben.
Wulff: Wenn dauernd über Anrufe von mir berichtet wurde, kann ich doch einmal über einen Anruf von Herrn Döpfner berichten, mit dem er Einfluss genommen hat. Jeder kann seine Rückschlüsse aus diesem Anruf und seiner anschließenden Kommentierung in der Bild ziehen.
SPIEGEL: Wollen Sie sagen, Gauck ist Springers Bundespräsident?
Wulff: Mein Buch ist ein Buch über den enormen Einfluss der Medien auf den politischen Betrieb in Berlin. Zum Verständnis des Ganzen. Die Leser können sich ein eigenes Urteil bilden.
SPIEGEL: Wenn das politische und mediale System so defekt ist, wie Sie es beschreiben - welche Änderungen schlagen Sie vor?
Wulff: Deutschland hat Medien, um die es zu Recht in der ganzen Welt beneidet wird. Wir können durchaus stolz sein auf eine qualitätsvolle Medienlandschaft. Aber die Medien müssen sich immer wieder kritisch hinterfragen, ob sie mit ihrer großen Macht auch verantwortungsvoll und korrekt umgehen. Und die Politik darf sich von einflussreichen Medienmachern nicht in die Enge treiben lassen.
SPIEGEL: Soll es schärfere Regeln geben?
Wulff: Die Regularien des Presserats sollten überdacht werden. Auswüchse könnten strenger geahndet werden im Interesse des Ganzen. Aber im Grunde sollte die Form der freiwilligen Selbstkontrolle genügen. Was früher am Stammtisch blieb, kann heute jeder in Form eines Internetblogs in alle Welt verbreiten. Damit dürfen sich Qualitätsmedien nicht gemeinmachen. Sie müssen unterscheidbar sein.
SPIEGEL: Zu Fall gebracht wurden Sie letztlich aber nicht von Medien, sondern als die Staatsanwaltschaft Hannover die Aufhebung Ihrer Immunität beantragt hatte. Ist es nicht richtig und beruhigend, dass auch die Nummer eins im Staat unter dem Recht steht?
Wulff: Natürlich. Doch das Prinzip der Gleichbehandlung steht im Widerspruch zu dem Exzess, den es in meinem Fall gegeben hat. Es verging keine Woche, in der nicht Dokumente aus meinem Verfahren an die Presse durchgestochen wurden. Warum wurde da wegen Geheimnisverrats gegen die Justiz nicht genauso engagiert ermittelt wie gegen mich wegen des Verdachts der Vorteilsannahme bei einem Oktoberfest? Der Ruf nach gesetzlichen Änderungen bringt aber wenig. Die Staatsanwaltschaft Hannover hat am Anfang eine politisch motivierte falsche Entscheidung getroffen und dann doch offenkundig gesagt: Jetzt haben wir den Präsidenten gestürzt, jetzt muss bei den Ermittlungen auch etwas herauskommen. Dieser Motivation können Sie mit schärferen Gesetzen nicht beikommen. Da braucht es Maß und Mitte, gesunden Menschenverstand.
SPIEGEL: Konkret werfen Sie dem damaligen niedersächsischen Justizminister Busemann, einem alten Gegner, vor, auf die Staatsanwaltschaft Druck ausgeübt zu haben. Erwägen Sie, rechtlich gegen ihn vorzugehen?
Wulff: Eine Prüfung durch angesehene Juristen hat klar ergeben, dass ich mit einer Klage auf Staatshaftung des Landes Niedersachsen große Aussicht auf Erfolg hätte. Ich könnte Hunderttausende Euro Anwaltskosten als Schadensersatz vom Land Niedersachsen einklagen. Es ging ja um Sachverhalte, die in meine Zeit als niedersächsischer Ministerpräsident fallen. Eigentlich will ich von dieser Art der Auseinandersetzung aber Abstand nehmen. Es wird hoffentlich eine angemessene Anerkennung von Kosten der Verteidigung geben, wenn auf der anderen Seite 14 Monate lang 24 Ermittler tätig sind.
SPIEGEL: Wir versuchen einmal ein kleines Fazit: Wir brauchen kein neues Mediensystem, aber mehr kritische Selbstkontrolle und kritische Bürger. Wir brauchen keine neuen rechtlichen Rahmenbedingungen für die Staatsanwaltschaft und auch keine institutionellen Veränderungen am Amt des Bundespräsidenten. Woran hapert es dann Ihrer Meinung nach?
Wulff: Was ich beklage, ist die Verrohung des Diskurses, diese ganze Häme, mit Diffamierung und Denunziationen. Die Unverhältnismäßigkeit in meinem Fall. Das darf sich in Deutschland nie wiederholen. Ich habe während meiner Kandidatur in einem Interview gesagt, mein Lieblingsbuch sei "Der kleine Prinz". Da haben sich die Feuilletonredakteure der FAZ auf die Schenkel geklopft: der Wulff, dieser Typ aus der Provinz, der sich in das Amt des Staatsoberhaupts verirrt, und der kleine Prinz! Was ist das für eine Arroganz! Niemand scheint auch nur einen Gedanken daran zu verschwenden, was solche Artikel in der Seele des Betreffenden anrichten. Heute werden mehr als Stichworte zur Familie, zur Kleidung, zur Herkunft, zum Charakter geliefert: Andere fertigmachen und sich daran erfreuen - diese Häme bringt uns um. Sie zerstört die Motivation für gesellschaftliches Engagement und nagt an unserem Gemeinwohl.
SPIEGEL: Ist es nicht eher so, dass klassische Medien zurückhaltend sind, im Vergleich zu dem, was im Netz los ist?
Wulff: Ja, vieles, was gestern aus gutem Grund am Stammtisch verblieb, geht heute in Echtzeit in die ganze Welt. Am besten erklärt es ein Beispiel: Ein Gymnasium in Nordrhein-Westfalen hatte ein tolles Projekt. Sie haben die Ideen für die Abiturfeier ins Internet gestellt, damit jeder transparent darüber diskutieren konnte. Was ist passiert? Die Kommentare der eigenen Mitschüler waren vernichtend, vom Musikprogramm über den Ort bis zum Ablauf - im Internet konnte sich jeder darüber anonym auskotzen, ohne irgendwie Verantwortung für die Feier zu übernehmen. Da brach ein Mädchen, das im Organisationskomitee war, in Tränen aus und sagte: Warum soll ich mich da noch engagieren?
SPIEGEL: Ist es nicht übertrieben, wenn Sie Ihren Fall zu einer Überlebensfrage für die Demokratie stilisieren?
Wulff: Das tue ich nicht, aber mein Fall ist kein Einzelfall. Zwar war die Fallhöhe bei mir besonders groß. Aber die Art und Weise, wie der Großteil der Presse beim Jahreswechsel 2011/2012 über mich berichtete, können Sie heute überall beobachten. Keiner will zu spät kommen mit einer neuen Enthüllung, jeder setzt noch eins drauf. Je mehr vermeintliche Ungereimtheiten, desto besser. Ganz schnell geht es nicht um die Frage, was an den Vorwürfen dran ist und ob der Betreffende eventuell zurücktreten muss, sondern nur noch darum, wer ihm den letzten Stoß versetzt. Das längst gefällte Urteil wird schlicht vollstreckt.
SPIEGEL: Würden Sie Ihrer Tochter zureden, wenn sie Politikerin werden wollte?
Wulff: Bis zum November 2011 hätte ich ihr dazu geraten, jetzt hätte ich bei ihr wohl kaum eine Chance durchzudringen. Und das auch unabhängig von meinem Fall. Für mein Buch habe ich ein Foto ausgewählt vom Tag meiner Wahl. Das ist gerade mal vier Jahre her. Auf einem der Fotos sah man Karl-Theodor zu Guttenberg, Norbert Röttgen und Annette Schavan, auf einem anderen saßen Friedrich Merz, Roland Koch und Ronald Pofalla. Die sind alle nicht mehr in der vordersten Linie der Politik. Wer kommt nach? Es wird kaum einer mehr bereit sein, sich auf die Bühne zu stellen, die meisten werden im Zuschauerraum bleiben wollen. Wenn Journalisten die Demokratie offenbar für gottgegeben halten und meinen, sie könnten gnadenlos hämisch ohne ein Mindestmaß an Respekt und Wertschätzung über die Akteure in der Politik herfallen, dann sage ich, das wird nicht gut gehen, die Demokratie wird Schaden nehmen. Deshalb breche ich eine Lanze für die, die in der Politik sind. Sie machen einen schwierigen Job, und auch sie haben unseren Respekt verdient.
SPIEGEL: Sie selbst haben Ihr Privatleben lange Zeit nicht aus den Medien herausgehalten. Ernten Sie nicht, was Sie gesät haben?
Wulff: Was haben Sie von meinem Privatleben wirklich in den Medien gesehen? Mal ein Foto beim Rasensprengen oder eines aus unserer Küche für die Lokalzeitung in Burgwedel. Vielleicht war die Bekanntgabe der Beziehung zu meiner späteren zweiten Frau auch in der Bild-Zeitung ein Fehler. Aber unter dem Strich mache ich mir keine Vorwürfe, ein zu enges Verhältnis zum Boulevard unterhalten zu haben.
SPIEGEL: In Ihrem Buch beschreiben Sie, dass Neid die Berichterstattung über Sie verzerrt habe. Was meinen Sie damit? Glauben Sie das wirklich?
Wulff: Mir war immer bewusst, dass ich als Aufsteiger unter besonderer Beobachtung stand. Ein Aufsteiger im höchsten Staatsamt, noch jung an Jahren, mit einer jungen, attraktiven Frau an seiner Seite, das war für viele an sich schon eine Provokation. Und die Journalisten interessierten sich für jedes Detail unseres Zusammenlebens; ein zwölfjähriges Mädchen in unserem Nachbarhaus fragten sie am Telefon aus, wie denn mein Verhältnis zu meiner Frau sei. Journalisten können gruselig sein.
SPIEGEL: Politiker haben ganz andere Machtmittel. SPIEGEL-Herausgeber Rudolf Augstein musste einst ins Gefängnis, weil Franz Josef Strauß unliebsame Berichterstattung verhindern wollte.
Wulff: Heute haben sich die Kräfteverhältnisse umgekehrt.
SPIEGEL: Das sehen wir anders. Viele Medien haben heute gar nicht mehr die Mittel, um Regierungshandeln sinnvoll zu kontrollieren. Heute gibt es wahrscheinlich mehr Pressesprecher als festangestellte Redakteure in Tageszeitungen.
Wulff: Das Handeln der Regierung zu kontrollieren ist auch Aufgabe des Parlaments und der Justiz, nicht nur der Medien. Und weil Sie ein wichtiges und zwingend notwendiges Kontrollgremium sind, warum betreiben Sie dann immer häufiger die Personalisierung und die Skandalisierung? Warum zielen Sie immer häufiger auf die Person, die Familie, das Private? Manches Inhaltliche ist manchen vielleicht auch zu kompliziert oder sperrig für die Auflage.
SPIEGEL: Sie scheren alle Medien über einen Kamm. Der SPIEGEL und viele andere Medien werden Qualitätsansprüchen gerecht.
Wulff: Genau diese Trennschärfe zwischen seriösen Blättern und Boulevardmedien vermisse ich häufiger. Die seriöse FAZ verortete meine Frau im Milieu von Rockerbanden und Prostituierten - wegen eines Tattoos! Jetzt sei die "Unterwelt" im Schloss Bellevue angekommen, hieß es in dem Artikel. Das war Rufmord. Nach meiner Nominierung zeigte der SPIEGEL auf dem Titelbild Joachim Gauck und schrieb "Der bessere Präsident". Keine 48 Stunden nach meiner Nominierung war Ihr Blatt schon festgelegt!
SPIEGEL: Warum sollte der SPIEGEL nicht in 48 Stunden zwei Personen bewerten, Sie und Gauck, die schon seit Jahrzehnten Gegenstand seiner Berichterstattung waren?
Wulff: Vielleicht hätten Sie unabhängig bleiben können? Jetzt will ich aber auch einmal bilanzieren. Wenn ich Ihnen so zuhöre, dann sagen Sie: Die Medien machen im Großen und Ganzen gute Arbeit, die Justiz auch. Und der Wulff muss mit seinen Problemen selber klarkommen und sehen, wie er mit seinen Erfahrungen fertig wird. Mir geht es um einen öffentlichen Diskurs über die Rolle der Medien im digitalen Zeitalter. Ich hätte mir mehr Einsicht gewünscht. Schade.
SPIEGEL: Herr Wulff, wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
"Das Klischee vom Schnäppchenjäger haben Sie doch gleich am Anfang meiner Amtszeit erfunden."
"Die ganze Republik lachte über den ,kotbraunen Klinkerbau' - so wörtlich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen."
"Ich könnte Hunderttausende Euro Anwaltskosten als Schadensersatz vom Land Niedersachsen einklagen."

"Ich war einigen mächtigen Medienschaffenden zu unbequem geworden."

Das Gespräch führten die Redakteure Wolfgang Büchner, Christiane Hoffmann und Peter Müller in Berlin.
Von Wolfgang Büchner, Christiane Hoffmann und Peter Müller

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