21.07.2014

ReligionDas ewige Licht

Im Ramadan fasten Muslime, bis die Sonne untergeht. Nun, da der im Nahen Osten entstandene Islam alle Winkel der Welt erreicht hat, stellt der Brauch die Gläubigen vor neue Probleme. Ein Besuch im norwegischen Tromsø, im Reich der Mitternachtssonne. Von Dennis Betzholz
Die Möwen kreischen, und der Boss schläft in seinem Wohnmobil, als sich Ahmed Hammadan an dem Verkaufsstand davor ernsthaft fragt: Wer sollte ausgerechnet heute einen norwegischen Pullover kaufen? Es ist einer dieser seltenen warmen Tage in Tromsø, 344 Kilometer nördlich des Polarkreises, an denen die Marktbesucher sich ein Eis kaufen, keine Wollpullover.
Ahmed treibt noch eine weitere, viel drängendere Frage um: Wann wird der Boss endlich wach? Immer wieder schaut er durch die offen stehende Tür in das verwitterte Wohnmobil; der Boss schläft. Ahmed wippt vom einen auf den anderen Fuß. Seine Sätze werden schneller, kürzer. Er will abgelöst werden. In acht Minuten beginnt das Nachmittagsgebet, das Asr, drei Minuten Fußweg sind es bis zur Moschee. Beten ist im Ramadan so wichtig wie das Fasten, eine minutiös vorgeschriebene Pflichtübung; komme, was wolle.
Es ist 15.35 Uhr. In zweieinhalb Stunden geht in Mekka die Sonne unter, in Istanbul in vier Stunden, in Marrakesch in sechs.
Ahmed, 46, Marokkaner, trägt Jogginghose, Sportschuhe und eine Wollmütze, wie sie auch Surfer gern überstülpen. So locker das aussieht, so streng ist er mit sich, wenn er über die Fastenzeit redet. Dann sagt er Sätze wie diesen: "Es muss wehtun, dann ist es gut." Nicht essen, nicht trinken, bis die Sonne untergegangen ist, so geht Ramadan. Das kann manchmal wehtun, für manche Muslime wie Ahmed muss es das auch. Für die in Tromsø lebenden Muslime tat es aber irgendwann zu sehr weh.
Die etwa 900 Gläubigen haben ein Problem, bei dem der Koran sie im Dunkeln lässt. Gefastet wird traditionsgemäß vom Sonnenaufgang, "wenn man einen weißen von einem schwarzen Faden unterscheiden kann" (Sure 2, Vers 187), bis zum Sonnenuntergang. Aber die Sonne geht jetzt hier oben, in der nördlichsten Universitätsstadt der Welt, nicht unter. Gut zwei Monate im Jahr ist es rund um die Uhr taghell. Für Touristen ist die Mitternachtssonne ein Naturphänomen, ein Erlebnis. Für die Muslime aber ist es ein Albtraum, wenn der Ramadan, wie in diesem Jahr, in genau diese Zeit fällt. Ein Albtraum, den der Prophet Mohammed nicht kennen konnte, damals, vor 1400 Jahren, im Nahen Osten.
Es ist ein neues, schwieriges Kapitel in der Geschichte der Weltreligion Islam. Es wirft die Frage auf, ob in einer kapitalistischen, nach den Gesetzen der Ökonomie organisierten Welt das Fasten dieselbe Rolle spielen kann, spielen muss wie im 7. Jahrhundert, als die Religion entstand.
Die Frage beschäftigt Muslime, verunsichert sie auch, seit der Islam sich durch Handel, Krieg, durch moderne Globalisierung in allen Winkeln der Welt verbreitet hat. Seit der Stundenplan der Arbeitsorganisation massiv in Konflikt gerät mit dem Stundenplan der Religion: hier Meetings, Deadlines, Unterrichtsstunden; hier der Mensch als Geschäftsmann, als Schüler. Dort das Fasten, Beten, Fastenbrechen; und der Mensch als gläubiger Muslim.
Hoch im Norden, wie in Norwegen, erleben die Gläubigen den Konflikt am schärfsten. In der norwegischen Hauptstadt Oslo gilt das Fasten für 20 helle Stunden. In Tromsø, nicht weit vom Nordkap, ist es jetzt immer hell.
Dieser Sommer ist der Extremfall, und in der Tromsøer Alnor-Moschee sagt Sandra Maryam Moe, sie hätten nicht geglaubt, dass die Frage so drängend würde.
Als Moe und ihr australischer Mann zum Islam konvertierten, gab es in Norwegen Immigranten, aber noch nicht viele. Lange hatte das Land eher am Rande des Weltgeschehens gelegen; mit der Förderung der Erdöl- und Erdgasvorkommen, seit den Siebzigerjahren, rekrutierte die neue Wirtschaftsnation dann auch Menschen aus dem Maghreb, aus Pakistan, Iran, dem Irak. In Tromsø kannten sich die Muslime unter den 70 000 Einwohnern damals noch alle beim Namen. Es gab nur eine Moschee, und Ramadan war im Winter.
Heute, 17 Jahre später, müssen die Gläubigen eine Sporthalle mieten, um das Fastenbrechen am Ende des Ramadans zu feiern. Heute liegt der Anteil von Menschen mit Migrationshintergrund in Norwegen bei 15 Prozent. Viele Kriegs- und Armutsflüchtlinge aus Asien, Afrika, dem Nahen Osten haben das liberale Skandinavien als Zuflucht gewählt. Es gibt nun eine zweite, größere Moschee, ein Holzhaus mit Flachdach, das früher mal ein Tanzstudio war. Und Ramadan ist im Sommer. Der Mondkalender, an dem sich die weltweit eineinhalb Milliarden Muslime orientieren, ist elf Tage kürzer als der Sonnenkalender. Ramadan beginnt also jedes Jahr etwas früher.
Es ist Vormittag, ein Samstag, die Moschee ist noch menschenleer, als Moe ihr Handy aus der Tasche holt. Eine moderne Muslimin hat keinen Taschenkalender, sie hat eine App, die ihr bei der Einhaltung der Betzeiten hilft. Sie liest vor.
Morgengebet, Fadschr, 4.34 Uhr.
Sonnenaufgang, 5.43 Uhr.
Mittagsgebet, Suhr, 12.25 Uhr.
"Wir haben gut eine Stunde zum Reden", rechnet sie vor. Nicht mehr.
Moe, 49, die ihren Kopf mit einem mintgrünen Kopftuch, einem Hidschab, bedeckt, leitet hauptamtlich die Gemeinde Alnor. Sie ist eine geduldige Frau. Sie weiß, dass es Zeit braucht, um zu verstehen, in welchem Dilemma die Muslime hier stecken, gerade für Nichtmuslime.
Da gibt es, natürlich, die physiologische Sicht: "Niemand sollte 29 Tage lang mehr als 20 Stunden täglich fasten. Ramadan ist nicht nur für die fitten, sondern für alle Muslime gedacht."
Aber da gibt es eben auch die religiöse Sicht: "Wir können, trotz dieser Extremsituation, nicht einfach so unsere eigenen Regeln machen." Sie sagt beides so, als spräche sie über unumstößliche Gesetze.
Im Islam gelte das Urheberprinzip: Wer eine gute Tat vollbringt und diese von anderen nicht nur dankend angenommen, sondern sogar fortgeführt wird, wird am Ende aller Tage doppelt und dreifach dafür belohnt. Mit schlechten Taten ist es genauso. Der Urheber wird bestraft, doppelt und dreifach, falls andere ihm folgen. Davor fürchten sich Moe und die Muslime von Tromsø.
Dann ist es 12.25 Uhr, aus dem Gebetsraum nebenan ertönen die ersten arabischen Worte im Singsang, der Imam betet. "Es ist Zeit", sagt sie und geht. Die Frauen beten in einem Nebenraum. Verbunden sind sie durch eine Aussparung in der Wand. Ein weißer, blickdichter Vorhang hängt davor.
Fast sieben Stunden später lümmelt Ahmed Hammadan neben seinem Boss auf einem Sitzkissen im verwinkelten Aufenthaltsraum der Moschee. Drei Pullover habe er heute verkauft, sagt er, immerhin. Und er kam noch rechtzeitig zum Gebet.
Ihre Moschee, das Alnor Senter, liegt in einer Seitengasse, die nur zur Hälfte asphaltiert ist. Weiße Gardinen verwehren die Sicht hinein, über der Tür hängt ein schlichtes Namensschild. Unscheinbar ist sie, und doch wissen in Tromsø alle, wo die Muslime beten. Muslime nahe dem Nordkap sind auch für die Norweger eine Attraktion.
Doch die Gläubigen bleiben meist unter sich im warmen Licht des Gebetsraums, wo fünf Kronleuchter den kahlen, blassgelb gestrichenen Wänden die Kühle nehmen. Wo beim Freitagsgebet 60, 70 Männer Schulter an Schulter in einen leichten Trancezustand verfallen. Wo man nun abends gemeinsam das Fasten bricht.
Auf den Tischen vor Ahmed Hammadan und den anderen stehen Melonen, Datteln, Reis. Hier essen die Männer, sechs sind es an diesem Samstag, und im Zimmer nebenan die fünf Frauen und die Kinder. Dass sie jetzt essen dürfen, am helllichten Tag, dafür haben sie viel investiert: Zeit, Geld und Nerven.
Als die Nächte im Ramadan mit jedem Jahr immer kürzer wurden und tagsüber der Durst größer, trieb die Ungewissheit die Tromsøer Muslime zu Dr. Abdullah Bin Abd al-Asis al-Muslih. Der saudi-arabische Scheich kennt Nordnorwegen nicht aus eigener Anschauung, aber er ist ein angesehener Religionsgelehrter des Islam, eine muslimische Autorität. In seinem Lebenslauf ist zu lesen, er sei Generaldirektor eines Gremiums, das sich mit wissenschaftlichen Wundern im Koran befasst. Die Wissenschaft mit Wundern zu versöhnen - nicht nur die katholische Kirche hat heutzutage dieses Problem.
Viele Monate lang tauschten Sandra Maryam Moe und der Scheich E-Mails aus, das war vor etwa sechs Jahren. Ist es erlaubt, zu essen und zu trinken, obwohl es draußen noch nicht dunkel ist? Und wenn ja, wann beginnt und endet die Zeit des Fastens, wann sind die Betzeiten? Moe beschrieb ihm detailliert das Dilemma ihrer Gemeinde, der Scheich fragte immer wieder nach. Auch er wollte nicht einfach so Urheber einer neuen Praxis sein.
Dann sprach er schließlich doch eine Fatwa aus: eines jener Gutachten, die nur ein Rechtsgelehrter geben darf. Er erklärte nicht: So ist es. Er ist kein Papst. Eindeutig festlegen mochte auch er sich nicht. Er zitierte verschiedene Koranstellen und gab ihnen drei Optionen: Sie sollten sich entweder nach den Zeiten von Mekka richten; oder nach denen der nächstgelegenen Stadt, in der die Sonne untergeht; oder sie sollten es einfach selbst bestimmen, eine Regelung finden, an die sich jeder hält.
Ein Gutachten, das alle Möglichkeiten offenhielt. Es hätte eine Befreiung sein können für Moe und die anderen Gläubigen, aber so war es nicht. Man kann ja viel falsch machen, als Urheber einer schlechten Tat.
Sandra Maryam Moe bläst die Wangen auf. Die Leute von der Alnor-Moschee mussten, nein, sie wollten sich abstimmen, sie wollten ganz sichergehen, schließlich waren sie diejenigen, nach denen sich andere nun richten würden. Vielleicht in ganz Norwegen, vielleicht in ganz Skandinavien, vielleicht in der ganzen Welt.
Erst verständigten sie sich mit den Muslimen ihres Ortes: viele Marokkaner, nur wenige Konvertiten; die mit Abstand größte Zahl stellen Kriegsflüchtlinge aus Somalia, dem Sudan und Eritrea. Später, in langen Konferenzen und hitzigen Debatten, berieten sie sich mit den anderen rund 20 betroffenen Moscheegemeinden im Norden Norwegens. Die Diskussion dauerte rund drei Jahre, dann einigten sie sich, mit Ausnahme einer kleinen marokkanischen Minderheit: Sie würden der Uhrzeit von Mekka folgen, ihrer Wallfahrtsstätte. Aber zufrieden waren sie nicht. Die Einigung schuf neue Probleme.
Die Muslime von Tromsø müssen heute für 15 Stunden den absoluten Verzicht üben, für ein Land wie Norwegen ist das nicht viel. In Oslo wird weiterhin 20 Stunden lang gefastet. Im Süden des Landes schauen also viele neidisch nach Norden.
Ahmed Hammadan und sein Boss, Mohammed Haddoüme, leben normalerweise in Oslo. Eigentlich ist Haddoüme nicht sein Boss, sie sind Bekannte, aber er nennt ihn so. Vor sechs Tagen sind sie losgefahren. Vorgestern kamen sie an. Gestern erhielt Ahmed von einem Osloer Freund eine SMS: "Wenn du richtig Ramadan machen willst, komm zurück." Es tue in Tromsø nicht genügend weh, das war die Botschaft des Freundes.
Nun sitzt Ahmed also da, um kurz nach 19 Uhr am helllichten Tag, und isst Reis mit Hähnchen. Ihm gegenüber hockt Mansoor Waizy, 37, Afghane, die Beine im Schneidersitz. Er ist Teil des Moscheevorstands, ein Charakterkopf: der schwarze bauschige Vollbart, die Halbglatze dazu, und braune, hellwache Augen. Sie fixieren sein Gegenüber, als er sagt: "Es gibt bereits eine Ramadan-Safari."
Waizy spricht fließend Deutsch. Er hat eine deutsche Frau, Yvonne aus Erfurt, eine Konvertitin. Sie sind seit 14 Jahren verheiratet und haben lange in Köln gelebt. Inzwischen wohnen sie mit ihren Kindern in Tromsø, weil Waizy, ein Pfleger, die Arbeit in deutschen Altenheimen nicht mehr mit seinem Gewissen vereinbaren konnte; "eine humanitäre Katastrophe", sagt er.
Es ist 19.21 Uhr. In Mekka ist vor über einer Stunde die Sonne untergegangen, in Istanbul dauert es noch acht Minuten, in Marrakesch zwei Stunden.
Es gibt verschiedene Gründe, warum Muslime hier oben leben, und noch viele weitere mehr, hier Urlaub zu machen. Die schneebedeckten Berge und die klare Luft. Die Polarlichter, natürlich. Für Angler ist es das Fischaufkommen, für Studenten die skandinavische Weltoffenheit. Safaris, erzählt Waizy, seien hier der Renner, Reisebüros böten großspurig eine Mitternachtssonnen-Safari an. Und nun gebe es eine neue Safari, sagt Waizy, vom Süden in den Norden Norwegens, vom unerträglichen zum ziemlich angenehmen Fasten. Er habe von Leuten gehört, die diesen langen Weg antreten wollten, schließlich seien gerade Sommerferien. Es sei ein Trick. Und ein Trick widerspricht ernsthaft verstandener religiöser Pflicht.
Ahmed Hammadan will sich nicht unterstellen lassen, dass er zu den "Safaristen" gehöre. Er komme aus Marokko, habe dort bei großer Hitze gefastet. In Oslo habe er auch schon mehrere Tage hintereinander 21 Stunden lang verzichtet. Er erzählt davon wie von einer Leistung, so wie ein Bergsteiger von den höchsten Gipfeln seiner Karriere spricht. Dass die hiesige Fastenregelung den Ramadan angenehmer mache, sei purer Zufall, aber er gibt zu: "Ich bin froh, dass ich hier bin."
Mohammed Haddoüme, sein Begleiter, ist 51, doch er sieht älter aus. Er ist unrasiert, die Augen sind müde, die Wangen faltig. Er schläft viel in diesen Tagen. Er kann überzeugend begründen, dass er nicht auf Safari ist: Er ist krank, muss alle zwei Tage an die Dialyse, sein Blut waschen; zudem leidet er unter schwerem Diabetes. Und Kranke sind wie Schwangere vom Ramadan ausgenommen; ebenso wie Menschen, die körperlich hart arbeiten.
Es gibt Ausnahmen, Kompromisse. Dennoch führt die Fastenfrage zu Debatten, in allen Branchen, allen Lebensbereichen, selbst beim Fußball. Das WM-Achtelfinale Algerien gegen Deutschland fiel schon in den Fastenmonat, und in Algerien ist der Islam Staatsreligion. Es kommt dort durchaus vor, dass ein überführter Fastenbrecher für sein Vergehen im Gefängnis landet. Die algerischen Religionsführer waren sich uneins über die Causa WM. Scheich Mohammed Mekerkeb von der Vereinigung der Rechtsgelehrten bewertete die Lage so: "Es ist nicht erlaubt, das Fasten zu brechen. Gott ist mit den Fastenden." Vertreter des Hohen Islamischen Rates hielten eine Ausnahme dagegen für gerechtfertigt. Die algerischen Fußballer schwiegen. Ob sie fasteten, blieb ihr Geheimnis. Immerhin reichten die Kraftreserven aus, um die deutsche Mannschaft in die Verlängerung zu zwingen.
Es ist 20.51 Uhr. In Mekka und Istanbul ist die Sonne längst untergegangen, in Marrakesch ist es noch eine Stunde lang hell.
"Sich nach den Zeiten von Mekka zu richten ist nicht die endgültige Lösung", sagt Sandra Maryam Moe. Und sie weiß: Es gibt Hoffnung. Es gibt neue Recherchen. Diesmal ist es ein türkisches Forschungsteam, das endlich einen gemeinsamen Weg für die Muslime finden will. Professor Abdülaziz Bayındır von der Universität Istanbul ist der Kopf dieser Mission. Für die Forschung reiste er dreimal nach Tromsø und Spitzbergen, um herzuleiten, wann die Nacht in einer Stadt beginnt, in der es im Sommer zwei Monate lang rund um die Uhr hell ist. Oder in der es in einer winterlichen Polarnacht immer dunkel bleibt - auch das ein Problem, weil man so im Winter-Ramadan kaum zum Fasten kommt.
Bayındır stellte fest, dass die Gebetszeiten ursprünglich nicht einwandfrei bestimmt worden seien. Der Fehler, so schreibt er in seinem Gutachten, sei gewesen, diese nach astronomischen Messungen festzulegen und nicht nach dem Sonneneinfallswinkel. Nur deshalb sei es in der Polarregion bislang nicht möglich gewesen, korrekt zu fasten und zu beten.
Die Wissenschaft und die wunderbare Welt des Glaubens, finden sie also doch zusammen? Das Forschungsteam um Bayındır entwickelte einen neuen Zeitplan und stellte auf einer internationalen Konferenz in Tromsø seine Resultate vor, nach denen das Fasten nirgendwo auf der Welt länger dauern würde als 18 Stunden pro Tag.
Ein guter Ansatz, loben die Muslime der Alnor-Moschee. Eingeführt haben sie Bayındırs neuen Zeitplan aber nicht.
Sandra Maryam Moe sagt, nicht nur ihre Gemeinde müsse dieses neue System anerkennen, sondern der gesamte Norden. Bislang aber sei die große Mehrheit dagegen, es sei ja nur die Meinung eines einzelnen Forschers, mehr nicht. Sollten mehrere Forscher hierherkommen und die Ergebnisse bestätigen oder sollte ein etablierter Religionsgelehrter ihnen eine Fatwa ausstellen, dann, und nur dann würden sie die neuen Fastenzeiten akzeptieren. "Alle schauen auf uns. Es ist eine große Verantwortung", sagt Moe. Sie spricht sich und den anderen Mut zu: "Wir bauen darauf, dass weitere Forscher kommen." Moe ist eine geduldige Frau.
Mansoor Waizy ist es weniger, ihn ärgert das. Er liest ja den Koran, er sagt, früher sei das Wort Sonne stark ins Zentrum gerückt worden, "aber es ist darin nur von Licht und Dunkelheit die Rede, nicht von Nacht". Er unterstützt die These des Wissenschaftlers. Sicher, es sei nur eine Einzelmeinung bisher, aber man müsse daran arbeiten, dass die Gemeinschaft die neue Meinung akzeptiert.
Am 27. Juli wird es wieder sichtbar Nacht werden in Tromsø, am selben Tag endet auch der Ramadan. Dann werden sie mit mehreren Hundert Muslimen in der Sporthalle feiern, reichlich essen und trinken, dann dürfen sie wieder Sex haben und rauchen. Jetzt aber, im Ramadan, sitzen sechs Männer auf Sitzkissen in einer Moschee nahe dem Nordkap und reden.
Ahmed Hammadan erzählt von seiner Zeit im niederrheinischen Krefeld. Seinem Boss fallen die Augen zu. Mansoor Waizy, der kluge Kopf, der Altenpfleger, hustet, einmal, zweimal, seine braunen Augen sind glasig, er schnieft leicht.
Ob er krank sei?
"Ja, ein bisschen, eine Erkältung."
Ob er denn dann überhaupt fasten müsse?
"Das kann man so genau nicht sagen." Es folgen viele erklärende Sätze, übers Glauben und Abwägen, mehrfach fällt das Wort "Koran".
Doch am Ende bleibt es eine weitere offene Frage. Waizy fastet. Sicher ist sicher.
Jetzt müsse er arbeiten. Er hat Nachtschicht. Als er die Moschee verlässt, ist es 21.45 Uhr. Jetzt ist die Sonne auch in Marrakesch untergegangen.
Und in Tromsø ist und bleibt es taghell.
Von Dennis Betzholz

DER SPIEGEL 30/2014
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